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Pond Shore

22. März 2211


Übermalt vom aufgeregten Trappeln der acht Hundepfoten, bestimmt klingender Schritte im Obergeschoss und dem leisen Klong von Bierflasche auf Treppenstufe, ging das leise Seufzen des Blonden beinahe schon unter - zu seinem eigenen Glück, vermutlich.

Mit empor gezogenen Brauen blickte Clarence auf das Heft auf seinem Knie, von dem er das letzte Wort unbeholfen mit unnötig viel Gekrakel seines Bleistiftes ausmerzte und sein Glück erneut versuchte: Plahten. Platen? Vielleicht Platten? Das wiederum wirkte allerdings reichlich ulkig mit all diesen T‘s.

Natur- Stein- Plahten hatten sowieso schon unheimlich viele davon - aber im gesamten waren das immer noch deutlich weniger, als Cassie gedachte in diesem Haus hier zu verbauen, in dem sie erst zum dritten Mal waren. Wie konnte man durch leere Zimmer gehen und nach so kurzer Zeit schon so viele Ideen dazu haben, was man alles anders machen könnte?

Hätten sie da nicht einfach ein ganz anderes Haus kaufen können, wenn er sowieso gedachte nichts von alldem hier beim alten zu lassen?

Kopfschüttelnd blickte er hinter sich die Treppe hinauf auf deren Fuße er saß, schließlich die Galerie empor die über dem großen leeren Raum thronte, der einst ihre Wohnstube werden sollte, nur um durch keine der geöffneten Türen seinen Mann zu entdecken. In welchem der Zimmer er nun wieder verschwunden war um zu planen, ließ sich kaum sagen. Aber immerhin war er weit genug weg, damit Clarence ungesehen mit den Augen rollen konnte - die einzige Form von Rebellion die ihm in Zeiten wie diesen hier geblieben war, während sein Gebieter die Vorherrschaft über die Planung künftiger Renovierungsarbeiten für sich beansprucht hatte.

„Mh-hm, ja… Ja, das hab ich aufgeschrieben mit dem Bad. - Was?“, hakte er mit verzogenem Gesicht nach, denn selbst nach einer Stunde und mehrmaligen Hinweisen schien Matthew noch immer nicht begriffen zu haben, wie unglaublich schwer man diesen Taugenichts hörte wenn er irgendwo im Haus herum lief und dabei unverständlichen Kauderwelsch vor sich hin rief. Claire war Jäger, kein Zauberer, der auf magische Weise durch Wände hören konnte. „Was, wieso, wie ich das geschrieben hab? Mit… mit einem… T?… H und T? Nein, nicht? Zwei T? Das sieht bescheuert aus!“

Nicht, dass seine bescheidene Meinung zum Thema Rechtschreibung grundlegend etwas an selbiger ändern würde. Aber anmerken konnte man das trotzdem mal.

Murmelnd strich Clarence zum gefühlt hundertsten Mal an diesem Tag etwas von seinem Zettel durch und fragte sich dabei, wie es angeblich einfacher sein sollte sich alles durchs Aufschreiben zu merken, wenn es doch deutlich schneller ging sich eine einfache Liste im Kopf zu behalten. Ein bisschen Stein hier, ein bisschen Holz um das Dach und die Wände auszubessern dort… den Rest machte man aus dem Bauch heraus und was über blieb, kam eben in die Scheune. Das war ein Prinzip das schon immer gut funktioniert hatte. Allerdings hatte man auch schon immer Material aus der näheren Umgebung bezogen und nicht etwa Sonderwünsche gehabt wie ein verehrter Herr Mister hochwohlgeboren Matthew Sky, der nicht nur ihr ganzes Erspartes, sondern auch all ihre zukünftigen Verdienste bis ins hohe Alter in dieses Haus hier zu stecken gedachte.

Aber selbst wenn seine Wünsche teils etwas zu viel des Guten anmuteten, war Clarence unterm Strich gar nicht so genervt davon wie er vielleicht gerne tat. Denn auch wenn sie seit ihrer Anzahlung und der Schlüsselübergabe erst zum zweiten Mal alleine in diesem Haus waren, fühlte es sich…unheimlich gut an hier zu sein und sich vorzustellen wie es einmal sein könnte - selbst dann, wenn er die Vorstellungen des Jüngeren im Moment nur bedingt nachvollziehen konnte.

Still griff er nach seinem Bier und nahm noch einen Schluck aus der Flasche. Das Licht des Nachmittags brach sich durch die wenigen Wolken am Himmel und fiel in dicken Strahlen hinein durch die Fenster auf einen Fleck vorm großzügigen Kamin, auf dem vielleicht in wenigen Wochen oder Monaten ein Sofa oder ein Sessel stehen würde. Längst war die hohe Schneedecke draußen auf den Wiesen geschmolzen und bedeckte nur noch die Gipfel der umliegenden Berge. Der Matsch, der sich dadurch auf den Feldern um das Haus herum gebildet hatte, hatte sie nicht davon abgehalten die Wiesen abzugehen und sich dabei auszurechnen, dass eine Scheune oder Ställe durchaus im Bereich des Möglichen waren. Auch wenn sie wussten, dass bis dahin noch viele andere Arbeiten im und ums Haus anfallen würden, waren viele Ideen ein Lichtblick für die fernere Zukunft gewesen und ein guter Grund, warum sie sich wider Erwarten doch so schnell auf eines der leerstehenden Häuser in Falconry Gardens hatten einigen können. Ganz zum Erstaunen des Jägers, der nicht damit gerechnet hatte, dass sein Mann überhaupt je empfänglich sein würde für den Gedanken, sich hier ein ganzes Grundstück zu kaufen anstatt einfach nur eine kleine Unterkunft anzumieten.

Noch hatten sie hier nichts getan außer die Räumlichkeiten auf sich wirken zu lassen. Sie hatten weder den Staub und Dreck der vergangenen Zeit aus dem Weg geschafft, noch den Kamin auf Tauglichkeit überprüft. Aber letztlich war all das auch noch nicht von Belang um sie voran zu bringen. Viel schöner war das Gefühl das einen überkam, wann immer sie hier waren - und in welchem Kain ihn einmal mehr bekräftigte, als sein vergnügtes Bellen durchs Haus schallte.

Aufgeregt wedelte sein Freund mit dem Schweif, fast als wolle er ihn dazu ermutigen endlich von dieser langweiligen Treppe zu ihnen hoch zu kommen und diese unglaublich spannenden, unglaublich leeren Zimmer zu erkunden, die bei jedem Besuch aufs Neue unbeschreiblich interessant waren. Zwar nicht ganz so sehr wie die matschigen Wiesen und der große Teich natürlich, aber immerhin annähernd.

„Dir ist klar, dass wir in fünf Jahren noch nicht hier wohnen wenn du das alles erst gemacht haben willst, oder?“, wedelte Claire -von seinem Mann ungesehen- mit dem Heft voller Sonderwünsche umher, beinahe als müsse er damit schlechte Geister aus ihrem Haus vertreiben. „Ich glaube, Falconry hat nicht mal so viele Einwohner wie du Leute für irgendwelche Auftraggeber aus dem Weg räumen müsstest, um das alles hier zu finanzieren.“


Matthew C. Sky

Coral Valley, Rio Nosalida, Prism Shore - zumindest vor dessen Untergang - das waren Orte, an denen Matthew sich hatte vorstellen können, einmal zu leben. 

Metropolen, in denen es wimmelte von Leuten, von Kneipen und Bars, von Schneidern und Händlern mit Antiquitäten der Alten. Dort, wo im Winter die Gehwege matsch-und eisfrei waren und wo man im Sommer jederzeit ein kühles Getränk in einem Lokal bekommen konnte. 

Falconry Gardens hatte von alledem nicht viel zu bieten, wenngleich der Ort eine ganz passable Kleinstadt war.

Aber eine Kleinstadt war Cassie eigentlich nicht groß genug. 

Eigentlich. 

Bis er vor ein paar Wochen zufällig jenes Fleckchen Land gefunden hatte auf dem eben jenes Haus stand, welches unlängst ihr Haus geworden war. 

Abgelegen, aber nicht abgeschieden lag jener Ort eingebettet zwischen Mischwäldern und den Ausläufern des Grey Eagle, wie ein Juwel in einem Schmuckkästchen. 

Zu dem Haus gehörte ein Teil des Waldes, eine große und weitläufige Wiese und ein See. 

Und aus irgendeinem Grund… hatte Matthew sich plötzlich vorstellen können in Falconry zu bleiben. 

Vielleicht, weil es so ganz anders war als all die großen Metropolen. Vielleicht, weil es ein bisschen aussah wie in Stillwaters Reach. 

Oder vielleicht aus einem ganz anderen Grund. 

Das Haus, durch das er gerade schritt war zwar keine richtige Katastrophe - aber trotzdem noch weit weg von dem Zustand, der angestrebt war. 

Die alten Dielen knarzten bei jedem Schritt und Staubflocken tanzten in den hellen Streifen Sonnenlicht, welches durch die schmutzigen Fenster fiel. 

Die Räume selbst waren nicht mehr möbliert wodurch die Zimmer groß und kahl wirkten. Und trotzdem sah der Dunkelhaarige keine leeren Gemächer. 

Er sah ihr Schlafzimmer, ihr Bad, die Küche…. Gemächer für Gäste - oder Kinder. Alles war da, obwohl es nicht da war und Matthew war bestrebt alles so zu gestalten wie er es sich ausmalte. Und dazu zählte - unter anderem - auch die Verarbeitung von Natursteinplatten.

Über das Geländer gelehnt spähte er hinüber zur Treppe auf der sein Mann saß und verdrossen auf seinem Zettel kritzelte. 

„Du wirst dich einfach ranhalten mit dem Umbau.“, konterte er keck den Unkenrufen des Blonden. 

Sie wussten beide, dass ihre Geschmäcker nicht viel miteinander gemeinsam hatten und wahrscheinlich galt das auch für ihre Ansprüche. Clarence war mehr der Typ, der aus jeder Not eine Tugend machte während Matthew versuchte gar nicht erst in Not zu geraten. 

Er wollte nichts ausbessern sondern es gleich richtig machen. 

Und überdies wussten sie auch beide, dass Matthew keine Kompromisse machen würde, wenn es um die Instandsetzung des Hauses ging. Da hatte der Blonde bereits von Anfang an verspielt. 

Schätze für die Natursteinwände - nicht für die Platten - gibts genug Steine in der näheren Umgebung. Immerhin haben wir den verfluchten Grey Eagle vor der Tür. Und was die Fenster angeht hab ich schon mit Yvie gesprochen - sie sieht zu, dass sie unseren Auftrag bevorzugt bearbeiten. Sie braucht also nur die Maße und schon…“

Er löste sich vom Geländer und schlenderte zur Treppe - wo er im Vorbeigehen seinem Mann die Bierflasche entwand und selbst einen Schluck trank. 

Im früheren Wohnraum - der bald auch wieder einer sein würde - stand er nun und betrachtete sich den kalten Kamin. 

„Hier davor werden wir die Sitzmöbel stellen. Vielleicht kommt dahinten noch ein großer Esstisch hin… oder ein Sessel mit Blick zum Kamin.“ - während er sprach schritt Matthew im Raum auf und ab.

„Wir brauchen unbedingt mehr Tageslicht - vielleicht machen wir hier und dort drüben jeweils noch ein Fenster hin? Oder besser noch eine ganze Fensterfront, dann können wir von drinnen raus auf die Veranda und zum See schauen. Was meinst du?“

Nicht, dass Matthew glaubte Clarence hätte genug Fantasie um sich alles genau auszumalen aber eventuell vielleicht konnte er sich ja zumindest halbwegs vorstellen wie es sein würde, wenn der Wohnbereich vom Licht der Sonne geflutet werden würde. 

„Und falls du dir Sorgen machst wegen der Bezahlung: wir haben Geld, im Schließfach in Coral Valley. Und sobald der Schriftkram erledigt ist, werden wir hier ausgezahlt und auf der Bank in Coral Valley korrigiert man den eingelagerten Betrag.“ 

Er hatte bereits erwogen die Summe in Gänze nach Falconry verschieben zu lassen, aber das wäre ein leicht nachvollziehbarer Schachzug der zweifellos Jeyne zu Ohren kommen würde. Und sie wollte er so lange wie möglich fernhalten. Komplizierte, undurchsichtige Frauen gab es in Falconry auch so schon genug. Allen voran Mo‘Ann deren Ambitionen so eigennützig waren wie der Grey Eagle steil. 


Clarence B. Sky

Dass irgendjemand von ihnen beiden sich dazu würde verpflichten müssen all diese gewünschten Umbauten vorzunehmen, das war klar. Dass Matthew dieser jemand nicht sein würde, war es auch irgendwie. Deshalb verwunderte es Clarence also nicht im geringsten, dass er selbst der arme Tropf war, an dem die meiste Arbeit hängen bleiben würde.

„Klar, dann werd ich mich wohl besser ranhalten. Aye, Captain“, stimmte er im Ton unschuldigster Folgsamkeit zu und nickte zynisch, eine kleine Notiz unter der Liste aus Naturstein und Holz verfassend, die da besagte: Ailigst. Fenster schon in Ahrbeit.

Natürlich hätte er intervenieren und dem sprudelnden Geplapper seines Mannes den Hahn abdrehen können. Hätte sein Veto einsetzen können, um den vielen Wünschen und Ideen dieses verwöhnten Schnösels Einhalt zu gebieten. Aber die Wahrheit war, dass er es ganz gern hatte mit welchem Elan und welcher Freude Matthew durch dieses Haus lief, die leeren Räume betrachtete und dabei Dinge sah, die Claire noch völlig im Verborgenen lagen.

Eines Tages mit dem Dunkelhaarigen in einem Haus zu stehen welches ihnen gehörte war etwas, das er sich in seinen kühnsten Träumen nicht ausgemalt hätte. Sie hatten mal über ein Gestüt gesprochen, dann und wann - ganz zu Beginn ihres Beisammenseins. Doch vieles davon waren nur süße Hirngespinste gewesen, die alleine ihren frisch verliebten Herzen verschuldet gewesen waren und nicht etwa der Sehnsucht entsprungen waren, sich mit Leib und Seele der Zucht von Pferden zu verschreiben. Das war zwar nichts, was sich ausschloss - aber es war eben auch nicht ein Lebenstraum den es unbedingt zu erfüllen galt, sondern der für Cassie eine nette Sache wäre, wenn er sich denn ergab. Genug Wiese hatten sie nun jedenfalls direkt hinter ihrem Haus und bis zum Beginn des Waldrandes würde sich sicher auch ein schöner Fleck für ein paar Ställe finden, wenn das Projekt des Hauses sich in einigen vielen Monaten erst einigermaßen der Vollendung zugeneigt hatte. 

Bis dahin jedoch war noch viel zu tun und der Kampf um die Bierflasche war nur eines jener Projekte, das bis dahin Vorrang vor allen anderen hatte. Aber auch jenes Gefecht verlor er im Moment gerne freiwillig, ebenso wie die zahllosen Diskussionen um Holz, Stein und Fensterfronten.

„Ich weiß nicht ob ich mir mehr Sorgen um die Bezahlung mache, darum wie ich es hinbekomme, dass meine Tage künftig mehr als vierundzwanzig Stunden haben oder ob ich Angst davor haben sollte, dass es hier am Ende aussieht wie im La Cœur de la Passion. Seitdem du bei der ersten Begehung was von roten Polstermöbeln erzählt hast, hab ich wieder das Parfum in der Nase, mit dem da alle eingesprüht waren.“

Nachdenklich ließ er den Bleistift zwischen Zeige- und Mittelfinger umher wippen. Nicht, dass er mehr Zeit in diesem Laden verbracht hätte als das Abladen seines Mannes bei Ankunft in Coral Valley oder jenen unglückseligen Besuch bei Jeyne, aus dem er mit Magenschmerzen wieder raus gegangen war. Aber Clarence wusste was passieren konnte, wenn man seinem Ehemann zu viel Geld in die Hand und zu viel freien Willen mit auf den Weg gab um damit tun und lassen zu können, was der Kerl wollte. Die Auswirkungen davon hatte Claire viel zu oft abbekommen.

„Was hast du Yvie erzählt, wann wir uns bei ihr melden und ihr die Maße in Auftrag geben? - Wir könnten eine andere Tür einsetzen und die Strecke daneben mit zwei breiteren Fenstern ausstatten“, deutete er schließlich mit dem Radiergummi des Bleistifts auf die fast blickdichte Tür zur Veranda hin, die ihm von der anderen Seite des Raumes aus entgegen blickte. Aktuell diente sie lediglich als ein trauriger Durchgang nach draußen in den Außenbereich, aber Matthew hatte Recht: Ein wenig mehr Tageslicht wäre gut und den Ausblick hinter ihrem Haus nicht zu nutzen, wäre wirklich ein Frevel. „Vielleicht nicht eine riesige Panorama-Front bis zum Boden, dann verlieren wir im nächsten Winter zu viel Wärme. Aber etwa wie in der Küche über der Zeile. Davon zwei breite, schöne Fenster im gleichen Abstand. So, dass man von beiden Seiten des Zimmers durch die Fenster raus auf den Teich schauen kann.“

Teich - See — das hatte schon bei der ersten Besichtigung für große Diskussionen gesorgt. Letztlich war Clarence aus Trotz bei Teich geblieben, einfach nur um Cassie damit zu necken. Nicht zuletzt die Tatsache, dass Adrianna sich fast eine Stunde lang den Kopf darüber zerbrochen hatte welches verfickte Grundstück mit kleinem Teich am Stadtrand sie denn bitte gekauft haben mochten, hatte ihn derart amüsiert, dass das Ding nun weiterhin so hieß. Punkt.

Mitten in dem viel zu groß wirkenden und kahlen Wohnraum wirkte Cassie fast ein wenig verloren. Beinahe, als gehöre er hier gar nicht hin und habe sich nur verlaufen. Aber wenn Clarence ihn so betrachtete, konnte er sich seinen Mann an keinem Ort besser vorstellen als hier in diesem Haus an seiner Seite.

Mit leisem Klappern legte er Notizbuch und Stift auf der Treppe nieder, um sich von selbiger zu erheben und zu Matthew durch den Raum zu schreiten. Der steinerne Kamin mit Holzsims wirkte in dem leeren Raum enorm und erschlug einen beinahe und doch wusste der Blonde schon jetzt, dass er sich ganz wunderbar einfügen und ein wundervoller Lebensmittelpunkt für gemütliche Abende werden würde, wenn erstmal ein paar Möbel in ihrer Wohnstube standen.

„Da hinten, die Ecke. Ich hab überlegt ob wir die Regale raus reißen damit die Nische größer wird und ob wir dann dort nicht vielleicht einen Esstisch rein bekommen“, vielsagend deutete er in die einstige Leseecke der Vorbesitzer, die sich links von der Küche in eine kleine Ausbuchtung des Wohnraums ergoss und in einem kleinen Fenster mündete, das ihnen tagsüber ausreichend Licht spenden würde. „Dann haben wir hier am Kamin etwas mehr Platz für die Hunde und sind nicht so beengt, wenn hier noch ein Tisch stehen würde. Bei der Galerie unterhalb des Dachfensters wäre eine Leseecke für dich und deine Schmöker außerdem etwas ruhiger als hier direkt bei der Küche. Bestimmt würden wir da auch einen Schreibtisch für dich und deine Zeichnungen unter bekommen.“

Nicht, dass er ihn nicht hier unten bei sich haben wollte - aber er kannte auch Cassies empörte Ausrufe nur allzu gut, wenn der Kerl mit seinen Zeichnungen noch nicht fertig war und sie deshalb Clarence vorenthielt. Oben auf der Galerie würde er etwas mehr Privatsphäre für seine Arbeiten haben aber gleichzeitig nicht etwa abgeschieden in einem Arbeitszimmer ein tristes Dasein fernab seines fleißig renovierenden Bären fristen, der beim Hämmern herummäkelte, wann Cassie endlich wieder Zeit für ihn fand.

„Hast du dir heute endlich überlegt welches Zimmer du als Schlafzimmer willst?“, wollte er außerdem von ihm wissen, dem Jüngeren nun seinerseits wieder die Bierflasche entwendend, aus derer er noch einen Schluck nahm bevor dieser Taugenichts ihm vollends alles weggetrunken hatte. „Wirkte nicht, als hättest du meine guten Argumente vom letzten Mal für das Zimmer mit dem kleinen Balkon ernst genommen. Ich hatte eigentlich gedacht es wäre ein ziemlich überzeugender Punkt, dass sich da draußen in warmen Sommernächten bestimmt gut rummachen lässt. Aber scheint mir so, als wären meine Bedürfnisse hier nicht so wichtig wie deine, was die Zimmerverteilung angeht“, monierte er über die Bierflasche hinweg, die er Matthew gönnerhaft entgegen hielt, obwohl er diese bereits ausgetrunken hatte.


Matthew C. Sky

Der verloren wirkende junge Mann drehte sich zu Clarence um, als dieser sich von der Treppe erhob. 

Das Haar des Blonden war in den letzten Monaten gewachsen, wenngleich es noch lange nicht wieder zur alten Mähne geworden war. Trotzdem sah der Mann, der nun mehr durch den Raum kam um ihm die Bierflasche abzuluchsen, dem Mann von früher wieder sehr viel ähnlicher. Zumindest rein optisch. 

Was ihre Beziehung zueinander anging hatte sich seit damals so ziemlich alles verändert. 

Keinen Kupferling hätte Matthew darauf gesetzt, dass sie eines Tages in Falconry Gardens sesshaft werden würden. 

Noch in Rio Nosalida hatten sie erwogen einfach abzuhauen und unterzutauchen. Irgendwo im Süden ein neues Leben zu beginnen statt sich der Vergangenheit des Hünen zu stellen. Teil eines Jägerclans zu sein hatte nie zu Matthews Lebenszielen gehört. Denn, sich unterordnen, Befehle befolgen und seinen Hals für andere zu riskieren lag ihm nicht. 

Vielleicht hatte der Absturz des Zeppelins auch in dieser Hinsicht ein paar essenzielle Dinge gerade gerückt - 

denn eines war ihm klar geworden: Noch weniger als ein Leben beim Clan, lag Matthew ein Leben ohne Clarence. Und wegzulaufen hätte permanente Gefahr bedeutet. 

Und so ein Leben wollte er für sie beide nicht. 

Dass sie nun hier standen und über Fenster, Türen und Raumaufteilungen debattierten, fühlte sich merkwürdig und doch richtig an. 

Das Haus und das Grundstück lagen weit genug vom Clanhaus weg damit Matthew nicht immer wieder überlegen musste, ob denn wohl der gütige Mann irgendwo seine Spuren hinterlassen hatte. Dass dessen Abbilder und Schriften überall in der Stadt zu finden waren war etwas, woran Cassie sich nie ganz gewöhnen würde - aber hier, in diesem Tal, herrschte Frieden. Clarence‘ Frieden und seiner. Dieser Ort gehörte ihnen allein, keinen Geistern der Vergangenheit, keinen düsteren Erinnerungen. 

Es war die Zukunft über die sie hier sprachen und es war genau dieser Gedanke, den Matthew zwar nicht laut aussprach, der ihn aber für einen Moment lächeln ließ. 

Nur kurz jedoch - denn schon moserte Herr Sky wieder. 

„Haha, sehr witzig. Ich hab ganz vergessen wie man lacht.“ gespielt genervt verdrehte Cassie die Augen. Die roten Sofas hatte er geistig bereits abgehakt, weil Clarence’ Reaktion auf die Idee so ablehnend gewesen war. 

„Damit es hier so aussieht wie bei ihr, müssten wir erstmal ein paar Wände rausreißen. So ungefähr alle um genau zu sein. Dann verfünffachen wir die Grundfläche.“ 

Nein, selbst wenn sie das machen könnten, würden sie es nicht machen, weil sie es nicht wollten. 

Statt das Thema weiter zu vertiefen wandte sich Cassie der Nische zu, von der Clarence meinte, sie könnte zum Essbereich umfunktioniert werden, was zugegeben gar keine dumme Idee war. Matthew nickte nachdenklich, sagte aber noch nicht direkt zu. 

„Ja zur neuer Tür, Ja zu deiner Idee mit den Fenstern statt der gläsernen Wand und ein glasklares Vielleicht zur Nische. Ich weiß nicht, ob ich beim Lesen oben sitzen will, könnte mir viel besser gefallen es hier unten zutun, während der Kamin knistert. Aber ich denk drüber nach.“

Diese Dinge zu entscheiden war nicht Priorität, noch nicht jedenfalls. 

„Ich hab auch eine Idee wegen dem Schlafzimmer, los komm mit, ich zeig‘s dir.“ - er nahm Clarence die Bierflasche aus der Hand und registrierte erst verspätet, dass diese bereits leer war. „Wow. Echt jetzt?“ er sah Clarence strafend an und stellte die leere Flasche auf den Kaminsims ab. 

„Los, bevor ich es mir anders überlege.“ 

Er ging die Treppe zur Galerie hinauf und passierte die ersten beiden Zimmer die links lagen. Am Ende der Galerie teilte sich der Flur nochmal zu beiden Seiten und Cassie wandte sich nach links wo er das letzte Zimmer ansteuerte.  Hin, zu eben jenem Raum der einen kleinen Balkon hatte, von dem aus man über die Wiesen und den See blicken konnte. 

Aber statt nach draußen zu treten und die Aussicht zu genießen, stellte er sich neben den alten Kamin - der definitiv erneuert werden musste- , die Arme vor der Brust verschränkt.

Der Raum war kahl und staubig wie alle Räume, die Decke relativ niedrig und sie bestand aus stabilen Balken. 

Es gab eine Tür hinaus auf besagten Balkon und ein kleines Fenster. 

„Ich hab mich gefragt ob es wohl möglich wäre…“ - er sah zu Clarence und deutete mit einem Nicken hinauf zur Decke. „…hier ein Fenster einzubauen. Unser Bett würde dann hier stehen, direkt darunter und wir könnten die Sterne vom Bett aus sehen. Ein bisschen wie früher…“ 

Die Balkenkonstruktion sah erstmal nicht so aus als würde das gehen, aber Matthew hatte für solche Dinge auch nicht unbedingt einen geschulten Blick. 

„Ist vermutlich zu aufwändig, hm? Und vielleicht eh eine blöde Idee…“


Clarence B. Sky

Der Weg, den sie zurücklegen mussten um zu besagtem kleinen Zimmer mit Balkon zu kommen, kam Clarence schier ewig vor. Es war so weit zu laufen, dass er fast schon Löcher in den Sohlen seiner Stiefel bekam.

Durch den großen Wohnraum bis zur Treppe-

Die niemals enden wollenden Stufen empor-

die lange Galerie entlang, die sich in vereinzelte Türen zu ihrer linken und den nochmals offenen Aufenthaltsbereich unter dem Dachfenster ergoss-

Bis ans andere Ende der Galerie-

Und schließlich in ihr potentielles Schlafzimmer hinein.

Freilich war das hier kein großes Herrenhaus und mitnichten zu vergleichen mit der Villa der Hurenkönigin im schönen Wohnviertel der Reichen. Nicht einmal mit dem großen Gasthaus Blauer Hund, das einige Etagen und zahlreiche Zimmer für Jäger auf der Durchreise geboten hatte. Aber trotzdem…

Trotzdem war das hier die größte Unterkunft, die sie jemals zusammen als Zuhause bewohnt hatten. Oder bewohnen würden.

Ihr Boot war wundervoll gewesen und nicht gerade eine kleine Sardinenbüchse, aber auch nicht annähernd einem Haus entsprechend. Und ihre kleine Wohnung, in der sie nun schon seit fast vier Monaten zusammen lebten, war auch nur eine kleine ausgebaute Scheune und nicht mehr als ein offener Wohnraum und ein angrenzendes Bad.

Im Vergleich zu allem, was sie bislang zusammen besessen hatten, war das hier die wohl größte Anschaffung aller Zeiten und Clarence liebte jeden einzelnen Millimeter in diesem Haus schon jetzt. Auch dann noch, wenn alle Sonderwünsche von Cassie noch lange nicht erfüllt und weitere unerfüllbare Träume noch nicht einmal geträumt waren.

Auch hier, in dem kleinen Zimmer mit Balkon, knarrten die Dielen leise unter jedem ihrer Schritte. Mal mehr, mal weniger laut. Aber - wenn es nach Clarence ging - nicht annähernd so, dass es einen stören würde. Vielmehr verlieh es dem Räumlichkeiten einen gewissen ganz eigenen Charakter, der schon jetzt die Umgebung mit Leben füllte, obwohl nur Staub und Leere die Räume füllte statt Möbel und Wohnlichkeit.

„Ich mag, dass es nicht so riesig ist. Es wirkt… vertraut und irgendwie geborgen. Wir können einen kleinen Schrank an die Wand neben die Tür stellen und wenn uns das auf Dauer nicht reicht, planen wir noch was im Bad mit ein“, sinnierte Clarence hinsichtlich Cassies Neigung dazu sich mehr Kleidung anzuschaffen, statt er tatsächlich tragen würde. Es hatte Zeiten gegeben, da hatte alles, was sie besessen hatten, in zwei Rucksäcke gepasst - und nach dem Absturz mit dem Zeppelin hatten sich ihre Habseligkeiten auf all das beschränkt, was in Claires Rucksack gepasst hatte. Vier Monate Stadtleben später sah all das aber schon wieder ganz anders aus, wie Matthews adrettes Outfit auch heute wieder unter Beweis stellte. „Schrank, Nachtschrank, Bett, Dich, Nachtschrank, Kamin“, deutete er mit flacher Hand die korrekte Reihenfolge an, die man in diesem Raum ab der Tür seiner Meinung nach am logischsten anordnen könnte. „Mehr brauche ich eigentlich nicht in meinem Schlafzimmer. Die schöne Aussicht hier vielleicht noch.“

Der Blonde öffnete das alte Fenster und stützte die Hände im Anschluss auf dem schmalen Fenstersims auf, während er seinen Blick hinaus über die Wiese bis zum Waldrand gleiten ließ. Alleine die Vorstellung eines Tages hier morgens aufzustehen, als erste Amtshandlung das Fenster zu öffnen und den Blick über ihre Stallungen gleiten zu lassen die noch entfernte Zukunftsmusik waren, machte ihn schon jetzt unheimlich glücklich. Wenn er sich umdrehte, stand hinter ihm künftig vielleicht ein großes Bett mit unzähligen Kissen und Decken, unter denen ein dickes Berglöwenfell sie nachts warm hielt während Cassie nackt und eng an ihn geschmiegt bei ihm lag. Eine Vorstellung, die ihm außerordentlich gut gefiel - fast so gut wie die Idee, ein klein wenig Harper Cordelia-Schlafzimmer in ihr Falconry Gardens-Schlafzimmer zu holen.

Was den Arbeitsaufwand anging, der damit verbunden sein würde, wusste Clarence allerdings nicht, ob sich Kosten und Nutzen tatsächlich die Waage halten würden…

„Hier oben rein? Da?“, nickte er ebenfalls gen Decke, über die sich schwere Balken hinweg zogen, auf denen nochmals Holzplanken aufgebracht waren. Weiter darüber, von hier aus ungesehen, befand sich schon das Dach - und so wie von außen das Dach aussah, waren die Schieferziegel sicher nicht auf den Planken angebracht, sondern auf dem Dachstuhl der obenauf saß. Und was sich dazwischen befand… das wusste nur der liebe Gott - und vielleicht diejenigen Vorbesitzer, die das Haus einst errichtet hatten.

„Ein bisschen wie einen Lichtschacht meinst du vermutlich… Die Frage ist, ob es Sinn macht das Dach nur für ein einzelnes Fenster dort aufzureißen oder ob man das ganze Pult erneuern und in dem Rahmen modernisieren lässt. Irgendwann wird es sowieso auf uns zukommen das Dach zu erneuern. Wenn wir in Teilen damit anfangen, ist es womöglich überschaubarer.“

Er wusste, wenn es nach seinem Mann ging, würden sie zu all den Wänden und Fenstern auch noch eben schnell das Dach mit abreißen und in vier Wochen alles zu einem halben Neubau modernisiert haben. Cassie war es sicher egal ob sie dieses, nächstes Jahr oder erst in fünf Jahren hier einzogen - so lange es am Ende wohnlich und seinen gehobenen Vorstellungen entsprechend eingerichtet war.

Vielleicht lag es daran, dass er in deutlich weniger edlen Villen unterwegs gewesen war als der vornehme Schnösel und dass Claire dementsprechend nur wenig Vorstellungen von Architektur oder Inneneinrichtung besaß. Er war einfachere Häuser gewöhnt. Bauten, von denen man froh war wenn die Wände alle standen und das Dach einen trocken hielt. Da wäre keiner je auf die Idee gekommen eine Wand für Fenster einzureißen, nur um mehr Tageslicht hinein zu lassen. Aber gerade für jene ausgefallenen Ideen, auf die er niemals selbst gekommen wäre, liebte er den Dunkelhaarigen ja unter anderem auch.

„Weißt du was? Du bist ganz schön niedlich wenn du so sentimentale Vorschläge machst“, löste sich Claire schließlich vom Fenster und wand sich wieder dem Jüngeren zu, dessen Gesicht er zwischen Daumen und Zeigefinger in die Hand nahm, um seine Drei-Tage-Bart-Wangen ein wenig zusammen zu knautschen und sich einen kurzen aber festen Kuss von seinen Lippen zu stehlen. „Klingt fast ein wenig, als hättest du dich schon entschieden was unser Schlafzimmer angeht. Freut mich, dass meine Vorschläge heute alle so gut angenommen werden. Vielleicht hab ich ja Erfolg und meine Glückssträhne geht noch ein bisschen weiter wenn ich meine Vorschläge geschickt verkaufe. War es das Argument des Balkons, das dich überzeugt hat, oder das Rummachen?“


Matthew C. Sky

Die Harper Cordelia würde für Matthew immer sein erstes richtiges Zuhause sein. Egal was noch kommen würde. 

Sein Leben in Stillwaters Reach war schwierig gewesen, auf der Farm von Nathan war es nur ums nackte Überleben gegangen und jedes Zimmer eines Gasthofes oder Lager in der Wildnis war nichts anderes gewesen als ein Ort der temporären Pause. 

Zuhause als ein Ort an dem man sich sicher und willkommen fühlen konnte, an dem es einen Alltag gab und man nicht den Widrigkeiten und Gefahren von außen ausgesetzt war… dies war die Harper Cordelia gewesen.

Sie hatten so viele unvergessliche Momente auf dem Boot erlebt, sie hatten die wohl unbeschwerteste Zeit dort verlebt, hatten Wunden gepflegt und Krankheiten kuriert. Es war ihr schwimmendes Heim gewesen und weit mehr als nur ein Mittel der Fortbewegung.

Dass das Boot nun in Rio Nosalida lag und vermutlich nie mehr von dort wegkommen würde, tat ein bisschen weh - aber Matthew wusste, dass es für fast alle Dinge ein Ablaufdatum gab. Erst recht für die Guten. 

„Ein Lichtschacht ist nicht das gleiche… Aber du hast schon recht, würde anders gar nicht gehen.“, er zuckte die Schultern als wolle er sagen, dass es nicht schlimm war. Aber ein ganz kleines bisschen war er trotzdem enttäuscht. Den Dachstuhl hatte er aber nicht auf dem imaginären Zettel gehabt, was wieder einmal bewies, dass er oft genug die Dinge nicht zu Ende dachte und gerade was handwerkliche Projekte anging wohl auf Clarence angewiesen war.

„Niedlich, hm?“ - er zog fragend die Brauen empor und schob Clarence nach dem Kuss von sich. 

„Wie glaubhaft würdest du es finden, wenn ich jetzt den Balkon als Argument angebe?“ , er grinste jungenhaft, ging an dem Blonden vorbei und öffnete die Tür zu eben jenem Balkon um auf ihn hinauszugehen. 

Die Luft war mild und klar, der Himmel blau und im Westen von beeindruckenden Wolkentürmen geziert. 

Der See lag spiegelglatt da und auf der großen Wiese standen einige Rehe, sowie in einigem Abstand das Pferd, dass ihn bereits seit Monaten begleitete und dem er immer noch keinen Namen gegeben hatte. 

Die Aussicht war atemberaubend und Matthew bezweifelte, dass er sich jemals an alledem sattsehen würde. Freilich war es hier ganz anders als in Coral Valley, wo das Leben rauschte und pulsierte. Aber dieses Fleckchen Erde hier hatte seinen eigenen Rhythmus und seine eigene Kulisse. 

Cassie drehte sich wieder zu Clarence um und lehnte sich - die Ellenbogen auf die Brüstung auflegend - gegen das Geländer. 

„Ich bin ein anständiger Mann, Mister Sky. Rummachen ist mir fremd.“ - Sein Tonfall und das kecke Lächeln sagte etwas ganz anderes und außerdem kannte Clarence ihn diesbezüglich eindeutig besser. 

„Im Ernst, lassen wir das mit dem Dachfenster. Wenn ich den Sternenhimmel sehen will, komme ich einfach hieraus und schaue nach oben.“ - das war zwar nicht dasselbe, aber es war sicherlich die klügere Option, statt das Dach und den Dachstuhl zu erneuern - nur um dann ja doch lediglich einen Lichtschacht zu haben. So wie es auf der Harper Cordelia gelöst war ließ es sich hier eben nicht lösen. 

„Yvie erwartet die Zahlen übrigens bis spätestens Freitag. Wir müssen uns also ranhalten und alles ausmessen und aufschreiben. Wie wär’s, wenn wir das nachher angehen? Ich hab Cam’ gefragt - er würde herkommen und mithelfen.“

Zweifellos und mit großem Abstand war Clarence das Beste an Falconry Gardens - aber wenn Matthew eine Liste erstellen müsste und sich festlegen müsste was an zweiter Stelle kam, so war das zweifellos seine Freundschaft zu Cameron. Der Kerl, den er bei ihrem ersten aufeinandertreffen im Geiste als die Elster bezeichnet hatte, wegen seinem vielen Schmuck, war unlängst ein enger Freund geworden. Sie verband ein ähnlicher Humor, der Hang zu Glücksspielen und natürlich die Ereignisse im Schnee… und nichts schweißte einen enger zusammen als das Überleben gemeinsamer Horrorerlebnisse. 

Selbes galt für Addy, wenngleich die junge Frau einen ganz eigenen Kopf hatte. 

„Ich muss übrigens gleich los, ich helfe Mo‘Ann irgendwelche alten Schriften aus Viridarium zu übersetzen. Wie… sieht dein Tagesplan aus? Schon überlegt was wir wegen deiner Mädchen machen? Vielleicht sollte ich das alte Reptil doch einfach ausquetschen bis sie uns sagt was sie weiß.“


Clarence B. Sky

„So bestimmt wie du mich von dir drängst, scheint mir der Balkon ein mehr als glaubhaftes Argument zu sein. Keine Sorge!“, monierte Clarence angesichts des unumstrittenen Korbes, jedoch ohne es dabei tatsächlich ernst zu meinen. Immerhin waren sie eigentlich nur auf Stippvisite hier um Planungen zu tätigen und erste klare Absprachen zu treffen - irgendwo mussten sie immerhin anfangen und die Lieferzeiten für Material würden nach den zurückliegenden langen Wintermonaten derart unterirdisch sein, dass sie einen Großteil lieber zu früh und zu viel bestellten, als noch länger mit dem Gröbsten zu warten.

Insgesamt waren sie also zum Arbeiten hier, nicht zum Vergnügen. Aaaber… Das hier war ja immerhin ihr erstes gemeinsames Haus. Etwas besonderes. Ein bisschen Knutschen konnte da wohl also doch drin sein, wenn sie sich gerade auf ihr gemeinsames Schlafzimmer festlegten? Zur Feier des Tages? Nein? Auch gut.

Spätestens der kühle Lufthauch, den die geöffnete Balkontür zu ihm hinein trug, lehrte ihn eines besseren während er verdrossen seinem Mann hinaus ans Sonnenlicht folgte, von dem man innen im Haus aufgrund der schmutzigen Fenster noch kaum etwas mitbekam.

„Bis nächsten Freitag schon? Ich bin erstaunt, dass du glaubst, wir zwei können uns so schnell auf Fenster einigen“ - immerhin hatte es Zeiten gegeben, da hatten sie schon länger darüber diskutiert wo sie zu Abend essen gehen würden. Auf der anderen Seite aber wussten sie, dass sie sich beide bei wichtigen Entscheidungen niemals länger als nötig im Weg stehen würden.

Wenn Yvie also bis kommenden Freitag die Maße haben wollte, würde sie sie wohl oder übel bekommen so lange das bedeutete, Familie Sky kam damit zeitnah zu neuen Fenstern. Das würde auch Clarence etwas zu tun und das Gefühl geben, dass es auf dem Grundstück langsam voran ging.

„Ich bin gespannt was Barclay zu dem Haus sagt, wenn du ihn herbringst. Wird immerhin bald auch sein Zuhause sein, so oft wie ihr euch momentan seht.“ Immerhin war der Kerl in den vergangenen Wochen wieder ganz schön fit geworden und gut zu Fuß unterwegs. Kein Wunder also, dass sein Mann und der Typ begonnen hatten noch mehr Zeit miteinander zu verbringen. Dass zu Beginn der Woche ihre Verabredung zur Vorstellung des Hauses, damit Cameron es kennenlernte, wegen all der Arbeit bei Mo‘Ann ausgefallen war, tat Claire dementsprechend nur halb so leid wie er es natürlich beteuert hatte. Auf der anderen Seite freute er sich für Matthew, dass er Anschluss hier in Falconry Gardens gefunden hatte. Aber konnte es nicht irgendjemand sein, der wenigstens ein ganz kleines bisschen sympathischer war?

Cameron, dessen Antlitz in Clarence‘ Erinnerung allein schon dafür gesorgt hatte nun freiwillig auf eine Probetour des Rummachens auf dem Balkon zu verzichten, lehnte sich nun seinerseits in ähnlicher Manier gegen die Brüstung, allerdings mit dem Blick den Wiesen und dem großen Teich entgegen.

Pond Shore hatte Clarence ihr Anwesen getauft - Teichufer - und es genau so in die Grundbücher der Stadt eintragen lassen, damit nie wieder Diskussion ob des Wassers bestand, das so groß und friedlich neben ihrem Haus ruhte. Im Sommer würde er morgens aufstehen und einen Sprung ins kalte Nass wagen, das hatte er sich fest vorgenommen - und ein kleiner Steg in den Teich hinein würde ihm dabei helfen. Ebenso dabei, ein kleines Ruderboot fürs Angeln daran fest zu machen. Ob der Teich überhaupt Fische beherbergte, spielte dabei für ihn überhaupt keine Rolle.

„Ihr habt ganz schön viel zu tun, du und Mo‘Ann. Wenn ich gewusst hätte wie sehr sie dich vereinnahmt, hätte ich dich ihr niemals überlassen“, musterte Claire seinen Mann von der Seite her und wenngleich er nicht an Cassies Abneigung dieser Frau gegenüber zweifelte, so hörte man ihm an, dass dem dunkelhaarigen Söldner seine neue akademische Laufbahn nicht immer zuwider war. Zweifelsohne war nicht jeder Schmöker, den Mo‘Ann ihn übersetzen ließ, von Grund auf langweilig und wenn er so weiter machte, besaß er am Ende noch genug Wissen, um in ein oder zwei Jahren selbst schon die Prüfung zum Jäger abzulegen.

„Das alte Reptil hat sich seit der lächerlichen Sache mit der Zeitung nicht mehr dazu geäußert“, fasste Claire den Stand der Dinge monoton zusammen und gab ein unzufriedenes Brummen von sich. Das letzte Lebenszeichen, mit dem Mo‘Ann die Unversehrtheit und das Leben der beiden Mädchen weiterhin in unregelmäßigen Abständen unter Beweis stellte, war ein Foto mit einer aktuellen Wochenzeitung aus einer der Metropolen und wenngleich sie es nicht offen gesagt hatte, war offensichtlich, dass man die beiden Männer mit dem Ursprung des Blattes davon ablenken wollte, wo die Kinder tatsächlich festgehalten wurden.

„Außer ihrem bald hat sie nichts dazu zu sagen. Bald, bald. Wenn ich dieses Wort noch einmal von ihr höre, schneide ich ihr höchstpersönlich die Zunge aus dem Gesicht und lasse sie auf einer ihrer dämlichen Schriften aufmalen, wohin wir müssen um dieser Farce endlich ein Ende zu bereiten“, fasste er seine Laune zusammen und seine Wangen spannten sich sichtlich an, während er unruhig die Zähne aufeinander presste um seine aufkeimende Wut zu unterbinden. Er war ein geduldiger Mensch und verstand sich sonst immer ausgezeichnet darin seine Emotionen und Launen für sich zu behalten, Dinge auszusitzen und Momente abzuwarten, die ihm als gelegener erschienen. Aber seine Geduld war langsam am Ende und er würde seine Hände dafür ins Feuer legen, dass Mo‘Ann genau auf diesen Moment wartete, um ihre eigenen nächsten Schritte einzuleiten und an Fäden zu ziehen von denen sie beide noch nicht mal wussten, dass sie da waren. „Womit hat sie dich beim letzten Mal wieder eingelullt? Irgendwelcher Wein aus Mexico, mit dem sie dir die harte Arbeit über ihren Büchern etwas erträglicher machen wollte? Langsam denkt sie wohl, sie hätte uns weich geklopft mit ihren neuen Worten und den Krumen, die sie uns ständig vor die Füße wirft.“


Matthew C. Sky

Dass das Haus auch bald schon Barclays Heim sein würde war eine glatte Übertreibung und brachte Matthew dazu aufzulachen. „Jetzt tu mal nicht so. Er kommt vorbei um uns zu helfen. Nicht um einzuziehen.“ 

Der Blondschopf tat ja gern so als würde er Matthew irgendwie mit Cameron teilen müssen obwohl das - seiner bescheidenen Meinung nach - vollkommener Unsinn war.  „Ich weiß… noch immer nicht so richtig warum du ihn nicht leiden kannst. Was ist da gewesen, hm?“

Er stieß Clarence sanft mit einem Ellenbogen in die Seite. 

Aber viel wichtiger als das Thema Cameron, Fenster oder auch wo ihr Schlafzimmer künftig sein würde war das Thema Mo‘Ann. 

Die Verwalterin des Clans und Witwe des großen Nagi Tanka hielt sie beide seit Wochen an einer vermeintlich langen Leine, die in Wirklichkeit jedoch eine sehr kurze Leine war. Sie hatte klare Vorstellungen davon wie es künftig innerhalb der Kestrel aussehen würde und auch wie sie diese Pläne erreichen würde. 

Sie spielte eine riskante Partie Schach mit ihnen als Figuren, da brauchten sie sich beide nichts vormachen.

Wenn irgendwelche Köpfe rollen würden, würde das nicht ihrer sein. 

Deshalb war es wichtig, sie nicht zu unterschätzen. 

Clarence‘ Mädchen waren dabei ihr Ass im Ärmel und sie hielt es nicht für nötig, deren Existenz handfest zu beweisen. Es gab die Fotos und hin und wieder ein paar Brocken an Informationen. Aber einen Termin für ein Treffen oder gar eine Zusammenführung, dergleichen gab es nicht. 

„Ich weiß nicht, ob sie bei dem Versuch mich einzulullen nicht eher sich selbst einlullt.“ - der Frau war nicht zu trauen. Manchmal pflegte sie einen beinah wertschätzenden Ton ihm gegenüber anzuschlagen. Sie zeigte sich beeindruckt von seiner Allgemeinbildung, von seiner Auffassungsgabe und der Akribie mit der er selbst schwierige Texte niederschrieb oder übersetzte. 

Und dann wiederum gab es Momente, da steckte sie eindeutig die Rangordnung ab und machte klar, dass sie sich zu gar nichts drängen ließ. 

„Es war Wein aus Washington. Du weißt schon… von den Alten. Sie hat mir die Flasche gezeigt und mir erzählt, dass sei das einzige verbliebene Exemplar.“

Er zuckte die Schultern als wäre ihm das egal - dabei wusste der Blonde ja um seinen Faible für alles was die Alten betraf. Der uralte Wein war da keine Ausnahme gewesen und er hatte die Flasche fast ehrfürchtig bestaunt. 

„Wenn das weiter so geht werden wir uns was überlegen müssen. Ich meine was richtiges… etwas, dass über ausquetschen oder Zunge rausschneiden hinausgeht. Ich weiß nur noch nicht wie das aussehen soll… wenn wir sie stürzen, brauchen wir Leute hinter uns. Hinter mir werden die nicht stehen, hinter dir allerdings schon. Da bin ich ziemlich sicher.“ 

Nachdenklich drehte Cassie sich wieder herum und ließ den Blick über ihr Grundstück schweifen. 

„Ich muss… eigentlich los. Aber vielleicht lasse ich sie noch ein bisschen warten. Wir könnten noch eben ein paar Fenster ausmessen oder wir gehen draußen ein Stück? Bist du eigentlich gelaufen? Dir ist klar, dass die nächste Anschaffung ein Pferd für dich sein wird. Du brauchst ja ewig bis in die Stadt…“

Clarence war schon immer gern gelaufen. Aber der Kerl kratzte auch Moose und Flechten von Bäumen um sie zu essen, weshalb die Befindlichkeiten des Hünen eher nicht zu ernst genommen werden sollten. 

Und sollte er irgendwann wirklich den Laden übernehmen, dann konnte er nicht täglich einen derart weiten Fußweg zurücklegen als wäre er ein Wandersmann. 

„Komm schon, lassen wir unser künftiges Schlafzimmer Schlafzimmer sein und runter zum See.“


Clarence B. Sky

Clarence tat das, was er am besten konnte: Das Thema Cameron so lange ignorieren, bis es sich von alleine gegessen hatte.

Auch heute fuhr er damit wie immer erstaunlich gut und blieb seinem Mann eine Erklärung dessen schuldig, was einst zwischen den beiden Männern vorgefallen war und dafür gesorgt hatte, dass sie sich nach all den Jahren noch immer nicht grün geworden waren. Es gab Dinge, die ließen sich selbst dann nicht kitten, wenn genügend Zeit die Wunden geheilt hatte. Dennoch hatten sie damit begonnen sich zunehmend zusammenzureißen und einander zu tolerieren - Matthew zu liebe und Matthew sei dank, der sich nicht zwischen zwei Stühlen sitzend wiederfinden sollte.

„Ohh, Wein aus Washington. Von den Alten. Natürlich weiß ich“, echote der Blonde und nickte anerkennend ob so viel edler Schnöseligkeit, mit der man einen Matthew Cassiel Sky auf jeden Fall gut ködern konnte. „Mit so einem feinen Tröpfchen kann ich natürlich nicht dienen. Kaum auszudenken welchem Gesöff ich dich Daheim aussetze, wann immer ich dir das kristallklare Bergwässerchen aus Falconry einflöße, das kaum älter als einen Tag ist. Einen Tag, Matthew! Was für eine Beleidigung für eine Zunge wie deine. Ich möchte mich in diesem Rahmen aufrichtig bei dir entschuldigen. Bitte verzeih, dass ich deine Bedürfnisse dahingehend jeden Tag aus Neue ignoriere.“

Ja, was das anging fehlte Clarence nicht nur die Vorliebe für teure Delikatessen, sondern definitiv auch der Faible für die Dinge der Alten. Er hatte in ihrer derzeitigen Zeitlinie schon genug Probleme, da brauchte er sich nicht noch zusätzlich um das kümmern, was hundert Jahre hinter ihnen lag. Vor allem dann nicht, wenn sein Mann ihm für die kommenden Monate schon mehr als genug Aufträge aufs Auge drückte.

Im Gegensatz zu der Flasche Wein, über deren Herkunft Mo‘Ann sicher kaum gelogen hatte - sie hatte zu wohlhabende und renommierte Freunde um sich eine Attrappe andrehen lassen zu müssen - war sich Clarence noch immer nicht zu einhundert Prozent sicher was die Echtheit der Fotos seiner Kinder betraf und auch die zahlreichen Gespräche mit Cassie, die sie seither darüber geführt hatten, hatte sie keinen Schritt weiter gebracht. Mo‘Ann gegenüber diesbezüglich ausfällig zu werden war zwar schon vorgekommen, aber auf Dauer auch keine Option. Dazu saß diese Frau am zu langen Hebel und hatte ihre Position deutlichst demonstriert, indem sie Clarence zwei Wochen lang durch ihre unsichtbaren Strippen mit Nachtwachen und Kurzaufträgen außerhalb der Stadt das Leben zur Hölle gemacht hatte - stets darum bemüht aufzuzeigen, wie leicht es ihr im Grunde fallen würde Matthew und Clarence voneinander fern zu halten, wenn es ihr danach beliebte.

Eventuell vielleicht würde mich das ziemlich glücklich machen, wenn du diese alte Schreckschraube ein wenig für mich und den See versetzen würdest“, alleine schon der Gedanke daran reichte aus, um die Mine des Blonden ein wenig zu erhellen. Mit neu gewonnenem Elan stieß er sich von der Brüstung des Balkons ab, in dem Wissen wenigstens diesen Kampf um Matthew gegen sie gewonnen zu haben. Wenn sie schon nicht seine Mädchen heraus rückte, hatte sie wenigstens seinen Ehemann nicht ständig zu beschlagnahmen.

„Wir sind noch immer nicht in der Position, diesem Weib mit Gewalt irgendwelche Informationen abzupressen, ohne uns den Großteil des Clans zum Feind zu machen wenn uns jemand mit ihrem Verschwinden in Verbindung bringt“, schloss er an die vorherige Feststellung des Jüngeren an, während er zurück ins potentielle Schlafzimmer trat um Tür und Fenster wieder zu verschließen, bevor sie gemeinsam zurück hinab in die Wohnstube schlenderten. „Ich habe gestern wieder mit Liv konferiert und sie draußen vor der Stadt getroffen. Das regelmäßige Treffen mit den Hunden war der beste Vorwand, den wir uns hätten ausmalen können. Bislang hat noch keiner irgendwelche Fragen gestellt.“

Dann und wann schloss sich mal jemand ihrem Spaziergang und dem dazugehörigen Training mit den Hunden an, was zwar dazu führte dass gewisse Themen nicht vertieft werden konnten, aber ihr Alibi umso glaubwürdiger aussehen ließ. Bislang machte Mo‘Ann noch wenig Druck was die Leitung des Clans anging, aber Claire war sich sicher, dass sich das noch ändern würde, wenn sie nicht langsam gewisse Dinge in die Wege leiteten.

„Ich befürchte, dass die wenigsten ein Problem in Mo’Ann sehen werden. Du kennst sie mittlerweile. Sie ist aalglatt wenn sie das will und sie hat sich im Clan selten etwas zu schulden kommen lassen. Für die meisten ist sie nichts weiter als Nathans arme Witwe. Aber Odette macht zunehmend Probleme und sich von Tag zu Tag unbeliebter. - Kommt, ihr zwei“, wies er Abel und Kain an, die sich zu einer kurzen Pause in der angrenzenden Küche niedergelassen hatten, die einen traurigen und einsamen Eindruck machte. Die Aussicht auf noch einen weiteren Spaziergang an diesem Tag schien ihre Hunde mehr als nur zu erfreuen, immerhin waren die beiden sonst eher lange Märsche gewohnt, auf die sie bislang in der Stadt eher hatten verzichten müssen.

Kaum die Tür zur Veranda und damit gen See geöffnet, stürmten die beiden schon nach draußen und erkundeten aufgeregt die Umgebung.

„Hey hey, nicht so wild… die werden schlimmer je älter sie werden, ich schwöre es dir. Kann mich nicht erinnern, dass die zwei als Welpen je so ungestüm waren wie sie heute sind“, schüttelte der Jäger ungläubig den Kopf, bevor er reflexartig nach Cassies Arm griff und ihn zu sich zur Seite zog. „Denk an die morschen Dielen da vorne, nicht, dass einer von uns beiden wieder durchbricht.“

Denn der andere von ihnen beiden - Clarence, um genau zu sein - war bei der Besichtigung schon bis zum Knie im Holz versunken. Das brauchte nicht unbedingt noch mal passieren.


Matthew C. Sky

Er sagte es nicht, aber Clarence glücklich zu machen war für Matthew stets das hauptsächliche Tagesziel. Wirklich alles andere stellte sich hinten an. 

Und wenn er es erreichte, in dem er Mo‘Ann versetzte, dann versetzte er sie gleich noch ein bisschen länger. 

Matthew wusste, dass es für Clarence schwer war zur Zeit. Hierher zu kommen war schon unter besten Vorzeichen nicht einfach gewesen und mittlerweile hatte sich alles so anders entwickelt, dass selbst Cassie manchmal das Gefühl hatte nicht mehr mitzukommen. 

Falconry Gardens war nicht ihre erste Wahl gewesen und nun standen alle Zeichen auf Veränderung und das konnte einem durchaus schon mal Angst machen. Das Gute jedoch war, dass sie einander hatten und sie aufeinander aufpassten. 

Den Blonden glücklich zu machen - und sei es nur für einen kurzen Moment- war Matt deshalb immens wichtig. Der Jüngere wusste nicht was Clarence durchmachte, wie er sich fühlte und welche Gedanken ihm nachts durch den Kopf gingen, wenn er nicht schlafen konnte. Aber er hatte genug Fantasie es sich vorzustellen… und wenn schon ein kleiner Spaziergang dazu beitragen konnte die Stimmung des Blonden zu heben, dann wäre Cassie ein egoistischer Narr, es nicht zutun. 

Dass die Situation nicht so locker und entspannt war, wie sie sich beide bemühten sie zu halten, war nicht schönzureden. Die Kinder seines Mannes waren schon vor Jahren unter gewaltsamen Umständen ums Leben gekommen und doch waren sie eben nicht tot. 

Glaubte man Mo‘Ann, dann waren beide quicklebendig und was das mit Clarence‘ Seelenheil anstellte, konnte der Jüngere nur mutmaßen. Eigentlich hätte es Anlass zu unbeschwerter Freude sein sollen und doch blieben Zweifel. Zweifel daran, ob Mo’Ann die Wahrheit sagte. Und wenn sie es tat… wie es dann weitergehen sollte. 

Sie standen beide zwischen den Stühlen. Einerseits wollten sie nicht, dass diese Frau sie in der Hand hatte und auf der anderen Seite gab es kein Mittel dagegen, dass sie es tat. 

Unterm Strich hatten sie nur zwei Möglichkeiten. 

Erstens: nach ihrer Pfeife tanzen, mitspielen und folgsam sein in der Hoffnung, dass irgendwann der Tag kam an dem sie sagte wo Harper und Cordelia versteckt wurden. 

Oder Option zwei: sie stellten sich gegen sie. Pokerten darauf, dass sich die Witwe mit Gewalt dazu nötigen ließ ihr Wissen preiszugeben. Aber wenn sie das nicht tat… was dann? Dann hatten sie den Clan gegen sich, hatten das Leben der Mädchen riskiert und würden am Ende selbst noch aufgeknüpft. 

Nein… dieses Risiko einzugehen waren sie beide nicht bereit - noch nicht jedenfalls. Sie konnten es sich schlichtweg nicht erlauben hier verbrannte Erde zu hinterlassen - und das weder im praktischen noch im übertragenen Sinne. 

Gemeinsam verließen beide junge Männer das Haus schließlich, beide in ihre eigenen Überlegungen vertieft, obgleich Matt aufmerksam den Worten des Hünen lauschte. 

„Wie viel hast du Liv erzählt? Ich meine… du hast mal gesagt, dass Nathan so ziemlich jedem im Clan in irgendeiner Form geschadet hat. Weißt du was Liv‘s Antrieb ist uns zu helfen? Oder setzt du einfach auf sie weil…“ 

Sein Redeschwall endete abrupt als Clarence ihn unvermittelt zu sich zog und fast hätte Cassie das Gleichgewicht komplett verloren. Doch obgleich ein Sturz vermieden werden konnte, stolperte er - und zwar geradewegs gegen Clarence an dem er sich festhielt. 

Auf den kurzen Schreck folgte albernes Lachen als Matt beide Arme um ihn schlang.

„Du wolltest mich zu Fall bringen! Das war ganz klar ein Attentat!“, er lachte noch immer als er dem Blonden einen Kuss auf die Lippen drückte, fast so als würde dies die gerechte Strafe sein für derartige Anschläge. 

Dann löste er sich von ihm, verschränkte aber ihre Finger ineinander und übernahm wie selbstverständlich die Führung. 

Leichtfüßig sprang er von der morschen Terrasse und sog die klare Märzluft tief ein. 

„Folgender Vorschlag.“ stimmte Matthew in ernstem Tonfall an, sah zu dem Blonden empor und grinste keck. 

„Wer als Letzter beim See ist, der lädt den Anderen heute zum Abendessen ein.“ - und er hatte noch gar nicht ganz zu Ende gesprochen, da lief Cassie schon los, gefolgt vom freudigen Gebell der Hunde. Die - und da hatte der Blonde schon wieder irgendwie recht - tatsächlich immer wilder und verrückter wurden. 

„Komm schon! Streng dich an!“, rief Matt seinem Mann über die Schulter zu, während er über ihr gemeinsames Grundstück lief, den Wind im Haar und trotz aller Unwägbarkeiten glücklich. 


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