Krankenstation

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Clarence B. Sky

Nachdenklich legte Clarence den Kopf schief und betrachtete sich das Rotorblatt hinter der Lüftung. Unaufhörlich wieder drehte es sich im Kreis wann immer er die Augen öffnete. Manchmal glaubte er, es wäre stehen geblieben, bis seine Augen sich fokussierten und sein Blick nicht mehr ganz so verschwommen war. Aber es drehte sich noch. Es drehte sich immer. Es drehte sich wenn die Lichter hell waren und es drehte sich, wenn die Lichter gedimmt, die Zahlen am Kasten neben ihm dunkel und nicht mehr grell waren und wenn die Alarme leiser piepsten. Das einzige, was verlässlich war, war das Rotorblatt. Das hinter der Lüftung.

„Was wollten Sie sagen, Clarence?“

„Was?“ - Sagen? Er? 

Abermals blinzelte er und richtete seinen Blick zurück auf die Frau am Ende seines Bettes. Auf ihrem Stuhl saß sie, die Beine übereinander geschlagen und ihr Klemmbrett auf dem Schoß. Manchmal erinnerte sie ihn an Mo’Ann. Damals, als er noch neu in Falconry Gardens gewesen war. Sie hatte ihn mit dem gleichen Blick betrachtet. Wie eine Studie, der man nachgehen musste. Wie ein Objekt, das man verstehen wollte.

Durstig griff er nach dem Wasser auf dem Schrank neben seinem Bett, doch schon alleine der Versuch wurde von der gepolsterten Fessel an seinem Handgelenk unterbunden. Ja, da war etwas gewesen. Links und rechts. Und auch an seinen Füßen. Und an seinem Bauch. Und seinen Schultern.

„Ihr habt mich festgemacht.“

„Ja, Clarence. Darüber haben wir geredet. Sie waren sehr ungehalten und das konnten wir nicht tolerieren. Bis wir die richtige Dosis für ihre Medikamente gefunden haben, wird das noch so bleiben. Zu ihrer eigenen Sicherheit - und zu unserer.“

„Achso.“

„Es ist recht erstaunlich wie viel Sie vertragen. Mit der aktuellen Dosis könnten wir vermutlich eine Euthanasie bei einem Pferd durchführen. Konsumieren Sie öfter Substanzen?“, wollte die Ärztin mit ihren streng hochgesteckten Haaren wissen und schrieb auf ihr Klemmbrett. Meistens hatte sie einen Kugelschreiber dabei. Weil sie es hasste Bleistifte anzuspitzen, sagte sie. Aber letztes Mal war ihr Kugelschreiber leer geworden. Ein Stift, der mit einer Kugel und Tinte schrieb. Sie hatte ihm erklärt wie so ein Stift funktionierte, aber er hatte es schon wieder vergessen.

Wie so vieles in den letzten Stunden.

Oder Tagen. 

Oder Minuten.

„Was?“

„Ich denke, wir können noch etwas runter gehen. Um 0,2 vielleicht“, fern und dumpf klangen ihre Schritte, als sie sich erhob und an die Geräte neben ihn trat. Sie trug hohe Schuhe wie Clarence sie oft bei Jeyne und anderen Frauen in Metropolen gesehen hatte. Ihre Kleidung war weiß wie Schnee und wie so ziemlich alles, was hinter Desinfektion und Verbrennung lag.

‚Damit man erkennt, dass wir im uns im reinen Bereich aufhalten. Auch das Militär, das Sie hierher gebracht hat, darf diesen Bereich nicht in unreiner Kleidung oder ohne vorherige Desinfektion betreten. Reine Sicherheitsmaßnahme‘, hatte sie ihm damals erklärt.

Oder vorhin.

Oder eben.

„Ich bin desinfiziert worden“, hörte er sich selbst sagen und war erstaunt, dass die Ärztin im gleichen Rhythmus zu seiner Stimme die Knöpfe an seinem Gerät piepsen ließ. Aber vielleicht kam ihm das auch nur so vor. Vielleicht piepsten sie auch im Takt zu seinem Herzschlag. Vielleicht piepste alles hier. Sogar er selbst.

„Das ist korrekt, Clarence. Wir alle sind desinfiziert. Auch Sie. Wissen Sie noch, was bei Ihrer Desinfektion passiert ist?“ - Vorsichtig legten sich ihre Finger an sein Kinn, um seinen Kopf ein Stück zur Seite zu drehen. Er spürte wie ihr Blick über die Nähte in seinem Gesicht wanderte, noch bevor er es sehen konnte. Operiert hatte man ihn. Hatte Sie gesagt. Weil er sich gewehrt hatte und das Militär grundsätzlich hart durchgriff bei Menschen ‚wie ihnen‘.

Als er nachdenklich seine Brauen zusammenzog, spürte er das taube Gefühl in seiner Braue und seiner linken Gesichtshälfte.

Nackt war er gewesen, weil er sich hatte ausziehen müssen. Und der Typ mit dem Gewehr hatte etwas von einem Arzt gesagt. Von einer Untersuchung. Dass ein Arzt ihn untersuchen würde. Zwei Begriffe, die Clarence an sich schon nicht mochte. Und in Kombination und Zwang noch viel weniger.

In Panik  war er ausgerutscht auf dem von Desinfektionsmittel nassen Boden und der Typ mit der Waffe war gekommen um ihn hoch zu zerren. Aber Clarence hatte ihn mit einem Tritt von den Beinen gefegt. Hatte seine Fessel gelöst und dem Kerl die Waffe abgenommen. Aber er war erst nicht aus dem Raum raus gekommen. Erst, als er die Hand der Wache gegen den schwarzen Kasten gepresst hatte. Wie bei ihrem Eintritt in die Schleuse. Er hatte Cassie gesucht. Aber der metallische Raum neben ihm war leer gewesen. Leer und nass. Das hatte er gesehen, durchs Glas hindurch.

Wo war Cassie?

Und woher hatte er die Hand gehabt um die Tür zu öffnen?

Verwirrt hob er die eigene Hand vom Bett und musterte sie. Es war seine eigene und er hielt keine fremden Finger in der Hand, so wie gestern.

Oder damals.

Oder bald.

„Ich habe Cassie nicht gefunden. Und dann sind Männer gekommen. Viele Männer. Und dann…“ - dann hatte ihn etwas spitzes erwischt, irgendwo in der Brust. Etwas, von dem ihm so schwankend schwindelig geworden war, dass er hätte schwören können wieder wieder auf ihrem Boot zu sein. Er war gestürzt und dann war es dunkel geworden. Ewig lange dunkel. Bis alles weiß gewesen war und so furchtbar nach billigem Fusel stank, dass es ihm direkt wieder schlecht wurde.

„Wo sind Sie gerade? Nehmen Sie mich mit, Clarence“, bat die Ärztin neben ihm, deren dunkle Locken offen über ihre Schultern fielen. Mit lockerem Griff hielt sie ihren Kugelschreiber, während sie auf dem beweglichen Ende herum drückte, wann immer ihr seine Antwort zu lange dauerte.

Klick, klick. Klick.

Dann haben Sie mich operiert und überwacht. Weil mein Jochbein gebrochen und mein Hirn geprellt ist“, zählte er auf was er wusste. Nicht weil er es wusste oder erinnerte, sondern weil man ihm das so gesagt hatte.

„Wir haben gerade darüber gesprochen, warum sie mit Nathan Abaelardus auf dem Berg waren. Erinnern Sie sich?“

„Wir haben darüber gesprochen, was bei der Desinfektion passiert ist“, unsicher huschte sein Blick zwischen der Ärztin und den Geräten neben ihm umher, von denen noch immer kleine Schläuche in ein buntes Pflaster auf seinem Arm führten.

„Das war gestern, Clarence. Gestern haben wir darüber geredet. Aber heute reden wir darüber, ob Sie wissen, warum Sie hier sind und was Sie erwarten hier zu finden.“

Sein Mund war furchtbar trocken und selbst der Schluck Wasser aus seinem Glas machte es nicht besser. Immerhin wurde ihm dieses Mal nicht schwindelig, als er an der Bettkante saß.

„Wo ist Cassie? Ich will wissen wo Cassie ist“, seine eigene Stimme klang ihm noch immer fremd in den Ohren und obwohl er sich aufgeregt fühlte, konnte er keine Ungeduld in seiner Stimme hören. Nur das schneller werdende Piepsen der Geräte, die niemals schwiegen, ganz gleich wie sehr er versuchen wollte zu schlafen.

Angespannt hob sich der Blick der Ärztin auf den bunt blinkenden Kasten über ihm. Ihr Griff um den Kugelschreiber war fester geworden, fast als hielte sie eine Stichwaffe anstelle eines Schreibgerätes in der Hand. Claire beobachtete, wie einer der uniformierten Weißen im Hintergrund neben der Tür seine Hand aufs Holster legte, doch ein kurzes Handzeichen der Dunkelhaarigen reichte aus, um seine Intention im Keim zu ersticken.

„Ich habe Ihnen ja bereits gesagt, sobald Sie sich zu benehmen wissen, ist es nicht ausgeschlossen Sie beide wieder zusammenzuführen. Aber dafür muss ich Ihnen vertrauen können, Clarence. Kann ich das?“


Matthew C. Sky

Piep.

Piep.

Piep.

Dieses Geräusch. Immer wieder dieses Geräusch, trotz der Benommenheit. Manchmal wurde das Geräusch leiser und verstummte ganz. Aber immer öfter nahm er es wahr. 

Piep.

Piep.

Piep. 

Er registrierte, dass das Geräusch allgegenwärtig war. Es kam ihm vor, als sei es omnipräsent und wenn er es nicht wahrnahm, dann nur, weil er in die undurchdringliche Schwärze zurückgetaucht war, die von Zeit zu Zeit zu grauer Benommenheit wurde. In den Zeiten jener grauen Benommenheit spürte er Schmerzen. Wo genau, konnte er nicht sagen. Südlich seines Kopfes schien die richtige Antwort zu sein. Manchmal fragte sein mürbe gewordener Verstand wo er war, was geschehen war, wer er war

Aber er konnte diesen Fragen nicht nachgehen. Und überhaupt: war es klug, sie zu stellen?

Allein die Tatsache, sich diese Dinge zu fragen bedeutete, dass er weniger oft in der undurchdringlichen Schwärze trieb sondern immer öfter hinaufschwamm - zur grauen Benommenheit. 

Dorthin, wo das Piep.Piep.Piep. lauter und die Schmerzen schlimmer wurden. Dorthin wo es heller wurde. 

Bedeutete das, dass er Fortschritte machte? Es werde Licht (und sei es auch noch so diffus) und es ward Licht und das Licht war gut, Blabla?

Vielleicht. 

Die Phasen des Nichtschmerzes waren zyklischer Natur. Es gab ein Muster, eine zeitliche Abfolge die -zunächst von ihm unbemerkt, mittlerweile jedoch erkannt - nur um Nuancen abwich. Zumindest bildete er sich das ein. 

Für eine lange Zeit (sie musste lang sein, denn außer ihr gab es nichts) war das Piep.Piep.Piep. die einzige externe Realität. Der Rest war nur verschwommen. 

Manchmal schwarz. Immer öfter grau. 

Die Schmerzen, obschon die wahre Omnipräsenz, wie auch das Geräusch, wurden durch etwas begraben, dass man ihm verabreichte. Diese Erkenntnis gewann er drei Tage nachdem er sich nackt auf eine Pritsche gelegt hatte. 

Und irgendwann wurden sie nicht mehr nur begraben.  

Sie erodierten. Wie morsches Holz, welches feucht geworden herumlag und immer mehr verwitterte. 

Und mit der Erosion der Schmerzen begannen die Phasen der undurchdringlichen Schwärze immer weniger zu werden. Ihre Vorherrschaft wurde abgelöst, sie wurde zur Randfigur, bis sie irgendwann fort war und Gedanken ihren Raum einnahmen, wo vorher nur träge Fragen in seinem Geist aufgeblitzt waren. Wie Glühwürmchen in einer schwülen Sommernacht. 

Eines Morgens, er wusste nicht wann genau, denn Zeit war etwas vollkommen subjektives geworden, schaffte er es, die Lider seiner Augen zu heben. Das Licht, sei es nun gut oder auch nicht, war grell und stach höllisch in seinem Kopf, was ihn stöhnen ließ. Der erste Laut seit…. wann auch immer.

Der Mann, der neben seinem Bett stand blickte auf ihn herunter und ließ die Hände von der Maschine sinken. 

Sein Gesicht war schwarz, die Haare kurz und lockig, sein Lächeln breit und mit so weißen Zähnen versehen, dass es Matthew völlig surreal vorkam. 

„Sieh an, wer da wieder unter den Lebenden ist.“, kommentierte der Mann, stellte irgendetwas an der piepsenden Maschine neben ihm ein und betrachtete ihn neuerlich. 

„Können Sie mich hören? Verstehen? Blinzeln Sie zweimal, wenn Sie es können.“ - Matt starrte ihn an, blinzelte zweimal. Er fühlte sich wie überfahren. Alles an dieser Begegnung, alles an diesem Ort, war falsch. 

„Sehr gut. Sie waren ein paar Tage ausgeknockt. Medizinische Gründe.“ - nach kurzer Pause fügte er an: 

„Und es gab Sicherheitsbedenken.“

Matthew verzog das Gesicht. Er erinnerte sich bruchstückhaft an ihre Flucht durch einen Wald, an Gegner mit Schnellfeuerwaffen. Er erinnerte sich an….

„Cla-…Clarence?“, seine Stimme war nicht mehr als ein Krächzen. „Bei ihm gab es…auch Sicherheitsbedenken.“ - was die Frage nicht beantwortete, aber streng genommen hatte Matthew auch gar keine Frage gestellt. 

Gequält - die erodierenden Schmerzen waren, nun da er wach war, erschreckend präsent, versuchte Matthew sich aufzusetzen, was ihm nicht gelang. 

„Sie haben sich mehrere Rippenbrüche und ein leichtes Schädelhirntrauma zugezogen, daher haben wir Ihnen Ruhe verordnet.“ 

‚Zugezogen…‘ dachte er zynisch. 

„Bin nicht… bin nicht…“, nuschelte er undeutlich.

Der Mann neben ihm betrachtete ihn eindringlich und geduldig, den Kopf hatte er leicht schräg geneigt. 

Matthew, kämpfte mit seiner Zunge, die wollte ihm nicht gehorchen. Selbes galt für seine Stimme. Er hatte Schwierigkeiten zu formulieren was er dachte und doch ließ er es nicht darauf bewenden. 

„… Bin nicht in der Kirche hingefallen. Hab mir… einen… einen Scheiß zugezogen. Ihr wart das. Seine Stimme klang, obgleich kratzig und brüchig, erstaunlich feindselig. 

„Nun… das stimmt. Aber Sie werden verstehen, dass Sie eine Bedrohung waren. Wir mussten Sie neutralisieren.“

Jetzt sah Matthew ihn mit einem Ausdruck benommenen Unverständnisses an. Möglicherweise verstand er was der Kerl da redete, aber vielleicht auch nicht. 

„Wo ist… Cl-… Clarence?“ - „Wohlauf.“ 

Matthew, der schon wieder unfassbar müde war, riss sich zusammen und musterte den Farbigen so eindringlich wie nur irgend möglich, auf der Suche nach einer etwaigen Lüge. 

„Wir dulden hier keine Sicherheitsrisiken, werden Sie wieder ein solches darstellen?“ - „Nur wenn… ich muss.“

Diese Antwort schien den Fremden zu erheitern, denn kurz gab er ein bellendes Lachen von sich, von dem Matthew wettete, dass es unecht war. Aber sei‘s drum. 

„Interessante Antwort.“ - schweigend erwiderte Matthew den Blick des Mannes, der sich von seinem Platz schließlich erhob, nochmals etwas an der piepsenden Maschine eingab und sich dann entfernte. 

„Ich will… zu ihm.“ - das war klar. Auch besagter Clarence hatte sich bereits ausgiebig nach diesem Mann hier erkundigt und eben jenen Wunsch geäußert. 

„Heute nicht. Für heute ist es genug.“

Matthew wollte eine Hand heben, wollte ihm nachrufen nicht zu gehen, wollte bekräftigen Clarence jetzt sehen zu wollen. Aber er konnte nicht mal mehr die Lider heben geschweige denn den Arm. Die Dunkelheit, die echte, zog ihn zurück in die Tiefe. Dorthin, wo es keine Schmerzen gab und auch das Piepen der Maschine verstummte. 

 

Als er am Folgetag erwachte war er bereits orientierter, das Sprechen fiel ihm leichter, das Denken ebenso. Die Lücken zwischen den einzelnen Fetzen seiner Erinnerungen begannen sich zu füllen. 

Man erklärte ihm abermals die Art seiner Verletzungen, die Notwendigkeit ihn sediert zu haben, man erklärte ihm ferner, dass Clarence versucht hatte zu fliehen - weshalb seine Sedativa eine etwas andere Wirkung hatten. 

Matthew, der sich nicht um gebrochene Rippen und Sicherheitsrisiken scherte, versuchte abermals ein Wiedersehen in die Wege zu leiten, doch seinem Gesuch wurde erst weitere drei Tage später stattgegeben. 

Unter Vorbehalt.

„Er ist wach und orientiert. Aber sollten Sie oder er Probleme machen, wird dieses Treffen das letzte Treffen für eine sehr lange Zeit sein, verstanden?“ - die Frau, es war die Ärztin die ihn bei ihrer Ankunft begutachtet hatte, führte Matthew durch glänzende weiße Gänge. Alles sah gleichförmig aus. Eine unendlich scheinende Anzahl identischer Flure und Weggabelungen. Gläserne Räume rechts und links, manche leer, in anderen herrschte geschäftiges Treiben. 

„Verstanden. Klar. Hier werden keine Sicherheitsrisiken geduldet.“ - nach dieser Bemerkung warf sie ihm einen skeptischen Seitenblick zu. Er war ihr nicht geheuer, vermutete er - und es war ihm nur recht so.  

Alles hier war weiß. Sogar die Uniform die man ihm gegeben hatte. Matthews Schritte waren vorsichtig und verkürzt, seine Augen huschten hin und her und er versuchte angestrengt, sich den Weg zu merken. 

Vor einer weißen Tür stoppten sie, die Ärztin legte ihre Hand auf einen unscheinbaren Kasten neben der Tür und sie öffnete sich beinahe geräuschlos. Der dahinterliegende Raum hatte keine gläsernen Wände. Die Wände hier waren strahlend weiß und blank poliert - wie üblich. 

Zwei Männer mit Waffen flankierten die Tür. Clarence selbst wurde ebenfalls von einem Mann mit Waffe bewacht. 

Er trug eine identische Uniform wie Matthew. Sein Hämatom im Gesicht war ein wenig verblasst aber noch immer deutlich sichtbar. Erleichterung erfasste den Dunkelhaarigen wie eine Welle und wären die Umstände andere, er hätte ihn sofort umarmt. Doch so, wie die Dinge lagen…

Matt stand neben der Ärztin und betrachtete Clarence verhalten. 

„Hey…?“ ,machte er schließlich und tat zögerlich einen Schritt auf ihn zu. „Scheiß drauf.“ - er überbrückte die trennenden Meter - wobei er die Tatsache ignorierte, dass die Soldaten bereits nach ihren Waffen griffen - und umarmte Clarence so fest, dass es ihm wehtat. Aber mehr noch als das tat es ihm gut ihn zu umarmen. 


Clarence B. Sky

„Kommen Sie, Clarence. Sie kennen die Prozedur. - Ja, genau. So ist es gut. Jetzt die Zunge noch hoch. - Danke, war doch gar nicht so schwer.“

Angefressen nahm der Blonde die Finger aus den Mundwinkeln, nachdem die Ärztin seinen Mund inspiziert hatte. Als sie sich von ihm abwandte, konnte er beobachten wie durch den Schwung das kleine weiße Papierbecherchen auf ihrem weißpolierten Tablett umfiel und einsam zum erliegen kam.

Überhaupt war alles einsam hier und mittlerweile glaubte der Jäger, dass genau das auch das Ziel dieser Einrichtung hier war. Die absolute Isolation, die absolute Abwesenheit von Farben, von Reizen oder halbwegs normalem, menschlichen Kontakt, machte ihn wahnsinnig. Man hungerte ihn hier aus damit er irre wurde. Unzurechnungsfähig. Dann würde er vergessen wo er war, wer er war oder wo er eigentlich hingehörte.

Manchmal zweifelte er sogar schon daran, dass er ein Leben vor all dem hier besessen hatte. Eines Tages würde er aufwachen und an sich herunter sehen. Würde fünf Finger an seiner rechten, fünf Finger an seiner linken Hand erkennen und gebräunte Arme, deren einzige Farbe es war, von der Sonne geküsst worden zu sein. Vielleicht. Vermutlich nicht mal das, denn hier drinnen gab es keine Sonne.

Hier gar es nicht mal Wiese. Es gab kein Gras. Keine frische Luft. Kein Rauschen der Bäume. Es gab nicht mal anständiges Essen hier. Braten oder Eintopf? Ein frisches Stück Brot? Kannte man hier kaum. Es gab… seltsames, süßes Essen in durchsichtigen Tüten. Oder klebrig-orangene Soßen in etwas, das aussah, als hätte man es schonmal gegessen und wieder empor gewürgt.

Konservierungsstoffe dienen der Haltbarkeit von Lebensmitteln und Rationierungen der besseren Planung. Die Portionen sind ihrem Stoffwechsel und ihrem persönlichen Bedarf angepasst. Auf diese Weise kommt es nicht zu Verschwendung oder Überdosierung‘, hörte er die Stimme der Ärztin noch immer in seinem Ohr. Essen, um den Bedarf zu decken? Möglich. Aber sein eigener Bedarf an Sättigung und Genuss blieb dabei irgendwie außen vor. Gerade Clarence, der sich schon immer schwer damit getan hatte sich widerwillig etwas zu Essen hinunter zu würgen wenn er Kummer hatte, tat sich schwer mit dem, was man ihm hier vorsetzte.

Umso erstaunter war er gewesen, als die Quacksalberin nicht mit ihrem üblichen ‚Bald‘ geantwortet hatte, als er die ewig gleiche Frage heute erneut gestellt hatte. Lustlos hatte er etwas zerrupft was man hier Brot nannte - eine schwammige Scheibe Gebäck, das so widerstands- und saugfähig war, dass man damit hätte Fenster putzen können - und die Dunkelhaarige gefragt, ob es nicht wenigstens möglich sei, dass Matthew und er miteinander zu Mittag aßen.

Ich denke, das könnte Ihnen gut tun, Clarence. Aber wenn Sie oder Ihr Partner dabei Probleme machen, werden wir das Essen beenden müssen. Verstanden?‘

Er hatte verstanden - und er hatte seit ihrer Zusage heute Morgen keine Probleme mehr gemacht. Nichtmal dann, als sie von ihm verlangt hatte, dass er vor dem Aufbruch in einen kleinen Verhörraum seine Medikamente einzunehmen hatte.

Sie waren noch nicht lange in dem kleinen Séparée, das von nichts geziert wurde außer einem schmalen Tisch mit zwei Essenstabletts in der Mitte, als die Tür sich vor ihm endlich öffnete und Clarence schlagartig damit aufhörte nervös am Stumpf seines Ringfingers zu reiben. Manchmal, vor allem abends im Halbschlaf, hatte er schon befürchtet, Cassie sei vielleicht niemals mehr gewesen als eine Halluzination die sich auf all die Medikamente zurückführen ließ. Vielleicht war er auch niemals mit ihm in dieser weißen Hölle hier gelandet, sondern schon im Wald erschossen worden und der Hüne hatte es nur verdrängt. Nicht einmal seinen Ehering hatte man ihm gelassen um sich daran zu erinnern was von alledem hier noch real war. Aber eines wusste er immer unumstößlich: So lange es Cassie gut ging, war alles gut. Und wenigstens ging er gut, auf zwei Beinen und halbwegs vital, so wie es schien.

Kurz nur standen sie sich gegenüber, unsicher und fast so als könnten sie die Folgen dessen nicht absehen was wohl geschehen mochte, wenn sich auch nur einer von ihnen falsch rührte. Aber in diesem Moment bedurfte es keiner Worte um dem Blonden anzusehen wie maßlos erleichtert er war. Zwar mochte er die Sonne schon seit einer halben Ewigkeit nicht mehr mit bloßem Auge gesehen haben, aber er fühlte sie in jeder Zelle seines Körpers, als sein Mann auf alle Bedenken einen Scheiß gab und die Distanz zu ihm überbrückte, um ihn in die Arme zu schließen.

Schier überfordert davon ihn fast entgegen aller Erwartung wiederzusehen, hob Claire seine Arme über die Schultern des Jüngeren und schlang sie beinahe abschirmend um den Kopf seines Mannes, ihn fest bei sich haltend. Aus den Augenwinkeln konnte er Hände sehen, die sich bereits auf Waffen gelegt hatten; trotz ihres guten Verhaltens in den vergangenen Tagen schien man nicht vergessen zu haben zu was sie beide fähig waren und Vertrauen bekam man hier nicht geschenkt. Aber das beruhte auf Gegenseitigkeit.

Mit aufeinander gespressten Lippen hielt er Matthew bei sich und mit einem Mal hatte er so einen schweren Kloß im Hals, dass es ihm bereits weh tat. Man mochte sie bis hierher - soweit er das für sich selbst sagen konnte - zwar nicht besonders gut behandelt haben, aber unterm Strich hatte man sie auch nicht belogen, wie es schien. War ihnen hartes Durchgreifen angekündigt worden, war es erfolgt; hatte er sich nicht benommen, hatte man ihn korrigiert; und hatte man ihm versprochen, dass es Matthew gut ging und sie gemeinsam zu Mittag essen konnten, hielt er den Jüngeren plötzlich wieder im Arm. Nach all der Zeit, einfach so.

Ist alles gut mit dir? Haben sie dir was getan?“, wisperte er leise und mit belegter Stimme in Cassies Ohr, wurde jedoch prompt durch ein striktes „Es wird nicht getuschelt! Sonst ist das Kaffeekränzchen schneller vorbei als ihr gucken könnt!“ korrigiert.

Vorsichtig und möglichst versteckt hinter seinen erhobenen Armen, küsste er seinen Mann erst ein Mal, dann ein weiteres Mal auf die Schläfe, während sein Blick unruhig und lauernd die Wachen um sie herum abfuhr. An all die Dinge, die er in den ersten Tagen mit der dunkelhaarigen Ärztin besprochen hatte, konnte er sich nicht mehr im Geringsten erinnern und doch zweifelte er nicht daran, dass ihre Beziehung zueinander kaum mehr Fragen aufwarf. Inwiefern diese Information jedoch zu den Wachen durchgedrungen war, wusste Clarence nicht - und noch weniger als das wusste er, wie diese Menschen hier dazu eingestellt waren, wenn zwei Männer ihr Leben miteinander teilten. Alleine der Gedanke daran, dass man Cassie deshalb noch eher wieder mitnehmen konnte als wegen etwaigem Fehlverhalten, ließ ihn nervös die Finger einer Hand im Kragen des Jüngeren versenken um ihn bei sich zu halten, während er mit der anderen besorgt über Matthews Wange strich. Ihre lange Trennung nach Denver war noch nicht allzu lange her und nur zu gut erinnerte sich Claire an die Angst die er um seinen Mann gehabt hatte, als die Wahrscheinlichkeit groß gewesen war, dass sie sich nie mehr wiedersehen würden. Damit ging ein Schmerz einher, der sich nicht in Worte fassen ließ, aber den man dem Blonden durchaus ansah, in dessen Augen es verräterisch feucht glänzte als er seinen Partner besorgt betrachtete.

„Dass du auf zwei Beinen hier rein kommst ist schonmal mehr, als du in Cascade Hill zustande gebracht hast. Das ist gut, oder?“, versuchte er sich selbst zu beruhigen und nickte optimistisch. „Und du hast… verdammt weiches Haar. Gott, wieso sind deine Haare so weich? Am Essen kann’s nicht liegen, das macht mich fast kränker als das dieses weiße Licht hier überall.“


Matthew C. Sky