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Highway

25. März 2211


Matthew C. Sky

Clarence war nicht minder aufgebracht als Matthew und der Grund dafür war überall um sie herum sichtbar. 

Nicht, dass Matthews Ohren schon aufgehört hätten zu klingeln und er es bereits vergessen hätte. 

Mit rasendem Herzen blickte der Jüngere auf die Kette welche der Blonde vor seinen Augen unwirsch schüttelte, wodurch die Marken leise klirrten. 

„…Ich schwöre dir, die erschießen uns in dem Tunnel…“ hallten Clarence‘ Worte in Cassies Verstand wider und übertönten sogar das Dröhnen seiner Ohren.  

Matthew starrte konzentriert in die Dunkelheit und versuchte ihre Möglichkeiten zu überschlagen. 

Aber es gab nicht viele. Es gab verdammt nochmal nicht viele.

„Nein, nein, nein.“ er schüttelte sachte den Kopf und leckte sich über die Lippen, die nach Staub schmeckten. 

„Wir können sie nicht…verfolgen. Versteh doch, sobald einer von ihnen zurückkommt und sieht, dass ihrem Kamerad die Waffe fehlt werden sie wissen, dass wir hier sind. Und dann werden sie uns…“

Matthew, der schon verdammt oft Angst in seinem Leben gehabt hatte, rang die aufkeimende Panik mit Mühe nieder.

„Die werden uns finden und dann machen die uns kalt. Wir stecken in der Scheiße..“ - sie hätten heute Morgen einfach in ihrem Bett bleiben sollen. Aber für diese Erkenntnis war es nun zu spät. 

‚Wenn man bis zum Hals in der Scheiße steckt, dann sollte man auf keinen Fall den Kopf hängen lassen. Hat mein Pa‘ immer gesagt!“  - diesen Spruch hatte Jamie immer dann zum Besten gegeben, wenn Matthew mal wieder deprimiert gewesen war.

Manchmal auch einfach so. Und dann hatten sie beide gelacht, so sehr wie nur kleine Jungs lachen konnten. 

Aber jetzt war Matthew nicht zum Lachen.

„Wenn es… uns gelingt die beiden am Tunnel abzulenken, dann könnten wir an ihnen vorbeischleichen. Wir wären in New Alexandria ehe sie merken, dass wir nicht mehr auf dieser Seite sind.“ - Aber wenn Clarence recht hatte und sie fanden in  dem Tunnel keine Deckung, war es genauso gut möglich, sie rannten in ihr Unglück. 

Matthew streckte die Beine aus, legte die Pistole von M.Davis in den Schoß und blickte resigniert in das Chaos aus zerstörten Fliesen, durchsiebten Metallschränken und den Scherben dutzender Teller.

„Wenn wir hier lebend rauskommen, bringe ich Stanley um. Ich schwöre, ich bringe ihn um…“ 

Der Kerl musste gewusst haben was passieren würde, alles andere wäre ein zu lächerlich großer Zufall. 

„Wir müssen hier weg. Jetzt. Entscheide du wohin wir gehen, aber lass uns von hier drinnen verschwinden so lange wir noch alleine sind!“ - er schulterte den Bogen wieder, dann nahm er die Pistole und studierte sie einen kurzen Moment unschlüssig. Anders, als bei Clarence‘ Revolver, hatte diese Waffe keine Trommel zum nachladen der Kugeln, aber eine ungeladene Waffe würde wohl keiner dieser Jungs im Gürtel haben, weshalb Matthew darauf vertraute, dass sie schießen würde. 

„Lass uns den Weg nehmen, den wir reingekommen sind. Wir laufen in den Wald und suchen uns Deckung und dann… dann überlegen wir weiter. Einverstanden?“

Es stellte sich heraus, dass Clarence einverstanden war und so traten sie beide den Rückzug aus dem Gebäude an. Dieses Mal ging der Blonde voraus wobei er achtsam den größten Scherben und Splittern auswich, um ja keine unnötigen Geräusche zu verursachen. 

Matthew folgte ihm dicht auf den Fersen. 

Das Sonnenlicht stach ihm einen Moment lang in den Augen als sie die dunkle Küche verlassen hatten und sich durch die Kabine wieder hinaus ins Freie begeben hatten. Zu ihrer Rechten befand sich der Torbogen mit den Aufgehängten, links führte der Drive-In erneut auf eine größere asphaltierte Fläche

Geradeaus schloss sich der Wald an und abermals bedurfte es keiner Worte zwischen ihnen. Die Umgebung im Blick behaltend lief Clarence gen Wald, Matt folgte ihm noch immer direkt dahinter. Sie hatten die Baumgrenze gerade um wenige Meter hinter sich gelassen, da sah Matthew einen der uniformierten Männer zwischen den Bäumen. 

Er verkrallte sich unvermittelt in Clarence‘ Jacke und riss so heftig an ihr, dass der Wildling kurz rückwärts taumelte. 

„Runter!“, zischte Cassie ihn an und sie gingen hinter einem Busch in Deckung der - der Jahreszeit entsprechend - noch nicht allzu dicht belaubt war. ‚Großartig, einfach großartig.‘

Der Fremde hatte sie - zumindest bis jetzt - trotzdem noch nicht gesehen und damit das auch so blieb warf Matthew kurzerhand einen Stein in die entgegengesetzte Richtung. 

Der Kopf des Mannes hob sich, drehte sich in die entsprechende Richtung und lief nach kurzem Zögern außer Sicht. 

„Weiter.“ -  Cassiel hob den Kopf aus der Deckung und setzte dazu an, sich aufzurichten, als eine Kugel weniger Zentimeter an seinem Kopf vorbeizischte und im Stamm eines nahen Baumes einschlug.  „Lauf, Lauf, Lauf!“ hektisch zerrte Matthew Clarence auf die Beine und stieß ihn vorwärts ehe er selber richtig losrannte - vorbei an Bäumen, Büschen, umgestürzten Baumstämmen. Immer wieder schlugen Kugeln nah genug ein, dass Matthew die Splitter von Rinde und Holz fliegen sehen konnte. Er nahm den Geruch von Harz in der Luft wahr und fragte sich mit verwunderter Abgeklärtheit, ob diesen Pennern denn niemals die Munition ausging. 

‚Scheinbar nicht, heute liegen alle Asse bei den anderen.‘

Matthew schlug Haken zwischen den Bäumen hindurch, warf einen Blick zurück über die Schulter und konnte endlich kurz den Schützen ausmachen. 

Er hob die Waffe und feuerte zweimal, wobei der Rückstoß ihm jeweils den Arm nach oben riss weshalb er das Ziel verfehlte. Aber sie gewannen Zeit, zumindest kurz.

„Habe Sichtkontakt, wiederhole, habe Sichtkontakt!“ plärrte es hinter ihnen. 

„Sie rennen Ri-…“  - die Stimme des Schützen erstarb jäh, als Clarence ihn erschoss. Die Wucht der Kugel riss ihm von der Nase aufwärts das Gesicht weg und verteilte sein Gehirn fächerförmig auf dem Waldboden. 

Zwei weitere Männer eröffneten nun mehr das Feuer auf sie, Matt hob die Hände vors Gesicht als unmittelbar neben ihm ein Baumstamm getroffen wurde und eine Myriade Splitter durch die Luft flogen. Als er das nächste Mal schoss, riss er einen der Männer von den Füßen, der Zweite ging in die Hocke und gab mehrere Schüsse in rascher Folge ab, bevor Clarence ihn erwischte.

Mittlerweile fühlten sich Matthews Beine an, als bestünden sie aus Stahlkolben und seine Lunge, als würde er Benzin inhalieren. Trotzdem rannte er weiter. 

Erst als er zwischen den Baumstämmen eine unnatürliche Schwärze wahrnahm, verlangsamte er seine Schritte und blieb schließlich keuchend stehen. Vor ihnen lag, noch etwa fünfzig Meter entfernt, der gähnende Schlund eines Tunnels. 

Des Tunnels. Denn viele gab es hier nicht. 

Die Wachen, Fox und Murph lagen irgendwo hinter ihnen tot im Wald und bewachten höchstens noch wie die Wolken am Himmel vorbeizogen. 

Aber was vor ihnen lag war vielleicht eine Nummer zu groß für sie. Diesen Gedanken hatte Matthew nicht zum ersten Mal in den letzten paar Minuten. 


Clarence B. Sky

Clarence hatte schon viele Verfolgungen erlebt. Er war Gejagter wie Jäger gewesen und wo er früher in seiner Heimat Fremde - ohne mit der Wimper zu zucken - aus religiösen Gründen erschossen hätte, war es hier draußen fast ausnahmslos einfach nur um Leben oder Tod gegangen. Es gab keine Zeit um sich ein Warum zu überlegen. Man schoss - oder man wurde erschossen. Man wurde im Schlaf erstochen, von sadistischen Plünderern am Wegesrand aufgehängt oder schlimmeres. Fremde Clans jagten einander, versuchten die wichtigsten Mitglieder der Konkurrenz auszuschalten oder Gefangene zu nehmen um sich zu erpressen. Manche aus Spaß an der Fehde, manche aus Streben nach Ruhm und Ehre. Wer erwischt wurde, bekam im schlimmsten Fall einen Teil seiner Tätowierungen vom Leib gehäutet, damit ein Beweis für den Triumph des Überlegenen vorlag. So oder so: Die Welt in der sie lebten war grausam und es gab einen guten Grund, warum die meisten Menschen ihr Dorf oder ihre Stadt nur selten verließen und wenn, dann in Eskorte.

Auch jetzt wäre Claire lieber daheim geblieben. Eingewickelt in seine Decke, mit den Hunden am Fußende ihres Bettes und eng an Cassies warme Brust geschmiegt, die ihm in so ziemlich jeder Nacht ein verlässliches, gemütliches Kissen bot. Er wollte in der Dunkelheit des frühen Morgens wach werden und beschließen noch eine Weile liegen zu bleiben, wollte den Dunkelhaarigen neben sich streicheln und versuchen sich den ein oder anderen Kuss zu erhaschen, welcher nach dem Erwachen zumeist sowieso initial erstmal abgewehrt wurde. Manchmal hatte er Glück und bekam seinen Mann rum, manchmal musste er mit den schlecht gelaunten Konsequenzen leben, wenn er sich in purer Dreistigkeit schon am frühen Morgen so viel Intimität einzufordern versuchte.

Ach, es gab so viele schöne Dinge die er nun tun könnte, wären sie Zuhause geblieben.

Stattdessen spürte er, wie eine der zahllosen Kugeln seine Jacke auf Höhe der Flanke durchschlug und ihn zweifelsohne streifte - ein Gefühl, das sich surreal und falsch anfühlte und aufgrund des Adrenalins in seinen Adern noch jeglichen Schmerz entbehrte, was ihn aber früher oder später noch einholen würde. Vorausgesetzt, er lebte an diesem Später noch.

Abgesplitterte Rinde flog durch die Luft und zierte die Schneisen, die sie beide wie fliehende Hasen durch den Wald schlugen. Längst war jener Moment überschritten an dem es noch möglich gewesen war einander ernsthaft zu helfen und alles was blieb war die Bemühung darum sich nicht noch völlig zwischen den dicht stehenden Bäume zu verlieren. Die Schüsse, welche aus Matthews Richtung abgefeuert wurden, durften ihm einfach nicht vor Angst um seinen Mann das Blut in den Adern gefrieren lassen und gleichzeitig war jeder Schuss aus seiner Hand auch ein Zeichen dafür, dass der Dunkelhaarige noch lebte. Gerade war das mehr als alles, was sie von diesem Aufeinandertreffen hier erwarten konnten.

Gepäck, Stiefel, schwere Waffen - all das und zudem der überwucherte Waldboden machte ihnen eine effektive Flucht beinahe unmöglich und letztlich blieb nur noch die Konfrontation. Der schmale Grat zwischen Leben und Überleben brach vor ihnen auf wie es wenig später auch die gähnende schwarze Leere vor ihnen tat und obwohl der Eingang des Tunnels auf den ersten Blick passierbar schien, so fühlte sich die durchdringende Dunkelheit doch an wie eine kühle Mauer, die sich unnachgiebig in der Nähe vor ihnen auftürmte.

Clarence‘ Beine fühlten sich vom unebenen Untergrund an wie aus Blei und seine Lungen brannten wie Feuer, während sie giemend nach Luft haschten. Selbst das Zittern in seinem Arm blieb für ihn unbemerkt, der mit eisernem Willen den Revolver in der Hand hielt, wohl wissend, dass davon der ganze Ausgang ihrer Expedition abhängen konnte.

Wir… wir…“, versuchte der Blonde seine Gedanken in Worte zu kleiden, doch weder war er dafür bereits ausreichend zu Atem gekommen, noch hatte die ganze Situation ihn genug klare Überlegungen tätigen lassen. Gerade wusste er gar nichts mehr und so ungut sich die Vorstellung anfühlte dort im düsteren Tunnel abgeknallt zu werden, genauso ungut war die Möglichkeit, dass man sie stattdessen einfach hier draußen erschoss. Aktuell schien es nur noch um das Wo? zu gehen und nicht darum, ob es überhaupt passierte.

So eine Scheiße…“ - Keuchend und um Versuch die Gedankenfetzen in seinem Kopf zu sortieren, presste er sich die freie Hand auf die zunehmend schmerzende Flanke und konnte spüren, wie dabei einer seiner Finger in die zerrissene Jacke eintauchte. Dass er blutig wieder zum Vorschein kam, verwunderte ihn genauso wenig wie die Tatsache, dass sie verdammt nochmal ständig irgendeine Scheiße anzogen und auf Typen gerieten, denen man einfach nicht vertrauen konnte.

Hätte ihm vorher jemand gesagt, dass es in seinem Leben eines Tages schlimmere Kerle als Nagi und Rouge geben würde, hätte er heute morgen nicht mal den kleinen Zeh aus dem Bett gestreckt.

Wir müssen weiter. Wir können hier nicht bleiben“, zog er Matthew am Mantel von der Mitte der einstmals asphaltierten Fläche, die ihnen noch weniger Schutz bieten würde als der Wald es tat. „Wir haben noch… mindestens einen von den anderen Typen und den Glatzkopf, die hinter uns her sind. Vielleicht noch ein paar Duzend auf der anderen Seite des Tunnels vor uns. Oder mittendrin.“

Für einen Moment lehnte er sich am nächstgelegenen Baum an, Cassies Mantel noch immer in der Hand, während er auf den Wald lauschte. Bislang brach sich niemand hinter ihnen den Weg bahn, aber das musste nichts heißen.

Fahrig musterte er den Jüngeren, auf der Suche nach offensichtlichen oder groben Verletzungen, bevor er den Blick zurück auf den Tunnel lenkte. Eingelassen in die Ausläufer des Grey Eagle, schien die Durchfahrt wie in den Berg gemauert und zu Zeiten der Alten rege genutzt worden zu sein. Zumindest ließ die Größe des düsteren Ungetüms darauf schließen.

Wenn Stanley ihnen gesagt hat woher wir kommen und die uns schon eine Weile beobachten, dann ist… ist Ryan vielleicht nicht mehr unser größtes Problem, was unsere Sicherheit in Falconry angeht…“ - Besorgt warf er Cassie einen Blick zu, bevor er gen Tunnel nickte und sich wieder in Bewegung setzte. Gerade wollte er nicht mehr dadurch. Er wollte auch nicht New Alexandria finden und doch wollte er genauso wenig hier abbrechen und zurück nach Hause. Die Gefahr war ihm viel zu groß, dass die Typen ihnen bis vor die Haustür folgten und darüber hinaus würde es nächstes Mal nur noch schwieriger werden herauszufinden was hier los war, wenn die Route schon jetzt von diesen Irren abgesichert wurde.

Wir werfen einen Blick darauf und entscheiden dann. Vielleicht… vielleicht fällt uns etwas ein oder wir entdecken irgendeine Nische in der wir in Dunkelheit die Typen aussitzen können, bis sie wieder ab-

Schlagartig verstummte Clarence als er hinter den Bäumen vor ihnen Kopfhaut aufblitzen sah und streckte den Arm vor Matthew aus, um ihn hinter sich zu halten. Kein einziger Ton, kein brechendes Ästchen und auch kein raschelndes Blatt drang aus naher Ferne zu ihnen; beinahe schien es, als würde der Kahle völlig lautlos durch den Wald schleichen und obwohl der Schamane jenes Talent von sich selbst kannte, so hätte er es nicht von dem Glatzkopf erwartet, der bislang keine Anstalten gemacht hatte sich in seiner Lautstärke irgendwie zu begrenzen.

Seine Finger fühlten sich mittlerweile wie versteinert um den kaum noch geladenen Revolver an, als er ihn vors Gesicht hob um den Drahtzieher dieser Bande aus dem Verkehr zu ziehen. Wenn sie die Kriegsmaschine dieses Mannes erst auf ihre Seite gebracht hatten, war der Durchmarsch durch den Tunnel ein Kinderspiel und jener Gedanke war es, der Clarence begleitete, während er den Abzug drückte.

Deutlich spürte er das schwere Metall in seiner Hand, das mittlerweile durch seine Körpertemperatur warm geworden war und sich wie eine natürliche Verlängerung seines eigenen Arms anfühlte. Wie ernst es dem Jäger war zu töten, wenn er auf den Kopf von jemanden zielte, stand völlig außer Diskussion - vor allem dann, wenn es nicht nur um ihn selbst, sondern auch um die Sicherheit seines eigenen Mannes ging.

Und er traf. Er traf unumstritten. Mit solch einer Zielsicherheit, dass es ihm nach ihrem Sprint durch den Wald selbst wie ein Wunder vorkam.

Und obwohl er es sah, sah er auch Es.

Das leise, fliederfarbene Schimmern anstelle eines zerberstenden Schädels, als die Kugel in Höhe der Schläfe gegen etwas prallte, das nicht da war - und dessen Schimmern wieder erstarb, kaum, dass die Munition das Dunstfeld des Glatzkopfes wieder verlassen hatte.

Ein weiterer Schuss folgte, von dem er nicht mal mehr sagen konnte, ob er überhaupt etwas getroffen hatte. Ob dem so war oder nicht, ließ sich dem stechenden Blick des Fremden nicht entnehmen, über dessen Fratze sich ein siegessicheres Grinsen gelegt hatte, das wirkte wie düstere Schnitzereien auf einem Mannequin, der furchtbar irreal aussah.

Aus Claires eigenem Gesicht war längst jegliche Farbe gewichen und als er seine Waffe sinken ließ um Cassie stattdessen hinter sich fort zu drängen und eine erneute Flucht anzuschlagen, war es seine eigene Stimme die die Stille des Waldes durchschnitt wie es sonst nur gesplittertes Glas mit einem Blatt Pergament vermochte.

Der Schmerz, der von seinem Körper Besitz ergriffen hatte, war mit nichts zu beschreiben was er jemals kennengelernt hatten und noch in der gleichen Sekunde spürte er, wie seine Muskeln ihm jeglichen Dienst zu versagen begannen.

Unkontrolliert und ungebremst schlug er auf dem Boden auf, das Gesicht vor Leid verkrampft und die Gliedmaßen steif wie nach einer kalten Nacht in Denver, während sich leidend das letzte bisschen Luft aus seinen Lungen presste. Auf seinem Oberschenkel spürte er einen brennenden Schmerz wie von einem glühenden Eisen das man ihm ins Fleisch drückte und das ihn über beinahe unsichtbare Drähte mit der Waffe des Fremden verband, ihn beinahe peinigend wie einen ungehorsamen Hund an der Leine, der nicht hatte hören wollen.

„Genau so, du kleiner Wichser. Schön runter mit dir und bleib da. Und du“, fügte er an Matthew gewandt hinzu, „Eine Dummheit und du liegst gleich daneben, das schwöre ich dir.“ 


Matthew C. Sky

Mit Ehrfurcht und Faszination starrte Matthew in das schwarze Loch. Wie ein gähnender Schlund oder eine riesige Augenhöhle kam es ihm vor und trotz der prekären Situation, empfand er Bewunderung für die Schaffenskraft der Alten. 

Wie konnte eine Zivilisation so mächtig sein und doch untergehen? Nur Ruinen waren von ihnen geblieben. 

Legenden und Schriften, Tand. 

Was noch nicht zu Staub zerfallen war, war von Unkraut überwuchert. Maschinen, einst glänzend und glatt, waren vom Rost zerfressen. Manches funktionierte noch, so sagte man. 

In den Metropolen die längst Sperrgebiet waren. 

Matthew hatte immer davon geträumt einmal wirkliche, funktionierende Technologie aus jener Epoche zu sehen - ein Wunsch der sich gerade jedoch ganz hinten anstellen musste. 

Nicht zu sterben war als Priorität aktuell in den Fokus gerückt. 

Während er den Tunnel musterte, hatte Clarence genug Verstand in sich, um ihn von der asphaltierten Fläche runterzuziehen. 

Doch dem Jäger ging es nicht gut, er war angeschlagen und nach einer kurzen Musterung erkannte Matthew auch den Grund. 

„Bist du getroffen? Scheiße… wir müssen dich versorgen. Irgendwo, nur nicht hier.“ er legte die freie Hand auf die blutende Stelle an Clarence‘ Flanke und hob den Blick besorgt in das Gesicht des Blonden. Wie stark die Verletzung war konnte er nicht genau erkennen, für eine Kontrolle mussten sie hier weg, irgendwohin wo sie Zeit hatten und nicht so leichte Beute waren. 

„Wenn wir zurück zur Straße gehen, gibt es ein paar Häuser. Meinst du, du schaffst es bis dahin?“ 

Doch die Antwort auf diese Frage würde niemals mehr von Belang sein, denn noch während Matthew fieberhaft darüber nachdachte, bekamen sie bereits Gesellschaft.

Clarence registrierte als Erster, dass sie ihre Verfolger noch nicht abgeschüttelt hatten und Matthew folgte seinem Blick schon Sekundenbruchteile später. 

Auch er bemerkte den Anführer der Gruppe, sein kahler Schädel glänzte träge im diffusen Licht des Waldes, während er sich so lautlos durch das Unterholz bewegte, wie ein Raubtier auf der Jagd. 

‚Wie ein verschissenes Gespenst.‘

Dieser Mann war gefährlicher als Ryan es je sein würde und dafür war nicht nur seine Waffe verantwortlich.  

Clarence konnte ebenso lautlos sein und für einen Moment schien die Zeit selbst einzufrieren. 

Kein Windhauch ließ die Blätter der Bäume rascheln, kein Vogel gab einen Laut von sich. Kein Ast knackte unter den Stiefeln des Fremden. Matthew hatte die Luft angehalten vor Anspannung und spürte, wie die Angst in ihm hochkroch.

Wahrscheinlich war dies die beste und einzige Chance die sie bekommen würden, den Kerl zu töten und sich seiner Waffe zu bemächtigen. Schoss Clarence daneben, würde der Fremde sie mit Kugeln durchsieben, bis ihre Körper in zwei  gerissen wurden. Aber Clarence schoss nicht daneben. 

Matthew sah es so deutlich, wie auch der Blonde es sah. Der Schuss war perfekt, der Schuss war tödlich. 

Es brauchte keine hundert Kugeln für einen Mann. Es brauchte nur eine, wenn sie gut geschossen war. 

Und bei den Göttern der Alten: sie war verdammt gut geschossen. 

Doch statt einer Gischt aus Blut und Knochen sah Matthew eben jenes Flimmern, wie es auch Clarence wahrnahm und der Glatzköpfige blieb unversehrt. 

‚Das ist nicht möglich…‘ ging es ihm fassungslos durch den Kopf und schon eine Sekunde später überschlugen sich die Ereignisse. Erneut durchriss Clarence‘ dröhnender Revolver die Stille, doch dieses Mal hörte sich der Knall fern und gedämpft in Matthews Ohren an. Mit vollkommener Klarheit sah er die nächsten Schritte geschehen noch bevor sie geschahen. Der Fremde hob seine Waffe, zielte auf sie und betätigte den Abzug - woraufhin die Welt um sie herum pulverisiert wurde. Kugeln sirrten um sie herum, schlugen ein in die Bäume und in den Boden, schlugen ein in ihre Körper, zerfetzten ihre Organe. Blut schwängerte die Luft, Blut füllte ihre Lungen, verließ ihre Körper. Dies war das Ende. 

Keine Rettung. Nicht dieses Mal.  

Als Erster ging Clarence zu Boden, sein Schrei weckte den Jüngeren aus seiner Schockstarre und noch bevor er darüber nachdenken und begreifen konnte, hob er den Arm mit der Schusswaffe und drückte mehrmals hintereinander den Abzug. Dass er selber dabei schrie nahm er gar nicht wahr. 

Keine der Kugeln verletzte den Mann vor ihm, trotzdem konnte er nicht aufhören zu schießen, während er auf ihn zuging und schrie und nicht begreifen konnte warum der Kerl noch stand und sein Mann am Boden lag und vor Schmerzen im Todeskampf schrie. 

Seine Munition war bereits verschossen, metallisch und leer klickte die Waffe immer wieder weil Matthew trotzdem nicht aufhörte den Abzug zu drücken. 

Glühend roter Zorn hatte von ihm Besitz ergriffen und schließlich schleuderte er die leere Waffe auf den Anführer des dezimierten Trupps. 

Und dieses Mal traf er nicht nur. Dieses Mal traf er ihn.

Der Griff der schweren Schusswaffe knallte mit Wucht in das Gesicht des Glatzkopfs und sofort platzte die Haut auf seiner Stirn auf, dunkles Blut quoll aus der Wunde und der Mann taumelte zurück. Er riss eine Hand empor um sich zu schützen, doch der Schaden war angerichtet. 

„Du verschissene kleine Ratte!“ brüllte er wutentbrannt und wollte auf ihn losgehen. Zwischen seinen Fingern lief das Blut hervor und als er die Hand sinken ließ registrierte Matthew - nicht ohne Genugtuung- wie es ihm in Strömen über Nase, Lippen und Kinn rann. 

‚Wie gefällt dir das, Houdini?‘ dachte er irrwitzig während er zusah wie sich in der Mitte der Stirn die Haut um die Platzwunde herum bereits dunkel verfärbte und sich wölbte. 

Matthew war so auf den Anführer der Truppe fokussiert, dass er den zweiten Mann des Teams nicht registrierte. Dieser packte ihn erst, riss ihn herum und trat ihm anschließend mit dem Knie so heftig in den Magen, dass Cassie die Beine wegsackten. Doch der Kerl hielt ihn aufrecht, schlug ihm mit der Faust ins Gesicht und anschließend in die Nieren. Dann erst schubste er ihn in Richtung seines Anführers. Matthew konnte es gerade noch verhindern hinzufallen, doch viel mehr als das gelang ihm nicht. Er stand gebeugt, die Lippe blutig aufgeschlagen. Die Haare hingen ihm wirr in der Stirn als er hasserfüllt und keuchend zu den beiden Männern sah. 

„Ich bring euch um! Ihr Scheißkerle habt ihn erschossen!“ keifte er. Hass loderte in seiner Stimme und in seinem Augen und er machte Anstalten, erneut auf den Glatzkopf loszugehen. Der andere Kerl passte ihn ab, Matthew versuchte sich loszureißen und erst jetzt trat der Anführer an ihn heran und versetzte Matt einen weiteren Fausthieb in den Magen. 

Der Dunkelhaarige krümmte sich, wurde aber auf den Füßen gehalten. 

Mit eisernem Griff verkrallte sich der Fremde in seinem Kinn und funkelte ihn an. Seine steingrauen Augen blitzten, das dunkle Blut in seinem Gesicht ließ ihn irre und barbarisch wirken. Matthew spuckte ihm ins Gesicht woraufhin der, der ihn hielt ihn an den Haaren packte und seinen Kopf nach hinten riss. 

„Den Kampfgeist eines irren Frettchens.“, kommentierte Glatzkopf, woraufhin eine weitere, bisher unbekannte Stimme ertönte und lachte. 

„Der Freak hier hinten ist gesichert. Auf die Füße mit dir, Arschloch.“, er riss Clarence wieder auf die Beine und brachte ihn, mehr zerrend als gehend, zu der kleinen Gruppe. Clarence‘ Arme waren ihm auf den Rücken gebunden, so eng, dass schon der Anblick allein schmerzte.

„Hast gedacht deinem Freund hier ist das Lebenslicht ausgeknipst? Keine Bange…“, der Anführer des Trupps tätschelte Matthew die Wange, bevor er ihm fest zweimal mit der geballten Faust in die Nieren schlug. Matthew stöhnte, die Schmerzen explodierten erneut in seinem Inneren und hätte der Mann hinter ihm, ihn nicht gehalten, jetzt wäre er gefallen.

„Noch geht’s euch bestens. Aber wie lange das so ist, hängt von euch ab. Verstanden?“ Matthew gab keine Antwort, ob aus Trotz oder weil er drohte das Bewusstsein zu verlieren war nicht ganz deutlich. Wahrscheinlich war es eine Mischung beider Umstände. 

„Fesselt ihn und dann los.“, er nickte seinen beiden Handlangern zu, dann wischte er sich das Blut vom Kinn und schüttelte die Hand nachlässig aus. 

Auf seiner Stirn hatte sich eine ordentliche rot-violette Beule gebildet und gerinnendes Blut hatte sich in dem Krater gesammelt wo ihn die Waffe getroffen hatte. 

Er wandte sich ab, berührte eine Art Manschette an seinem Unterarm und sprach in das kleine Gerät: „Haben Zielpersonen in Gewahrsam, erbitten Freigabe zur Rückkehr.“

Es dauerte nur einen Augenblick und die Antwort folgte. 

„Positiv. Freigabe erteilt, Colonel.“


Clarence B. Sky

Alles was blieb war dumpfes Rauschen, das sich über Clarence‘ Ohren legte und jegliche andere Laute um ihn herum verschluckte. Aus dem Kugelhagel seines Mannes war ein Dröhnen geworden wie er es sonst nur von großen Musikhallen in Metropolen kannte wenn die Trommler loslegten. Längst war all das Schöne um sie herum verstummt, was die Welt einst für sie bereit gehalten hatte. Kein Vogel zwitscherte mehr in diesem vorher noch so friedlichen Wald, kein Blatt schien es sich zu wagen in den Wipfeln der Bäume zu rauschen und im Augenblick konnte der Blonde nicht mal mehr sagen, ob er noch das Wummern seines eigenen Herzschlags hören konnte.

Wie versteinert waren seine Muskeln, seine Hände und Arme gehorchten ihm nicht mehr und die Beine hatten schon zu beginn den Dienst versagt. Jede Faser seines Körpers fühlte sich an wie von tausenden Nadelstichen unbrauchbar gemacht und unter einer Tonne Steine begraben. Es war ein Schmerz, der dem Jäger völlig unbekannt war und der gerade deshalb so unverträglich schien, weil sein Hirn ihn einfach nicht verarbeiten und einzusortieren wusste.

Erst als die lautstarken Schüsse erstarben und nur noch das Schreien seines Mannes durch die Bäume schallte, konnte Clarence wieder sein eigenes Jammern hören. Dabei spürte er, wie eben jener, beinahe unerträgliche Schmerz plötzlich wieder erstarb - und wüsste er es nicht besser, er hätte schwören können es läge einzig daran, dass ihm gerade das Leben endgültig aus dem Leib fuhr.

Modriger Geschmack von Waldboden lag auf seiner Zunge und blinzelnd realisierte der Blonde, dass seine eben noch verkrampften Arme rudernd nach Halt gesucht und ihn dabei halb auf den Bauch manövriert hatten, bevor er von fremder Hand tiefer in den Dreck gedrängt wurde.

„Meinst du, ich lasse mich an meinem freien Tag einziehen, um mir von einem Bauern wie dir eine Kugel einzufangen?“, tönte es überheblich über ihm und ein weiteres Mal spürte er sein Gesicht tiefer im Morast versinken, bis es ihm jegliche Möglichkeit nahm zu Atem zu kommen. Der fremde Angreifer hatte sein Knie auf den Hinterkopf des Hünen gepresst, sein Gewicht auf ihn verlagert und hielt ihn auf diese Weise unter Kontrolle während er sich erst einen, dann den anderen Arm des Blonden einfing, um sie mit einer Fessel auf dem Rücken zu fixieren.

Noch während er von einem der beiden Handlanger beinahe spielend leicht auf die Beine befördert wurde, bezweifelte Clarence, dass es ihnen etwas geholfen hätte, hätten sie das Gasthaus Zur Möwe früher wieder verlassen, so wie es Cassie gewollt hatte. Das einzige, was sie hätte hiervor retten können, wäre es gewesen gar nicht erst hierher zu kommen und so sehr er sich gerade wünschte genau diese Entscheidung viel lieber getroffen zu haben, wäre es jedoch auch keine Option gewesen es nicht zu tun. Das wussten sie beide und trotzdem wünschte sich Clarence es wäre anders, während sein Blick ruhelos nach Matthew suchte, kaum zurück auf die Beine befördert.

Immerhin lebte sein Mann noch, das war mehr als die ganze Situation einen erwarten lassen konnte und so wie Cassie aussah, dachte jener im Moment vermutlich nichts anderes. Obwohl seine Beine sich nach dem Angriff des Glatzkopfes anfühlten wie Watte, machte Clarence kurz Anstalten einen Ausfallschritt in seine Richtung zu machen, als sein Mann sich den nächsten Schlag einfing - was nur darin gipfelte, dass sein eigener Peiniger ihm mit einem gezielten Griff jene Munition aus dem Bein riss, die ihr Anführer dort platziert hatte.

Schnaufend und mit zusammengebissenen Zähnen versuchte Claire sich den morastigen Waldboden mit der Schulter aus dem Gesicht zu kratzen, während er den Kahlkopf mit eisernem Blick fixiert hielt. Der blauviolette Krater auf der Stirn des Rädelsführers fiel ihm dabei sofort auf, ein klares Zeichen dass Cassie herausgefunden haben musste wie man dieses flimmernde Ding um seinen Kopf umgehen konnte, wenngleich es noch nicht dazu gereicht hatte ihn vollends auszuschalten.

Drei von diesen Kerlen hatten sie bereits ausgeschaltet und einen zumindest verwundet, das machte einen guten Schnitt von fünfzig Prozent und war mehr, als sie sich noch in der letzten Stunde ausgemalt hatten. Ob hier also jemand jemanden tatsächlich in Gewahrsam hatte, blieb doch zu beweisen - und es war seinem eisernen, dickköpfigen Willen geschuldet, dass Clarence einen letzten Angriff wagte, der jedoch fast in der gleichen Sekunde schon wieder erstickt wurde.

Nicht annähernd schaffte er es sich aus dem Griff um seine Fesseln zu lösen, da brachte ihn sein Bewacher bereits wieder zu Fall und ließ ihn seine Aufmüpfigkeit bereuen, indem er den Hinterschaft seines Gewehrs auf Clarence‘ Schläfe niederfahren ließ. Für einen Moment schien sich die Welt um ihn herum zu drehen und tatsächlich wäre es ihm fast lieber gewesen, selige Schwärze hätte ihn verschluckt und ihm für ein paar Sekunden Ruhe gegönnt von alledem hier.

Aber vielleicht hatte sie das ja sogar, denn als der Blonde das nächste Mal blinzelte lag er nicht etwa noch am Boden, sondern befand sich bereits wieder aufrecht auf der asphaltierten Freifläche der Alten, von der sie eben noch weit entfernt gewesen waren.

Ich schleppe den sicher nicht alleine bis dahin. Hilf mir gefälligst, bevor er wieder kotzt“, dröhnte es an seinem Ohr und Clarence fragte sich nur kurz wen der Kerl wohl meinte, bis er den säuerlichen Geschmack in seinem Mund vernahm. Mit verbissenem Gesicht spuckte er ihm die Reste gen Gesicht, wofür er sich vermutlich nur deshalb keine weiteren Schläge einfing, weil er den Kerl knapp verpasste.

Widerwillig und ohne es ihren Gegnern einfacher zu machen als nötig, wurde der Jäger mehr schlecht als recht über den Asphalt hinweg verfrachtet - gen Tunnel, wie er entgegen aller Erwartung erkennen musste. Geradezu dort hinein, wovon man sie noch die ganze Zeit hatte abhalten wollen. So hatten sie jedenfalls gedacht.

„Wo geht‘s jetzt hin, mh…? Habt wenigstens die Eier und… erschießt uns hier draußen, statt uns irgendwo da drin verrotten zu lassen!“, doch seine Forderung blieb unbeantwortet, während die Dunkelheit sie schließlich verschluckte und man ihn den gleichen Weg entlang zerrte, auf dem Cassie zuvor schon verschwunden war.

Mit aufgerissenen Augen versuchte Clarence etwas in der Dunkelheit zu erkennen, die sich augenblicklich über den Pfad gelegt hatte, obwohl sie noch nicht weit von der Eintrittspforte entfernt waren. Obwohl er hier eingestürzte Gesteinsbrocken aus der Decke des Tunnels oder ähnlichen Verfall erwartet hätte, fühlte sich der Untergrund an wie am Tageslicht. Noch jedenfalls.

Ein metallisches dumpfes Geräusch durchbrach nebst ihren Schritten die Stille und abrupt wurde Clarence nicht mehr vor den beiden Männern her gedrängt, sondern unsanft zur Seite gestoßen - entgegen aller Erwartungen fiel er jedoch nicht dem steinigen Boden entgegen, sondern auf eine Art weiche Empore, die sich neben ihm erhob.

Rein da“, fühlte er seine Beine forsch über einen tieferen Absatz empor gestoßen und während er versuchte sich tiefer auf die Empore zu schieben, eine Position findend in der er sich bewegen und aufsetzen konnte, erkannte er selbst trotz der Dunkelheit sofort seinen Mann neben sich. Weitere Geräusche und ein dumpfes Knallen folgten, unter denen sich die Stimmen der beiden Handlanger plötzlich seltsam gedämpft anhörten und Clarence erstmals wieder seine eigenen, beschleunigten Atemzüge vernahm, aus denen er seine eigene Angst furchtbar verzerrt und wie durch einen Spiegel wahrnahm.

Egal zu welcher Richtung er blickte, nichts außer Dunkelheit umgab sie, bis es über ihren Köpfen hinweg zwei Mal blechern trommelte und sich für den Bruchteil einer Sekunde ein Grollen anschloss wie von einem Tier, das Clarence noch nie in seinem Leben vernommen hatte. Kein Mutant und kein jemals ihm bekannter Dämon gab solche Laute von sich. ‚Jetzt verfüttern sie uns, bis niemals jemand Reste von uns wiederfindet‘, ging es ihm schlagartig durch den Kopf, als sich in der Ferne blutrote, glimmende Lichter abzeichneten und die Empore unter ihnen zu zittern begann. Es dauerte einen geraumen Augenblick bis Clarence begriff, dass es nicht die Ferne war, aus der die Beleuchtung stammte, sondern dass sie direkt vor der Nase des Kahlköpfigen aufgeflammt war, der sich in Reichweite hinter einem Gitternetz vor ihnen befand.

Wie die Augen eines Dämonen flammte sein stählerner Blick auf, der sich in etwas widerspiegelte das wirkte wie ein Fenster, bevor sein Abbild hinter zwei Laternen erstarb, die von ihrer Empore auszugehen schienen und den Tunnel vor ihnen jäh erleuchteten, durch den sie sich bereits unbemerkt zu bewegen begonnen hatten.


Matthew C. Sky

Es hatte schon unzählig viele aussichtslose Situationen in ihrem gemeinsamen Leben gegeben - doch dieses Mal waren ihre Gegner ihnen auf eine Weise überlegen, die es schwer machte noch ein Quäntchen Optimismus zu finden.

Als Clarence niedergestreckt wurde, versuchte Matthew energisch frei zu kommen. Er warf seinen Kopf mit Schwung nach hinten, knallte den Hinterkopf gegen das Gesicht des Mannes der ihn hielt und brachte diesen ins Straucheln. 

„Nehmt eure Finger von ihm!“, keifte er zornig und riss sich beinahe los als derjenige, der Clarence den Gewehrkolben gegen die Schläfe geknallt hatte, ihm seitlich so fest gegen das Knie trat, dass es wegknickte und Matt stürzte. 

Und nur eine Sekunde später gingen bei ihm ebenfalls die Lichter aus, als das Gewehrendstück auf seinen Hinterkopf sauste. Das letzte was er hörte war die Stimme des Glatzkopfs. 

„Das nächste Mal, wenn einer zuckt, knallt ihn ab.“

Dann vereinnahmte ihn die Dunkelheit. 

„Hello darkness, my old friend.

I‘ve come to Talk to you again.

Because a vision softly creeping,

left it seeds while I was sleeping…“

Matthew stöhnte in der Dunkelheit. Er nahm gerade genug wahr, um sich nach der Besinnungslosigkeit zu sehnen, aus welcher er allmählich heraufdämmerte. Er registrierte Schmerzen, sein Schädel pochte und seine Eingeweide glühten. Er spürte, dass seine Haare am Hinterkopf klebten, ebenso wie sein Nacken. Vermutlich beides Blut.

Da waren Männer gewesen. 

Männer, die sie gejagt hatten. 

Schlimmer noch: Männer, die sie gefangen hatten. 

Mit der Erinnerung an jene Gestalten kam auch die Erinnerung an ihre Flucht wieder. Daran, wie Clarence geschrien hatte und zu Boden gestürzt war. 

Erneut stöhnte Cassie, halb träumend und halb wach und der unbehagliche Laut galt dem sorgenvollen Gedanken an seinen Mann.  

„And the people bowed and prayed,

to the neon god they made.“ - warum dachte er an das Lied? Er kannte es, von früher - als er noch seinen Walkman besessen hatte. Lange vor dem Zeppelinabsturz. Er hatte ewig nicht mehr daran gedacht. 

„And the sign flashed out its warning,

in the words that it was forming.

Then the sign said, "The words of the prophets are written on the subway walls….“

Es dauerte noch einen Moment, da erwachte Matthews Verstand soweit, dass er begriff, sich nicht an das Lied zu erinnern sondern es zu hören. Es erfüllte den kleinen Raum der ihn umgab. Er saß auf etwas Weichem, eine gepolsterte Lehne im Rücken. 

Jetzt war es zu spät sich in die Bewusstlosigkeit zurücksinken zu lassen und doch konnte er zunächst die Augen nicht öffnen. Die Kopfschmerzen, die vorhin noch ein fernes Pochen gewesen waren, dröhnten jetzt regelrecht. 

„Fuck…“ stöhnte er, das erste Wort seit etwa dreißig Minuten und schaffte es endlich die Lider zu heben. Benommen blinzelte Matthew in die Dunkelheit die ihn umgab. Er wollte sich über das Gesicht wischen, doch er konnte nicht. 

Seine Hände waren ihm auf den Rücken gefesselt und seine Schultern taten höllisch weh. 

Vor ihm befand sich ein Metallgitter, dahinter saß einer der Männer. Er lenkte das Gefährt in dem er saß, steuerte es stoisch in die Dunkelheit.

Aber es war nicht ganz dunkel. In dem Automobil leuchteten verschiedene kleine Lämpchen und vor dem Wagen durchschnitten Lichtkegel die Finsternis. 

Mittlerweile waren Simon and Garfunkel von einer anderen Band abgelöst worden die Matthew nicht kannte, dessen Refrain der Fahrer aber leise - und unmelodisch - mitsang. 

„I was cryin' when I met you,

now I'm tryin' to forget you.

Love is a sweet misery.

I was cryin' just to get you,

now I'm dyin' 'cause I let you…“

„So geht‘s vielen mit mir. Tu mir einen Gefallen und zieh mir noch eine über, wenn du weitersingst.“

Er klang benommen, aber trotzdem bissig. Der Fahrer verstummte und drehte sich kurz halb zu ihnen um. 

„Schnauze dahinten.“ erwiderte er trocken. Seine Nase sah geschwollen aus, vielleicht war sie gebrochen. 

Das ist der Kerl, den ich mit dem Kopf getroffen hab. Hätte ich mehr Schwung holen können, hätte ich ihm vielleicht mehr als nur die Nase gebrochen.

Aber dafür war es jetzt zu spät. Matthew unterdrückte ein Seufzen, erst jetzt registrierte er Clarence neben sich. 

Er lehnte an der Seitentür und war still. Ob er bewusstlos war oder einfach schwieg, war schwer zu sagen. 

Ihn jetzt Claire oder noch privater Baby zu nennen, kam Matt im Beisein des Fremden nicht in den Sinn. 

Wenn diese Männer es nicht schon wussten, dann sollten sie besser nicht erfahren in welchem Verhältnis sie zueinander standen. 

„Clarence? Clarence bist du wach?“

„Ich hab gesagt du sollst die Schnauze halten.“, zischte der Fahrer näselnd. 

Und ausnahmsweise verstummte Matthew wirklich. Er versuchte nach draußen zu sehen, doch das Tageslicht hatte hier im Tunnel keine Macht und so glitten sie in der Finsternis dahin, beinahe geräuschlos und so geschmeidig, dass es Cassiel vorkam wie in einem Traum. 

Wie lange die Fahrt andauerte konnte er nicht sagen, doch irgendwann stoppte das Fahrzeug, wartete bei laufendem Motor und setzte sich dann ruckartig wieder in Bewegung. 

Eine Tür hatte sich in der Dunkelheit geöffnet und dahinter lag ein Raum, der eigentlich ein Hangar war - was die Tür zu einem Tor machte. 

Das Areal war schmucklos und grau, unverputzte Betonwände erstreckten sich mindestens zwanzig Meter in die Höhe. Eine Reihe Fahrzeuge standen hier, merkwürdig anmutende Maschinen deren Zweck Matthew nicht kannte.  

Licht kam aus vereinzelten Röhren an der Decke, keine Öllampen, kein Feuerschein. 

Sondern kaltes, grelles elektrisches Licht. 

Ihr Wagen hielt an und der Fahrer stieg aus, knallte die Tür zu und verschwand außer Sicht. 

„Bist du einigermaßen okay?“ - erkundigte sich Matthew bei Clarence, zu dessen Veilchen von Ryan sich nun auch noch ein großer Bluterguss auf der anderen Seite gesellt hatte.

Dreck klebte ihm im Bart und an den Wangen, aber seine Augen blickten wach und ernst - nicht gezeichnet durch etwaige Todesqualen. 

Was immerhin schon mal ein Anlass zur Freude war. 

Seine Ansprüche diesbezüglich waren seit heute Morgen drastisch gesunken. 

Die Seitentüren wurden beinah gleichzeitig aufgerissen und Männer - Fremde - zerrten sie jeweils von der Rückbank. 

„Genug geplaudert. Raus da und los geht’s.“

Unsanft stieß man sie vorwärts, in der Halle roch es nach abgestandener feuchter Luft und nach Öl. Im

Hinteren Teil befand sich eine Tür, sie war farblich mit gelb-schwarzen Streifen umrandet und ein Schild verkündete bedrohlich: 

ACHTUNG MILITÄRISCHE SPERRZONE. 

KEIN ZUTRITT FÜR UNBEFUGTE.

AUSWEISUNG ERFORDERLICH.

„Langsam , langsam Jungs. Ich glaube, ich kann mich nicht ausweisen.“, kommentierte Matthew trocken. 

„Bist ‘n Scherzkeks. Schön. Mal sehen wie lange noch.“

Die Tür öffnete sich auf unerwartete Weise, in dem sie nicht aufschwang sondern zur Seite glitt - obwohl da eigentlich gar kein Platz war. Und hinter ihr lag nicht etwa eine weitere Halle oder auch nur ein richtiger Raum. Dahinter lag eine unmöblierte Kammer in der höchstens zehn Personen Platz finden würde. 

Auf einer übersichtlichen Tafel im Innern der Kabine befanden sich Knöpfe untereinander aufgereiht. 

Sie sagten in nüchterner Manier:

 

SEKTOR  EINS - FREIGABEKLASSE 4

SEKTOR  ZWEI - FREIGABEKLASSE 3

SEKTOR DREI - FREIGABEKLASSE 3

SEKTOR VIER - FREIGABEKLASSE 2

SEKTOR FÜNF - FREIGABEKLASSE 1

 

Clarence und Matthew wurden in die Kabine geführt und einer ihrer Wärter betätigte den Knopf für SEKTOR ZWEI. 

Der Knopf leuchtete und die Tür glitt mit einem leisen Rauschen wieder aus der Wand. Matt tat einen Schritt nach hinten, dann setzte sich die Kabine plötzlich in Bewegung. Es ruckelte und das gesamte, winzige Zimmer schien zu fallen, was Cassiel ein flaues Gefühl im Magen bescherte

Die Fremden indes waren völlig unbeeindruckt davon und als sich kurz darauf die Tür wieder zur Seite schob, offenbarte sich ein Flur der so weiß und kahl war, dass das grelle, kalte Licht von den Wänden und dem Boden reflektiert wurde. Alles war so glatt und eben, dass Matthew wohl eine Hand nach den Wänden ausgesteckt hätte um sie zu berühren, wäre er nicht gefesselt gewesen. 

Die Luft hier roch nach gar nichts und war weder feucht noch trocken. Sie war kühl aber nicht modrig, frisch und gleichzeitig auch wieder nicht…

Schwarze Schrift hob sich vor ihnen zu beiden Seiten von den weißen Wänden ab und verkündete den Standort. 

Sektor zwei.  Eine einzelne schlichte Tür, war am Ende des Flurs in die Wand eingelassen. Sie hatte weder Knauf noch Klinke, auch kein Schlüsselloch oder gar Fenster. Über ihr leuchtete stoisch ein kleines rotes Licht. 

Die Tür selbst  war so nüchtern und glatt wie alles hier. 

Der Kerl, der Clarence vor sich herschob steuerte ein dunkles Kästchen zur Rechten der Tür an, legte seine Hand ausgestreckt darauf und wartete. Alles hier war vollkommen surreal und Matt zuckte leicht zusammen als eine unmenschlich klingende Stimme wenig später kommentierte:

Freigabe erteilt. Und das rote Licht über der Tür daraufhin auf Grün wechselte.


Clarence B. Sky

Längst schon hatte Clarence aufgegeben Widerstand zu leisten, nicht zuletzt deshalb, weil es so lange so angsteinflößend still neben ihm gewesen war. Die Angst um Matthew wog schon immer schwerer als die Sorge um sein eigenes Leben und wenn erst einmal offensichtlich wurde, was genau ihre größte Schwachstelle war, würde man diese skrupellos ausnutzen. Da war er sich sicher. Aber angesichts von Matthews großer Klappe wagte der Blonde wahrlich zu bezweifeln, dass man ihm irgendeine Art von Liebe für den Großkotz im Augenblick ansehen würde.

Kurz hob er den Kopf und schenkte ihm einen genervten Blick, denn ‚Einigermaßen okay’ war das allerletzte was ihm gerade einfiel, um ihre aktuelle Lage in Worte zu kleiden.

Vieles war ihm stattdessen in den letzten Minuten durch den Kopf gegangen. Zum Beispiel, dass man sie längst hätte erschießen können, wenn das der Plan gewesen wäre. Sie hatten mehrere der fremden Kämpfer umgelegt, hatten die verbliebenen angegriffen und dank Cassies Zielsicherheit hatte sogar der Kahlkopf eine beachtliche Platzwunde erlangt. Alleine einen Anführer zu verwunden war in der Welt, in der sie lebten, schon genug Grund, um einen ganzen Clan auszulöschen. Aber sie beide lebten noch und wenn seine Schlüsse stimmten, dann hatte das irgendwas zu bedeuten. Er wusste nur nicht was.

Sein Schädel dröhnte vor Schmerzen und obwohl er das Veilchen noch nicht gesehen hatte, konnte er es deutlich spüren und vernehmen, wie es sein Sichtfeld ein wenig einschränkte. Leider nicht weit genug um nicht mitzubekommen was um sie herum geschah oder um ihn in völlige Dunkelheit und zurück ins Land der Träume zu versetzen. Mittlerweile spürte er jede Schramme an seinem Körper und vor allem ließ sich seine lädierte Flanke nicht mehr länger ausblenden, die sich aber wenigstens nicht so anfühlte, als würde er gerade langsam auf dem Rücksitz des eigentümlichen Gefährts verbluten.

Vielleicht war er aber tatsächlich schon vor geraumer Zeit hier hinten gestorben, denn das würde wenigstens als einzig plausibler Grund erklären können, warum nach dem Tunnel kein New Alexandria auf sie wartete - sondern tief im Berg etwas völlig anderes, das ihn zunehmend an seinem gesunden Menschenverstand zweifeln ließ.

Woher Matthew die Kraft nahm noch immer zu diskutieren, wusste Claire nicht. Vermutlich war er wie ein Perpetuum Mobile, das seine Energien daraus gewann große Sprüche zu klopfen und das durch die Widerworte neue Lebensgeister entstehen ließ. Hätten die Kerle seinen Mann nicht schon genug vermöbelt, am liebsten hätte Clarence es in diesem Moment selbst getan und ihn angemault er solle endlich die Klappe halten. Aber selbst die fremde Kampftruppe hatte mittlerweile erkannt, dass das nur Verschwendung von wertvoller Lebenszeit war, die einem niemals jemand wieder zurückgeben würde.

Nicht annähernd war er so talentiert darin wie Cassie auf die Schnelle all die riesigen Schriften auf den gebäudehohen Wänden zu lesen und spätestens als die Tore zum grell ausgeleuchteten Gang sich nach der langen Fahrt im Tunnel öffneten, fühlte sich der Blonde so geblendet, dass es beinahe so schien, als würde der Griff des Gewehrs ein weiteres Mal auf ihn eingeschlagen werden.

Während Mo’Anns Schreibkraft auf Dinge wie Striche und Schnörkel achtete, waren es eher die Schächte und Rotorblätter, die dem Jäger auffielen. Wie die Antriebsräder eines Zeppelins zogen sie verbaut hinter Gittern ihre Kreise und auch an der Decke konnte er in regelmäßigen Abständen Einlassungen erkennen, hinter denen es auf ähnliche Weise verdächtig rauschte. Überhaupt schien Alles zu rauschen. Alles hier war karg und still und doch wieder so laut, dass es Clarence beinahe in den Ohren weh tat. Dieses Mal nicht wegen des Schlags auf seinen Kopf.

Schon seit der gespenstischen Kutschfahrt war es ihm flau im Magen und seine Übelkeit wurde nicht besser, als der metallische kleine Raum sich in Bewegung zu versetzen schien. Überhaupt spürte er heute zum ersten Mal in seinem Körper Dinge, von denen er gar nicht wusste, dass man so etwas wahrnehmen konnte und eine stille Stimme tief in ihm drin sagte ihm, dass ihm dieses Gefühl noch eine ganze Weile erhalten bleiben würde.

„Bringt die zwei in die Hygienische Verarbeitung. Ich erstatte Bericht“, erklärte der Kahlkopf derweil nüchtern, als würde er den ganzen Tag nichts anderes machen. Alleine schon der Begriff ließ Clarence widerwillig sein Gewicht rücklings gegen seinen Begleiter pressen, der ihn in gewohnter Manier vor sich her getrieben hielt und auch nun wieder mit einem gezielten Stoß dafür Sorge trug, dass sein Bündel sich nicht vor ihm auf den Boden fallen ließ.

„Beweg dich oder du machst wieder Bekanntschaft mit dem Strom. Scheint dir ja gut gefallen zu haben, wenn du es schon wieder darauf anlegst.“

„Die Bekanntschaft mit deiner Mutter letzte Nacht hat mir gefallen!“, keifte er giftig zurück, in einem kurzen Anflug von eben jener Großmauligkeit, die sonst nur seinem Mann zu Eigen war.

Mit einem klackenden Surren ließ der Angreifer seinen Arm am Körper nach unten schnellen, woraufhin aus einem einfachen Griffstück ein ganzer Schlagstab zu erwachen schien. Was auch immer er an dem Gerät betätigte, für wenige Sekunden konnte er das gleiche Bitzeln vernehmen das ihn schon im Wald zu Boden gebracht hatte und so sehr Claire seine Freiheit auch liebte, so wenig verspürte er den Bedarf ein weiteres Mal Bekanntschaft mit einem der fremden Folterinstrumente zu machen.

Zu ihrer Linken zogen sich weiterhin die grellen Wände bis zu den Lüftungsschächten an der Decke empor, während im sich vor ihnen erstreckenden Flur die Wände zu ihrer Rechten längst von durchgehenden Glasfronten abgelöst waren, die sich in kleinere Räume unterteilten - und kein einziger davon gefiel Clarence.

DESINFEKTION UND VERBRENNUNG 4 erstreckte sich in dicken, schwarzen Buchstaben über einer in der Glasfront eingelassenen Tür, die sich vor ihnen zu beiden Seiten hin trennte, um sie hindurch zu lassen. Zumindest machte letzteres den Anschein, denn nachdem der zweite Soldat Cassie vor sich her durch den Durchgang getrieben hatte, verschloss sich die Pforte augenblicklich vor seiner Nase.

„Wir gehen weiter.“

„Matthew! - Einen Scheiß werden wir. - MATTHEW!“, wie verdammt dick war dieses verfluchte Glas, dass es nicht mal annähernd einen Millimeter nachgab, als er sich dagegen warf?!

Ein weiteres Mal versuchte er den Durchgang zu seinem Mann zu durchbrechen und spürte dabei eben jene Panik wieder in sich aufkeimen, die ihn auch vorhin im Wald schon übermannt hatte. Clarence kannte diese Form von Angst - und zwar nicht die vor dem Unbekannten, sondern davor, dass das hier womöglich die letzten Sekunden waren, die sie einander lebendig zu Gesicht bekamen.

Unruhig und auf der Suche nach einer Schwachstelle glitten seine Augen über die gläserne Front hinweg und schließlich, nachdem er keine gefunden hatte, durch sie hindurch. Metallisches Silbergrau zierte den kleinen Saal von der Decke bis zum Boden, während in der Mitte ein kleiner Tisch eingelassen war und an den Wänden allerlei Halterungen mit Dingen angebracht waren. Unweigerlich dachte er an die große Metalltonne, in denen sie früher nach dem Schlachten Schweine und Hühner abgebrüht hatten als er noch ein Kind gewesen war und abermals überkam ihn jene Übelkeit, die schon seit Beginn von ihm Besitz ergriffen hatte.

Wehe du lässt dich von denen umbringen, hörst du?!

„Es reicht jetzt! Ich sagte, wir gehen weiter!“, um seine Ungeduld zu unterstreichen, war es schließlich doch der Stock, den sein Wächter ihn spüren ließ und mit einem gezielten Hieb in die Kniekehle brachte er Clarence zu Fall. Die Spitze seines Stabes presste er ihm schließlich gegen die Brust, woraufhin er abermals das leise Surren erklingen ließ, welches jedoch im Gegensatz zur Schusswaffe zuvor nur einen kurzen, punktuellen Reiz setzte. Trotzdem reichte der Schmerz aus, um den Blonden wieder auf den traurigen Boden ihrer aktuellen Tatsachen zu befördern.

Zittrig presste Clarence die Zähne aufeinander und nach einer erneuten Aufforderung sich endlich in Bewegung zu setzen, schaffte er es irgendwie wieder auf die Beine, dabei halb gegen die Glasfront neben sich gelehnt. Wenn das hier wirklich ihr Ende sein sollte, dann hätte es ihm besser gefallen, sie wären schon vor Monaten beim Absturz des Zeppelins gestorben - da hätten sie wenigstens zusammen den Löffel abgegeben anstatt jeder für sich alleine zu krepieren.

Mit verbissenem Gesichtsausdruck kämpfte der Hüne dagegen an einen letzten Blick zu seinem Mann zu werfen und fand sich wenige Augenblicke später in DESINFEKTION UND VERBRENNUNG 2 wieder, wobei der einzige Unterschied die Nummerierung an der gläsernen Tür zu sein schien. Im Grunde roch es hier fast noch weniger nach Nichts wie auf den Fluren vorher und gefühlt konnte Clarence nicht mal einen einzigen Krümel Staub in irgendeiner Ecke erkennen. Viel Zeit blieb ihm jedoch nicht um sich unbedeutende Details oder Auffälligkeiten einzuprägen, denn ehe er es sich versah, war er mit dem Gesicht zu einer der Wände hin gerichtet worden, während sein Wächter schon mit einer Hand einen Haken vor ihm aus der Wand zog, der nur Augenblicke später schon eine Art eisernen Gütel um seine Taille formte, der ihn kurzleinig an Ort und Stelle fixierte.

„Ausziehen“, vernahm er hinter sich die grobe Forderung. Metallische Kälte legte sich an seine Hände, welche sich kurz darauf als scharfes Werkzeug offenbarte, mit dem man die Fesseln an seinen Händen durchschnitt. Aus purer Gewohnheit heraus suchte er nach irgendetwas greifbarem das man zu einer Waffe umfunktionieren konnte nachdem man ihn schon im Wald all seiner Messer beraubt hatte, doch das einzige, was ihm ins Auge fiel, war eine beschriftete Platte neben sich an der Wand, wobei er auf die Schnelle kaum etwas von all den komplizierten Worten entziffern konnte:

 

ARBEITSANWEISUNG DESINFEKTION UND VERBRENNUNG

Geltungsbereich: Aufbereitungsraum für Hygienische Verarbeitung

Zuständigkeit: Außendienst, Gesundheitspersonal, Militärische Einheiten

Ziel: Korrekte Durchführung der Desinfektion und Sterilisation zur Vermeidung von Epidemien

Arbeitsmaterial: Magmar V3 24 B, Bearbeitungsschein D34 Vers. 13.3.1, Drucker, Destilliertes Wasser, Desinfektionslösung Amoxolyd, Wiederverschließbarer Sterilbeutel, Fontänenhelix

Durchführung: Humanes Desinfektionsobjekt entkleiden. Textile Gegenstände mit Kontakt zu potentiell infektiösen Körperflüssigkeiten im Magmar V3 24 B der Verbrennung zuführen. Saubere textile Gegenstände und Objekte anderer Klassifizierung in den vorbereiteten wiederverschließbaren Sterilbeuteln platzieren. Die Mischanlage einschalten, um dreiprozentige Amoxolyd-Lösung herzustellen. Universalprogramm wählen (über den Knopf PROGRAMM). Start drücken. Humanes Desinfektionsobjekt mit Fontänenhelix gleichmäßig bearbeiten. Bei Wunden den Vorgang regional wiederholen, Kontakt zur Desinfektionslösung mindestens 5 Sekunden aufrecht erhalten. Nach Reinigung Sichtprüfung auf weiterhin bestehende Verschmutzungen. Vorgang gegebenenfalls wiederholen. Desinfektion von humanen Objekten nicht öfter als drei Mal hintereinander durchführen, gegebenenfalls Gesundheitspersonal kontaktieren (Code 53224). Die Mischanlage nach erfolgter Desinfektion ausschalten. 

Nach erfolgreicher Desinfektion: Bearbeitungsschein D34 ausfüllen und zusammen mit Chargenkontrollblatt bei anschließender medizinischer Kontrolle einreichen.

Bei technischen Problemen wenden Sie sich an den Kundendienst für hygienische Verarbeitung (Code: 84209).

Vielen Dank für ihre Mitarbeit.

 

„Was stimmt nicht mit euch Typen, mh?“ - Seine Schultern taten von der plötzlichen Bewegungsfreiheit fast mehr weh als von der andauernden Fixierung selbst und während Clarence sich mit schmerzverzerrten Gesicht die Handgelenke rieb, hörte er die Anweisung des Fremden nochmals hinter seinem Rücken tönen. Schneidend, fordernd. Es war ein einzelnes Wort, dieses Ausziehen, das ohne Kontext einen derart widerlichen Beigeschmack hatte, dass Clarence augenblicklich an seinen Mann denken musste und sich ruckartig in seine Fixierung warf, um irgendwie an seinen Häscher zu gelangen - ohne Erfolg, dafür aber mit unheimlichen Schmerzen, die ihm durch die Magengrube schossen.


Matthew C. Sky

In den nackten Gängen herrschte eine gespenstische Stille, in der nur ihre Schritte und ein leises, konstantes Surren tönte. 

Hinter den gläsernen Fronten lagen kahle Räume, mit metallischen Wändern und unbekannten Geräten. 

Es gab nur die Farbe Weiß und Stahlgrau. Keine Grünpflanzen, keine Fenster, keinerlei Zierrat. Dieser Ort war für einen einzigen Zweck erschaffen worden. Und welcher auch immer das sein sollte, Cassiel wollte es am Liebsten nicht mehr erfahren. 

Matthew unternahm einen Versuch sich zu Clarence umzudrehen, wurde jedoch heftig weitergestoßen. 

„Sachte, sachte. Ich geh ja schon.“ -„Augen nach vorne.“, konterte sein Wächter stoisch und nur wenige Schritte später lenkte der Fremde ihn nach rechts. Eine gläserne Tür öffnete sich nach beiden Seiten für sie und sie gingen hindurch. Matthew zuerst, weshalb er später als Clarence registrierte, dass dieser ihm nicht folgte. Als es ihm dämmerte war es bereits zu spät, die Tür war bereits wieder verschlossen und das was draußen im Gang geschah zwar sichtbar - aber er hörte hier drinnen keinen Ton. 

Trotzdem warf sich Matthew herum und zwar so heftig, dass er seine Wache kurz ins Straucheln brachte .

„Clarence! Nein, nein, NEIN! Wo bringt ihr ihn hin?!“ mit voller Wucht rammte Cassiel das Glas, während er hilflos mit ansehen musste wie sein Mann auf dem Flur niedergestreckt wurde. „Ihr verdammten Schweine! Lasst ihn in Ruhe!“ - der Mann, der ihn hierher gebracht hatte, riss ihn an der Schulter herum und zerrte ihn von der Glasfront weg. 

„Jetzt beruhig dich, hör mit der Scheiße auf!“ 

„Fass mich nicht an!“ - keifte Matthew so laut, dass seine Stimme von den Wänden hallte. Hass und unbändige Rage ließ seine Augen funkeln und im Moment sah er mehr aus wie ein gefährliches Tier, denn wie ein Mensch. Gehetzt und in die Enge getrieben ja, aber dennoch willens zu kämpfen. 

„Wohin bringt er ihn? Was macht ihr mit uns?!“ - abermals wollte er sich gegen die Scheibe werfen, doch dieses Mal versetzte der Fremde ihm mit seiner Schlagwaffe einen heftigen Hieb auf die Seite, wo man ihn heute schon öfter geschlagen hatte. Schmerz schoss seine Seite entlang, heiß und spitz. Matthew ging zu Boden, krümmte sich und gab ein abgehackt klingendes Keuchen von sich. 

Schwarze Punkte tanzten vor seinen Augen. 

„Aufstehen jetzt. Los!“, man riss ihn wieder auf die Füße und schob ihn barsch weiter in das Innere des gläsernen Raumes, wobei Matthew nach dem letzten Hieb sichtlich Schwierigkeiten hatte zu gehen. 

Ungerührt zog der Mann eine Art Haken aus der Wand, doch selbst als dieser befestigt war, war Matt nicht im Stande dazu aufrecht zu stehen. Leicht vornüber gebeugt stand er da, ehe seine Handfesseln durchtrennt wurden und das Blut zurück in seine taub gewordenen Hände strömte.

„Ausziehen jetzt. Mach schon.“ - Matt reagierte nicht, nicht aus Widersetzlichkeit, sondern weil er sicher war, nicht richtig verstanden zu haben. Er krächzte ein „Was?“ und betrachtete den Mann verwirrt. „Ich sagte: ausziehen. Alles. Klamotten runter.“ - jetzt hatte Matthew ihn verstanden und die Verwirrung in seinem Blick wandelte sich zu Ablehnung. 

„Nein. Wieso ist das nötig?“ , Panik drohte in ihm aufzuwallen, aber er zwang sie nieder. „Weil das zum Prozess gehört. Und jetzt mach.“ - Matthew schüttelte den Kopf, sein Mund war trocken und er hatte das Gefühl sich gleich übergeben zu müssen. „Jetzt pass mal schön auf, du machst, was ich dir sage oder ich schlag dir die Birne zu Brei.“ - mahnend tippte er ihm mit dem Schlagstock gegen die Schläfe, so sanft, dass es beinah wie ein Streicheln wirkte. Das Lächeln auf den Lippen des Fremden war bösartig und kalt. 

„Wärst nicht der Erste, Sportsfreund. Würd mir sogar Spaß machen. Aber dir nicht, so viel verspreche ich. Also, ein letztes Mal jetzt: zieh.dich.aus.“

Einen langen Moment starrte Matthew ihn nur an. Sein Herz schlug langsam und fest in seiner Brust, er hörte sein eigenes Blut in den Ohren rauschen. 

‚Desinfektion und Verbrennung. Desinfektion und Verbrennung.‘ ging es ihm hektisch durch den Kopf und er versuchte, sich zu beruhigen. 

‚Warum sollten sie uns desinfizieren, wenn sie uns umbringen wollen. Das macht keinen Sinn. Keinen Sinn.‘

Er schluckte. „Worauf wartest du noch?“, fragte ihn der Kerl ungeduldig und Matt schloss seine Augen. Er spürte Verzweiflung und Angst über sich hereinströmen und begriff  mit einem Mal, dass er vollkommen hilflos war. 

Vollkommen schutzlos. Und vollkommen allein. 

Langsam hob er die Hände, öffnete seinen Mantel und steifte ihn sich ungelenk über die Schultern. 

„So ist’s artig. Nicht einschlafen dabei.“ - sagte der Fremde mit seinem eisigen Grinsen. 

Aber Matthew hörte „Braver Junge, so ist’s gut. Bist ein kluger Bursche, nicht? Ich weiß, dass du das bist. Schön ausziehen. Und jetzt… komm zu mir.“ - er öffnete die Augen wieder und starrte den Typen an. Er war keiner der Freunde des guten Mannes. Und er selbst war kein kleiner Junge mehr. 

Aber das Gefühl war wie damals. 

Die Angst, die Scham, das Gefühl darum ausgeliefert zu sein. ‚Wenn er mich anfasst ist er tot. Er ist tot.‘ 

Trotzig umfassten seine Hände den Saum seines Oberteils und er zog es sich über den Kopf, wobei er auf der rechten Seite ein großflächiges Hämatom entblößte. 

Die Schläge und Hiebe hatten ein purpur-blaues Aquarell auf seiner Seite hinterlassen. Es lief bis in seine Hüfte aus, hatte das Zentrum im Bereich der Niere und Richtung Rippenbögen, wo die Verfärbung fast schon schwarz anmutete. 

Der fremde Typ stieß einen anerkennenden Pfiff aus. 

„Haben dir paar Rippen gebrochen, schätze ich. Gut so. Du und dein Freund ihr habt da draußen gute Männer getötet. Wenn ich das Sagen hätte, wärt ihr schon Wurmfutter.“

Er sprach beiläufig und Matt fragte sich, ob er meinte was er sagte. Für ihn klang es so, als seien ihm diese guten Männer scheißegal. „Jetzt mach schon. Hose, Unterhose, Socken Schuhe - alles runter!“ 

Matthew gehorchte schweigend, er würde - was auch immer kommen würde - nicht schreien, nicht betteln, nicht heulen. 

Er würde es mit Fassung tragen. Es gab nichts das ihm dieser Kerl antun konnte, was nicht andere schon getan hätten. ‚Ruhig. Ruhig Blut… Der Mann macht nur seine Arbeit.‘ Umständlich schaffte er es schließlich alle Kleidungsstücke abzulegen, woraufhin der Kerl die Sachen alle mit einer Art metallischen Greifzange in einen Container beförderte. Dann wandte er sich wieder Matthew zu und musterte ihn interessiert von Kopf bis Fuß. 

„Eins muss man euch Wilden da draußen lassen: ihr wisst, wie man überlebt.“ - „Was passiert mit Clarence?“ - „Das gleiche wie mit dir.“ -„Werdet ihr uns töten?“ - „Ist nicht meine Soldstufe, das zu entscheiden. Mein Job ist das hier.“

Er ging zu einem kleinen Terminal, tippte darauf etwas herum und trat dann zurück. Eine nicht menschliche Stimme verkündete daraufhin mit emotionsloser Freundlichkeit:

„Desinfektionsprogramm gestartet. Nicht unterbrechen. Warten, bis Programm vollständig abgeschlossen ist.“

Aus dem Boden vor Matthews Füßen fuhr ein Metallstab hervor welcher von oben bis unten mit kleinen Düsen versehen war. 

„Was zum…?“, Matthew war sicher, dass aus den Öffnungen Kugeln hageln und ihn durchlöchern würden, weshalb er anfing an der eisernen Leine zu zerren, die ihn fixiert hielt. Ohne Vorwarnung sprühten die Düsen plötzlich eine brennende Flüssigkeit auf seine nackte Haut. Cassie erschrak sich so heftig, dass er kurz aufschrie und versuchte sich wegzudrehen, doch der Stab fuhr um ihn herum, duschte ihn mit der beißenden Flüssigkeit und benetzte sogar seine Haare. Rinnsale aus Blut, Dreck, Schweiß und Desinfektionsmittel liefen in Bahnen an ihm herab und zu einem glänzendes Ausguss im Boden hin. 

Währenddessen schaltete der Fremde ein weiteres Gerät ein, woraufhin sich die Luke des Containers mit Matthews Kleidung schloss. 

Schließlich, nach etwa drei Minuten,  fuhr der Stab wieder in seine Ausgangsposition zurück und verschwand im Boden. 

„Desinfizierungsprozess abgeschlossen. Bei Bedarf wiederholen.“ verkündete die unechte Frauenstimme. 

„Denke, das reicht.“ befand der Fremde. Matthew sah verwirrt aus,  seine Haut brannte und er stank fürchterlich nach diesem Zeug. 

„Und weiter geht’s, Sportsfreund. Hände hier rein.“

Ohne Widerstand steckte Matt die Hände durch die Fesseln und ließ sich anschließend durch den Raum dirigieren, bis sich dahinter eine weitere Glastür geräuschlos öffnete. 

„Geh dorthin. Auf dem Boden ist ne Markierung. Dort bleibst du stehen, bis der Doc kommt. Wenn du dich auch nur einen Millimeter davon wegbewegst oder was dummes versuchst, verpass ich dir ne Kugel in den Hinterkopf.“

Matthew bewegte sich argwöhnisch zu besagter Markierung, er fröstelte und die Flüssigkeit brannte unangenehm auf seiner Haut. Seine Augen huschten in dem gläsernen Kasten hin und her, doch bis auf eine Art Bahre war in dem Zimmer nichts. Nur glänzender Stahl und das kalte, künstliche Licht.

Es dauerte fast vierzig Minuten, bis sich die Tür in dem neuen Raum öffnete und eine Frau eintrat. Ihr Gesicht war zur Hälfte mit einer Maske bedeckt. Ihre Augen über der Maske waren hellbraun und sie warf sowohl dem Mann in der Ecke als auch Matthew nur einen geschäftsmäßigen Blick zu. 

Sie stellte sich nicht vor, sondern wandte sich zügig dem nackten jungen Mann zu, dessen Haltung auf nicht unerhebliche Schmerzen schließen ließ. 

Schweigsam musterte sie Matthew nun, studierte ihn wie ein Kind ein interessantes Insekt in einem Glas studieren mochte.

Auf einer dünnen, elektronischen Tafel kritzelten sie herum.

Dann legte sie das Tablet kurz weg und näherte sich ihm unangenehm dicht. 

„Das wird kurz wehtun.“, kündigte sie an und tastete über das Hämatom, woraufhin Matthew zischend wegzuckte. Etwas, dass sie mitleidlos zur Kenntnis nahm. Dann fasste sie ihre Beobachtung geschäftsmäßig in Worte:

„Vermute Rippenserienfraktur, rechtsseitig. Betroffene Rippen zehn bis zwölf.  Leber- und Nierenpunktion nicht ausgeschlossen. Zur weiterführenden Diagnostik vorbereiten.“

Sie sprach in ein kleines Gerät, ihre Aufmerksamkeit hielt sie strikt auf die Verletzung gerichtet. Mit Argusaugen umkreiste sie ihn, langte erneut nach ihrem elektronischen Brett und tippte eilig herum. Mit den Fingerspitzen teilte sie ungefragt das Haar an Matthews Hinterkopf, dann sprach sie wieder:

„Lazeration des Hinterkopfs, etwa fünf Zentimeter. Wundränder offen. Kleinere Schnitt- und Schürfwunden an den Armen. Sowie eine klaffende Wunde an der linken Augenbraue. Subjekt stabil. Jedoch Abklärung erforderlich.“

Jetzt trat sie wieder ein Stück zurück, umrundete ihn nochmals und sah ihm schlussendlich in die Augen. 

Matthew fühlte sich unbehaglich und mulmig, seine Nacktheit ließ ihn sich zusätzlich ausgeliefert fühlen.

„Ich verabreiche Ihnen nun ein Mittel zur Beruhigung.“ - 

„Nein! Nein, ich bin ruhig.“ - „Ich fürchte, die Verabreichung ist nicht Gegenstand einer Verhandlung.“ - „Ich brauche das nicht! Ich kooperiere, gehen Sie weg!“ - zornig funkelte er sie an - wodurch seine Kooperationsfreudigkeit durchaus angezweifelt werden durfte. 

Hinter ihm ertönte ein metallisches Klicken als sein Wärter seine Waffe hob und entsicherte. 

„Mach weiter so und dein Hirn verlässt deinen Schädel durch die Stirn.“ - zischte er, woraufhin die Frau ihren Blick kurz von Matthew weg und gen Mann in der Ecke lenkte. Aber sie kommentierte sein Vorgehen nicht. Statt jedoch ebenso forsch zu reagieren, versuchte sie es nochmals in Ruhe: 

„Wir müssen uns ein Bild von Ihren Verletzungen machen. Dazu ist es nötig, Sie ruhig zu stellen. Sie können kooperieren oder es uns - und Ihnen schwer machen. Das Ergebnis ist das selbe.“

„Nein, ich will erst wissen wo mein Partner ist.“, jetzt seufzte sie. 

„Der wird untersucht, wie Sie.“ - abwägend trat Matthew von einem Bein auf das andere. Der Mann hinter ihm zielte noch immer auf seinen Kopf. Es gab keine Möglichkeit der Flucht und er wollte Clarence wiedersehen. Mehr noch als alles andere. „Okay. Okay. Was muss ich tun?“

Wie sich zeigte: nicht viel. Sich lediglich auf die Metallpritsche an der stählernen Wand des kahlen Raumes legen, den Arm ausstrecken und sich mit Hilfe einer Nadel ein Mittel verabreichen lassen. 

Und kaum so geschehen, dämmerte der junge Mann weg. Er blinzelte noch ein paar mal und erkundigte sich abermals nach Clarence, wobei seine Stimme zunehmend verwaschen klang. Die Antwort der Ärztin, wenn es denn eine gab, nahm er nicht mehr wahr.  Dann umfing ihn abermals Schwärze. 

Hello darkness, my old friend…


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