Im Lager

25. März 2211


Clarence B. Sky

Einige Stunden war es schon her, dass sie ihre Gefäße mit klarem Quellwasser aus dem Fluss aufgefüllt, auf dem weiteren Weg die ersten Fallen aufgestellt und ein geeignetes Lager gefunden hatten. Nicht ganz eine Höhle, wie von Matthew erhofft - aber wenigstens ein opulenter, halb verkommener Stamm eines einstmals imposanten Baumes, der sich an einem der trockenen Seitenläufe des Flusses entwurzelt hatte und auf einem Felsvorsprung zum erliegen gekommen war. In der Ferne hörte man das Wasser leise rauschen und mit etwas Glück würde in den frühen Morgenstunden das ein oder andere durstige Tier ihr Lager auf dem Weg zum Saufen kreuzen, falls nicht sie selbst gerade schon dabei waren, ihre Vorräte am Flussufer aufzufüllen.

Für das klaffende Loch, das sich über ihrer Schlafnische zwischen Fels, Baumstamm und Erdboden ergoss, hatten fleißige Hände und eine scharfe Axt bereits die begrünten Äste eines frisch erwachenden Frühlingswaldes abgetrennt, welche nun das dichte Dach und zum Teil auch eine Außenfassade für ihren Unterschlupf formten. Auch Moos und Gräser waren bereits herangetragen um einen weicheren Untergrund zu formen, der ihnen in der Nacht die Kälte des Bodens vom Leib halten würde.

Es hatte nicht lange gedauert, da hatte der Platz um ihr auserwähltes Lager bereits schon wieder so chaotisch ausgesehen wie fast jeder ihrer Zwischenstops. Die Inhalte ihrer Rucksäcke lagen verteilt herum, Blechgeschirr lag bereits an der Stelle die für ihr Feuer vorgesehen war, ebenso wie trockenes Holz, das Matthew im umliegenden Waldgebiet zusammengesucht hatte. Ohne viele Worte und Aufhebens war es die Aufgabe des Jüngeren geworden jene Vorbereitungen zu erledigen, die eher einhändiges Geschick benötigten; so oder so hatten sie genug zu tun wenn sie ihr Lager für mehrere Tage wettertauglich bekommen wollten, da spielte das genaue Wer und Was nur eine zweitrangige Rolle.

„Ich bin mir noch immer nicht sicher, was das für ein Material sein soll“, sinnierte Clarence derweil vor sich hin, während er die dritte von mehreren Planen begutachtend durch seine Finger gleiten ließ. Es sah ähnlich aus wie ihre Sachen, aber zum Großteil fühlte es sich nicht so an und hatte nicht den gleichen Farbton wie vorher. Glaubte er zumindest. Aber vielleicht bildete er sich das nur ein.

Das dünne Seil jedenfalls, welches er sonst benutzte um die Planen an ihren Ösen miteinander zu einer Art Zelt zu verbinden oder anderweitig daraus einen Windschutz an der Umgebung zu befestigen, war ihm gänzlich neu. Ebenso wie die Beschichtung der einzelnen Teile. Alles wirkte hochwertiger und beständiger als vorher und irgendetwas sagte ihm, dass es dabei vielleicht nicht bleiben würde. Vielleicht speicherte das Material Wärme im Innenraum oder hielt Feuchtigkeit davon ab des Nachts in ihren Unterschlupf zu kriechen.

Bei ihrem Glück machte das Zeug aus dem Bunker da unten sie vielleicht sogar unsichtbar, sobald man irgendwo einen versteckten Schalter betätigt hatte.

Obwohl es der Jahreszeit entsprechend noch immer frisch war, hatte der Blonde sich warm bewegt und die meiste Arbeit in Pullover und Halstuch erledigt. Tatsächlich hatte er kurz nach der Entscheidung für dieses Lager hier sogar mit dem Gedanken gespielt sich auszuziehen und ein Bad im eisigen Fluss zu nehmen - „Um meinen Körper mal wieder mit anständigen Keimen in Kontakt zu bringen, damit er sich wieder halbwegs normal anfühlt?!“, hatte er seine Idee begründet, entsetzt davon, dass Cassie ihm die Sache hatte ausreden wollen - aber letztlich war dieses Vorhaben nun auf morgen früh terminiert worden.

Ohne Matthew davon wissen zu lassen.

Aufgeschoben bedeutete immerhin nicht aufgehoben.


Matthew C. Sky