Krankenstation
2211
Nachdenklich legte Clarence den Kopf schief und betrachtete sich das Rotorblatt hinter der Lüftung. Unaufhörlich wieder drehte es sich im Kreis wann immer er die Augen öffnete. Manchmal glaubte er, es wäre stehen geblieben, bis seine Augen sich fokussierten und sein Blick nicht mehr ganz so verschwommen war. Aber es drehte sich noch. Es drehte sich immer. Es drehte sich wenn die Lichter hell waren und es drehte sich, wenn die Lichter gedimmt, die Zahlen am Kasten neben ihm dunkel und nicht mehr grell waren und wenn die Alarme leiser piepsten. Das einzige, was verlässlich war, war das Rotorblatt. Das hinter der Lüftung.
„Was wollten Sie sagen, Clarence?“
„Was?“ - Sagen? Er?
Abermals blinzelte er und richtete seinen Blick zurück auf die Frau am Ende seines Bettes. Auf ihrem Stuhl saß sie, die Beine übereinander geschlagen und ihr Klemmbrett auf dem Schoß. Manchmal erinnerte sie ihn an Mo’Ann. Damals, als er noch neu in Falconry Gardens gewesen war. Sie hatte ihn mit dem gleichen Blick betrachtet. Wie eine Studie, der man nachgehen musste. Wie ein Objekt, das man verstehen wollte.
Durstig griff er nach dem Wasser auf dem Schrank neben seinem Bett, doch schon alleine der Versuch wurde von der gepolsterten Fessel an seinem Handgelenk unterbunden. Ja, da war etwas gewesen. Links und rechts. Und auch an seinen Füßen. Und an seinem Bauch. Und seinen Schultern.
„Ihr habt mich festgemacht.“
„Ja, Clarence. Darüber haben wir geredet. Sie waren sehr ungehalten und das konnten wir nicht tolerieren. Bis wir die richtige Dosis für ihre Medikamente gefunden haben, wird das noch so bleiben. Zu ihrer eigenen Sicherheit - und zu unserer.“
„Achso.“
„Es ist recht erstaunlich wie viel Sie vertragen. Mit der aktuellen Dosis könnten wir vermutlich eine Euthanasie bei einem Pferd durchführen. Konsumieren Sie öfter Substanzen?“, wollte die Ärztin mit ihren streng hochgesteckten Haaren wissen und schrieb auf ihr Klemmbrett. Meistens hatte sie einen Kugelschreiber dabei. Weil sie es hasste Bleistifte anzuspitzen, sagte sie. Aber letztes Mal war ihr Kugelschreiber leer geworden. Ein Stift, der mit einer Kugel und Tinte schrieb. Sie hatte ihm erklärt wie so ein Stift funktionierte, aber er hatte es schon wieder vergessen.
Wie so vieles in den letzten Stunden.
Oder Tagen.
Oder Minuten.
„Was?“
„Ich denke, wir können noch etwas runter gehen. Um 0,2 vielleicht“, fern und dumpf klangen ihre Schritte, als sie sich erhob und an die Geräte neben ihn trat. Sie trug hohe Schuhe wie Clarence sie oft bei Jeyne und anderen Frauen in Metropolen gesehen hatte. Ihre Kleidung war weiß wie Schnee und wie so ziemlich alles, was hinter Desinfektion und Verbrennung lag.
‚Damit man erkennt, dass wir im uns im reinen Bereich aufhalten. Auch das Militär, das Sie hierher gebracht hat, darf diesen Bereich nicht in unreiner Kleidung oder ohne vorherige Desinfektion betreten. Reine Sicherheitsmaßnahme‘, hatte sie ihm damals erklärt.
Oder vorhin.
Oder eben.
„Ich bin desinfiziert worden“, hörte er sich selbst sagen und war erstaunt, dass die Ärztin im gleichen Rhythmus zu seiner Stimme die Knöpfe an seinem Gerät piepsen ließ. Aber vielleicht kam ihm das auch nur so vor. Vielleicht piepsten sie auch im Takt zu seinem Herzschlag. Vielleicht piepste alles hier. Sogar er selbst.
„Das ist korrekt, Clarence. Wir alle sind desinfiziert. Auch Sie. Wissen Sie noch, was bei Ihrer Desinfektion passiert ist?“ - Vorsichtig legten sich ihre Finger an sein Kinn, um seinen Kopf ein Stück zur Seite zu drehen. Er spürte wie ihr Blick über die Nähte in seinem Gesicht wanderte, noch bevor er es sehen konnte. Operiert hatte man ihn. Hatte Sie gesagt. Weil er sich gewehrt hatte und das Militär grundsätzlich hart durchgriff bei Menschen ‚wie ihnen‘.
Als er nachdenklich seine Brauen zusammenzog, spürte er das taube Gefühl in seiner Braue und seiner linken Gesichtshälfte.
Nackt war er gewesen, weil er sich hatte ausziehen müssen. Und der Typ mit dem Gewehr hatte etwas von einem Arzt gesagt. Von einer Untersuchung. Dass ein Arzt ihn untersuchen würde. Zwei Begriffe, die Clarence an sich schon nicht mochte. Und in Kombination und Zwang noch viel weniger.
In Panik war er ausgerutscht auf dem von Desinfektionsmittel nassen Boden und der Typ mit der Waffe war gekommen um ihn hoch zu zerren. Aber Clarence hatte ihn mit einem Tritt von den Beinen gefegt. Hatte seine Fessel gelöst und dem Kerl die Waffe abgenommen. Aber er war erst nicht aus dem Raum raus gekommen. Erst, als er die Hand der Wache gegen den schwarzen Kasten gepresst hatte. Wie bei ihrem Eintritt in die Schleuse. Er hatte Cassie gesucht. Aber der metallische Raum neben ihm war leer gewesen. Leer und nass. Das hatte er gesehen, durchs Glas hindurch.
Wo war Cassie?
Und woher hatte er die Hand gehabt um die Tür zu öffnen?
Verwirrt hob er die eigene Hand vom Bett und musterte sie. Es war seine eigene und er hielt keine fremden Finger in der Hand, so wie gestern.
Oder damals.
Oder bald.
„Ich habe Cassie nicht gefunden. Und dann sind Männer gekommen. Viele Männer. Und dann…“ - dann hatte ihn etwas spitzes erwischt, irgendwo in der Brust. Etwas, von dem ihm so schwankend schwindelig geworden war, dass er hätte schwören können wieder wieder auf ihrem Boot zu sein. Er war gestürzt und dann war es dunkel geworden. Ewig lange dunkel. Bis alles weiß gewesen war und so furchtbar nach billigem Fusel stank, dass es ihm direkt wieder schlecht wurde.
„Wo sind Sie gerade? Nehmen Sie mich mit, Clarence“, bat die Ärztin neben ihm, deren dunkle Locken offen über ihre Schultern fielen. Mit lockerem Griff hielt sie ihren Kugelschreiber, während sie auf dem beweglichen Ende herum drückte, wann immer ihr seine Antwort zu lange dauerte.
Klick, klick. Klick.
„Dann haben Sie mich operiert und überwacht. Weil mein Jochbein gebrochen und mein Hirn geprellt ist“, zählte er auf was er wusste. Nicht weil er es wusste oder erinnerte, sondern weil man ihm das so gesagt hatte.
„Wir haben gerade darüber gesprochen, warum sie mit Nathan Abaelardus auf dem Berg waren. Erinnern Sie sich?“
„Wir haben darüber gesprochen, was bei der Desinfektion passiert ist“, unsicher huschte sein Blick zwischen der Ärztin und den Geräten neben ihm umher, von denen noch immer kleine Schläuche in ein buntes Pflaster auf seinem Arm führten.
„Das war gestern, Clarence. Gestern haben wir darüber geredet. Aber heute reden wir darüber, ob Sie wissen, warum Sie hier sind und was Sie erwarten hier zu finden.“
Sein Mund war furchtbar trocken und selbst der Schluck Wasser aus seinem Glas machte es nicht besser. Immerhin wurde ihm dieses Mal nicht schwindelig, als er an der Bettkante saß.
„Wo ist Cassie? Ich will wissen wo Cassie ist“, seine eigene Stimme klang ihm noch immer fremd in den Ohren und obwohl er sich aufgeregt fühlte, konnte er keine Ungeduld in seiner Stimme hören. Nur das schneller werdende Piepsen der Geräte, die niemals schwiegen, ganz gleich wie sehr er versuchen wollte zu schlafen.
Angespannt hob sich der Blick der Ärztin auf den bunt blinkenden Kasten über ihm. Ihr Griff um den Kugelschreiber war fester geworden, fast als hielte sie eine Stichwaffe anstelle eines Schreibgerätes in der Hand. Claire beobachtete, wie einer der uniformierten Weißen im Hintergrund neben der Tür seine Hand aufs Holster legte, doch ein kurzes Handzeichen der Dunkelhaarigen reichte aus, um seine Intention im Keim zu ersticken.
„Ich habe Ihnen ja bereits gesagt, sobald Sie sich zu benehmen wissen, ist es nicht ausgeschlossen Sie beide wieder zusammenzuführen. Aber dafür muss ich Ihnen vertrauen können, Clarence. Kann ich das?“
Piep.
Piep.
Piep.
Dieses Geräusch. Immer wieder dieses Geräusch, trotz der Benommenheit. Manchmal wurde das Geräusch leiser und verstummte ganz. Aber immer öfter nahm er es wahr.
Piep.
Piep.
Piep.
Er registrierte, dass das Geräusch allgegenwärtig war. Es kam ihm vor, als sei es omnipräsent und wenn er es nicht wahrnahm, dann nur, weil er in die undurchdringliche Schwärze zurückgetaucht war, die von Zeit zu Zeit zu grauer Benommenheit wurde. In den Zeiten jener grauen Benommenheit spürte er Schmerzen. Wo genau, konnte er nicht sagen. Südlich seines Kopfes schien die richtige Antwort zu sein. Manchmal fragte sein mürbe gewordener Verstand wo er war, was geschehen war, wer er war.
Aber er konnte diesen Fragen nicht nachgehen. Und überhaupt: war es klug, sie zu stellen?
Allein die Tatsache, sich diese Dinge zu fragen bedeutete, dass er weniger oft in der undurchdringlichen Schwärze trieb sondern immer öfter hinaufschwamm - zur grauen Benommenheit.
Dorthin, wo das Piep.Piep.Piep. lauter und die Schmerzen schlimmer wurden. Dorthin wo es heller wurde.
Bedeutete das, dass er Fortschritte machte? Es werde Licht (und sei es auch noch so diffus) und es ward Licht und das Licht war gut, Blabla?
Vielleicht.
Die Phasen des Nichtschmerzes waren zyklischer Natur. Es gab ein Muster, eine zeitliche Abfolge die -zunächst von ihm unbemerkt, mittlerweile jedoch erkannt - nur um Nuancen abwich. Zumindest bildete er sich das ein.
Für eine lange Zeit (sie musste lang sein, denn außer ihr gab es nichts) war das Piep.Piep.Piep. die einzige externe Realität. Der Rest war nur verschwommen.
Manchmal schwarz. Immer öfter grau.
Die Schmerzen, obschon die wahre Omnipräsenz, wie auch das Geräusch, wurden durch etwas begraben, dass man ihm verabreichte. Diese Erkenntnis gewann er drei Tage nachdem er sich nackt auf eine Pritsche gelegt hatte.
Und irgendwann wurden sie nicht mehr nur begraben.
Sie erodierten. Wie morsches Holz, welches feucht geworden herumlag und immer mehr verwitterte.
Und mit der Erosion der Schmerzen begannen die Phasen der undurchdringlichen Schwärze immer weniger zu werden. Ihre Vorherrschaft wurde abgelöst, sie wurde zur Randfigur, bis sie irgendwann fort war und Gedanken ihren Raum einnahmen, wo vorher nur träge Fragen in seinem Geist aufgeblitzt waren. Wie Glühwürmchen in einer schwülen Sommernacht.
Eines Morgens, er wusste nicht wann genau, denn Zeit war etwas vollkommen subjektives geworden, schaffte er es, die Lider seiner Augen zu heben. Das Licht, sei es nun gut oder auch nicht, war grell und stach höllisch in seinem Kopf, was ihn stöhnen ließ. Der erste Laut seit…. wann auch immer.
Der Mann, der neben seinem Bett stand blickte auf ihn herunter und ließ die Hände von der Maschine sinken.
Sein Gesicht war schwarz, die Haare kurz und lockig, sein Lächeln breit und mit so weißen Zähnen versehen, dass es Matthew völlig surreal vorkam.
„Sieh an, wer da wieder unter den Lebenden ist.“, kommentierte der Mann, stellte irgendetwas an der piepsenden Maschine neben ihm ein und betrachtete ihn neuerlich.
„Können Sie mich hören? Verstehen? Blinzeln Sie zweimal, wenn Sie es können.“ - Matt starrte ihn an, blinzelte zweimal. Er fühlte sich wie überfahren. Alles an dieser Begegnung, alles an diesem Ort, war falsch.
„Sehr gut. Sie waren ein paar Tage ausgeknockt. Medizinische Gründe.“ - nach kurzer Pause fügte er an:
„Und es gab Sicherheitsbedenken.“
Matthew verzog das Gesicht. Er erinnerte sich bruchstückhaft an ihre Flucht durch einen Wald, an Gegner mit Schnellfeuerwaffen. Er erinnerte sich an….
„Cla-…Clarence?“, seine Stimme war nicht mehr als ein Krächzen. „Bei ihm gab es…auch Sicherheitsbedenken.“ - was die Frage nicht beantwortete, aber streng genommen hatte Matthew auch gar keine Frage gestellt.
Gequält - die erodierenden Schmerzen waren, nun da er wach war, erschreckend präsent, versuchte Matthew sich aufzusetzen, was ihm nicht gelang.
„Sie haben sich mehrere Rippenbrüche und ein leichtes Schädelhirntrauma zugezogen, daher haben wir Ihnen Ruhe verordnet.“
‚Zugezogen…‘ dachte er zynisch.
„Bin nicht… bin nicht…“, nuschelte er undeutlich.
Der Mann neben ihm betrachtete ihn eindringlich und geduldig, den Kopf hatte er leicht schräg geneigt.
Matthew, kämpfte mit seiner Zunge, die wollte ihm nicht gehorchen. Selbes galt für seine Stimme. Er hatte Schwierigkeiten zu formulieren was er dachte und doch ließ er es nicht darauf bewenden.
„… Bin nicht in der Kirche hingefallen. Hab mir… einen… einen Scheiß zugezogen. Ihr wart das. “ Seine Stimme klang, obgleich kratzig und brüchig, erstaunlich feindselig.
„Nun… das stimmt. Aber Sie werden verstehen, dass Sie eine Bedrohung waren. Wir mussten Sie neutralisieren.“
Jetzt sah Matthew ihn mit einem Ausdruck benommenen Unverständnisses an. Möglicherweise verstand er was der Kerl da redete, aber vielleicht auch nicht.
„Wo ist… Cl-… Clarence?“ - „Wohlauf.“
Matthew, der schon wieder unfassbar müde war, riss sich zusammen und musterte den Farbigen so eindringlich wie nur irgend möglich, auf der Suche nach einer etwaigen Lüge.
„Wir dulden hier keine Sicherheitsrisiken, werden Sie wieder ein solches darstellen?“ - „Nur wenn… ich muss.“
Diese Antwort schien den Fremden zu erheitern, denn kurz gab er ein bellendes Lachen von sich, von dem Matthew wettete, dass es unecht war. Aber sei‘s drum.
„Interessante Antwort.“ - schweigend erwiderte Matthew den Blick des Mannes, der sich von seinem Platz schließlich erhob, nochmals etwas an der piepsenden Maschine eingab und sich dann entfernte.
„Ich will… zu ihm.“ - das war klar. Auch besagter Clarence hatte sich bereits ausgiebig nach diesem Mann hier erkundigt und eben jenen Wunsch geäußert.
„Heute nicht. Für heute ist es genug.“
Matthew wollte eine Hand heben, wollte ihm nachrufen nicht zu gehen, wollte bekräftigen Clarence jetzt sehen zu wollen. Aber er konnte nicht mal mehr die Lider heben geschweige denn den Arm. Die Dunkelheit, die echte, zog ihn zurück in die Tiefe. Dorthin, wo es keine Schmerzen gab und auch das Piepen der Maschine verstummte.
Als er am Folgetag erwachte war er bereits orientierter, das Sprechen fiel ihm leichter, das Denken ebenso. Die Lücken zwischen den einzelnen Fetzen seiner Erinnerungen begannen sich zu füllen.
Man erklärte ihm abermals die Art seiner Verletzungen, die Notwendigkeit ihn sediert zu haben, man erklärte ihm ferner, dass Clarence versucht hatte zu fliehen - weshalb seine Sedativa eine etwas andere Wirkung hatten.
Matthew, der sich nicht um gebrochene Rippen und Sicherheitsrisiken scherte, versuchte abermals ein Wiedersehen in die Wege zu leiten, doch seinem Gesuch wurde erst weitere drei Tage später stattgegeben.
Unter Vorbehalt.
„Er ist wach und orientiert. Aber sollten Sie oder er Probleme machen, wird dieses Treffen das letzte Treffen für eine sehr lange Zeit sein, verstanden?“ - die Frau, es war die Ärztin die ihn bei ihrer Ankunft begutachtet hatte, führte Matthew durch glänzende weiße Gänge. Alles sah gleichförmig aus. Eine unendlich scheinende Anzahl identischer Flure und Weggabelungen. Gläserne Räume rechts und links, manche leer, in anderen herrschte geschäftiges Treiben.
„Verstanden. Klar. Hier werden keine Sicherheitsrisiken geduldet.“ - nach dieser Bemerkung warf sie ihm einen skeptischen Seitenblick zu. Er war ihr nicht geheuer, vermutete er - und es war ihm nur recht so.
Alles hier war weiß. Sogar die Uniform die man ihm gegeben hatte. Matthews Schritte waren vorsichtig und verkürzt, seine Augen huschten hin und her und er versuchte angestrengt, sich den Weg zu merken.
Vor einer weißen Tür stoppten sie, die Ärztin legte ihre Hand auf einen unscheinbaren Kasten neben der Tür und sie öffnete sich beinahe geräuschlos. Der dahinterliegende Raum hatte keine gläsernen Wände. Die Wände hier waren strahlend weiß und blank poliert - wie üblich.
Zwei Männer mit Waffen flankierten die Tür. Clarence selbst wurde ebenfalls von einem Mann mit Waffe bewacht.
Er trug eine identische Uniform wie Matthew. Sein Hämatom im Gesicht war ein wenig verblasst aber noch immer deutlich sichtbar. Erleichterung erfasste den Dunkelhaarigen wie eine Welle und wären die Umstände andere, er hätte ihn sofort umarmt. Doch so, wie die Dinge lagen…
Matt stand neben der Ärztin und betrachtete Clarence verhalten.
„Hey…?“ ,machte er schließlich und tat zögerlich einen Schritt auf ihn zu. „Scheiß drauf.“ - er überbrückte die trennenden Meter - wobei er die Tatsache ignorierte, dass die Soldaten bereits nach ihren Waffen griffen - und umarmte Clarence so fest, dass es ihm wehtat. Aber mehr noch als das tat es ihm gut ihn zu umarmen.
„Kommen Sie, Clarence. Sie kennen die Prozedur. - Ja, genau. So ist es gut. Jetzt die Zunge noch hoch. - Danke, war doch gar nicht so schwer.“
Angefressen nahm der Blonde die Finger aus den Mundwinkeln, nachdem die Ärztin seinen Mund inspiziert hatte. Als sie sich von ihm abwandte, konnte er beobachten wie durch den Schwung das kleine weiße Papierbecherchen auf ihrem weißpolierten Tablett umfiel und einsam zum erliegen kam.
Überhaupt war alles einsam hier und mittlerweile glaubte der Jäger, dass genau das auch das Ziel dieser Einrichtung hier war. Die absolute Isolation, die absolute Abwesenheit von Farben, von Reizen oder halbwegs normalem, menschlichen Kontakt, machte ihn wahnsinnig. Man hungerte ihn hier aus damit er irre wurde. Unzurechnungsfähig. Dann würde er vergessen wo er war, wer er war oder wo er eigentlich hingehörte.
Manchmal zweifelte er sogar schon daran, dass er ein Leben vor all dem hier besessen hatte. Eines Tages würde er aufwachen und an sich herunter sehen. Würde fünf Finger an seiner rechten, fünf Finger an seiner linken Hand erkennen und gebräunte Arme, deren einzige Farbe es war, von der Sonne geküsst worden zu sein. Vielleicht. Vermutlich nicht mal das, denn hier drinnen gab es keine Sonne.
Hier gar es nicht mal Wiese. Es gab kein Gras. Keine frische Luft. Kein Rauschen der Bäume. Es gab nicht mal anständiges Essen hier. Braten oder Eintopf? Ein frisches Stück Brot? Kannte man hier kaum. Es gab… seltsames, süßes Essen in durchsichtigen Tüten. Oder klebrig-orangene Soßen in etwas, das aussah, als hätte man es schonmal gegessen und wieder empor gewürgt.
‚Konservierungsstoffe dienen der Haltbarkeit von Lebensmitteln und Rationierungen der besseren Planung. Die Portionen sind ihrem Stoffwechsel und ihrem persönlichen Bedarf angepasst. Auf diese Weise kommt es nicht zu Verschwendung oder Überdosierung‘, hörte er die Stimme der Ärztin noch immer in seinem Ohr. Essen, um den Bedarf zu decken? Möglich. Aber sein eigener Bedarf an Sättigung und Genuss blieb dabei irgendwie außen vor. Gerade Clarence, der sich schon immer schwer damit getan hatte sich widerwillig etwas zu Essen hinunter zu würgen wenn er Kummer hatte, tat sich schwer mit dem, was man ihm hier vorsetzte.
Umso erstaunter war er gewesen, als die Quacksalberin nicht mit ihrem üblichen ‚Bald‘ geantwortet hatte, als er die ewig gleiche Frage heute erneut gestellt hatte. Lustlos hatte er etwas zerrupft was man hier Brot nannte - eine schwammige Scheibe Gebäck, das so widerstands- und saugfähig war, dass man damit hätte Fenster putzen können - und die Dunkelhaarige gefragt, ob es nicht wenigstens möglich sei, dass Matthew und er miteinander zu Mittag aßen.
‚Ich denke, das könnte Ihnen gut tun, Clarence. Aber wenn Sie oder Ihr Partner dabei Probleme machen, werden wir das Essen beenden müssen. Verstanden?‘
Er hatte verstanden - und er hatte seit ihrer Zusage heute Morgen keine Probleme mehr gemacht. Nichtmal dann, als sie von ihm verlangt hatte, dass er vor dem Aufbruch in einen kleinen Verhörraum seine Medikamente einzunehmen hatte.
Sie waren noch nicht lange in dem kleinen Séparée, das von nichts geziert wurde außer einem schmalen Tisch mit zwei Essenstabletts in der Mitte, als die Tür sich vor ihm endlich öffnete und Clarence schlagartig damit aufhörte nervös am Stumpf seines Ringfingers zu reiben. Manchmal, vor allem abends im Halbschlaf, hatte er schon befürchtet, Cassie sei vielleicht niemals mehr gewesen als eine Halluzination die sich auf all die Medikamente zurückführen ließ. Vielleicht war er auch niemals mit ihm in dieser weißen Hölle hier gelandet, sondern schon im Wald erschossen worden und der Hüne hatte es nur verdrängt. Nicht einmal seinen Ehering hatte man ihm gelassen um sich daran zu erinnern was von alledem hier noch real war. Aber eines wusste er immer unumstößlich: So lange es Cassie gut ging, war alles gut. Und wenigstens ging er gut, auf zwei Beinen und halbwegs vital, so wie es schien.
Kurz nur standen sie sich gegenüber, unsicher und fast so als könnten sie die Folgen dessen nicht absehen was wohl geschehen mochte, wenn sich auch nur einer von ihnen falsch rührte. Aber in diesem Moment bedurfte es keiner Worte um dem Blonden anzusehen wie maßlos erleichtert er war. Zwar mochte er die Sonne schon seit einer halben Ewigkeit nicht mehr mit bloßem Auge gesehen haben, aber er fühlte sie in jeder Zelle seines Körpers, als sein Mann auf alle Bedenken einen Scheiß gab und die Distanz zu ihm überbrückte, um ihn in die Arme zu schließen.
Schier überfordert davon ihn fast entgegen aller Erwartung wiederzusehen, hob Claire seine Arme über die Schultern des Jüngeren und schlang sie beinahe abschirmend um den Kopf seines Mannes, ihn fest bei sich haltend. Aus den Augenwinkeln konnte er Hände sehen, die sich bereits auf Waffen gelegt hatten; trotz ihres guten Verhaltens in den vergangenen Tagen schien man nicht vergessen zu haben zu was sie beide fähig waren und Vertrauen bekam man hier nicht geschenkt. Aber das beruhte auf Gegenseitigkeit.
Mit aufeinander gespressten Lippen hielt er Matthew bei sich und mit einem Mal hatte er so einen schweren Kloß im Hals, dass es ihm bereits weh tat. Man mochte sie bis hierher - soweit er das für sich selbst sagen konnte - zwar nicht besonders gut behandelt haben, aber unterm Strich hatte man sie auch nicht belogen, wie es schien. War ihnen hartes Durchgreifen angekündigt worden, war es erfolgt; hatte er sich nicht benommen, hatte man ihn korrigiert; und hatte man ihm versprochen, dass es Matthew gut ging und sie gemeinsam zu Mittag essen konnten, hielt er den Jüngeren plötzlich wieder im Arm. Nach all der Zeit, einfach so.
„Ist alles gut mit dir? Haben sie dir was getan?“, wisperte er leise und mit belegter Stimme in Cassies Ohr, wurde jedoch prompt durch ein striktes „Es wird nicht getuschelt! Sonst ist das Kaffeekränzchen schneller vorbei als ihr gucken könnt!“ korrigiert.
Vorsichtig und möglichst versteckt hinter seinen erhobenen Armen, küsste er seinen Mann erst ein Mal, dann ein weiteres Mal auf die Schläfe, während sein Blick unruhig und lauernd die Wachen um sie herum abfuhr. An all die Dinge, die er in den ersten Tagen mit der dunkelhaarigen Ärztin besprochen hatte, konnte er sich nicht mehr im Geringsten erinnern und doch zweifelte er nicht daran, dass ihre Beziehung zueinander kaum mehr Fragen aufwarf. Inwiefern diese Information jedoch zu den Wachen durchgedrungen war, wusste Clarence nicht - und noch weniger als das wusste er, wie diese Menschen hier dazu eingestellt waren, wenn zwei Männer ihr Leben miteinander teilten. Alleine der Gedanke daran, dass man Cassie deshalb noch eher wieder mitnehmen konnte als wegen etwaigem Fehlverhalten, ließ ihn nervös die Finger einer Hand im Kragen des Jüngeren versenken um ihn bei sich zu halten, während er mit der anderen besorgt über Matthews Wange strich. Ihre lange Trennung nach Denver war noch nicht allzu lange her und nur zu gut erinnerte sich Claire an die Angst die er um seinen Mann gehabt hatte, als die Wahrscheinlichkeit groß gewesen war, dass sie sich nie mehr wiedersehen würden. Damit ging ein Schmerz einher, der sich nicht in Worte fassen ließ, aber den man dem Blonden durchaus ansah, in dessen Augen es verräterisch feucht glänzte als er seinen Partner besorgt betrachtete.
„Dass du auf zwei Beinen hier rein kommst ist schonmal mehr, als du in Cascade Hill zustande gebracht hast. Das ist gut, oder?“, versuchte er sich selbst zu beruhigen und nickte optimistisch. „Und du hast… verdammt weiches Haar. Gott, wieso sind deine Haare so weich? Am Essen kann’s nicht liegen, das macht mich fast kränker als das dieses weiße Licht hier überall.“
Es spielte keine Rolle, dass sie lediglich neun Tage voneinander getrennt gewesen waren - für Matthew fühlte es sich an, als hätten es ebenso gut neun Monate sein können.
Jede noch so kleine Trennung war falsch.
Falsch auf jeder nur denkbaren Ebene.
Soweit Matthew das beurteilen konnte - und bei allen Göttern, den alten und den neuen, das konnte er - war Clarence das einzige, was in seinem Leben wirklich gut und wirklich wundervoll war. Der Mann, der die Arme hob um ihn behütend vor den Wachen abzuschirmen, der Mann der ihn auf die Schläfe küsste und sich sofort nach seinem Befinden erkundigte, war die eine Person unter Millionen, die Matthew ein Gefühl von Zuhause geben konnte - und zwar ganz egal wo er war.
Gerade eben war sein Zuhause hier, exakt in diesem Moment, in Clarence‘ Umarmung. Und hätten die Wachen ihn jetzt erschossen, so wäre das seltsam in Ordnung gewesen. Wenn er eines Tages sterben musste, dann in den Armen seines Mannes, behütet, geliebt, umsorgt.
Matthew schmiegte sich innig an den Blonden und vergrub die Finger beider Hände in dem weiß-blauen Overall.
„Es geht mir gut. Ich bin okay.“ - flüsterte er und musterte Clarence geschundenes Gesicht. Zwar waren die Farben des Veilchens mittlerweile etwas weniger schrill, aber noch immer sah das Hämatom grässlich schmerzhaft aus.
„Was ist mit dir, hm? Haben sie-…“ - „Ich sagte: es wird nicht getuschelt!“ Matt presste die Lippen aufeinander und biss die Zähne fest zusammen um bloß keinen schnippischen Kommentar von sich zu geben.
Er wollte auf gar keinen Fall riskieren, dass man sie wieder trennte und mittlerweile hatte er ganz gut begriffen, derjenige zu sein, der nichts zu melden hatte.
Diese Einrichtung hier war in so ziemlich jeder Hinsicht fremdartig - aber wenn es um das soziale Gefüge ging, dann war es hier nicht viel anders als überall.
Irgendwo saß irgendjemand und der hatte das Sagen. Derjenige wurde nicht in Frage gestellt und trat selten persönlich in Erscheinung. Stattdessen gab es Leute die die Arbeit machten, die Befehle ausführten und Scherben auffegten, wenn etwas zu Bruch ging.
Und weder er - und erst recht nicht Clarence - sollten hier drinnen zerbrechen.
„Schon gut. Schon gut. Kein Tuscheln.“, bestätigte er daher, wobei er kurz den Kopf zu der schimpfenden Wache drehte. Der Mann schien sich nun mehr etwas zu entspannen und Matthew wandte sich wieder Clarence zu.
„Ich bin… so froh dich zu sehen.“, er lächelte, wobei seine Augen nicht minder glänzten als die seines Mannes.
Dann lachte Cassiel unvermittelt kurz auf - forciert durch die entgeisterte Feststellung, sein Haar sei unverschämt weich. Und sein Lachen war ein Geräusch, das vollkommen surreal im nüchternen Weiß dieser Welt anmutete. Hier gab es kein Lachen, hier gab es scheinbar überhaupt keine Emotion.
Nur Sterilität. Luft, die nach nichts roch. Essen, das nach nichts schmeckte. Stimmen, die ton- und emotionslos waren.
Hier gab es keinen Regen, keine Sonne, keinen Wind.
Dieser Ort war die Abwesenheit aller Dinge.
Aber Clarence brachte Cassiel trotzdem zum Lachen.
So wie er es eben immer schaffte.
„Die haben hier Seife, die nennen es Shampoo, und damit werden die Haare total weich.“ - dieses Zeug war mit keiner Seife zu vergleichen, die er jemals woanders ausprobiert hatte und es war die bisher einzig gute Erfahrung, die er hier unten gemacht hatte.
Leise, beinahe verlegen, räusperte sich die Ärztin schließlich und setzte sich in Bewegung.
„Hier wurde Ihr Mittagessen vorbereitet. Sie haben heute sechzig Minuten Zeit. Wissen Sie was sechzig Minuten sind?“
Ihr Blick wanderte zwischen Clarence und Matthew hin und her ehe Letzterer fragte: „Warum nur eine Stunde? Was soll dann passieren?“ - „Dann gehen sie beide wieder dem Alltag nach, der sich in den letzten Tagen etabliert hat.“, ihre Antwort war so steif wie dämlich und sie musste die Ablehnung in Matthews Gesicht irgendwie lesen, denn sie fügte an:
„Diese Regeln dienen der allgemeinen Sicherheit. Zu gegebener Zeit wird entschieden wie es mit Ihnen beiden weitergeht. Aber ich bin nicht befugt Ihnen dazu jetzt Details zukommen zu lassen.“
„Sie sagen uns, wir haben jetzt eine Stunde und danach soll jeder wieder allein für sich die Wände anstarren?“ - er blickte sie an als hätte sie einen Dachschaden, wobei er keinerlei Anstalten machte Clarence wieder loszulassen.
„Ich befürchte, so sieht’s aus. Wir lassen Sie jetzt alleine. Da oben ist eine Kamera. Wir werden Sie also sehen, wir werden Sie hören. Machen oder besprechen Sie etwas, das die Sicherheit gefährdet, ist das Treffen beendet. Verstanden?“
Alles was Matthew hören musste war ‚Wir lassen Sie jetzt alleine‘ - dafür hätte er im Augenblick alles getan. Also nickte er. Die Ärztin sah daraufhin zu Clarence und als auch dieser ihr bestätigt hatte, begriffen zu haben, nickte sie bekräftigend.
„Also schön. Die Zeit läuft.“, sie deutete den Wachen an den Raum nach ihr zu verlassen, was die Männer auch taten.
Die merkwürdige Tür schloss sich hinter ihnen und damit waren Clarence und Matthew nach all der Zeit endlich wieder alleine. Was eine Kamera war, davon hatte der Dunkelhaarige keine Vorstellung. Misstrauisch blickte er in die Ecke, auf die die Ärztin ihn hingewiesen hatte. Dort an der Zimmerdecke hing ein kleines Etwas welches gelegentlich blinkte.
Aber was auch immer es darstellte oder konnte… Matthew maß ihm jetzt keine Bedeutung bei sondern richtete seine Aufmerksamkeit wieder allein auf Clarence.
Ohne Umschweife legte er seine Hände an den Hinterkopf des Größeren, strich zärtlich durch den blonden Schopf und überbrückte schweigend die Distanz ihrer Gesichter um seinen Mann endlich auf die Lippen zu küssen.
Und kaum da er den Mund seines Liebsten spürte, zerbarst seine Selbstbeherrschung. Die Erleichterung die er verspürte Clarence wiederzusehen, zu sehen, dass er wohlauf war, zu wissen, an diesem schrecklichen Ort nicht allein zu sein…war einfach zu viel.
Energisch drängte er sich gegen Clarence und vergrub letztlich das Gesicht in dessen Halsbeuge um sein Schluchzen zu ersticken. Er löste eine Hand aus dem Schopf des Blonden und schlug ihn mit der geballten Faust tadelnd gegen die Brust. „Ich hatte solche Angst, dich vielleicht… niemals wiederzusehen.“
Egal in welcher Situation sie sich befanden oder wie lange sie voneinander getrennt gewesen waren: So lange sie einander wieder hatten, war die Welt für einen Augenblick seltsam in Ordnung. Die metallische Küche des Gasthauses Zur Möwe konnte unter Kugelhagel in Trümmern zerfallen, aber so lange sie dabei gemeinsam hinter dem Tresen saßen um sich zu schützen, hatte Clarence keine Angst. So lange Matthew wach im Bett von Doktor Bennett lag und ihn wiedererkannte, sorgte er sich nicht darum, unter welchen Umständen sie ihr Leben gemeinsam weiterführen würden.
Mit Matthew war die Welt in Ordnung, so lange auch Matthew in Ordnung war - und das Lachen seines Mannes war das einzige kleine Extra, das der steril-weiße Bunker um sie herum für ihn bereit hielt.
Ein dünnes Lächeln legte sich auf seine Lippen, während Clarence erleichtert auf den Jüngeren hinab blickte. Sie beide hielten den Overall des anderen fest in den Händen, fast als wären sie dazu bereit umeinander zu kämpfen, sollte auch nur eine einzige Wache auf die Idee kommen, sie doch jetzt in diesem Augenblick wieder voneinander zu trennen. Ob nun wenige Tage oder gar fast ein Monat vergangen war, konnte der Jäger kaum mit Sicherheit sagen und im Grunde war es ihm auch völlig gleich. Gelitten hatte er sowieso jede Sekunde darunter, von seinem Mann getrennt zu sein.
„Wir haben verstanden. Beide“, fügte er an, um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen und nickte der Ärztin entgegen, die sie ein weiteres Mal argwöhnisch musterte. In den vergangenen Tagen hatten sie beide zwar lange dafür gebraucht dafür zu sorgen dass man ihnen vertrauen konnte, aber letztlich schien ihr Benehmen ja dafür gereicht zu haben, um sie heute miteinander zu Mittag essen zu lassen. Alleine, was Clarence noch mehr verwunderte als das Essen selbst.
Noch immer hielt er Cassie am Kragen seines Anzuges fest und hatte die andere Hand behütend über seine Wange gelegt, über die er ihn sachte mit dem Daumen streichelte, während die Ärztin mitsamt den Soldaten einer nach dem anderen den Raum verließ.
‚Wir werden Sie also sehen, wir werden Sie hören‘, ging es dem Jäger dabei durch den Kopf, der im Gegensatz zu seinem Mann nicht dem Deut der Dunkelhaarigen in die Ecke des Zimmers gefolgt war. Er hatte genug von Kameras, von blinkenden Lichtern und davon, dass wie von Zauberhand irgendwelche Leute auftauchten, wenn man sich nur zwei Millimeter zu weit links in der Nase popelte.
Die Geschehnisse in diesem Bunker hier machten ihn wahnsinnig und das einzige, was ihm ein Anker in dieser Situation war, war von Anfang an der Gedanke an Matthew gewesen.
Wenngleich ihm längst klar war, dass zumindest die Leute mit ihren Brettern und Stiften wissen mussten in welchen Verhältnis sie zueinander standen, waren wissen und sehen noch immer zwei verschiedene Paar Schuhe und wenn es nach ihm gegangen wäre, der brave Christenjunge hätte sich wohl davor gehütet diesen Menschen mehr Fläche zum Angriff zu geben als nötig. Aber Cassie hatte andere Pläne mit ihm und das war gut so, wie der Blonde bereits in der Sekunde merkte, als sich die vertrauen Hände zärtlich in sein deutlich weniger weiches Haar schmiegten.
Erleichtert brummte der Bär gegen die Lippen seines Mannes, die sich in diesen Sekunden anfühlten wie ein Rettungsring auf hoher See. So viele Dinge hatten sich seit dem Eindringen ins Gasthaus Zur Möwe surreal angefühlt. An manchem davon verzweifelte er noch immer. In jenen Stunden, in denen das weiße Licht gedimmt wurde um so etwas wie Nachtruhe einzuläuten, wusste er manchmal nicht ob er schlief oder ob das ganze Leben in dieser weißen Hölle hier nicht bereits ein Alptraum war, aus dem er einfach nicht erwachen konnte.
Aber Matthews Lippen, die waren echt.
Matthews Wärme, die war echt.
Und wie sehr er ihn liebte, das war auch echt.
Wortlos und überfordert mit dem, was man ihnen an Einsamkeit und Verstörung in dem Raum zurückgelassen hatte als die Soldaten und die Ärztin sie alleine gelassen hatten, lehnte er seine Wange am dunklen Schopf des Kleineren ab und konnte einfach nicht damit aufhören behütend über Cassies Wange zu streicheln. Weniger um seinen Mann zu beruhigen, als vielmehr sich selbst - denn im Augenblick gab es keine Worte um irgendetwas von dem erträglicher zu machen, was um sie herum und mit ihnen geschah.
Er wusste, dass es nicht seine Aufgabe war stark zu bleiben wenn es seinem Böckchen nicht gut ging und doch schluckte er so gut es ging den schmerzenden Kloß in seinem Hals hinunter, während er die Tränen in seinen Augen mit aller Macht ermahnte, nicht die Oberhand über ihn zu gewinnen.
Nicht hier und nicht, während man jede ihrer Reaktionen beobachtete und analysierte.
„Als sie uns getrennt haben, hab ich es… es k-kurz geschafft aus dem Raum raus zu kommen, zurück auf den Gang wo wir vorher waren. Aber du… warst schon weg. Sie haben gesagt, sie hätten dich desinfiziert und würden dich… weiter verarbeiten. Aber ich konnte die ganze Zeit nur daran denken, dass sie dich genauso gut…“ - er schwieg kurz und schluckte schwer, denn das Wort Verbrennung auf der Kammer hatte sich genauso in seinen Kopf eingebrannt wie die Vorstellung davon, dass sie genau das vielleicht mit Matthew getan hatten.
„… - dass sie dich vielleicht nicht desinfiziert haben“, schloss er deshalb zögerlich und schlang schließlich seinen zweiten Arm zurück um Matthews Schultern, ihn fest an sich drückend. Wenn es wirklich so war wie diese Leute sagten und man würde sie in nichtmal einer Stunde bereits wieder voneinander trennen, dann würde er jede einzelne Sekunde davon nutzen um Cassie so dicht bei sich zu behalten wie möglich.
Unsicher darüber, welche Gesprächsinhalte die Sicherheit gefährdeten und welche nicht, leckte Clarence sich über die Lippen und suchte nach den passenden Worten. Er wollte wissen wo sie waren, was man seinem Mann für Fragen gestellt hatte und über allem stand die Frage, wie sie hier wieder herauskamen. Aber jetzt schon zu riskieren vorm Ablauf ihrer gemeinsamen Zeit wieder voneinander getrennt zu werden war etwas, das er nicht provozieren wollte.
„Sind sie gut zu dir, mh? Abgesehen vom Shampoo und deinen regelmäßigen Haarwäschen, meine ich“, begann er vorsichtig und wiegte sich kaum merklich mit Cassie in den Armen etwas von einer Seite auf die andere. „So wie ich dich kenne, hast du die… die allgemeine Sicherheit bestimmt nicht nur draußen vorm Tunnel gefährdet. Und dich selbst auch noch gleich mit. Haben sie dich auch irgendwo aufgeschnitten auf der Krankenstation? Die Quacksalberin meinte, du wärst auch auf einer gewesen. Aber ich habe dich nirgends gesehen bei mir.“
Überhaupt hatte er hier zwar bislang generell ziemlich wenig zu sehen bekommen, aber das spielte im Augenblick keine Rolle. Jetzt wollte er einfach nur wissen, ob er dieser Meute Übeltätern noch mehr ankreiden konnte wenn es dazu kam, ihnen irgendwann alles zurück zu zahlen.
„Die haben mir… das Gesicht aufgeschnitten. Und irgendwelche Metallplatten mit meinem Knochen verschraubt, sagen die. Verschraubt. Falls wir je wieder hier raus kommen, kannst du mich in Runty Crowd einbürgern und nie wieder da abholen.“
Es war das eine für ihn, wehrlos in den Fängen irgendwelcher heilender Pfuscher zu sein. Aber alles, was weit über eine kurze optische Begutachtung ging, brachte das Fass so oder so bereits zum Überlaufen.
Sein Vorwurf, er habe sich Sorgen um Clarence gemacht, verpuffte an der Schulter des Wildlings als Matthew die Faust schließlich wieder öffnete und die Finger besitzergreifend in dem weißen Overall verkrallte. Das Gesicht drängte er fester gegen die Halsbeuge seines Mannes
„Du bist abgehauen…“, stellte er fest, denn das war die Quintessenz von ‚…ich habe es kurz aus dem Raum geschafft…‘ - und damit hatte er sich in Gefahr gebracht, so wie sich Matthew in Gefahr gebracht hatte, als er versucht hatte zurück in den Gang zu kommen.
Matthew gab ein kurzes Schnaufen von sich - halb bitter, halb amüsiert - weil er sich sehr gut vorstellen konnte wie Clarence ausgebrochen war. Ohne Rücksicht auf Verluste.
„Ich hab…auch versucht zu dir zu kommen.“, die Tatsache, dass sie beide wie die Löwen gekämpft hatten, hatte etwas tröstliches an sich. Auch wenn sie beide keinen Erfolg gehabt hatten. Angespannt zupfte er an dem Kragen des Wildlings und schwieg einen kurzen Moment in dem er abwog was er nun sagen sollte. Diese Leute hier taten ihm nicht körperlich weh, zumindest nicht, wenn er sich an die Regeln hielt. Aber man musste ihn auch nicht körperlich foltern um ihn leiden zu lassen - und er glaubte, dass ihre Entführer das auch wussten.
„Sie sind… nicht gut zu mir, Claire. Du bist der einzige, der gut zu mir ist.“, erwiderte Matt schließlich beinahe trotzig, wobei er das Gesicht noch immer an Clarence‘ Hals gedrängt hielt.
Der Größere wiegte sie sanft hin und her und Matthew schloss seine Augen, in denen Tränen brannten.
Er wollte nicht weinen, er wollte hier drinnen keine Schwäche zeigen … doch der Gedanke daran, dass man sie beide wieder separieren würde nagte schon jetzt an ihm.
„Die haben kein Recht uns zu trennen.“ fügte er an- als würde allein diese Feststellung dazu führen, dass sich ihre Lage ändern könnte.
Widerwillig sah er schließlich zu Clarence auf und musterte ihn. In seinen Augen schimmerten ungeweinte Tränen aber auch ein unbändiger Trotz von dem Clarence bereits wissen sollte, dass er Cassie eines Tages gefährlich werden würde.
Weil sein Trotz so unberechenbar wie sein loses Mundwerk war und weil Matthew dann und wann sein Glück mehr herausforderte als gut für ihn war.
Und dieser Ort… dieser Ort machte Cassie auf eine Weise nervös und setzte ihn unter Druck, wie es sich kaum in Worte fassen ließ. Und wenn er Clarence so ansah, dann sah er die selben Ängste und die selbe Nervosität, die er auch verspürte.
„Mach dir… keine Sorgen okay? Mir… fehlt nichts weiter. Ein paar Rippenbrüche und ich glaube die haben mich am Kopf genäht.“, er hob die Hand und berührte seinen Hinterkopf um Clarence die Stelle anzudeuten. Aber eigentlich war es ihm vollkommen egal wo man ihn versorgt hatte und wo er lädiert war.
Fakt war: diese Leute hier hatten sie angegriffen und verschleppt und sie mussten hier raus.
Allerdings war es schwierig eine Flucht zu planen, wenn man nicht frei sprechen konnte und auch gar nicht genau wusste wo man sich befand. Diese Anlage war in jeder Hinsicht fremdartig, die Türen waren allesamt mit Codes oder durch Handabdrücke gesichert. Man konnte hier nicht rausspazieren oder sich irgendwo verstecken - denn es gab scheinbar nichts. Alles war steril. Alles war farb- und tonlos.
„Wir müssen hier weg.“ flüsterte er leise und sah eindringlich zu Clarence empor. Sollte man ihn gehört haben so blieb es ohne Konsequenz, denn der Raum wurde nicht gestürmt und sie wurden nicht getrennt. Trotzdem getraute sich Matthew nicht, das Gesagte weiter auszuführen.
Stattdessen löste er die Hand von dem Overall und hob sie vorsichtig an das Gesicht seines Liebsten.
Selbst hätten sie einander nicht geküsst, selbst hätten diese Leute nicht gewusst in welchem Verhältnis sie zueinander standen: spätestens jetzt würden sie es sehen.
Matthew hatte die Augenbrauen besorgt zusammengezogen und sah Clarence gequält an - aber nicht um seinetwillen, sondern weil er um den Blonden besorgt war.
Vorsichtig berührte er mit den Fingerspitzen die deutlich sichtbare Naht an Clarence‘ Jochbein und fuhr die Linie entlang.
„Sie haben was getan?“, irritiert legte er den Kopf schief und musterte die Wunde die so fein vernäht war, dass wahrscheinlich noch nicht mal eine Narbe bleiben würde.
„Tut es sehr weh, hm?“ besorgt presste er die Lippen aufeinander und ließ seinen Blick unstet über das Gesicht des Blonden wandern. Ihn nach so langer Zeit wiederzusehen tat ihm so unbeschreiblich gut - und doch blieb die Angst vor der Trennung. Und die Angst davor, diesen Leuten hier ausgeliefert zu sein. Sie verfügten über sie und waren sie einmal getrennt waren sie ihnen auch völlig ausgeliefert.
„Spürst… spürst du diese Platten und Schrauben?“
Beinahe ängstlich zog er die Fingerspitzen zurück, leckte sich über die Lippen und wisperte kaum hörbar:
„Küss mich, wenn die uns wieder trennen, will ich deine Lippen auf meinen spüren.“
‚Mir fehlt nichts weiter. Ein paar Rippenbrüche‘, hörte er seinen Mann sagen und nun war es an Clarence, halb bitter, halb amüsiert zu schnaufen.
Es stimmte, angesichts ihrer derzeitigen Lage waren ein paar Rippenbrüche das geringste Problem und wären sie Zuhause, er hätte Cassie ein paar Wochen Schonung verordnet, ihm Kräuterwickel angelegt und ihn ermahnt, wann immer der Kerl sich zu sehr belastete. Nach einem Monat wären die Schmerzen beinahe schon wieder vergessen gewesen und alles war gut.
Aber hier?
Hier waren die Dinge anders. Hier nahm man sie in die Mangel, wann immer sie nicht so funktionierten wie ihre Peiniger das wollten und er kannte Cassie. Cassie funktionierte nie gerne so wie andere das wollten und wenn der Wagen seines Trotzes erstmal so richtig in Fahrt gekommen war, hielt ihn nichts mehr auf. Auch nicht ein paar weitere Schläge.
Wenn er so weiter machte, wären ein paar Rippenbrüche irgendwann sein geringstes Problem oder wurden gar zum Auslöser für etwas größeres. Seine Sorge um Matthew war der einzige Grund, warum er auf die leisen Worte seines Mannes, dass sie hier weg mussten, nichts erwiderte. Nicht, weil er ihm nicht Recht gab oder es aussichtslos fand - sondern weil seine Angst viel zu groß war, dass man sie alleine für diese leise gehauchten Worte bereits wieder voneinander trennte und den Jüngeren mit jenen Foltermethoden strafte, die sie schon am Tage ihre Ankunft hier kennengelernt hatten.
Besorgt blickte er auf seinen Mann hinab, doch das große Einstürmen der Wachen blieb aus. Für den Moment jedenfalls und zumindest so kurz nach ihrem Wiedersehen hatte der Blonde keine Lust auszutesten wo die Grenze lag, bei der sich die automatisierten Türen wieder öffneten, um sie mit Strom oder Schlägen zu Boden zu bringen.
Für einen Moment schloss der Jäger die Augen, als die Finger seines Mannes vorsichtig über sein Gewischt hinweg strichen. Nebst ihrer Begrüßung war das die zärtlichste Berührung, die seit unzähligen Tagen erstmals wieder über seinen Körper hinweg strich. Früher, vor ihrem Kennenlernen und auch danach, war Clarence kein ein Mann gewesen, der sich von Nähe abhängig gemacht hatte. Die Gründe dafür waren vielseitig gewesen - sie fingen bei Ruby-Sue an, deren Launen so unberechenbar gewesen waren wie das Wetter auf Hoher See, und zogen sich über viele gemeinsame Jahre mit Nagi hinweg, in denen es nichts gegeben hatte außer seine Arbeit, Reisen und den unbeugsamen Willen seines Lehrmeisters, ihn zu formen.
Nähe, echte Liebe, Hingabe… für all diese Dinge hatte es keinen Platz in seinem Leben gegeben und irgendwann waren sie auch nicht mehr bedeutsam für ihn gewesen. Hatte er sich zumindest eingeredet. Selbst sein Leben mit Matthew war lange Zeit von Distanz und einer unsichtbaren Mauer geprägt gewesen, die sich nur schwer überwinden ließ. Erst ihr gemeinsames Leben miteinander auf der Harper Cordelia und ihrer beider Krankheitsphasen hatten grundlegend alles geändert, was bis dahin zwischen ihnen gewesen war. Aus verheirateten Freunden, die miteinander eine innige Liebschaft zelebrierten, waren zwei Männer geworden, die ohneeinander nicht mehr konnten. Sie waren dort zusammengewachsen, hatten sich umsorgt wie nur Liebende es taten. Hatten gelernt, dass Krankheit und Einschränkungen sie genauso wenig auseinander zu bringen vermochten wie Streit oder Geld es taten. Sie konnten aufeinander vertrauen in jeder Lage ihres Lebens und darüber hinaus - und diese Gewissheit, diese Liebe die damit einher ging, lag auch heute wieder in Clarence‘ Blick, während er auf seinen Mann hinab sah und ihn eindringlich musterte, fast so als suche er neben der genähten Stelle an Cassies Kopf noch etwas anderes, das dieser Tunichtgut vor ihm geheim hielt.
„Als ob mir noch etwas weh tun könnte, wenn du bei mir bist und dich um mich kümmerst.“ - Aufmunternd versuchte er ihm ein warmes Lächeln zu schenken, was angesichts der kalten Umgebung, in der man sie gefangen hielt, gar nicht so einfach war wie gedacht. „Ich befürchte… mein Hirn merkt die Teile mehr als mein Gesicht es tut. Du kennst mich ja.“
Vielsagend zuckte er mit den Schultern, gab jedoch augenblicklich ein unwilliges Brummen von sich, als die Fingerspitzen des Jüngeren sich ängstlich wieder von seinem Gesicht entfernten. Cassies Berührungen taten im Augenblick viel zu gut um ihm auf irgendeine Weise weh tun zu können und gerade weil dem so war - und weil seine Sehnsucht nach seinem Mann viel größer war als seine Angst vor irgendwelchen Kameras oder Abhörmanövern - ließ er sich auch kein zweites Mal darum bitten, die Sehnsüchte des anderen zu erfüllen.
Zaghaft, beinahe als könne ein einfacher Kuss Cassies geschundenen Rippen oder seinem Hinterkopf etwas zuleide tun, suchte er die Lippen seines Mannes um sie mit einem zärtlichen Kuss zu bedenken. Seine Arme hatten sich unlängst aus der behütenden Abschirmung gelöst; stattdessen lagen seine Hände Nähe suchend auf der Taille des Jüngeren auf - doch seine Finger suchten, wie zu erwarten, an der glatten Oberfläche des weißen Overalls vergeblich nach einem Durchschlupf, unter dem sich ein klein wenig von Matthews Haut finden ließ. Der beinahe unschuldig anmutende Kuss würde das einzige sein von dem sich den Rest des Tages zehren ließ, oder weiß Gott wie lange man sie in weniger als einer Stunde voneinander trennen würde, bis sie sich das nächste Mal wiedersahen.
Brummend zog er Cassie an der Hüfte etwas dichter an sich, ihm einen behütenden Kuss auf Nase und Stirn hauchend, nachdem sich ihre Lippen wieder voneinander getrennt hatten.
„Es tut unbeschreiblich gut zu wissen, dass du noch lebst“, ließ er ihn leise wissen, auch wenn dieser Umstand aktuell der einzige Trost in ihrer komplexen Situation war. Das hier war kein Lager mitten im Wald, aus dem sie mit Geschick und leisen Sohlen entkommen konnten. Keine Bande Ganoven, die man durch technische und körperliche Überlegenheit überwinden konnte. Ihre Lage fühlte sich so endgültig und aussichtslos an und Cassies Lebendigkeit war sein einziger kleiner Lichtblick im Moment.
„Lass uns… lass uns wenigstens so tun als wären wir zwei brave Gefangene, denen der Fraß hier besser in Gesellschaft schmeckt. Am Ende lassen die uns nie wieder zueinander weil wir den Anlass unseres Treffens wegignoriert haben“, schlug er mit einem besorgten Blick zur Tür leise vor. „Nach all der Zeit in diesem Bunker hier habe ich sämtliches Zeitgefühl endgültig verloren. Für mich könnten fünf oder schon fünfundfünfzig Minuten vorbei sein und ich würde es nicht mal merken.“
Wenn es nach ihm ging, würde er sechzig Minuten lang viel lieber damit verbringen pausenlos seinen Mann zu küssen. Aber wenn er eines in den vergangenen Tagen gelernt hatte, dann, dass man sich besser an das hielt was einem aufgetragen wurde, wenn man irgendwelche Sonderrechte in diesem Lagen hier genießen wollte.
Sachte führte er Cassie an der Hand zum Tisch hinüber, der genauso weiß und wenig einladend war die wie Essenstabletts und die weißen Hauben darauf. Wie um alles in der Welt man in einer solchen Umgebung Appetit auf das pampige Zeug bekommen sollte, das einem hier vorgesetzt wurde, war ihm tatsächlich ein Rätsel. Kurz überlegte er sich einfach niederzulassen und Cassie kurzerhand auf seinen Schoß zu ziehen. Doch nach kurzem zögerlichen Überlegen wusste er schon jetzt, dass dies nur darin enden würde, dass sie sich gegenseitig sanfte Worte ins Ohr flüstern wurden und man ihr Mittagessen schon nach kurzer Zeit wieder räumte.
Tonlos - so wie fast alles in diesem farb- und tonlosen Bunker hier - zog er den Stuhl zurück und ließ sich gegenüber Matthew nieder, nur um kurz darauf ein Bein des Jüngeren mit seinen beiden Füßen zu umfangen und ihn unter dem Tisch nah bei sich zu halten.
„Die dunkelhaarige Tante, die mich hergebracht hat… die ist fast jeden Tag bei mir und versucht mich über irgendeinen Scheiß auszuquetschen. Warum wir hier sind, wann ich schon mal in der Nähe war oder nach was wir gesucht haben. Sie sagt jedes Mal, dass es dir gut geht. Aber sie klingt nicht so, als wäre sie auch bei dir gewesen. Jedenfalls sieht sie nicht genervt genug aus, um gerade von dir zu kommen“, versuchte er unverfänglich ein Gespräch zu beginnen, in dem sie möglichst viele Informationen über jene Leute austauschen konnten, die sie gefangen hielten - und das mehr nach Smalltalk klang als nach Lageplan. „Bis vor kurzem hat sie mich in einem Raum besucht, den sie Krankenstation nennen. Seit zwei Tagen oder… zwei Nächten oder Schlafzyklen oder… ich weiß nicht, was wir gerade haben - jedenfalls bin ich jetzt wo anders untergebracht. Ein Raum ohne dieses ganze Blinken und die Geräte, aber auch auf dem gleichen Flur. Ich dachte, das Schlafen wird ohne die ganzen lauten Kästen etwas einfacher, aber wenigstens konnte man sich an dem Blinken müde zählen. Mir fehlt hier drin die Bewegung. Wenn die mich mal irgendwo hin laufen lassen, dann nur den Flur runter bis zum Untersuchungsraum. Der Weg heute hierher war der weiteste seit Tagen. - Hoffentlich hab ich mich bei dem Marsch nicht gleich überanstrengt“, fügte er zynisch an, während er die Haube vom Essenstablett hob. Seltsame helle Pampe, die man ihnen hier als Kartoffelstampf verkaufen wollte und die schmeckte, als bestünde sie zu neunzig Prozent aus anderen Dingen. Eine Soße, die eine derart seltsame Farbe hatte, dass sie sich nicht mal mit Karotten erklären ließ. Das einzige, was essbar aussah, war das Gemüse und das Fleisch. Doch selbst letzteres sah so eintönig aus, dass es sich fast nahtlos in den Raum einfügte. Lecker.
Vielsagend musterte er Cassie, in der Hoffnung wenigstens mit ihm zwischen sPampe und innlosem Smalltalk herauszufinden, ob sie einigermaßen in der gleichen Ecke untergebracht waren oder an ganz anderen Enden dieses Bunkers hier. Vielleicht hatte Matthew auch schon mehr von dieser Anlage zu sehen bekommen als er selbst - bislang fand seine Erlebniswelt nämlich ganz alleine auf dieser Etage hier statt. In diesem Raum zu sein war das erste Mal, dass er den Flur mit der Krankenstation verlassen hatte.
Wenn er die Augen zumachte und sich allein auf Clarence konzentrierte, konnte Matthew fast vergessen wo sie waren.
Dann konnte er sich vorstellen sie wären irgendwo draußen, irgendwo in der Natur oder zuhause in ihrem Häuschen. Irgendwo, wo diese seltsam verschrobene Welt in der sie lebten noch in Ordnung war.
Er drängte sich dem zärtlichen Kuss entgegen als würde sein Wille allein dazu reichen den Moment unendlich auszudehnen. Auch als Clarence ihn an sich zog folgte er der Bewegung bereitwillig nach und schlang die Arme um den Nacken des Größeren.
Sollten die Leute, die sie über die Kamera verfolgten doch glotzen und sich denken was sie wollten. Er brauchte von niemandem eine Absolution Clarence lieben zu dürfen, erst recht nicht von diesen Menschen hier. Sie bedeuteten ihm nichts, Clarence bedeutete ihm alles.
Wenn sie sie verurteilen wollten dann konnten sie das von ihm aus gern tun - Matthew gab einen Scheiß auf ihre Meinung.
Als der Blonde schließlich Anstalten machte, sich zu distanzieren, folgte Matt ihm einen Moment lang mit den Lippen nach und verlängerte die zärtliche Berührung so um wenige Momente. Seufzend blickte der Jüngere anschließend empor und nickte verdrossen - nicht etwa weil er gern so tat als hätte er Hunger - sondern weil er wusste, Clarence war im Recht.
Aktuell waren ihre Karten beschissen. Alle Asse waren in den Händen der anderen und wenn sie nicht spurten, würde man sie erneut für unbestimmte Zeit voneinander trennen. Clarence würde kämpfen wie ein Berserker und er selbst würde sich bis aufs Blut wehren - das Ergebnis wäre aber immer das gleiche. Der Vorschlag des Blonden war strategisch klug und zumindest im Augenblick war Matthew bereit dazu ihm Folge zu leisten.
Notgedrungen, widerwillig und verdrossen löste er sich also von dem Größeren und ging um den Tisch herum der so weiß wie frisch gefallener Pulverschnee war.
Lustlos nahm er vor seinem Tablett mit dem Mittagessen Platz und beäugte Clarence ernst, bevor ein winziges Schmunzeln seine Züge erhellte, als der Blondschopf seine Wade mit seinen Füßen gefangen nahm.
„Ich glaube nicht, dass ich diese Frau schon mal gesehen hab. Du hast ja gesehen wer mich hergebracht hat. Sie ist die einzige Frau mit der ich bisher zutun hatte.“
Während er sprach betrachtete er Clarence‘ Essen und rümpfte die Nase.
„Hey!“, machte er in Richtung der Kamera und betrachtete das neutrale Gerät in der Ecke der Zimmerdecke.
„Wenn ihr aus der Zukunft kommt, wieso sieht das Essen dann aus als wäre es schonmal verdaut worden?“
Er erwartete keine Antwort auf die Frage und bekam auch keine. Und er würde nie erfahren, dass der Wachmann, der sie beobachtete, über diese Bemerkung lächelte und zustimmend murmelte: „Gute Frage, mein Freund.“
Sich seinem eigenen Tablett widmend nahm er die Abdeckung ab und sah resigniert auf die gleiche Pampe wie sein Mann. Einzig seine Portion war ein bisschen kleiner.
„Die Enten…“, setzte er an und schob seinen Löffel in die grau-beige Masse „…am Hofteich in Stillwaters Reach, haben in genau dieser Farbe geschissen.“, Seine Stimme klang sonnig aber es war nicht schwer seinen Zynismus zu erkennen.
„Ich bin vielleicht… drei Minuten hierher gelaufen. Hab dreihundertvierunddreißig Schritte gemacht. Gott, diese Scheißgänge sind alle so gleichartig. Aber wenigstens musste ich nicht in dieser komischen Kammer fahren, da wird mir schlecht von. Überall dieses Weiß, das macht mich noch krank … mein Zimmer hat sowas wie ein Fenster - dachte ich.
Es zeigt Wald und ein bisschen Himmel. Aber weißt du was es ist? Sie nennen es eine Simulation auf einem Bildschirm.
Es ist nicht echt.“
Die Informationen um die es ging, die Informationen die wichtig waren, verpackte er mit Absicht zwischen sinnlosem Geplapper in der Hoffnung, dass - wer immer ihnen zuhörte - nicht verstand das sie beide mehr teilten als Geplänkel und Küsse.
Lustlos schob er sich etwas von dem Püree in den Mund und schluckte es tapfer herunter.
„Die Frau die mich hergebracht hat, hat mich auch untersucht nachdem wir getrennt wurden. Danach weiß ich nicht mehr viel, weil die mir irgendwas gegeben haben was mich hat schlafen lassen. Aber als ich wieder wach war, da hat sie mir Fragen gestellt. Ob ich wüsste wer ich bin, wo ich bin. Ob ich schon mal hier gewesen sei. Ob ich alleine unterwegs war… Ich glaube, sie wollte sichergehen, dass ich nicht bekloppt bin.“ Matthew zuckte die Schultern.
„Sie hat mir Bilder gezeigt und ich sollte ihr sagen was ich darauf erkenne. Außerdem haben sie von so ziemlich allem eine Probe genommen, was mein Körper so hergibt. Ich frage mich, was die damit anstellen wollen - oder vielleicht sind die diejenigen, die bekloppt sind.“, er aß etwas von den geschmacksneutralen Karotten und spülte den Bissen mit etwas vom geschmacksneutralen Wasser herunter.
Yummie.
„Der Glatzkopf wollte einmal zu mir.“, eröffnete er schließlich , ohne Clarence anzusehen, er betrachtete stattdessen sein Gemüse in der Hoffnung, dass diese Erwähnung dadurch beiläufiger und belangloser wirkte.
„Aber die Ärztin hat ihn weggeschickt. Ich glaube…“, nun sah er verstohlen zu Clarence und hoffte, jener konnte erahnen was er dachte aber nicht sagen konnte.
Nämlich: dass dieser Mann ein Problem war. Das er befürchtete, der Kerl würde ihm zusetzen, wenn er die Chance bekam. All das sagte er nicht, stattdessen beendete er den Satz mit: „…er kam wegen seiner gefallenen Männer.“
Sie hatten seinem Trupp ganz schön zugesetzt, etwas worauf Matthew durchaus stolz war. Noch stolzer wäre er nur gewesen, wenn er den Glatzkopf richtig erwischt hätte.
„War…war er bei dir auch?“
So plump wie die Bemerkung über die Enten in Stillwaters Reach war, so plötzlich war auch Clarence‘ Lachen, das nach kurzer Stille kurz darauf durch den Raum brach - völlig deplatziert und so unerwartet, dass es den Blonden selbst aus dem Konzept brachte. Für einen kurzen Augenblick erheiterte jener Kommentar ihn so sehr, dass er sich mit den Fingerknöcheln Tränen aus den Augen wischen musste, die dieses Mal nichts mit seiner Wiedersehensfreude zu tun hatten oder mit irgendwelchen Schmerzen, die man ihm zugefügt hatte. Tatsächlich wusste Clarence gerade nicht mal, wann er das letzte Mal so gelacht hatte. Vielleicht war es eine von den Pillen, die man ihm ständig aufnötigte. Viel wahrscheinlicher aber die gehörige Prise Galgenhumor, die gerade über allem schwebte. Aber eines war klar: „Dieser trostlose Kasten hier gibt keinen Tropfen Farbe her, außer zur Essenszeit. Und ausgerechnet dann ist es die Farbe von Entenscheiße aus Stillwaters Reach?“
Das war fast suspekter als die Tatsache, dass man sie halb erschossen und entführt hatte und irgendwo gefangen hielt an einem Ort, der einen am eigenen Verstand zweifeln ließ.
Ein weiteres Mal lachte der Jäger amüsiert auf und ließ sich dabei tiefer in den Stuhl sinken, die Wade seines Mannes fester umschließend. Oh Gott, wie sehr er diesen Kerl und sein blödes Schlappmaul vermisst hatte, Matthew ahnte es nicht. Die zurückliegenden Tage hatten ihn so zermürbt und verstört. Als man sie hierher verschleppt hatte, hatte die Drohung sie zu töten über ihnen geschwebt wie das Schwert des Damocles und an jedem einzelnen Tag hatte er seither befürchten müssen, dass es Cassie längst nicht mehr gab, sondern die beschwichtigenden Beteuerungen der Fremden nichts weiter waren als Lügen.
Aber jetzt saßen sie hier, in diesem surrealen Raum, über diesem fragwürdigen Essen, und Cassie erzählte ihm was von Entenscheiße aus Stillwaters Reach.
„Jetzt hab ich alles erlebt. Von mir aus können die jetzt rein kommen und mich erschießen, glücklicher werd ich heute nicht mehr sterben können“, motiviert griff er nach seinem Löffel - etwas anderes hatte es seit Ankunft für ihn noch nie gegeben, immerhin könnte er mit einem Messer oder einer Gabel eine Gefahr für die Sicherheit darstellen, hatte er sich sagen lassen - und schob sich tapfer eine Portion Kartoffelkleister in den Mund. Wenn schon nicht für die da, dann wenigstens für Matthew; immerhin brauchten sie beide Energie und etwas Fleisch auf den Rippen, sollten sich irgendwann die Chance ergeben einen Fluchtversuch wagen zu können.
„Mittlerweile wäre mir eine Simulation vom Wald lieber als gar keiner. Wieso hast du sowas bekommen? Hast du der Frau, die dich untersucht, schöne Augen gemacht?“, das hatte zwar gerade nichts damit zu tun wo sie sich befanden oder wen sie getroffen hatten, aber dennoch war es eine berechtigte Frage. Clarence durfte seit seiner Entlassung von dem Überwachungszimmer gegen leere Wände starren. „Die sollten mit deinen Bildschirm geben. Bei dir tut‘s auch ein Spiegel, der hält dich sogar viel länger beschäftigt. Aber wieso malen die dir ein Bild auf einen Schirm? Pergament ist doch viel praktischer, das lässt sich besser zusammenrollen und irgendwo lagern als ein Schirm mit einem langen Griff. Verstehe ich nicht.“
Aber seine Vorstellungskraft reichte sowieso für einiges hier nicht vollends aus. Vor allem nicht für die Offensichtlichen Dinge.
Nur zu gerne hätte er Cassie gefragt, ob die Frau ihm sein Nicht-Bekloppt-Sein hatte bescheinigen können, oder ob er auf das Ergebnis noch immer wartete. Doch stattdessen erzählte sein Mann ihm irgendwas von allerlei Proben, die sein Körper so hergeben würde und alleine die Formulierung reichte aus, um Clarence einen halb besorgten, halb verstörten Blick ins Gesicht zu zaubern, mit dem er seinen Mann abwägend vom Scheitel bis zur Tischkante musterte, hinter welcher der Rest des Jüngeren verschwand.
„Sie haben… was?“, echote er im gleichen irritierten Tonfall, der zuvor schon aus Cassies Kehle gedrungen war, als es um Metall und Schrauben ging. Doch sein Mann, der desinteressiert sein Wasser schlüpfte und schon wieder vom Glatzkopf sprach, schien das weit weniger verstörend zu finden als er selbst.
Für einen Moment legte sich Stille über den Tisch, während der Claire seinen Mann weiterhin musterte und sich gar nicht weiter ausmalen wollte, von was genau man alles Proben genommen hatte. Wenn man das bei Matthew getan hatte, war er selbst sicher auch nicht verschont geblieben. Zu seinem eigenen Glück lag die Erinnerung daran in der Versenkung, aber das bedeutete auch, dass noch weit mehr mit ihm passiert sein mochte, als er es erinnerte.
„Den Glatzkopf… nein, den habe ich nicht mitbekommen. Ich war nach meinem Versuch, aus dem Reinigungsraum rauszukommen… ein bisschen außer´Gefecht gesetzt, wenn man das so sagen kann.“
Seine nächsten Worte abwägend, rührte er kurz in der farblich unappetitlichen Bratensoße herum, bevor er sich mit dem Löffel ein wenig vom gebackenen Schinken abdrückte und selbigen probierte.
„Immerhin schmeckte das Fleisch heute nach ein bisschen mehr als sonst“, wobei er mit mehr aber nicht mehr Fleisch meinte. „Nein, ich war… mich haben sie auch schlafen gelegt. Irgendwas in der Art, ich weiß es nicht. Es war kein erholsamer Schlaf und sie haben mich dabei festgebunden und mich mit irgendwas vollgepumpt, damit ich nicht nochmal abhaue wenn ich wach werde. Hat sich angefühlt, als hätte man mich in einen Sack mit Schurwolle gepackt und würde von außen auf mich einreden. Manchmal wusste sich nichtmal, welcher Tag gerade ist oder welches Gespräch wir gerade führen.“
Das fasste es zwar nur Ansatzweise zusammen, brachte es aber mehr oder weniger auf den Punkt. Schließlich hob er überlegend die Brauen, den Blick auf den Teller gesenkt, während ihm eine dunkle Idee kam.
Beiläufig strich der Blonde mit seinem Löffel den Brei glatt, bevor er lustlos eine Schneise mit der Löffelkante in die geglättete Kartoffel-Leinwand schlug.
„Ich weiß nur, dass ich an irgendwelchen Kästen angeschlossen war mit komischen Zahlen und Linien, die die ganze Zeit gepiepst haben. Und, dass in der Krankenstation auch überall diese Dinger hängen. Diese Kameras“, mit einem nicken deutete er hoch in die Ecke der Zimmerdecke, bevor er auf der einen Seite seiner Schneise einen halben Löffel Brei heraus hob, um ihn beiläufig zu essen.
„In meiner neuen Unterkunft hängt auch so ein Ding“, nahm er ein weiteres Löffelchen weiter unten von der Schneise aus dem Brei, dieses Mal von der gegenüberliegenden Seite des sinnbildlichen Flures. „‚Damit wir sehen, wenn Sie auf dumme Gedanken kommen, Clarence‘, hat die dunkelhaarige Tante gemeint. Wenn hier mal alles so gut funktionieren würde wie diese Kameras. Ich könnte schwören, dass diese Lüftung in meinem neuen Zimmer eine Macke hat. Man erstickt fast da drin. Auf der Krankenstation meinte der Typ, der sich um die piependen Kästen und die Medikamente gekümmert hat, dass diese Schächte dafür da sind, um frisch aufbereitete Luft in die Räume des Bunkers hier rein zu bringen. Irgendwie sowas. Ich hab mich bei ihm beschwert, aber er meinte, wenn irgendwo eine Lüftung nicht gehen würde, wüssten das ‚Die Leute von der Technik‘ schon und dass er das auf der Krankenstation auch merken würde, weil die Schächte den ganzen Flur versorgen.“
Beiläufig, scheinbar um den Geschmack des trostlosen Breis etwas aufzuwerten, benetzte er den Löffel mit etwas Soße, um angrenzend an die erste Schneise einen weiteren Graben durch den Kartoffelkleister zu ziehen. Sachte zeichnete sich das neue Gebiet durch die Soße etwas anders hervor als der Flur der Krankenstation.
„Hab trotzdem das Gefühl, dass es hier besser ist. Ist vielleicht eine andere Lüftung, keine Ahnung. Vielleicht sollten die mich zum Schlafen lieber hier rein verlegen, dann drehe ich weniger durch und höre auf Gespenster zu sehen, wo keine sind“, erhob er seine Stimme gen Kamera, um dem Tenor des Beschwerens und Meckerns treu zu bleiben, der ihnen sicher schon nachgesagt wurde. Erst dann nahm er trotzig einen halben Löffel Brei aus dem neu erschlossenen Soßen-Flur seiner pampigen Leinwand, was den hiesigen Raum markieren sollte.
„Ich geb dir was von diesem klebrigen Brei ab, wenn ich von dir Gemüse oder Fleisch bekomme“, gestikulierte er mit seinem Löffel dem Matthews entgegen und schob dem Dunkelhaarigen sein Tablett ein Stück näher, während er sich selbst bereits eine Möhre von ihm mopste.
Das plötzliche Lachen des Blonden war das beste Geräusch aller Zeiten. Und das lag nicht nur an der widerlich sterilen und trostlosen Umgebung, es war eine allgemein gültige Tatsache. Ganz gleich wo sie waren, ganz gleich unter welchen Umständen. Das Lachen des Hünen war für Matthew wie Musik und es erwärmte sein Herz und seine Magengrube gleichermaßen, sodass es ihm immer ganz flatterig wurde.
Zufrieden und amüsiert schmunzelte Matthew und freute sich darüber, dass sein Mann für ein paar gute alte ordinäre Bemerkungen immer zu haben war.
„War klar, dass dir ein paar Scheiße-Anekdoten aus meiner alten Heimat gefallen.“, er grinste zufrieden.
Seit seinem aufeinandertreffen mit Clarence ging es ihm so gut wie seit ihrer Gefangennahme nicht mehr. Er fühlte sich wohl, so wohl wie es nur möglich war und der Grund dafür saß ihm gegenüber und wischte sich Lachtränen aus den Augenwinkeln.
„Du brauchst keinen Bildschirm. Es ist auch nicht so ein Schirm wie du denkst. Es ist mehr… Ich weiß nicht wie ich es sagen soll: eine glatte Fläche. Die ist leer, wenn sie ausgeschaltet ist. Und wenn sie angeschaltet ist dann flimmern da Lichter. Dann sieht es aus wie ein Wald, manchmal auch wie eine Wiese und einmal hat sie sogar eine Stadt gezeigt. Ich glaube, es war Prism Shore.“ - dieses Thema weiter zu vertiefen wäre ihm lieb gewesen - aber Clarence hatte jäh das Interesse an den Vorzügen seiner Unterbringung verloren. Ziemlich schockiert blickte er drein, wobei Cassie lediglich die Schultern zuckte.
„Die haben meine Fingerspitzen auf so einem Bildschirm gelegt und in einer Datenbank gespeichert. Was immer das heißt. Mir wurde ein Haar rausgezupft zum analysieren… Sie haben mir Blut abgenommen und Spucke und ich musste in einen Becher pissen, den sie dann mitgenommen haben für was weiß ich.“ - es war ein befremdlicher Ort der von befremdlichen Leuten bevölkert wurde.
„Wenn du mich fragst, dann sind wir einem Haufen Irrer in die Hände gefallen.“, er begutachtete Clarence wie dieser das Püree studierte und mit lachsen Bewegungen - scheinbar willkürlich - Schneisen in den Brei zog. Aber es waren nicht nur irgendwelche Linien und Kerben… Matthews Blick folgte dem des Hünen und er erkannte schnell, dass sein Mann hier gerade einen Lageplan zeichnete.
Mit Kartoffelbrei und Bratensoße.
Kurz sah er von dem Gebilde auf und warf Clarence einen Blick zu, den dieser jedoch nicht erwiderte. Aber hätte er es getan so hätte er die glühende Euphorie in Matthews Augen erkannt.
‚Gott, ich liebe diesen Mann.‘ dachte er und musste aufpassen, dass er nicht auflachte ob der Genialität des Hünen. Stattdessen presste er angestrengt die Lippen aufeinander und musterte die eigentümliche Skizze welche den Flur, die Zimmer und auch die Lüftungsschächte zeigte.
Er hob den Löffel, zögerte kurz und setzte in der Gangschneise erneut an, führte sie in einem rechten Winkel nach oben, nach links und dann erneut hinab. In Gedanken versuchte er den Weg hierher rückwärts zu gehen.
„Nimm dir ruhig Gemüse… Ich esse von dem köstlichen Brei.“, nicht, dass er im Moment irgendetwas aß, zu konzentriert war er bei der Sache. Schließlich leckte er den Löffel ab und sah zu dem Blonden empor.
Er hatte die Skizze erweitert, die Räume an denen er vorbeigekommen war mit kleinen Quadraten kenntlich gemacht und sein Quartier mit einem kleinen X gekennzeichnet.
„Klingt als wäre dein Zimmer echt mies. Der Lüftungsschacht in meinem funktioniert bestens. Allerdings rotiert da so ein Ding ziemlich laut und ziemlich schnell.“ - zu schnell um hindurch zu kommen. Jedenfalls, wenn man vorhatte es in einem Stück zu schaffen. Mit etwas Soße - von der er zunächst etwas aß um dem Schein Genüge zu tun - tröpfelte er über seinem Zimmer die ungefähre Position des Schachtes ins Bild, bevor er sich zurücklehnte und noch ein bisschen Wasser trank.
„Vielleicht, wenn wir nett fragen, lassen sie uns nebeneinander Quartier beziehen. Hat dein Zimmer noch mehr Besonderheiten als die kaputte Lüftung?“, auffordernd nickte er knapp in Richtung Brei damit auch Clarence sein Zimmer einzeichnen konnte. Auf diese Weise würden sie zumindest in etwa wissen, wo der andere war und wie viele Schritte sie auseinander waren.
„In meinem sind die Wände nicht mal aus Glas. Das heißt, man kann von draußen nicht rein- und von drinnen nicht rausschauen.“ - weshalb sie derart unterschiedlich untergebracht waren war eine Frage auf die Matthew nur zu gern eine Antwort bekommen hätte, doch davon gab es in letzter Zeit einige.
„Noch zehn Minuten.“ - erklang es unvermittelt von der Wand und Matthew zuckte regelrecht auf seinem Stuhl zusammen.
Die Stimme klang nicht mechanisch-steril sondern menschlich - wenngleich ohne Empathie.
„Fuck…“, Cassie fuhr sich durch das Haar und blickte dann zur Kamera. „Wir wollen mit demjenigen reden, der hier das Sagen hat! Wir wollen…unsere Bedingungen verhandeln.“
Daraufhin blieb es still. Keine Antwort und in Matthew erwachte eben jener Trotz und eben jene Wut von vorhin erneut. Er wollte nicht weg hier, er wollte nicht weg von Clarence. Bunter Bildschirm hin oder her - lieber blickte er mit Clarence weiße Zimmerdecken an, als noch ein einziges Mal ein Bild Prism Shores zu sehen, wenn er es denn allein ansehen musste.
Das kleine X, mit dem Cassie ihm sein Zimmer im Plan einzeichnete, fühlte sich für Clarence wie das Ziel einer Schatzkarte an und bei Gott, nichts weniger als das war sein Mann auch für ihn. Mit lodernden Flammen der Begeisterung im Blick musterte er den Dunkelhaarigen für einen Moment, den er alleine dafür hätte knutschen können, dass er so ein unheimlich kluges Köpfchen war und so schnell schaltete.
Alleine eine grobe Ahnung davon zu haben wo sich Cassie befand, machte den Jäger unheimlich glücklich und in Gefangenschaft musste man eben auch die kleinen Dinge einfach feiern, wenn man nich völlig am Elend zerbrechen wollte. Der Weg von seinem eigenen Quartier bis zu Matthews Zimmer wirkte unheimlich lang und sein Bauchgefühl sagte ihm, dass sie vermutlich in zwei verschiedenen Sektoren waren, wenn ihre Zimmer derart unterschiedlich wirkten. Ähnlich, wie auch dieser Raum hier in einem anderen Sektor war als die Krankenstation.
Ob man dafür unterschiedliche Zugangscodes oder unterschiedliche Berechtigungen brauchte, um hinein zu kommen?
Clarence war so vertieft in die Beschreibungen und die Zeichnungen des anderen in seinem Brei, dass auch er erschrocken zusammenzuckte, als die fremde Stimme plötzlich in ihrem Raum ertönte und bereits ein baldiges Ende ihrer kleinen Zusammenkunft suggerierte. Auf Matthews Forderung hin blieb es jedoch still und Claire wunderte das nicht im geringsten, immerhin hatte er die Spielregeln hier schon lange verstanden.
„Du begreifst noch immer nicht, dass die hier nicht mit uns verhandeln wollen. Oder?“, ernüchtert musterte er seinen Mann und schüttelte kurz darauf mit dem Kopf, denn summa summarum fiel ihm eines ganz deutlich auf: „Wir haben bestimmt noch keine zwanzig Minuten gegessen, unsere Teller sind nicht mal zur Hälfte leer. Und wir haben sicher keine halbe Stunde rumgeknutscht. Wenn man uns also nicht verarscht hat, was unsere sechzig Minuten angeht, dann wurde uns Zeit abgezogen. Der eine Kerl von den Wachen hat vorhin gesagt… wenn wir irgendwas tuscheln, ist das Treffen hier schneller vorbei.
Jetzt geh mal tief in dich, wo unsere ganze Stunde hin ist und warum wir nur noch zehn Minuten haben.“
Zwischen Küssen und Streicheleinheiten waren viele leise Worte gefallen, unter anderem auch, dass sie hier weg mussten. Wenn diese These stimmte, war er selbst nicht unschuldig an ihrem Zeitverlust. Aber es bewies auch, dass es hier kein Feilschen wie auf dem Markt gab. Das Wort dieser Leute hier war Gesetz und wer sich nicht daran hielt, zog den Kürzeren. So war es schon seit ihrer Ankunft hier und daran schien sich auch in absehbarer Zeit nichts zu ändern.
Verdrießlich wandte er sich um und blickte über die Schulter zur blinkenden Kamera in der Zimmerecke hinauf, welche er taxierte, als hoffe er der Person auf der anderen Seite damit ein Auge auszustechen. Vielleicht auch zwei. Man mochte sie behandeln wie Spielfiguren auf einem Spielbrett, umher werfen wie Sandsäcke oder schlimmer behandeln als den letzten Straßenhund. Aber eines stand fest: Man hatte auch Angst vor ihnen, denn ansonsten würde man keine derart schwer bewaffneten Männer losschicken um zwei unbewaffnete Gefangene von A nach B zu bringen und sie nicht rund um die Uhr mit diesen Kameras im Auge behalten.
„Ich weiß, dass dich das hier anpisst. Schluck deine Kommentare runter und iss dein Essen auf. Wenn das hier eskaliert, war das unser erstes und letztes Treffen“, erhob Clarence schließlich wieder die Stimme, kurz angebunden und auf jenes Ziel fokussiert, das sie im Blick behalten sollten. Dabei teilte er mit dem Löffel ein weiteres Stück von seinem Fleisch ab, welches lustlos in seinem Mund verschwand, ebenso wie eine weitere Portion vom kaum gewürzten Gemüse. „Wenn‘s gut läuft, essen wir vielleicht morgen wieder miteinander. Und wenn das auch gut funktioniert, wer weiß, welche Belohnung wir zwei guten Jungs danach bekommen. Denk dran, man flickt und nährt keine Gefangenen, die man zeitnah oder später sowieso umbringen will.“
War das tröstlich? Nein.
Entsprach das einem Vorgehen, das Matthew gut ab konnte? Noch weniger.
Aber wenn es auch nur die geringste Chance gab zu verhindern, dass sie sich nun wieder eine Woche oder länger nicht zu Gesicht bekamen, Clarence würde alles dafür tun. Wenn es sein muss, dann aß er sogar diese Pampe hier auf und schlug danach ein Rad, wenn ihm das bei der dunkelhaarigen Trulla einen Stein im Brett einbrachte.
„Vielleicht hast du recht und mit ein bisschen Glück dürfen wir uns bald nebeneinander einquartieren“, nahm er das Thema wieder auf bei dem sie gewesen waren, bevor die Durchsage sie unterbrochen hatte. Am liebsten hätte er nun los gesprudelt wie ein Wasserfall um ihre letzten Minuten effektiv zu nutzen, aber am Ende erkannte Wer auch immer hinter der Kamera saß doch einen gewissen Code, der zwischen den Zeilen schwebte. „Dein Zimmer klingt besser als meins.“ - Scheinbar nachdenklich, tippte er mit den Löffel auf eben jene Vertiefung am Gang des Krankenflures, den er schon zu Beginn als zweite Raummarkierung aus dem Brei genommen hatte. Er lag am anderen Ende des Sektors und so wie er es verstanden hatte, befand Cassies kleines X sich auf einem anderen Flur dieser Etage. Vielleicht ein Sektor, in dem sich normale Quartiere befanden, die mit der Krankenstation nichts mehr zu tun hatten?
„Ich glaube das liegt daran, dass ich noch auf der Krankenstation liege. Die flößen mir ständig irgendwelche Pillen ein und sagen, dass ich noch überwacht werden muss. Ich soll übrigens auch aufhören meine Kräuter zu rauchen, ich dachte, ich höre nicht richtig“, mokierte er sich und stippte sich mit dem Löffel gegen die Stirn um zu versinnbildlichen, was für einen Vogel diese Typen hier hatten. „Auf die Idee muss man erstmal kommen. Jemanden gefangen nehmen, nur um ihm dann zu sagen, dass er nicht mehr Rauchen und Saufen soll, nachdem man ihm in den Kopf gebohrt hat. Als hätte ich gerade keine anderen Probleme.“
Appetitlos zwang er sich wenigstens das letzte Stück Fleisch hinunter, bevor er noch einen Löffel quer durch den Kartoffelbrei nahm, um ihre Lagekarte zunichte zu machen und ihr kleines Komplott gegen das große Ganze zu verwischen. Selbst auf das kleine Stück Gebäck, das wie jeden Tag in einer eigentümlichen, durchsichtigen Verpackung als Nachtisch daneben lag, konnte er heute getrost verzichten und schob es stattdessen auffordernd Matthew entgegen - seiner altbekannten Manier treu, dass er schon immer versuchte dem Jüngeren etwas mehr Essen zuzuschustern als er selbst zu sich nahm. Manche Dinge änderten sich eben nie.
Nachdenklich leckte Clarence sich über die Lippen.
„Ich werd verrückt wenn die Tante mir demnächst sagt, dass sie dich und dein vorlautes Mundwerk irgendwo eingekerkert haben. Versprichst du mir, dass wir uns morgen wiedersehen, mh?“, wollte er schließlich von Cassie wissen. Ein zweites Treffen war zwar mit denen noch nicht im Gespräch gewesen, aber es ging mehr darum seinem Mann sein Wort abzuringen, dass er alles dafür tat sich dem nicht in den Weg zu stellen.
Clarence hatte recht, wenn er sagte, dass diese Leute hier nicht mit ihnen verhandeln würden. Zumindest im Augenblick deutete nichts darauf hin und wer wusste schon ob sich an diesem Zustand nochmal etwas änderte.
Trotzdem war es Matthew in jeder Hinsicht zuwider hier zu sein und nichts tun zu können - außer braver Junge spielen.
Diese Rolle lag ihm nicht besonders und er wusste auch nicht wie lange er sie überhaupt zum Besten geben konnte.
Diese Menschen hatten sie verschleppt und hielten sie gefangen. Es waren keine guten Menschen - sondern gefährliche Leute deren Motive sie nicht kannten.
Im Grunde wussten sie gar nichts. Nicht wo sie waren, nicht wer diese Leute waren, nicht deren Ziele.
Ob bewusst oder unbewusst sprach Clarence die Vermutung an, dass man Gefangene nicht zusammenflickte, wenn man beabsichtigte sie zu töten.
„Chris würde dir sagen können, dass diese Annahme Entenscheiße ist, aber er ist tot. Man hat ihn getötet, nachdem man ihn tagelang gehindert hat zu sterben.“ - er blickte Clarence ernst an. Der Blonde war klug und erfahren und das Gerede von man pflegt nicht gesund was man töten will war Dummfug. Vielleicht half es ihm sich so etwas einzureden um hier drinnen nicht die Krise zu kriegen, aber sie sollten der Wahrheit in die Augen blicken: in Wahrheit wussten sie einfach zu verdammt wenig über diese Leute um sich auf irgendwas einen Reim zu machen.
„Ich weiß, dass keiner mit uns verhandeln will. Ich weiß aber auch, dass sie irgendetwas mit uns vorhaben müssen, sonst hätten Glatzkopf und seine Meute uns schon im Wald abgeknallt. Aber… nicht zu wissen was sie wollen…“, er verzog das Gesicht und schüttelte den Kopf.
Es machte ihn schier irre keinerlei Handlungsspielraum zu haben und doch war genau das der Fall.
Dass man ihnen Zeit abgezogen hatte wegen ein paar geflüsterten Worten war unverhältnismäßig und diente einzig und allein der Demonstration der Machtverhältnisse.
Clarence, der Matthew besser kannte als der Jüngere sich selbst, wusste genau wie sehr dieser Umstand Cassie gegen den Strich ging. Deshalb bat er ihn schließlich auch inständig und sehr direkt darum sich zusammenzureißen.
Schnippische Kommentare sollte er brav herunterschlucken wie das verdammte Essen. Er sollte sich fügen, gut mitmachen, sich unterordnen. Eventuell vielleicht würde ihnen das ein paar Privilegien einbringen.
Das Problem war nur, dass Matthew auf Druck mit Gegendruck reagierte, auf Gewalt mit Gegengewalt. Seine Folgsamkeit ließ sich nicht erzwingen, man musste sie sich verdienen. Man musste kein Genie sein um zu wissen woher seine Widerspenstigkeit rührte und Clarence wusste ganz genau, dass seine Bitte viel verlangt war.
Natürlich war es klug mitzuspielen, einfach um einander wiederzusehen und es sich selbst nicht noch schwerer zu machen. Doch gefangen zu sein, ausgeliefert zu sein… das ertrug er einfach nicht.
Niemand hatte das verdammte Recht sie zu trennen und hier festzuhalten. Für einen langen Moment erwiderte Matthew deshalb auch nichts sondern betrachtete Clarence schweigend. Weder machte er Anstalten sein Mittag aufzuessen noch beachtete er den Nachtisch, den Clarence ihm rübergeschoben hatte.
„Du…Du denkst wirklich, wenn wir mitmachen und alles machen, was die wollen, werden die uns nichts antun?“, erst jetzt griff er wieder nach dem Löffel und nahm lustlos etwas von dem Gemüse.
„Das glaub ich nicht, Claire. Ich glaube wir sind am Arsch, egal wie wir uns führen. Ich…“ er seufzte schwer und schüttelte verdrossen den Kopf ohne den Satz zu vollenden. Stattdessen begann er einen neuen, nachdem er ein Stück von dem Fleisch abgeteilt und gegessen hatte - Clarence zu Liebe.
„Ich will dich wiedersehen. Du weißt das, hm? Und du weißt, das ich alles dafür tun werde, oder? Ich werde versuchen keinen Ärger zu machen, so viel verspreche ich dir.
Aber ich kann nicht… ich werd mich nicht …klein machen lassen. Und dich auch nicht. Verstehst du?“
So lange wie man hier einigermaßen fair zu ihnen war würde er versuchen die Füße still zu halten und den Weg der Diplomatie zu bestreiten. Aber Matthew glaubte nicht, dass diese Leute nach dem selben Prinzip vorgehen würden.
Er ging davon aus, dass man sie entweder irgendwann töten oder missbrauchen würde. Vielleicht waren sie Versuchsobjekte? Vielleicht plante man bereits ihr Ende? Warum hatte man sie hergebracht? Doch nicht um sie durchzufüttern. Irgendwann würden sie sagen was sie wollten. Weil jeder immer irgendetwas wollte. Sie würden nicht als freie Männer einfach hier rausspazieren, mit einem Bündel Proviant auf den Schultern und des besten Wünschen ihrer Entführer im Gepäck.
Nein. Diese Leute heckten irgendetwas aus.
Und wenn sie enthüllten was das war… dann würde sich zeigen ob es klug gewesen war nicht zu kämpfen. Für Matthew galt - verständlicherweise - stets die Devise sich nichts mehr gefallen zu lassen, anzukämpfen gegen das, was ihn einengte. Aber für Clarence würde er sich fügen. Nicht, weil Clarence ihn dazu zwang - sondern weil Clarence sich die Loyalität des Jüngeren schon vor Jahren verdient hatte.
Doch auch wenn es noch vieles gab was hätte besprochen werden müssen, so würde sich dafür nun keine Gelegenheit mehr bieten. Ihre Zeit war um.
„Heute haben wir den zwölften April, Matthew.“
Matthew sah die Frau zu der Stimme nicht an. Er hielt den Kopf leicht von ihr abgewendet, den Blick auf einen der großen Bildschirme gerichtet auf dem gerade Meer und Strand zu sehen war.
Zu einer Zeit - gar nicht so lange her- hatte er das perfekte Leben geführt. Er hatte mit Clarence genau solche Strände gesehen. Aber jetzt war alles was ihm blieb das Betrachten einer Simulation.
„Können Sie mir sagen, wie Sie sich fühlen, Matthew?“
Ihre Stimme war ruhig - aber anders als bei ihren ersten Treffen nicht mehr kühl und geschäftsmäßig, sondern besorgt - wenngleich noch immer professionell.
Matthew schätzte, Professionalität war ihr schon ins Blut übergegangen. Aber es war ihm so oder so egal.
„Möchten Sie heute Ihren Mann sehen? Clarence, so heißt er doch, oder?“ - Matthew sah sie noch immer nicht an und machte sich auch keine Mühe ihr zu antworten. Er wusste, dass sie wusste wie sein Mann hieß. Ihre einfältige Frage diente einzig dazu ihm eine Antwort abzunötigen.
„Hören Sie, ich kann Ihnen nicht helfen, wenn Sie nicht mit mir sprechen. Sie können mir glauben, dass ich nicht hier bin um Ihnen zu schaden.“ - keine Reaktion. Der Dunkelhaarige saß lediglich da, den Kopf noch immer leicht abgewandt, eine Hand, dick eingebunden, locker auf dem Oberschenkel ruhend während die andere reglos auf seinem Knie lag.
„Der Colonel wird für sein Tun die volle Verantwortung tragen. Wir haben Davis‘ Leiche untersucht und festgestellt, dass Ihre Angaben über seinen Tod stimmen.“ - erklärte sie als habe der junge Mann sich danach erkundigt.
Aber Tatsache war: er erkundigte sich seit dem Zwischenfall vor vier Tagen nach überhaupt nichts mehr.
„Er wird sich vor einem Gremium verantworten müssen. Auch dafür, was er mit Ihnen…“ - nun drehte Matthew ihr das Gesicht zu. Sein rechtes Auge war blutunterlaufen und eine Naht an seiner Augenbraue wies auf einen Cut hin.
„Ah… ein Gremium.“, er nickte. Das Lächeln auf seinen Lippen war bitter und zynisch. „Werden ihm gehörig auf die Finger klopfen, nehm ich an. Werden ihm sagen: ‚Die eigenen Leute erschließt man nicht, sehen Sie das nicht auch so, Colonel?‘ Und er wird sagen: ‚Doch, da haben Sie Recht. Weiß gar nicht wie ich das vergessen konnte.‘“ - sein gutes Auge funkelte voller Häme in ihre Richtung und die junge Frau rutschte unbehaglich auf ihrem Platz hin- und her.
„Ich weiß nicht wie die Anhörung verlaufen wird, aber ich denke so nicht.“, versuchte sie ruhig zu erklären.
„Was ist nun, möchten Sie Clarence heute sehen? Ihr Mann fragt jeden Tag nach Ihnen.“ - Matthew drehte den Kopf wieder zur Seite und schwieg.
Wenn Clarence ihn so sah würde er verrückt werden. Er würde durchdrehen. Er würde - sehr wahrscheinlich - ein Problem für die verdammte Sicherheit darstellen. Also war es besser es nicht dazu kommen zu lassen. Zumal sein Zustand Fragen aufgeworfen hätte, die er nicht beantworten würde.
„Ich möchte, dass Sie ihm sagen das es mir gut geht. Kriegen Sie das hin?“ - die junge Frau überschlug ihre Beine. Sie seufzte nicht - dazu war sie zu professionell - aber sie wurde ungeduldig. Matthew spürte das.
„Nein, Matthew. Ich denke nicht. Ich denke, Sie werden ihm das heute selbst sagen. In den letzten Tagen hat er sich vorbildlich geführt. Er ist besorgt um Sie und meine Kollegen und ich sind zu der Einschätzung gekommen, dass es Ihnen beiden gut täte, mehr Kontakt zu haben.“
Jetzt lachte Matthew auf, ein Geräusch das jeder echten Freude entbehrte sondern so bitter war, wie die Schale einer Zitrone. Er legte den Kopf in den Nacken wobei blaue Flecken an seinem Hals sichtbar wurden die - trotz der Tattoos - augenfällig waren.
Die junge Frau betrachtete ihren Gegenüber still. Sie wusste nicht was genau der Colonel getan hatte, denn die Kameras hatten nichts von dem Übergriff aufgezeichnet - was natürlich kein Zufall war. Aber Tatsache war: dass er dem Dunkelhaarigen mehr als nur ein Haar gekrümmt hatte.
„Wow. Echt wow. Da haben Sie und Ihre Kollegen ja echt eine heiße Spur.“ - „Sie sind zynisch.“ - „Und was soll mir das sagen?“ - Sie musterte ihn eingehend und er erwiderte ihren Blick aus Augen, die an die einer wilden Katze erinnerten, die - wenngleich schon lange domestiziert - ihren Sinn für Grausamkeit noch immer nicht verloren hatte.
„Er wird sich noch mehr Sorgen machen, wenn er mich so sieht. Haben Sie und Ihre Experten darüber mal nachgedacht, hm? Dass es mit seiner guten Führung vorbei ist, wenn er das hier sieht?“, er hob die bandagierte und geschiente Hand um mit dunkelblauen Fingern in sein Gedicht zu deuten.
Daraufhin wusste die Ärztin einen Moment nichts zu sagen, nickte aber. Sie verstand die Sorge ihres Patienten und wahrscheinlich hatte er sogar recht.
„Ich habe mich dafür eingesetzt, dass Sie künftig ein gemeinsames Quartier zugewiesen bekommen. Für den Moment ist das alles, was ich für Sie tun kann. Sie werden heute noch verlegt.“ - Matt, der sich seit Tagen dagegen sträubte Clarence zu sehen spürte eine unbändige Sehnsucht in sich aufwallen, gepaart mit einer kaum zu beschreibenden Angst. Angst davor, man könnte ihn anlügen und gleichsam Angst davor man log nicht. Machte das Sinn?
„Wenn Sie nicht wollen, dass er sich sorgt, dann schlage ich vor Sie essen nun etwas, nehmen eine Dusche und… Ich schicke jemanden, der Ihnen beim Duschen hilft.“ - „Nein!“, erwiderte Matthew schlagartig und mit einer Vehemenz, die die junge Frau zusammenzucken ließ.
„Nein. Nein… ich schaffe das selbst.“, ruhiger nun, wenngleich noch immer nervös. „Gut… in Ordnung. Seien Sie in ungefähr einer Stunde fertig, man wird Sie abholen, zu Ihrem Mann bringen und in der Zwischenzeit Ihre Habseligkeiten in das neue Quartier schaffen. Müßig zu erklären, dass Sie keine Probleme machen sollten da Sie sonst welche kriegen.“ - das zu erwähnen kam ihr selbst dumm vor. Probleme hatte der Dunkelhaarige in letzter Zeit wahrlich genug gehabt. Und - das musste man ihm zugute halten - zumindest für die neueste Eskalation konnte er nichts.
Der Colonel hatte eine Grenze überschritten.
Matthew schnaubte verächtlich. „Wie Sie meinen, Lady. Ganz wie Sie meinen.“
Knapp eine Stunde später war er fertig. Er hatte sich einigermaßen umständlich geduscht und wartete seither darauf, dass man ihn abholte. Und als man es schließlich tat, da folgte er dem Mann wortlos im Abstand von ein paar Schritten. Er zählte wieder die Meter, versuchte sich einzuprägen wohin man ihn brachte, doch schon nach ein paar Minuten gab er es auf. Dieses Mal fuhr er mit der kleinen Kabine eine Etage tiefer, hier sahen die Gänge anders aus, weniger grell und weniger steril. Irgendwie normaler.
Ein Raum, der eigentlich mehr eine Halle war, diente offenkundig der Bespaßung der hiesigen Leute.
Freizeit stand schlicht und ergreifend über der Tür und als sich selbige öffnete lag dahinter ein riesiger Raum, dessen Wände bis zur Decke die Simulation eines sonnengetränkten Waldes zeigte. Licht schien durch die Stämme uralter Laubbäume, Vögel zwitscherten, sogar eine leichte Brise konnte man hören. Alles in allem eine schöne Szenerie. Aber eben nicht mehr als das. Ein schöner Schein. Wie alles hier.


