Highway
25. März 2211
Falconry Gardens lag erst einen halben Tagesmarsch hinter ihnen und trotzdem waren die Zeichen der Zivilisation längst hinter Matthew und Clarence zurückgeblieben.
Sie hatten den kahlen Scheitelpunkt des Grey Eagle hinter sich gelassen und aus den Krüppelkiefern mit ihren knorrigen, deformierten Ästen war ein dichter Mischwald geworden, der durchzogen wurde von dem, was die Alten damals wohl einen Highway genannt hatten - obwohl diese Straße dem Anschein nach überhaupt nicht nach oben führte.
In den grünen Baumwipfeln zwitscherten diverse Vogelarten und im Dickicht verbargen sich Schweine und Rehwild - manche davon Muties, die meisten jedoch auffallend normal.
Dass sich die Welt weiterbewegt hatte spürte man an manchen Orten mehr als an anderen - und hier, im Dunstkreis der Stadt die hinter ihnen lag, spürte man es kaum.
Matthew hatte seinen Bogen, schräg über die Schultern gelegt und trank im Gehen einen Schluck Wasser aus seiner Flasche. Die Waffe samt Köcher und Pfeilen hatte er in Falconry fertigen lassen und anders als das Stück welches er von Le Rouge beansprucht hatte, war dieses Exemplar kleiner und leichter. Es bestand aus schwarz geöltem Osage Orange Holz, der Köcher und die Pfeile waren ebenso schwarz gefärbt sodass das Ensemble in seiner Gänze eine schlichte Eleganz aufwies, die die Tödlichkeit der Waffe noch unterstrich.
Nur wenige Schnitzereien verzierten Bogen und Köcher - die Antithese zu dem Set des legendären Rouge.
„Ich frage mich ernsthaft ob das Haus noch steht , wenn wir zurück sind.“ - nach der Eskalation vor zwei Tagen war diese Frage berechtigt, immerhin hatten Clarence und Mo‘Ann einen heftigen Streit gehabt der darin eskaliert war, dass sich der Blonde zum grübeln und runterkommen in einer der Bierstuben hatte betrinken wollen. Beziehungsweise sich betrunken hatte. Denn an dem Erfolg des Unterfangens gab es keinen Zweifel, wie der Bluterguss auf Clarence‘ Wange eindrücklich bewies, wo ihm Ryan oder einer seiner Freunde, einen Faustschlag verpasst hatte.
Der ganze Abend war ein waschechtes Fiasko geworden und auch wenn Ryan am Ende schlechter ausgesehen hatte als Clarence, konnte Matthew nicht zweifelsfrei feststellen wem die Prügelei letztlich mehr geschadet hatte.
Die Fronten zwischen Mo’Ann, den Günstlingen von Nathans Tochter und ihnen waren jedenfalls seither verhärtet.
„Du hättest sie umbringen sollen. Mo‘Ann meine ich, nicht Ryan. Dem hätte ich gern selbst die Fresse poliert. War unfair von dir, es einfach ohne mich zu machen.“
Cassiel nahm noch einen Schluck Wasser zu sich, dann verstaute er die Trinkflasche wieder am Gürtel, sodass sie lässig an seiner Seite hing.
Der Zwist, der zwischen Mo‘Ann und seinem Mann herrschte, war absehbar eskaliert, anders als der zwischen Ryan und dem Blonden. Die Witwe des gar nicht mal so großen Geist hatte auch in den letzten Tagen nicht aufgehört sie immer weiter hinzuhalten. Sie hatte, so schien es, kein wirkliches Interesse daran Clarence mehr Informationen über seine Kinder zu geben. Ihre subtilen Drohgebärden und die immer lauter werdende Forderung danach, der Blonde solle endlich sichtbar nach der Macht innerhalb des Clans greifen, hatten schließlich eben jene Eskalation herbeigeführt, die auch die Prügelei mit Ryan begünstigt hatte.
Und bei beiden Ereignissen war Matthew nicht zugegen gewesen. Etwas, dass er schmerzlich bedauerte.
Doch seine Abwesenheit hatte triftige Gründe gehabt. Die süßen Früchte seiner Arbeit waren vielleicht eher herb als süß, bedachte man doch wohin sie unterwegs waren - nämlich zum Gefängnis von Harper und Cordelia, so es sie denn wirklich wieder gab. Dieses große Vielleicht schwebte über ihnen wie ein Falke über seiner Beute.
Lilli Chambers, war Kurierreiterin im Triangel zwischen Falconry Gardens, Citadel Pass und New Alexandria und brachte im Rhythmus von ungefähr drei Wochen Post aus den beiden Städten nach Falconry, beziehungsweise nahm sie von dort mit um sie zu verteilen. Und neben dieser entscheidenden Tätigkeit gab es noch einen weiteren entscheidenden Fakt: Matthew hatte ihr auf seine ihm ureigene Art den Kopf verdreht. Sie hatte den Jahreswechsel in Falconry verbracht und hatte den Dunkelhaarigen dort zum ersten Mal gesehen, als er sich hinter ihr in der Schlange eingereiht hatte um Honig zu kaufen. Sie waren ins Gespräch gekommen und das war auch schon der ganze Zauber ihres Kennenlernens. Ein wenig Geplänkel hier und da, ein zufälliges Treffen in der Postmeisterei und ein paar nette Gespräche später kannte er ihre Route, den Namen ihrer Mutter und ihres Bruders, wusste um die Liebe zu ihrem Pferd - es hieß Dandelion in Anlehnung an ihren eigenen Namen - und wusste ebenso, dass sie ihren Kollegen Stanley nicht ausstehen konnte. Weil der nämlich ihre Routen klaute, aber nur die kurzen und selbst für die musste er noch Abkürzungen kennen, die er aber seinen Kollegen nicht verriet.
Bei ihrem letzten Treffen, als Lilli wieder einmal über Stanley gewettert hatte, hatte Matthew gefragt welche Route der Typ ihr immer wieder wegschnappte - und ihre Antwort war erstaunlich gewesen
„New Alexandria- würde mich wundern, wenn du davon schon mal gehört hättest. Ist eigentlich gar keine richtige Stadt, aber wir müssen trotzdem regelmäßig dorthin, ist ne Order vom Boss.“ - soweit so gewöhnlich, doch irgendwas war Matthew komisch erschienen, weshalb er sich erkundigt hatte ob viel Briefverkehr dort zugestellt oder abgeholt wurde.
Die Antwort der Braunhaarigen war sogar noch verblüffender gewesen als die davor.
„Ja, viele wenn man bedenkt, dass da nur paar Dutzend Bauern leben. Wie gesagt, ist eigentlich gar keine richtige Stadt.“
Das fand Matthew noch bemerkenswerter und so hatte er besagten Kollegen, Stanley, vor zwei Tagen abgepasst. Der Kerl hatte nicht so gern mit Matthew geredet wie es Lilli tat, aber letztlich hatte er es doch getan - und er würde Lilli ziemlich sicher keine ihrer Routen mehr stehlen, auch nicht die kurzen.
Den Grey Eagle im Rücken wandten sie sich schließlich nach Westen und folgten der verkümmerten Straße der Alten die sich durch den Wald zog. Wobei Matthew bezweifelte, dass der Wald zu Zeiten der Altvorderen schon hier gewesen war.
Der feste Bodenbelag war an vielen Stellen rissig und bröckelig. Weitestgehend war er von Grünzeug überwuchert - doch hier und da konnte er noch das verwitterte und freudlose Grau erkennen welches typisch für die befestigten Wege ihrer Vorfahren war.
„Halt die Augen offen, Sonnenschein, der Typ hat gemeint die Ruine die wir suchen ist ziemlich eingewachsen und kann leicht übersehen werden. Wenn wir die verpassen, dann würden wir ziemlich blöd dastehen.“
Das war noch untertrieben - aber Matthew wollte nicht noch Wasser auf die trübsinnsgeplagten Mühlen gießen, die die Gedanken des Blonden darstellten.
„Such nach dem Zeichen für Möwe. Er meinte das Gebäude das wir suchen hat es auf dem Dach.“ er malte mit dem Zeigefinger einen doppelten Bogen in die Luft um das Symbol zu verdeutlichen nach dem Clarence Ausschau halten sollte.
Teils überdacht von dicht verwachsenen Bäumen, Gestrüpp und Sträuchern, mochte man gar nicht so recht glauben, dass sie schon den halben Tag lang auf den Pfaden der Alten wandelten. Selbst die Sonnenstrahlen des weiterhin herannahenden Frühlings fanden nur spärlich bis auf das triste Grau ihres verwilderten Wanderwegs hinab, der vor unzähligen Jahren noch für Fortbewegungsmittel gedient hatte, welche ihre Vorfahren als Automobile bezeichnet hatten.
Das schnellste, was ihre Zeit zu bieten hatte, waren Pferde oder Zeppeline - und von letzteren würden sie wohl beide vorerst einiges an Abstand halten, wobei Auch Pferde einer möglichst geheimen Mission sicher keinen Gefallen getan hätten. Mal ganz abgesehen davon, dass der Blonde seit Jahren nicht mehr geritten war und sich sowieso besser zu Fuß fortzubewegen verstand als mit künstlichen Hilfsmitteln.
Schon einige Stunden waren sie beide unterwegs und beinahe war es, als wäre zwischen ihrer gemeinsamen Reise damals und ihrer Wanderung heute kaum mehr als ein paar Tage vergangen. Matthew sah mit seinem neuen Bogen so schneidig aus wie immer und den Jäger wunderte es kaum, dass er sich damals früher oder später hatte in diesen Typen verlieben müssen. Das einzige, was sich zu ihrem Fußmarsch von vor zwei Jahren unterschied, war das fehlende Blechgeschirr und, dass der Blonde heute diskussionslos mit Stiefeln an den Füßen unterwegs war anstatt barfuß neben dem Jüngeren her zu laufen.
„Ich will schwer für diese Flachpfeife hoffen, dass es noch steht“, knüpfte er an die Zweifel seines Mannes an und verzog dabei das Gesicht, fast so als müsse er sich mit einem Ziehen in der Wange in Erinnerung rufen, dass sein Hämatom noch deutlich zu sehen war. Was vor zwei Tagen als fast verrutschtes Veilchen begonnen hatte, war mittlerweile dunkelblau geworden und ihm halb hinab in den Bart gewandert; ein Anblick, der seinem Mann durchaus bekannt war, immerhin waren stille Wasser tief und sein Hang zu gepflegten Prügeleien nicht weniger offensichtlich wie seine Vorliebe zum Sammeln von Kräutern.
Die Abreibung, die Ryan sich spät abends in der Stadt kassiert hatte, war mehr als verdient gewesen und durchaus überfällig. Um ehrlich zu sein hatte Claire fast schon darauf gewartet einen guten Moment abzupassen um ihn endlich in die Schranken zu weisen, immerhin gab es dafür mittlerweile mehr als genug Gründe. Dass er sich aber ausgerechnet jenen Abend hatte aussuchen müssen, an dem sich der Ältere abermals mit Mo‘Ann verkracht hatte, war seine eigene Schuld gewesen und dementsprechend sah Ryan auch aus. Den Trottel hatte es weit schlimmer erwischt als Clarence und auch wenn sein Mann bereits angedeutet hatte, dass die Schlägerei negativ auf ihn würde zurückfallen können, war ihm das noch immer lieber als den Kerl weiterhin tun zu lassen, was auch immer er wollte.
„Wenn nicht, hab ich endlich einen Grund ihn aus der Stadt zu entfernen. Erst ihn - und dann Mo‘Ann. Soll sie mir von unter der Erde dabei zusehen, wie ich ihre Tochter aus dem Clan schmeiße. Vielleicht hab ich auch genug Elan um das Loch tief genug für alle zu graben, dann landet Odette da gleich auch noch drin.“ - Tatsächlich war ihm mittlerweile so einiges egal, vor allem seitdem die Mutter dieser Zecke sich noch immer derart vehement dagegen verweigerte ihm zu offenbaren wo seine Kinder vermeintlich festgehalten, untersucht oder wasauchimmer wurden. Außer ihrem typischen Blabla hatte die Alte keine neue Schallplatte anzubieten die sie ihm vorspielen konnte und mittlerweile ertrug Clarence das altbekannte Geleier dieser Person auch nicht mehr.
Auffordernd nickte er die verwachsene Straße entlang, an der sie irgendwo die Ruine mit der Möwe finden sollten, die früher ein Gasthaus der Alten gewesen war, an der man für ein schnelles Mahl Einkehr hielt. Dergleichen hatten ihre schnelllebigen Vorfahren zuhauf besessen und nicht selten stellte sich Clarence die Frage, wie es den Menschen früher überhaupt möglich gewesen war die schönen Dinge des Lebens zu genießen, wenn man sich für nichts Zeit genommen hatte. Wenn eine Reise von einer Seite der ihnen bekannten Erde auf die andere beinahe schneller vonstatten ging als ihr Tagesmarsch gen New Alexandria, wann hielten sie dann inne um die Dinge um sich herum zu genießen? Um die Schönheit von Gottes Schöpfung zu bestaunen oder einfach nur um selbst dabei zur Ruhe zu finden?
„Ich hatte die letzten zwei Tagen mit so vielen irren Vögeln zu tun, da werd ich eine Möwe wohl auch noch erkennen, wenn ich sie sehe. Komm lieber und erzähl mir nochmal, was Stanley dir zu den Bauern erzählt hat. Vielleicht fällt dir noch was ein, was du mir noch nicht erzählt hast“, forderte er seinen schneidigen Waldläufer auf, wobei er eher bezweifelte, dass Cassie tatsächlich noch etwas Neues einfiel - denn dafür hatte der Blonde ihn die Geschichte schon zu oft wiederholen lassen. In den Fotografien mit seinen Mädchen hatten sie jedenfalls keine Details von Bauern oder Feldern erkennen können die darauf hätten hinweisen können, dass sich die Bilder mit den Erzählungen des Postkuriers deckten.
Mit Clarence war es in den letzten Tagen nach folgendem Muster verlaufen: jedes Gespräch, egal welchen Themas, mündete früher oder später in Todesdrohungen gen Mo‘Ann, Odette und Ryan. Der Blonde war, ob nun berechtigt oder nicht, nicht mehr im Stande dazu klar zu denken. Denn hätte er klar gedacht , dann hätte er sich nie von Ryan provozieren lassen, ganz egal was diese Hohlbirne auch sagte.
Seinem Ansehen als möglicher neuer Anführer, der mit Kompetenz Eidtreue und Traditionen durchsetzte, waren Eigenschaften wie Hitzköpfigkeit und eine kurze Zündschnur nicht dienlich.
Gar nicht dienlich.
Aber, so dachte Matthew auch jetzt wieder bei sich, so wie er es schon häufiger in den letzten zwei Tagen gedacht hatte, manchmal musste man Dinge einfach tun, selbst wenn man wusste es war falsch. Manchmal waren die falschen Dinge nämlich auch irgendwie die richtigen.
„Und wenn du sie „aus der Stadt entfernt“ hast, dann können wir uns auch aus der Stadt entfernen bevor wir gelyncht werden.“ - er erwartete nicht wirklich, dass sein Mann aktuell für Logik empfänglich war. In seinem Kopf beherrschten ihn vermutlich nur zwei Fragen. Die erste lautete: „Leben meine Kinder, die tot waren, auf wundersame Weise wieder?“ und die zweite: „Leiden sie, dort wo sie sind?“ - Matthew glaubte, dass dies die Dinge waren die den Blonden gerade wirklich beschäftigten und sollte die Antwort auf die erste Frage Ja sein, so musste die Antwort auf die zweite Frage umso dringlicher geklärt werden und duldete keinen Aufschub.
Deshalb waren sie auch unterwegs. Die Hinweise die Matthew in den letzten Wochen gesammelt hatte, waren noch kein Beweis für irgendwas - aber nach der jüngsten Eskalation waren sie zu dem Schluss gekommen, dass sie nachsehen mussten ob seine Ermittlungen sie überhaupt in die richtige Richtung lenkten. In eben jenem kleinen New Alexandria wo es so viel Schriftverkehr gab, wie man es einer so kleinen Gemeinde eigentlich nicht zutrauen würde.
Matthew musterte seinen Ehemann einen Moment lang mit einer Mischung aus Nachsicht und Besorgnis im Blick.
Rouge hatte ihn eine Menge vergiftete Scheiße gelehrt aber zwischen alledem gab es auch vieles, das Matthew als wahrhaftig erachtete.
„Vor langen Tagen, als die Welt noch rauer und böswilliger war, bevor die Welt sich weiterbewegt hat, da haben sich die Alten untereinander bekriegt wie Tiere. Geriet ein Kämpfer in Gefangenschaft bei der gegnerischen Einheit, dann haben sie ihn nicht einfach getötet. Sie haben ihn aufgestellt. Ihn an einen Pfahl oder Kreuz gebunden und ihn verstümmelt. Seine Eingeweide wie Girlanden aus seinem Bauch hängen lassen, sodass die Fliegen und Käfer ihre Eier in seinem Innersten abgelegt haben. Und so haben sie die anderen herausgelockt, jene Brüder des Todgeweihten die seine Qualen nicht mehr mitanzuhören ertragen haben. Der Todgeweihte war der Honigtopf und sie haben ihn aufgestellt als Lockmittel, die anderen hinter die feindliche Linie zu lotsen und sie dort abzuschlachten. Hüte dich, Junge, vor dem Honigtopf den man einmal für dich aufstellen wird.“
Und dieser Ratschlag war einer der Guten gewesen.
Der Honigtopf der sie beide nun herausgelockt hatte, trug die Aufschrift „Harper und Cordelia Sky“ und es war gut möglich, dass sie geradewegs in eine Falle tappten. Matthew rechnete sogar damit, aber sein Mann war gewillt das Risiko einzugehen - und weil Clarence wahrscheinlich auch allein gegangen wäre, hatte Matthew nicht dazu gedrängt länger zu warten, sondern war mit ihm gemeinsam losgezogen. Hauptsächlich, um auf ihn aufzupassen.
„Na schön, ich erzähl‘s dir gern nochmal. Hab ich ja auch erst ein halbes Duzend Mal getan.“, witzelte er ironisch und setzte sich wieder in Bewegung, wobei er sich so geschmeidig bewegte wie eine Raubkatze. Seine schwarze Kleidung unterstrich seine definierte, schlanke Statur und ließ ihn wie den Waldläufer wirken, der er war. Die dunklen Haare trug er gewohnt kurz, die Wangen waren gezeichnet von einem kurzen drei-Tage Bart, der sein verwegenes und unzweifelhaft schneidiges Äußeres unterstrich.
„Über New Alexandria gibt es keine großartig neueren Aufzeichnungen, es ist - wie man so schön sagt - ein Kaff. Aber als ich einen Blick in die Aufzeichnungen über die Aufteilung der Welt vor dem großen Knall geworfen habe, da ist mir aufgefallen, dass es mal eine Großstadt der Alten gab, die hieß Salina und die lag ziemlich genau da wo die Karten jetzt New Alexandria verzeichnen. Kann ja sein, dass es einfach bloß Zufall ist, immerhin liegen viele Dörfer heute in der Nähe von Siedlungen der Alten, aber nahe an einer richtigen Stadt? Ist eher unüblich, weißt ja… die Toten, Flüche, Dämonen, Strahlung und das ganze andere Zeug, das einem das Leben auf wundersame Weise verkürzen kann. Jedenfalls… jedenfalls erzählte mir Lilli, dass sie dort auf jeder Tour Briefe holt und hinbringt und das obwohl dort nur ein paar Bauern leben. Also frage ich sie „Von wie vielen Briefen reden wir?“ und sie sagt „Mindestens zehn, immer wenn sie die Tour hat - und öfter noch reitet sie Stanley“ - und das kommt mir doch ungewöhnlich viel vor, für ein paar Landwirte die ums Überleben kämpfen. Ich sage also: „Sind ja eifrige Schreiberlinge. Wie viele Bauern mit Sinn für Literatur und Poesie kennst du so, Lil‘?““ - daraufhin hatte sie gekichert und amüsiert den Kopf schief gelegt und ihn verzückt gemustert, etwas, das er Clarence jetzt nicht berichtete. Stattdessen erzählte er weiter:
„Sie sagte „gar keinen eigentlich“. Und ich denke mir: Bingo, Schätzchen. Davon abgesehen, denk mal an das ganze Papier! Lilli hat mir erzählt New Alexandria verschickt nicht nur Briefe nach Falconry, sondern auch in andere Städte und kleinere Gemeinden. Sagen wir also, sie hat einmal im Monat eine Tour mit zehn Briefen und zweimal im Monat hat Stanley eine Tour - mit jeweils auch zehn Briefen. Dann schreiben ein paar duzend Bauern in einem Monat mehr Briefe als Mo‘Ann und Jeyne Copper zusammen - und um das zu glauben reicht meine Fantasie einfach nicht aus.“ - er warf Clarence einen kurzen Seitenblick zu, dann widmete er seine Aufmerksamkeit wieder dem Dunst aus Grün und Gold welcher sie umgab. Das spärliche Sonnenlicht des Frühlings fiel in Streifen durch das grüne Laubdach der Bäume und Dickicht. Und keinesfalls wollte er das Haus mit der Möwe verpassen.
„Stanley meinte, in New Alexandria gibt es nicht viel. Ein paar verlassene Buden der Alten, Mais- und Getreidefelder, ein bisschen Viehzucht. Aber alles in allem leben da vielleicht dreißig bis vierzig Bauern. Und an denen kam ihm nie was verdächtig vor.“, nun zuckte er die Schultern als wolle er sagen wie-dem-auch-sei.
„Im schlechtesten Fall verrennen wir uns total, kommen dorthin und stellen fest es ist alles koscher und man unterhält einfach ein paar nette Brieffreundschaften. Aber wenn du mich fragst ist dort irgendwas im Gange. Zu viele Ungereimtheiten…zu viel Tamtam um dieses Kaff. Du hättest den Typen sehen sollen als ich ihn gefragt habe warum er diese Tour öfter reitet als die anderen… sein Grinsen war…wissend. Keine Ahnung wie ich es anders beschreiben soll. Ich denke, wir sind auf der richtigen Spur und wir sollten aufpassen, dass man uns nicht die Lichter ausknipst.“
Schon den ganzen Tag musste er sich die stichelnden Kommentare seines Mannes anhören und wo andere zweifelsohne bereits von Matthew genervt wären, da kannte der Blonde es gar nicht anders. Schon zu Zeiten lange vor Coral Valley hatte der Jüngere dazu geneigt zu Plappern, ihm im Angesicht schlechtester Laune trotzdem ein Ohr abzukauen und auf seine eigenen Worte spitz zu reagieren - manchmal einfach nur um Clarence eine negative Reaktion abzuverlangen, bevor er dem Taugenichts noch eine Stunde weiter beim Marsch anschwieg.
Ein Jahr und unzählige Liebesbekundungen später, war das lose Mundwerk des Waldläufers für den Hünen deutlich besser zu ertragen als damals. Das machte zwar nicht wieder wett, dass er eigentlich alleine hatte losgehen wollen um sich etwaige Einwände seines Mannes und dessen gesunden Menschenverstand zu ersparen. Aber selbst Clarence sah ein, dass es vernünftiger war diese Mission zu zwei anzutreten statt alleine.
Nachdenklich drehte er den Griff seiner Axt in der Hand, die schon so manches Unterholz auf früheren Reisen für sie freigeräumt oder den ein oder anderen Schädel gespalten hatte. Wie zu erwarten war die Route bislang allerdings recht gut passierbar gewesen, was dafür sprach, dass hier tatsächlich ein Kurierreiter problemlos seinen Weg von A nach B fand und Stanley nicht gelogen hatte. Nicht unbedingt, jedenfalls.
„Was für andere Städte und kleinere Gemeinden meinte Lil‘ eigentlich, mh? Hat sie das erwähnt?“, fiel Claire dem Jüngeren zwischendurch ins Wort, als ihm auffiel, dass er danach bislang nie gefragt hatte. Dass ihm dabei die Abkürzung ihres Namens mit einer ganz besonderen Betonung über die Lippen ging, war kein Zufall; er kannte seinen Mann immerhin und er wusste, was für ein Schwerenöter Cassie sein konnte. Der Schürzenjäger, der der Söldner einst gewesen war, mochte er zwar schon lange nicht mehr sein. Aber das bedeutete im Umkehrschluss nicht, dass er damit aufhören würde armen unschuldigen Frauenzimmern die Köpfe zu verdrehen, wenn er sich dadurch irgendwelche Vorteile erschleichen konnte. Und herauszufinden wo Harper und Cordelia sich befanden, war ein verdammt großer Vorteil.
Obwohl er diese Lilli noch nie getroffen hatte, tat ihm das arme Ding irgendwie leid, das sich sicher schon die ein oder andere Hoffnung auf ein Küsschen von ihrem schönen, dunkelhaarigen Charmeur gemacht hatte. Er selbst hatte sich damals jedenfalls unheimlich selbst leid getan, als seine eigenen Hoffnungen und Versuche über lange Zeit hinweg immer wieder abgewiesen worden waren. Mittlerweile kannte er beide Seiten, sowohl die abgeblitzte wie auch die erfolgreiche Wenn es darum ging den schönen Matthew Sky, geborener Reed, ins Bett zu bekommen und wo manch anderer vielleicht eifersüchtig geworden wäre um eine derart sympathische Kurierreiterin an der Seite seines Mannes, empfand Claire hauptsächlich eins: Mitleid.
„Haben wir schon darüber nachgedacht, ob die drei Duzend Bauern aus New Alexandria vielleicht einfach nur einen regen Handel mit Saatgut betreiben, wenn die Briefe nicht nur an Falconry gehen? Vielleicht lehne ich mich mit dem Gedanken weit aus dem Fenster, aber ich hab gehört als Bauer braucht man Samen, um etwas anzupflanzen. Aber was weiß ich schon, ich war nie besonders gut darin meine Weizenfelder zu Ertrag zu bringen“, zuckte er gleichgültig mit den Schultern, denn tatsächlich war das fast schon untertrieben. Wo andere Familien eine kräftige Handvoll Kinder besaßen um beim Ackerbau zu helfen, hatte der junge Barthy damals nur sich selbst besessen und Ruby-Sue, die meist in anderen Umständen oder mit den Kindern beschäftigt gewesen war. Fehlende Arbeitskraft und schließlich unglaublich lange Winter hatten es ihm stets schwer gemacht als Bauer Fuß zu fassen, weshalb er sich und die Familie meist noch mit anderen Arbeiten über Wasser gehalten hatte.
„Wenn Stanley mehr weiß - warum weiß Lilli dann nichts? Wenn es so geheim wäre, was dort los ist, würde man doch sicher nur diesen verschwiegenen Typen die Route reiten lassen und nicht noch jemand weiteren mit ins Boot holen. Jeder zusätzliche Informant ist ein zusätzliches Sicherheitsleck, dem man nicht vertrauen kann“, spann er den Gedanken Matthews schließlich weiter und brummte nachdenklich, während er seinen Blick über die Bäume zu ihren Seiten gleiten ließ, die den Wegesrand säumten. Obwohl die Natur sich bereits vieles der Route der Alten wieder zurück geholt hatte und auch der steinige Belag an vielen Stellen bereits aufgebrochen war, erkannte man den grauen, schier endlosen Teppich noch unheimlich gut, den die Alten früher mit Automobilen bereist hatten. „Vielleicht holt auch nur Lilli ihre zehn Briefe im Monat aus New Alexandria ab und mehr gibt es dort nicht. Vielleicht sammelt Stanley seine anderen zwanzig zwei Mal im Monat auf seiner geheimen Route ein, von der Lilli nichts weiß.
Oder aber er sammelt gar nichts ein und schickt uns geradeaus hinein in eine Falle, während wir noch wie die Trottel nach dem Gasthaus Zur Möwe Ausschau halten, obwohl hier weit und breit kein Meer in Sicht ist.“
Noch offensichtlicher konnte eine Finte wohl kaum gestaltet sein und trotzdem war Clarence so dämlich diesen Worten glauben zu wollen - weil er an irgendetwas glauben musste. Mittlerweile hielt Mo‘Ann sie auf unerbittliche Weise seit so vielen Wochen hin, dass es sich für den Blonden bereits wie Folter anfühlte, auch wenn er sein Leid diesbezüglich nicht jeden Abend kundtat. Er schlief schlecht, er aß appetitlos und hauptsächlich seinem Mann zuliebe und jedes schneidende Wort seitens Mo‘Ann fühlte sich mittlerweile an wie kalte Klingen unter seiner Haut, die ihn bei lebendigem Leib zu häuten versuchten.
Erst als er wieder hinüber zum Jüngeren sah, lösten sich etwas die Verspannungen in seinem Gesicht und Claire versuchte sich freudlos ein Lächeln abzuringen, als wolle er sagen: Immerhin haben wir schon Schlimmeres überlebt.
Tatsächlich war das unterm Strich auch so, aber da war es auch immer nur um sie beide gegangen und nicht um zwei weitere Menschen, die Matthew nicht mal kannte.
„Danke, dass du mitkommst. Ich glaube nicht, dass ich dir schon gesagt habe. Aber du weißt ja, dass ich mir keinen besseren Partner für unsere Himmelfahrtskommandos vorstellen kann als dich.“
Mürrisch kommentierte Clarence die Erzählungen Matthews und zog dessen Schlussfolgerungen in Zweifel.
Ein reger Handel mit Saatgut könnte hinter den vielen Briefen stecken und Matthew hielt das für genauso wahrscheinlich wie, dass ihm ab sofort die Sonne aus dem Arsch schien.
Nein, irgendwas war in New Alexandria faul. Das sagte ihm sein Instinkt und er wäre der Sache auch noch weiter nachgegangen, wäre ihnen nicht die Zeit davongelaufen.
„Ich bin natürlich noch weniger Fachmann für den Getreideanbau wie du, aber kann man sich nicht selbst Saatgut ziehen, wenn man ein Feld mit Weizen bewirtschaftet? Außerdem: wenn New Alexandria offiziell Handel mit Falconry betreibt, würden wir davon nicht schon mal gehört haben?
Es müsste doch Aufzeichnungen darüber geben, ich hätte davon bei Mo‘Ann gelesen oder wir hätten vielleicht was aufgeschnappt.“ - es war nicht unmöglich, dass Clarence mit seinem Geunke richtig lag - aber so lange ihm die Sonne nicht doch anfing aus dem Hintern zu scheinen, glaubte Matthew nicht daran.
„Und was deine Frage nach den anderen Siedlungen angeht, sie nannte ein paar. Bluewood, Tall Trees, Little Giant Rock und Citadel Pass. Bis auf Letzteres habe ich von den anderen noch nie gehört.“, er betrachtete Clarence nachdenklich von der Seite, während sie der Straße folgten auf der schon seit unzähligen Jahren keine Automobile mehr fuhren.
Aber eines der alten Metallgefährten stand verlassen und in Schräglage am Rande der Straße - überwuchert von Efeu, rostig und das Glas der Frontscheibe mit einem ausladenden Spinnennetz aus Rissen überzogen.
Matthews Aufmerksamkeit richtete sich auf das Objekt und als sie näher kamen blieb er stehen und wischte mit dem Jackenärmel über eines der Fenster an der Seite. Anschließend beugte er sich nach vorne, schirmte sein Gesicht seitlich mit den Händen ab und spähte neugierig in das Innere. In dem Gefährt waren drei Gestalten. Eine große und zwei winzig kleine auf dem Rücksitz.
Ihre knöchernen Überreste ruhten in einer Art von Schale welche mit je einem Gurt befestigt war.
Die Kleidung der kleinen Skelette war gut genug erhalten um Matthew die stilistisch identischen Schriftzüge entziffern zu lassen.
‚Big Brother‘ stand auf dem Einteiler des einen Kleinkindes und auf dem seiner Schwester ‚Little Sister‘.
Eine Schleife, die einst im Haar des Mädchens verankert gewesen sein mochte lag ausgeblichen auf ihrem Schoß. Beide Köpfe waren einander zugeneigt als hätten sie in ihren letzten Augenblicken die Nähe zueinander gesucht.
Matthew seufzte, richtete sich wieder auf und umrundete das Vehikel. Alle Reifen waren platt - aber das war sicher erst im Laufe der Zeit passiert und war nicht ursächlich für den Tod der Insassen.
Direkt vor dem Auto blieb der Dunkelhaarige schließlich wieder stehen und blickte auf die zersprungene Frontscheibe. Man konnte aufgrund der vielen Risse nicht wirklich in das Innere sehen - aber dafür konnte man sehr deutlich das kleine Loch im Zentrum des gläsernen Spinnennetzes ausmachen.
„Sie haben den Fahrer erschossen.“ murmelte Matthew mit einer Mischung aus Verständnislosigkeit, Anteilnahme und morbider Faszination.
„Haben ihn erschossen und die Kinder zurückgelassen.“ - er erschauerte bei der Vorstellung wie qualvoll die Kleinkinder umgekommen waren und fuhr sich kurz durchs Haar, ehe er sich - nochmal seufzend- abwandte.
Eine Weile gingen beide Männer nun schweigend die Straße entlang, Clarence ein paar Schritte vor ihm und Matthew nachdenklich etwas versetzt zu dem Blonden.
Schließlich holte Cassie auf, in dem er die Distanz durch kurzes Joggen überbrückte und - wieder auf gleicher Höhe mit seinem Mann - das Wort ergriff.
„Das beste Geheimnis ist ein Geheimnis, das keins ist.“, sagte er - und führte nach einem Moment Stille weiter aus:
„Wenn nur Stanley die Tour geritten wäre, dann hätten sich die anderen Kuriere früher oder später gefragt warum das so ist. Jeder Reiter deckt verschiedene Touren ab, es ist ein roulierendes System. Es wäre mordsauffällig, würde man ein bestimmtes Kaff von ausschließlich einer bestimmten Person ansteuern lassen. Außerdem wäre es riskant, denn würde Stanley ausfallen würde sofort… der Saatguthandel ins Stocken kommen.“
Er stieß kumpelhaft mit dem Ellenbogen in Clarence‘ Seite um dem Blondschopf einen Blick abzunötigen - und tatsächlich bekam er ihn, wenn es auch nur ein Seitenblick war. Matthew schenkte ihm daraufhin ein zuversichtliches Lächeln, eines jener Sorte das zu besagen schien: alles kommt in Ordnung.
„Es wird kein Himmelfahrtskommando. Selbst wenn Stanley uns eine Falle gestellt hat nicht. Dann wissen wir erst recht, dass wir auf der richtigen Spur sind.“
Er wusste, dass Clarence dankbar für sein Hiersein war obgleich es für Cassiel nie eine andere Option gegeben hatte. Nicht mal für den Bruchteil einer Sekunde hatte er erwogen seinen Mann alleine gehen zu lassen und das wäre selbst dann nicht anders gewesen, wäre der Weg nicht potentiell gefährlich. Allein schon deshalb weil das Ziel ihrer Reise Harper und Cordelia waren, war Matthew unerschütterlich an der Seite des Hünen.
Schließlich erreichten sie ein verblichenes und eingewachsenes Straßenschild auf den irgendwann mal ein Genie die Worte „We resist, Motherfuckers“ geschrieben hatte. Aber unter dem Rot der Farbe konnte man noch die Namen der Städte Russel, Salina und Hays sehen. Städte der Alten. Untergegangen und so tot wie Big Brother und Little Sister. Bis auf Salina. Salina hieß unlängst New Alexandria.
Diverse Symbole fanden sich auch auf dem Schild und Matthew deutete mit dem Finger auf eines davon.
„Da. Das Symbol mit der Möwe. Wir sind auf dem richtigen Weg und haben es noch nicht verpasst.“
Wenig später fanden sie das besagte Gebäude. Es stand ein Stück abwärts der Straße und an der Fassade rankte sich Efeu empor. Vor dem Gebäude befand sich eine größere asphaltierte Fläche, die bis auf ein paar Gefäße für Müll leer war. Seitlich am Haupthaus befand sich eine kleinere Straße die von einer Art Torbogen überspannt war. Und von eben jenem gelb angestrichenen Bogen, auf dem die Worte „Drive In“ standen, baumelten vier Tote.
Sie waren alt, aber nicht skelettiert. Vögel hatten den Großteil des Fleisches schon von den Knochen gepickt und auch jetzt saß eine einzelne Krähe auf der Schulter von einer der Leichen, während zwei weitere Krähen auf dem gelben Bogen balancierten.
„Sieht gar nicht mal so einladend aus.“, kommentierte Matthew den Anblick trocken während sie langsam über den Platz vor dem Gebäude gingen. Wenn Stanley sie in einen Hinterhalt gelockt hatte, dann wäre hier das perfekte Gelände für einen solchen. Es gab unzählige nicht einsehbare Winkel und durch den Efeu konnte man nicht durch die gläserne Front des Imbiss hineinschauen - was aber nicht automatisch hieß, man könne von Innen nicht nach draußen blicken.
Cassie nahm den Bogen vom Rücken und zog einen Pfeil aus dem Köcher, den er mühelos so auf den Bogen legte, dass er im Zweifel nur noch spannen und zielen musste.
‚Hüte dich, Junge, vor dem Honigtopf den man einmal für dich aufstellen wird.‘ gingen ihm die Worte seines Vaters durch den Kopf. Und in diesem Punkt hatte der Alte wirklich recht.
Trotzdem wurde die Stimme von Le Rouge durch Matthews eigene ergänzt, die im Stillen sagte ‚Halts Maul.‘
Vor fast zwölf Wochen war sein Mann bei ihm in Falconry Gardens angekommen und schon jetzt fühlte es sich an manchen Tagen so an, als wäre Matthew niemals woanders gewesen. Er hatte durch seine charmante Art schnell Leute kennengelernt. Er sprach von Lilli, dann und wann von Menschen, die er regelmäßig auf dem Markt wiedersah oder von Händlern, mit denen er ins Gespräch kam. Er erzählte von seinen Gängen zur Postmeisterei als wäre es das Normalste der Welt seiner Arbeit nachzugehen, selbst wenn es Arbeit für dieses penetrante Miststück Mo‘Ann war.
Noch immer war das manchmal surreal, aber noch mehr als das gab es dem Blonden ein unheimlich gutes Gefühl. Die größte Hürde, die sich für ihr Leben im Dunstkreis des Clans gebildet hatte, war es gewesen hier anzukommen. Gemeinsam. Ohne, dass Cassie sich hier fehl am Platz oder überflüssig fühlte und ohne, dass das Leben in einer Gemeinschaft an der Seite eines Ehemanns anstelle einer Ehefrau in ihm alte, unwohle Empfindungen hervor rief, von denen sie geglaubt hatten, er hätte sie längst überwunden.
Der Alltag war seltsam gewöhnlich geworden und trotzdem wurde er überschattet von einem Thema, das zwar omnipräsent war, jedoch nur dann zur Sprache kam, wenn es neue Erkenntnisse gab. Tatsächlich sprach Matthew ihn überdies hinaus nicht darauf an wie ihr Leben aussehen würde, sollten sich die Behauptungen Mo‘Anns als wahr herausstellen und Clarence klagte dem Jüngeren nicht sein Leid, wann immer er in Gedanken zu seinen Kindern abschweifte. Ein ganz klein wenig war es so wie früher, lange bevor ihrer Ehe, als jeder noch seine Probleme mit sich selbst ausgemacht hatte - doch in diesem Fall war es erstmalig gut so es derart zu handhaben, zumindest dann, wenn man den Blonden fragen würde. Er brauchte kein eventuell vielleicht das am Ende nicht wahr wurde. Wollte keine Hoffnung, die sich am Ende ein zweites Mal anfühlen würde wie damals, als seine Welt verbrannt und in Scherben vor ihm gelegen hatte wie eben jenes Schlachtfeld, das Nagi in ihm hinterlassen hatte, um danach etwas neues aus ihm zu formen. Clarence wollte alles und gleichzeitig nichts von alledem - und am wenigsten wollte er im Moment von irgendwelchen Kinderleichen auf dem Rücksitz eines vermoderten Automobils etwas hören, wenn er sich selbst um zwei totgeglaubte Kinder zu sorgen hatte.
Noch während er vorausging, zog er innerlich die Verbindung von Falconry zu Bluewood und den anderen Gemeinden und überschlug bereits jetzt im Kopf wie lange sie wohl unterwegs sein würden, falls sich hier keine neuen Indizien ergaben. Im Zweifel würden sie alle diese Orte abgehen müssen, stets auf der Route von Stanley umher wandernd, bis sich ein neuer Hinweis auf etwas ergab, das sie weiter brachte. Cassies Theorie, warum nicht nur der Typ alleine die Route ritt, war schlüssig - und gerade für solche Gedanken liebte er den Austausch miteinander. Sie brachten sich auf neue Ideen, die ihnen vielleicht alleine nie gekommen wären, deckten einander Lücken in der eigenen Logik auf und bewiesen einmal mehr wie gut sie zusammen als Team funktionierten und schon immer funktioniert hatten
Schon als das richtungsweisende Schild zum Gasthaus der Alten ihren Weg gekreuzt hatte, hatte die Axt des Hünen ihren Weg zurück an seinen Gürtel gefunden und stattdessen einer windigeren Schusswaffe Platz gemacht. Zwar brachte sie nicht den Überraschungsmoment eines Bogens mit sich, aber würde diesen auf jeden Fall in der Distanz verstärken, denn ähnlich wie sein Mann erkannte auch Clarence die Gefahr, die weit über ein paar Leichen hinaus ging.
„Gasthaus Zum Gehängten würde vermutlich besser passen als Zur Möwe…“, murmelte der Blonde verdrossen und fragte sich unweigerlich, was in den zwei Jahren seiner Abwesenheit aus Falconry und seiner Umgebung geworden war. „Ich schwöre dir, seitdem Odette alleine für alles zuständig ist, geht die Gegend hier den Bach runter. Wir hatten hier schon immer mal Probleme, aber ganz gleich wer dafür verantwortlich ist, wir hatten nicht… sowas da.“
Natürlich waren die Kestrel keine Friedenswächter. Der Clan hatte seine Augen und Ohren nicht überall und das konnte man auch nicht von den zweieinhalb Duzend Jägern erwarten, so weitläufig wie die Gegend um Falconry gestreut war. Dann und wann, in unregelmäßigen Abständen, patrouillierten sie zwischen den umliegenden Dörfern umher. Stellten sicher, dass der Kontakt aufrecht erhalten wurde, dass es keine Probleme in kleineren Vororten kam oder sich nicht irgendwo Plünderer niederließen um kleine Bauern oder schutzlose Bürger auf der Reise zu überfallen. Der Highway, der irgendwo ins Nirgendwo führte, war dabei in den vergangenen Jahren nur selten Teil des Ziels gewesen; was das nach sich zog, konnte Clarence am heutigen Tage mit eigenen Augen sehen und ließ den Jäger überdenken, ob nicht noch mehr von Odettes fragwürdigen Prioritäten neu überdacht werden mussten.
Wachsam den Blick immer wieder gen Ladenfront schweifen lassend, hatte er sich den vier leblosen Körpern genähert, die so hoch an dem metallischen Bogen empor gezogen waren, dass sie mit bloßer Hand kaum erreichbar waren. Ihre Kleidung war dem restlichen Zustand der Gestalten entsprechend und obwohl er keine Ambitionen hatte irgendeinen von ihnen herunterzuholen, fielen Clarence zügig einige Details ins Auge.
„Ich glaube nicht, dass sie noch gelebt haben als sie hier oben drapiert wurden. Wer stellt jemanden hier auf und legt ihm eine Schlinge um den Hals, ohne ihm vorher die Hände zu fesseln?“, man war sich viel zu nah, viel zu angreifbar um jemandem gegenüber zu stehen oder sich hinter jemanden zu begeben, der nicht seiner Wehrhaftigkeit beraubt wurde. Vier Männer waren hier aneinander gereiht und für einen Moment betrachtete er Matthew, der in seiner Pingeligkeit kein guter Maßstab dafür war wie Kleidung auszusehen hatte, mit der man schon eine Weile auf Wanderschaft unterwegs war. „Sieh dir ihre Stiefel an.“
Auffordernd nickte er zu den Toten empor. Einer weiter links hatte einen seiner Halbschuhe bereits verloren, wobei Claire jedoch das Gegenstück nicht in unmittelbarer Umgebung auf dem Boden liegend wiederfand. Allerdings sah er bei genauem Hinsehen bei fast allen Schuhen deutliche Abnutzungsspuren auf den gleichen Höhen einer Seite, beinahe als wären sie darauf eine Weile über den Boden geschleift, was dem Jäger doch mehr als seltsam vorkam.
„Die Mühe würde hier ein paar Tote aufzuknüpfen würde ich mir nur machen, wenn ich vor jemandem Eindruck schinden oder jemanden abschrecken will. Da es nicht klingt, als hätte Stanley was von regelmäßigen Toten erzählt, die seinen Weg säumen… erwartet uns hier entweder schon jemand. Oder jemand weiß, dass der Typ geplaudert hat und will ihn hier künftig nicht mehr auf einen seiner Kurierreisen sehen.“
Oder aber, hier sollte nie wieder irgendjemand gesehen werden - was Clarence seine Waffe nur etwas fester umgreifen und seinen Finger provisorisch an die Seite des Abzugs legen ließ.
Die vermeintliche gelbe Möwe auf dem Dach des Gebäudes war Teil eines Schriftzugs der mit „c Donalds“ weiterging und damit wurde aus dem Vogel der Buchstabe M - was den Laden als McDonalds auswies.
Für einen Kurierreiter, der Buchstaben nicht zu lesen wusste sondern stattdessen eine Reihe Piktogramme kannte und diese ‚zu lesen‘ vermochte, war das gebogene M eine Möwe und sonst nichts.
Matthew hätte seine Erkenntnis mit Clarence teilen können, entschied sich aber, dass ihm Zur Möwe besser gefiel.
Argwöhnisch und leise näherte er sich den Aufgehängten während sein Blick zwischen den Toten und dem Gebäude hin und her huschte.
Hätten sie Kain und Abel mitgenommen, so hätten es potenzielle Angreifer schwer gehabt sich zu verbergen - doch die beiden Hunde hatten aus gutem Grund in Falconry bleiben müssen.
Falls sich in New Alexandria Clarence Kinder in Gewahrsam befanden, würden sie einen Weg finden müssen sie dort rauszuholen - und dieser Weg würde wahrscheinlich blutig werden. Nicht sicher genug für die beiden Wolfshybriden.
Ohne hinzusehen lauschte Matthew auf die Stimme des Blonden, dessen Beobachtungsgabe er so sehr vertraute wie seiner eigenen.
„Wenn sie schon tot waren als man sie aufgehängt hat dann dienen sie ziemlich sicher der Abschreckung. Wäre ich ein einigermaßen leichtsinniger Reisender würde ich mir vielleicht diese Stätte der Alten mal ansehen, aber diesen Weg hier würde ich beim Anblick der Toten niemals nehmen.“, erklärte Matthew leise seine Gedanken und warf nun einen Blick auf die Schuhe der Gehängten. Clarence hatte recht, die Riefen und Striemen waren augenscheinlich bei allen Toten ähnlich - was dafür sprach, dass man sie hierher gezogen hatte.
Die Frage nach dem Warum war für Matthew bereits geklärt, die Frage nach dem Wie allerdings noch nicht.
Aufgrund des Verwesungszustands konnte er auf den ersten Blick nicht erkennen, wie die Männer getötet worden waren. Es gab keine offensichtlichen Stich- oder Schusswunden.
Wie zuvor schon das Auto, umrundete Matthew nun auch die aufgeknüpften Personen, den Blick an ihnen emporgehoben um mögliche Todesursachen ausfindig machen zu können.
„Die Krähen haben ganze Arbeit geleistet.“ kommentierte er, dieses Mal noch leiser, während er mit dem oberen Stück des Bogens das Hemd einer der Leichen nach oben schob.
Die Haut war bereits aufgedunsen und mit purpurnen Linien überzogen. Dort, wo die Krähen noch nicht die spitzen Schnäbel angesetzt hatten, war das Fleisch schwammig und dunkel verfärbt.
Matthew verzog das Gesicht.
„Was glaubst du wie lange die hier schon hängen, hm? Zwei Wochen?“ - das hieße, sie wären bereits seit einigen Tagen tot gewesen als Matthew mit Stanley gesprochen hatte - was ein explizites Aufknüpfen der Leichen wegen ihnen unwahrscheinlicher machte.
„Mir gefällt nicht, dass wir nicht nach innen sehen können. Wir sind hier wie auf dem Präsentierteller.“ - Matthews Blick huschte wieder gen Gebäude, doch außer Dunkelheit und Efeu sah er nichts. Ohne etwas zu sagen nickte er gen Weg um Clarence zu bedeuten, dass sie sich wieder in Bewegung setzen sollten. Der metallische Torbogen mit seinen vier Toten blieb hinter ihnen zurück und damit allmählich auch der Haupteingang des Gebäudes. Auf der linken Seite näherten sie sich nach ein paar Metern einer kleinen, rundum verglasten Zelle. Hier war weniger Bewuchs sodass man durch die Fenster der kleinen Kabine sehen konnte. Es gab keine Tür in das Hauptgebäude sondern lediglich einen Durchgang und in der zwielichtigen Dunkelheit konnte Cassiel ein paar Metalltische sehen.
„Wir sollten da rein. Nachsehen ob da jemand ist.“ - sollten sie oder wollte er? Wahrscheinlich traf beides zu.
Ohne auf das Einverständnis seines Mannes zu warten schob Matthew die angelehnte Tür der Kabine noch ein Stück weiter auf ehe er hindurchging und sich in der verglasten Zelle wiederfand, von der aus es in das Hauptgebäude ging.
Einen Moment blieb er stehen und wartete darauf, dass sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnten die vor ihm lag, dann machte er einen Schritt vorwärts.
Der Raum war groß und vollgestellt mit harten, glatten Möbeln. Tische, Schränke, Metallbecken. Aller mögliche Krimskrams lag verstreut, Zangen, Pfannen, Messer, geriffelte Löffel und mehr. Matthews Augen gewöhnten sich nur langsam an die Finsternis und als sie es getan hatten, hatte er Mühe das Chaos zu überblicken.
Was immer hier passiert war, es war plötzlich passiert.
Langsam - um keine unnötigen Geräusche zu verursachen - bewegte er sich weiter in dem unwirklich anmuteten Raum und blieb schließlich unvermittelt stehen als er jenseits der Küche, noch tiefer im Gebäude drin, leise Stimmen vernahm.
Ohne die Füße zu bewegen drehte er den Oberkörper nach hinten, sah Clarence ein paar Schritte hinter sich und legte sich die Finger an die Lippen.
Nun verharrte auch der Blonde und lauschte. Doch das Murmeln der Stimmen war nicht mehr als das und es war unmöglich zu verstehen was gesprochen wurde.
Eine der Stimmen klang verärgert, während - mindestens zwei - sich nervös anhörten.
Matt sah nochmal über die Schulter zurück zu Clarence und formte tonlos mit den Lippen „Leise weiter“.
Die vorherrschende Dunkelheit und die Unordnung machten ein lautloses Schleichen nicht unbedingt einfacher und doch gelang es ihnen so nahe an die Gruppe heranzukommen, dass sie zumindest des Rest der Unterhaltung verstehen konnten.
„…nicht wahr sein. Ihr solltet sie nicht aus den beschissenen Augen lassen.“ „Es ist noch nicht zu spät. Wir wissen immerhin, dass sie hier lang müssen.“ - die eine Stimme leise und aggressiv, die andere leise und unbehaglich.
„Wir wissen einen Dreck. Ich schwöre euch, ich bring euch um, wenn ihr sie nicht erwischt! Wo sind Fox und Murph?“ - „Bewachen den Tunnel, wie besprochen.“ - eine weitere Stimme, bisher noch unbekannt. Ruhig und kalt.
Wie groß die Gruppe war, die sie offensichtlich hier abpassen sollte, war nicht klar. Mindestens aber waren es fünf.
„Lass uns abhauen.“ flüsterte Matthew gen Clarence als plötzlich ein ohrenbetäubender Knall die stickige Luft zerriss und ein greller Blitz für den Bruchteil einer Sekunde die Dunkelheit in weißes Licht tauchte.
Matt zuckte erschrocken zusammen während winzige Lichtpunkte vor seinen Augen tanzten.
„Scheiße, Boss…?“ - „Der Wichser ging mir auf die Eier. Wir sagen er ist im Einsatz gestorben. Den ganzen Scheißdreck von Aufopferung und Kameradschaft.“ - geräuschvoll spuckte die Person auf den Boden. Die ängstliche Stimme sagte gar nichts mehr, wahrscheinlich war ihr klar, dass nicht mehr als blanker Zufall dafür gesorgt hatte, dass er nicht umgepustet worden war wie sein - nun mehr toter - Kamerad.
Der andere Kerl lachte kurz:
„Besser als die Arschgeige es verdient.“ - „Worauf du wetten kannst. Und jetzt los, findet die Schnüffler bevor ich euch auch abknalle.“ Darauf erwiderte niemand mehr etwas, die zwei Männer liefen eilig los, gefolgt von den langsameren Schritten des Mannes, der hier offenbar das Sagen hatte.
Cassies These ging sich am Ende kaum aus, denn er war definitiv ein leichtsinniger Reisender und diesen Weg würde er selbst dann nehmen, wenn gerade aktiv eine Reihe Unglückseliger am Torbogen empor gezogen worden wäre.
Alles, wirklich alles was mit den Alten zu tun hatte, faszinierte seinen Mann. Autos, Schmuck, Technik, Gewohnheiten - Matthew würde sich sogar staunend den Abort ihrer Vorfahren betrachten wenn er das Gefühl hatte, davon noch faszinierende Erkenntnisse zu gewinnen. Dementsprechend schreckte ihn auch das alte Gasthaus nicht ab und wenngleich es vielleicht klüger gewesen wäre das Gebäude auf der Suche nach potentiellen Fluchtwegen erst von allen Seiten zu erkunden, so zögerten sie letztlich beide nicht in den gläsernen Vorbau einzudringen. Ein heikles Unterfangen, wie sich nur wenige Augenblicke später bewies.
Der einstige Söldner hatte ein unbeschreibliches Talent dafür mit wenig Aufwand die größten Schwierigkeiten für sie an Land zu ziehen, so viel war klar, und nicht weniger als das besagte auch Clarence‘ schneidender Blick den er dem Dunkelhaarigen zuwarf, während dieser zur Stille mahnend die Finger an die Lippen legte. Nur wenige Minuten zuvor noch hatten sie draußen auf dem offenen Platz befürchtet aus dem uneinsehbaren Gebäude heraus attackiert und im schlimmsten Fall angeschossen zu werden, stattdessen waren sie von ganz alleine in die Höhle des Löwen marschiert wie brave Lämmer, die naiv ihren Weg zur Schlachtbank antraten. Aber hatten sie wirklich eine andere Wahl als diese? War es nicht manchmal notwendig in die Falle zu tappen um aus ihr mehr über den Feind zu lernen, anstatt einfach umzudrehen und aus Angst vor den Konsequenzen einfach wieder dem Heimweg anzutreten?
Sie wussten nichts über die Männer mit denen Mo‘Ann zusammen arbeitete und sollten die Typen in diesem Laden hier irgendetwas mit der Organisation zu tun haben, die dem großen Ganzen angehörten, hätten sie just in diesem Augenblick vielleicht keine bessere Gelegenheit erhaschen können um einen ersten Eindruck von dem zu gewinnen, was sie erwartete - selbst dann, wenn jener Eindruck mit einem großen Knall in Fahrt kam.
Aufgeschreckt zuckte auch Clarence zusammen, dem schmerzhaft die Ohren dröhnten. Das ganze metallische Mobiliar und die spärliche Einrichtung ließen den Schuss widerhallen, dass es sich fast wie eine Schraubzwinge um den eigenen Kopf anfühlte und noch während die fremden Stimmen sich über den Nachhall erhoben, langte er nach Matthews Arm um ihn neben sich in die Knie und hinüber zum langgezogenen Tresen zu ziehen. Wer die Waffe seinen eigenen Männern gegenüber so locker sitzen hatte, würde nicht zögern auf ihre Silhouetten zu zielen wo auch immer sie am Rand der umliegenden Gebüsche noch zu sehen waren und Clarence legte es nicht darauf an sich schon am Mittag eine Kugel im Rücken einzufangen, so viel war sicher.
Über das Rauschen in seinen Ohren legte sich zunehmend das Geräusch seines eigenen, zügigen Herzschlags und wachsam gab er darauf acht, dass weder er selbst, noch Matthew jenes Geräusch noch durch das Klappern des verrotteten Kochgeschirrs um sie beide herum übertönten. Hinter dem Tresen schloss sich nahtlos etwas an, was früher sicher die Küche gewesen war und ihnen im Zweifel noch etwas Feuerschutz bieten würde wenn es hart auf hart kam, aber in der Dunkelheit war sich der Blonde nicht zweifellos sicher ob der aufflammende Schuss aus der hinterletzten Ecke jener Kocheinheit gekommen war oder gar aus anschließenden Räumen, die dahinter lagen.
Wortlos drängte er Matthew mit einer niederfahrenden Handbewegung dazu seinen Bogen hinter ihrem Schutz zu verbergen, als sich die ersten eiligen Schritte bemerkbar machten und auf der gegenüberliegenden Seite der Theke an ihnen vorbei strömten. Was im Dunkel der seit unzähligen Jahren vermoosten Glaszelle nicht mehr war als zwei dunkle Gestalten, bekam für den Bruchteil einer Sekunde ein grobes Abbild, als die Fremden an die angelehnte Tür traten um durch diese hinaus ins Tageslicht zu treten. Ihre Kleidung wirkte für die Wildnis hier draußen erstaunlich… ordentlich. Zu ordentlich für Plünderer oder andere Gesellen, die sich nur grob organisierten und zu einheitlich für eine lockere Gruppe Gesetzloser. Nicht mal Matthew und er selbst, die seit Ewigkeiten gemeinsam unterwegs waren, kleideten sich derart einheitlich.
Kurz warf er dem Jüngeren einen orientierungslosen Blick zu, in der Dunkelheit vermutlich ungesehen. Ihr solltet sie nicht aus den beschissenen Augen lassen, hatte der vermeintliche Anführer der Bande von sich gegeben - was so viel bedeutete wie: Ihr hattet sie doch, verdammt. Was wiederum ebenfalls bedeutete, dass man sie schon eine Weile im Auge behalten hatte. Heute? Die Tage davor, als Cassie damit begonnen hatte Stanley Informationen abzuringen? Oder noch früher, als er Lilli die ersten Fragen gestellt hatte?
All das und weiteres zu besprechen musste auf sie warten, denn letztlich waren es die schweren Schritte der dritten Stimme, die durch den Gastraum den beiden Männern folgte, die wohl unter ihm standen. Die nun etwas offen stehende Eingangspforte ließ einen schmalen Lichtspalt hinein die eine grobe Idee davon gab wer zu der überheblichen Stimme jenes Mannes gehörte, der ohne zu Zögern und aus reinem Verdruss einen seiner Männer erschossen hatte. Wenngleich Clarence womöglich einen Berg von Mann erwartet hätte, der alleine mit seiner bloßen Präsenz seine Leute einzuschüchtern und im Zaum zu halten vermochte, erblickte er im Ansatz einen Mann mittleren Alters mit kurz geschorenem Haar, dessen Gesicht so glattrasiert war wie Mo‘Anns dämliche tätowierte Rübe.
Lautlos drängte er sich mit Matthew weiter hinter den Tresen, etwas mehr Sichtschutzmasse zwischen sie und den Fremden bringend, als dessen Schritte langsamer wurden und er schließlich vor dem Durchgang zur Glaszelle stehen blieb. Was Clarence interessierte war nicht etwa wohin die Kerle ausschwärmten oder wo sie sich positionierten - immerhin war der Wald um die asphaltierten Wege der Alten groß und sie verstanden sich hervorragend darin, sich im Unterholz unsichtbar zu machen - sondern vielmehr wollte er wissen wer sie waren. Eine Absicht, die er seinem Mann kundtat, indem er wortlos gen Hinterzimmer nickte, wo der Tote darauf wartete von ihnen gesucht und untersucht zu werden.
Doch bevor er diesem Gedanken weiter nachgehen konnte zog er hastig den Kopf hinter dem Tresen hinab und seinen Mann gleich mit, als die fremden Gestalt sich gen Gastraum wandte. Den mechanischen Klang, der daraufhin folgte, kannte Clarence nur zu gut und der folgende Kugelhagel war nichts im Vergleich zu dem kurzen Schuss zuvor, der die beiden jungen Männer bereits halb blind und taub zurück gelassen hatte. Ein paar letzte Töpfe und netzförmige Schüsseln, die die letzten Jahrzehnte tapfer ihre Position gehalten hatten, flogen von den Haken der Küche. In der nahen Dunkelheit splitterte Glas und Kunststoff, während er sich im Schutz der Theke mit Matthew zusammenkauerte und im Augenblick nicht mal mehr sagen konnte ob das alles noch eine Verwirrungstaktik war oder man sie bereits entdeckt hatte.
Ein kurzer Laut war es schließlich, durchdringend bis hinter die Finger mit denen er sich seine Ohren zuhielt, der das Ende des Angriffs offenbarte und so fremd wirkte, dass Clarence ihn weder als mechanisch noch natürlich einstufen konnte. Noch während er gedanklich den Ursprung jenes Piepen suchte wurde ihm bewusst, dass der Kerl am Ausgang sie nicht etwa entdeckt, sondern jenes Geräusch provoziert hatte, indem er auf irgendetwas an seinem Arm herum drückte, welchen er im Anschluss der Wand vor sich entgegen hielt.
Es dauerte einen Moment bis Clarence sich traute den Blick wieder an ihrem Schutzwall vorbei zu richten. Mit angehaltenem Atem erblickte er ein schmales, brennend rotes Licht, das sich durch die Dunkelheit brach und auf der Wand umher fuhr wie das gebündelte Licht auf einer Theaterbühne, das bemüht war den Hauptakteur in Szene zu setzen. Der Hüne hatte schon viel gesehen in seinem Leben und dazu gehörte auch die ein oder andere Wunderlichkeit, welche aus der Zeit der Alten überlebt hatte. Elektrisches Licht in Metropolen, heißes Wasser das aus der Wand floss, Lichtspielhäuser mit bewegten Bildern und dazu passendem Ton, der aus der Wand dröhnte. Brennend rotes Licht, das sich aus dem Arm eines Mannes brach, hatte er noch nie gesehen.
Ein leises Knistern ertönte, ähnlich wie dem Knarzen einer alten Schallplatte, bevor ein weiteres Piepen ertönte.
„Charlie, Alpha, Romeo, Lima. Befinden uns am Zwischenstopp. Angriff aus dem Hinterhalt, ein Mann am Boden. Nehmen Verfolgung auf.“
„Zulu, Alpha, Yankee, November, Echo. Verstanden. Viel Erfolg. Over“, dröhnte es leise aus der Wand, bevor das Knistern wieder erstarb und sich die fremde Gestalt nochmals in den Gastraum umdrehte, bevor er schließlich doch noch seine Untergebenen nach draußen verfolgte.
Mit klopfendem Herzen zog Clarence den Kopf hinter den Tresen zurück, Cassie entgeistert mit einem Blick anstarrend, der wohl so ziemlich alles sagte, was es gerade hierzu zu sagen gab: Was zur Hölle…?
Was bis vor wenigen Minuten noch eine beschauliche Wanderung gewesen war, war mittlerweile tödlicher Ernst. Die Männer, die hier auf sie gewartet hatten waren keine Schlägertrupps oder Söldner. Es waren keine Möchtegern-Killer sondern Profis.
Ihre Kleidung war einheitlich, alle trugen augenscheinlich die selben Waffen bei sich und es gab eine Hierarchie, welche nicht in Frage gestellt wurde.
Der erste Schuss ließ Matthews Ohren noch klingeln, da drängte Clarence ihn dazu sich weiter in Richtung Tresen zu bewegen. Matthew spürte wie sein Herz raste und wie er angestrengt die Augen aufgerissen hatte um möglichst viel in der Dunkelheit zu erkennen, um bloß keinen Laut zu verursachen.
Wäre es nach ihm gegangen, sie hätten jetzt zugesehen, dass sie Land gewannen - doch Clarence hatte andere Pläne.
Der Tote konnte ihnen vielleicht Aufschluss darüber geben mit wem sie es zutun hatten und eine solche Chance bot sich ihnen sicher nicht zweimal. Dicht gegen den Tresen gedrängt spähte Matthew vorsichtig um die Ecke als Clarence ihn jäh packte und zurück riss - und ihn damit davor bewahrte durchsiebt zu werden.
Was folgte war eine unerbittliche Schusssalve, welche Geschirr und Glas bersten ließ. Fliesen flogen von den Wänden und zersplitterten unter den Projektilen.
Töpfe und Pfannen, die bisher der Apokalypse getrotzt hatten, fielen scheppernd zu Boden und reihten sich ein, in all den Unrat der bereits unten lag. Matt presste die Hände auf die Ohren und kniff reflexartig die Augen zusammen während um sie herum die Kugeln sirrten und Splitter flogen. Die Waffe die der Anführer der Gruppe abfeuerte, barg eine solch rohe Gewalt wie nichts das Cassie jemals erlebt hatte. Er kannte Gewehre, er kannte Pistolen aber so etwas kannte er nur aus Büchern und Hörensagen. Als das Donnern aufgehört hatte nahm er zögerlich die Hände von den Ohren und suchte verstört Clarence‘ Blick. Sie mussten hier weg, daran bestand nun mehr kein Zweifel mehr. Diesen Leuten waren sie in einem offenen Kampf nicht gewachsen.
Der Anführer der Truppe ergriff schließlich wieder das Wort - aber er sprach weder zu ihnen noch zu sonst irgendeiner anwesenden Person.
‚Er ist übergeschnappt, wir sind am Arsch.‘ - dachte Matthew aufgewühlt und musste den Drang niederringen, noch tiefer hinter dem Tresen abzusinken. Um sie herum lagen überall Scherben und Schutt, schon die kleinste Regung könnte sie verraten. Gespenstisch dröhnte die Stimme des Kahlkopfes im Raum doch erst als jemand, der nicht da war, auch noch antwortete, erschauerte Matthew.
Er schloss die Augen, presste die Lippen aufeinander und zählte gedanklich bis zehn um sich wieder zu beruhigen.
Wenige Augenblicke später setzte sich der Fremde endlich in Bewegung und verließ das Gebäude ohne sich darum zu scheren wie laut er war.
„Scheiße, wir müssen hier weg.“ wisperte Matt aufgebracht gen Clarence dessen Blick so entgeistert aussah wie er sich selbst fühlte.
Aber wenige Meter von ihnen entfernt lag noch immer der Tote. Ihr Honigtopf. Und nun da sie augenscheinlich alleine waren, war die Chance gekommen…
Nervös leckte sich Matthew über die Lippen und beobachtete Clarence aus dunklen Augen. Es bedurfte keiner Worte zwischen ihnen um sich einig zu werden, dass sie den Erschossenen durchsuchen mussten.
„Ich sehe ihn mir an, du gibst mir Deckung.“ - Matthew wartete nicht auf ein Einverständnis oder einen Einwand des Hünen, da huschte er schon geduckt um den Tresen herum.
Leise knirschten Schutt und Scherben unter seinen Stiefeln, doch zu ihrem Glück waren sie momentan wirklich allein.
Mit rasendem Herzen erreichte Matthew den Leichnam und fing sofort an den Toten abzutasten. Der Mann war in den Kopf geschossen worden und Blut umgab seinen Schädel wie eine morbide Corona.
Auf der Kleidung befanden sich verschiedene Embleme sowie ein Schildchen auf Brusthöhe auf dem PFC M.Davis stand - vermutlich der Name des Mannes. Um den Hals trug er eine Kette mit metallischen Marken, Matthew riss die Kette mit einem Ruck ab und steckte sie ein.
Novalis Army U.S stand auf der anderen Brustseite eingestickt - doch abgesehen davon trug die Leiche nichts an sich, was sie irgendwie schlauer machte.
Matthews Blick fiel auf den Gürtel des Toten, an ihm befand sich ein schwarzes Kästchen und ein Holster mit einer Waffe darin. „Wollen wir mal die Chancen etwas ausgleichen, hm? Was sagst du dazu, du Penner?“ - Aber PFC M. Davis sagte freilich gar nichts mehr als Matthew ihn um die Waffe erleichterte, welche den üblichen Handfeuerwaffen nicht ganz unähnlich sah. Ihr schieres Gewicht machte ihre potentielle Tödlichkeit klar und Matt achtete tunlichst darauf den Abzug nicht zu berühren.
Noch immer strömte das Adrenalin durch seinen Körper und er hörte sein eigenes Blut in den Ohren rauschen wie einen Wasserfall, trotzdem hatte er den Mann so gut es ging durchsucht. Zurück bei Clarence ging er wieder in die Hocke und lehnte sich gegen den Tresen. Aufgewühlt wischte sich der Dunkelhaarige über das Gesicht ehe er die Kette an Clarence reichte.
„Sein Name steht ganz oben. Der steht auch auf seiner Jacke… den Rest verstehe ich nicht.“ - er schüttelte benommen und verdrossen den Kopf. „Wir müssen hier weg. Der eine Typ hat einen Tunnel erwähnt. Davon hat auch Stanley gesprochen.“ er suchte in Clarence Blick nach einer Antwort auf die Frage was sie nun tun sollten, fand jedoch nichts. Zumindest im Moment war Clarence genauso verunsichert wie er selbst.
„Wir könnten versuchen, uns an den Wachen vorbeizuschleichen. Wenn sie diesen Tunnel bewachen, dann ist das vermutlich der richtige Weg.“ fasste Matt flüsternd seine Gedanken zusammen. „Wenn wir umkehren…“
dann waren sie auch geliefert, vielleicht nicht heute aber definitiv irgendwann. Denn diese Truppe hier verstand keinen Spaß, so viel war sicher. Matthew machte eine zweifelnde Handbewegung in der Luft, dann schüttelte er den Kopf.
„Noch wissen sie nicht, dass wir hier sind. Das könnte unser Vorteil sein.“
Staub und Dreck tanzten durch den Schankraum der Alten und mitten hindurch brach sich der schmale Lichtspalt aus der etwas offen stehenden Eingangstür Bahn. Der Kugelhagel hatte feine Körnchen längst vergangener Zeiten aufgewirbelt und für einen Moment stand jene beinahe schon majestätisch anmutende Szenerie in derartigem Kontrast zu dem brutalen Angriff, dass Clarence unter seinem Mantel eine unangenehme Gänsehaut bekam.
Wie in Denver, schoss es ihm durch den Kopf, während er mutig ein Stück weiter hinter dem Tresen hervor getaucht war und mit entsicherter Waffe den Eingang und die umliegende Fensterfront im Blick behielt. Damals hatte er sich auf einer Freifläche eines Gebäudes wiedergefunden, der Schwärze der Nacht entgegen blickend. Lautlose Schneeflocken hatten sich gepaart mit verglimmenden, teils noch brennenden Bestandteilen des Zeppelins und hatten den tödlichen Absturz in absolute Stille eingehüllt. Während der Gedanke daran, sein Mann starb gerade beim Aufprall, sein Herz vor Schmerz hatte bersten lassen, hatte das gleißende Reißen seiner Schulter mit seiner Brust konkurriert und nichts von alledem hatte ihn für geraume Zeit auch nur einen klaren Gedanken fassen lassen.
Heute waren es seine Trommelfelle, die ihm vom ohrenbetäubenden Klang der mörderischen Waffe noch immer schmerzten. Der aufgestiegene Staub schien jeden Ton zu verschlucken, sodass sein Herzschlag nur noch mehr in seinen eigenen Ohren dröhnte und ihn befürchten ließ, die herannahenden Schritten von vermeintlichen Gegnern nicht mal mehr hören zu können. Doch wie idiotisch dieser Gedanke war wurde ihm erst in jenem Augenblick klar, als ihm wieder bewusst wurde, das Knirschen und Knarren von Matthews Stiefeln ganz genau zu vernehmen.
Ohne es selbst zu merken, hatte seine vor Adrenalin beschleunigte Atmung ihn letztlich selbst völlig außer Puste gebracht und mit einem zittrigen tiefen Seufzer ermahnte er seinen Körper dazu, wieder zur Ruhe zu kommen. Angestrengt fokussierte er jenen Punkt an der Wand neben der Glaszelle, über die noch vor wenigen Minuten ein flammend rotes Licht gewandert war, das aus dem Arm des fremden Gruppenanführers entstiegen war.
Erst als er die schleichenden Schritte seines Mannes neben sich hörte, konnte er sich aus dem Bann der Wand lösen und ließ sich mit einem erschöpften Laut zurück neben ihm an die Theke sinken. Erst jetzt, sich der Gewissheit hingebend dass aus dem hinterletzten Eck des Ladens wohl niemand mehr hervor springen würde um die Kriegsmaschine auch an ihnen zu testen, erlaubte der Blonde sich ein paar Sekunden um wieder einen ruhigen Gedanken zu fassen.
„Dass die nicht wissen wo wir sind, ist vielleicht der einzige Vorteil den wir je haben werden“, brachte er das Offensichtliche auf den Punkt und tätschelte für einen Augenblick beruhigend Cassies Knie. Noch vor wenigen Minuten war die Welt halbwegs in Ordnung gewesen und so wie sie sie kannten - jetzt konnten sie froh sein, dass ihnen kein einziges Haar gekrümmt worden war. Und verdammt, was war er froh, dass Cassie sich nicht eine Kugel mit dem Kopf eingefangen hatte, wo er sonst schon für Steine auch so empfänglich war. „Ich verstehe nicht… was das für Typen sind. Das ist doch keine Bande, die hier einfach so rumhängt und in deren Revier wir geraten sind. Entweder dein Stanley ist Teil von einer richtig großen Scheiße, in die er uns gelockt hat, oder wir wissen nur… nur einen Bruchteil von dem, in was Mo‘Ann verwickelt ist.“
Mo‘Ann - und seine Kinder. Wenn es sie denn gab.
Bei dem Gedanken, dass Cordy und Harper in den Händen von Typen wie M. Davis, Fox, Murph und dem Kahlkopf sein könnten, drückte sich Claire an Cassies Knie etwas zurück auf die Beine und wagte erneut der Sicherheit halber einen Blick über die Theke. Es gab alleine an diesem Punkt hier genug Szenarien für Kopfkinos die er bereits just in diesem Augenblick zu unterdrücken versuchte, während er sich zurück neben Matthew sinken ließ. In seinem dunklen Haar hatte sich der schwebende Dreck bereits niedergelegt und auch in seiner Nase konnte er schon jetzt den Staub spüren. Bestimmt fingen sie sich davon irgendeine Seuche der Alten ein und würden es nicht mal annähernd bis zum Tunnel schaffen, bis eine räudige Krankheit sie beide dahinsiechen ließ.
„Dass zwei von den Typen am Tunnel Wache stehen heißt nicht, dass es nicht noch mehr von denen gibt. Ich könnte mir auch schönere Arten zu sterben vorstellen als in einem Tunnel von dieser Kriegsmaschine abgeknallt zu werden“, bei seinen eigenen Worten fröstelte es Clarence bereits und er musterte mit besorgtem Blick den Jüngeren neben sich.
„Wir kennen diesen Tunnel nicht, im schlimmsten Fall gibt es keine Deckung und keinen Fluchtweg außer Geradeaus. Das bedeutet nicht, dass auf halber Strecke oder am anderen Ende keiner von den Typen auf uns wartet mit der nächsten Kriegsmaschine. Wenn der Kerl jetzt schon einfach so damit umher ballert, heißt das, ihm sind ein paar Kugeln mehr oder weniger egal. Wo die herkommen, gibt es noch unzählige mehr davon. Ich hab solche Dinger gesehen, in Poison Ivy, mit Nagi. Die Munition dafür war… unbezahlbar. Die Bastler nehmen horrende Preise dafür und der Typ eben haut sie raus wie… wie…“
Nicht mal ein passendes Beispiel fiel Clarence dafür ein, der besorgt eine Antwort auf alle ihre Fragen in Cassies kandisfarbenen Iriden zu suchen schien.
„Sie haben uns scheinbar aus den Augen verloren und einer von ihnen hat gesagt, sie wüssten, dass wir hier lang müssen. Das heißt… Stanley wurde entweder auf uns angesetzt oder hat uns verraten. Und irgendjemand hat beobachtet, dass wir heute morgen aus Falconry aufgebrochen sind“, versuchte Clarence die Fakten der Reihe nach aufzugliedern und daraus Schlüsse für ihre besten Optionen zu ziehen. „Wir wissen nicht wer die sind oder wie viele. Sondern nur, dass…“ - er stockte, versuchend die passenden Worte für das zu finden, was ihm auf der Zunge lag. „…nur, dass das hier definitiv kein Problem für Jäger ist und dass hier irgendeine Scheiße abgeht, die über unorganisierte Plünderer weit hinaus geht. Die kennen sich hier aus, wir nicht. Vielleicht sollten wir versuchen ihnen auf den Fersen zu bleiben, herausfinden was das für eine Bande ist und wenn wir Glück haben, führen sie uns zu zu ihrem Lager. Irgendwo müssen sie ihre Munition lagern und wenn sie die nicht mehr haben, stehen wir vielleicht besser da. Ich schwöre dir, die erschießen uns um Tunnel ohne mit der Wimper zu zucken, wenn die nicht mal vor M. Davis Halt machen.“
Mahnend wedelte er mit der Halskette vor Cassies Nase, die ihnen im Fall der Fälle nicht mal als Strick für einen Freitod dienen würde, wenn es hart auf hart kam.


