Niemandsland

25. März 2211


Clarence B. Sky

„Ihr zwei Vollpfosten habt eure Position auch schon wieder vergessen, was?!“

Kalt drückte der Stahl des Waffenlaufs gegen seinen Hinterkopf, während Clarence selbigen auffordernd dagegen presste. Er hatte die Schnauze voll von diesen Militäreinheiten. Die Soldaten im Bunker waren auch zum Kotzen gewesen, aber im Vergleich zu den Außentruppen dieser Leute, waren das beinahe noch handzahme Schoßhündchen gewesen. Diese beschissenen Militärs, die den Auftrag bekommen hatten sie beide wieder vor die Tür zu setzen, waren genau solche Pappnasen wie die Truppe um Colonel Irwin und seine trüben Rüben und wie Clarence zu denen stand, war kein Geheimnis.

„Ich hab gesagt ihr sollt eure Schnauze halten, damit ihr vielleicht endlich schneller damit fertig werdet uns loszumachen, du Hornochse“ - eine mutige Entgegnung, für die es - wie nicht anders zu erwarten - einen Stoß mit dem Gewehrlauf gegen seinen blonden Kopf setzte. Aber das war es dem Jäger wert, denn immerhin hatte General Gleeson noch in ihrer beider Beisein den Befehl gegeben, sie unversehrt an der Erdoberfläche abzusetzen und das beinhaltete hoffentlich auch, sie nicht für ein loses Mundwerk zu erschießen. Wenigstens diesen kleinen Triumph wollte er sich selbst gönnen, wenn sie schon da unten in diesem Bunker über fast genau vier Wochen hinweg den folgsamen Lemming hatten mimen müssen. 

„Nimm deine Hände hinter den Kopf“, hörte er neben sich eine ruhigere, monotone Anweisung von dem anderen Soldaten, der sie nach draußen begleitete. Noch immer hatte man zumindest ihm selbst die Augenbinde nicht abgenommen mit der man sie vermutlich der Möglichkeit berauben wollte, sogleich wieder den Rücktritt hinab in den Bunker anzutreten. Zu groß war wohl die Gefahr mit dem ersten Atemzug an frischer Luft schon gleich wieder einen Schlachtplan zu schmieden wie man die beiden Mädchen dort unten heraus bekam und wenn er ehrlich war, war diese Sorge nicht mal besonders weit her geholt.

Überdeutlich hörte er seinem Mann neben sich die Schmerzen an, welche Matthew durch den Arm zogen seitdem man ihm die Schiene abgenommen und seine Hände hinter dem Rücken gefesselt hatte. Die frische Luft, die erstmals seit Wochen wieder um ihre Nasen wehte, würde daran nichts ändern können und fehlender Proviant wie auch fehlende Medizin ebenso wenig.

Das einzige, was man ihnen zurückgegeben hatte, waren ihre Eheringe. Gereinigt, desinfiziert, nicht verbrannt - im Gegensatz zum Stiel seiner Axt, den man genauso erneuert hatte wie den Rest ihrer Habseligkeiten. Alles nicht-metallische war vernichtet und dupliziert worden. Wie auch immer das nun wieder möglich gewesen war. Wusste man um diese Tatsache nicht, sahen sie vielleicht sogar tatsächlich noch so aus wie vorher. Nur etwas neuer, etwas weniger abgetragener. Aber dennoch - es waren nicht die gleichen Kleidungsstücke wie vorher. Nicht dieselben Rucksäcke. Und nach dem kurzen Überblick, den Clarence über ihre Ausrüstung gewonnen hatte, waren auch andere Teile leicht modifiziert worden. Ob das gut war oder nicht, wusste er noch nicht zu sagen und um ehrlich zu sein spielte das gerade auch keine Rolle für ihn.

„Ihr lasst die Augen verbunden, bis ihr uns nicht mehr hört. Danach könnt ihr machen was ihr wollt. - Hände hinter den Kopf“, hörte er nun die Stimme, welche eben schon Matthew abgewiesen hatte, nun auch ruhiger hinter seinem eigenen Kopf zu ihm sprechend und im Gegensatz zum ruppiger anweisenden Kameraden, hörte Claire auf diesen Kerl gleich ein wenig lieber. Seine Handgelenke schmerzten noch immer von den Plastikbändern, mit denen man ihn bis eben gefesselt gehalten hatte - vermutlich um während der Entlassfahrt aus dem Bunker nicht zu fliehen - und doch war ihm das alles lieber als noch eine weitere Nacht in diesem Kasten zu schlafen. Ansonsten drehte er vielleicht durch und knüpfte sich tatsächlich noch irgendwo auf, noch bevor Gleeson überhaupt ernsthaft darüber nachdachte, ihm seine Kinder an die Hand zu geben und ihn mit ihnen in Freiheit ziehen zu lassen.

„Ist alles okay bei dir?“, wisperte er gen Cassie gewandt, während er hinter sich Türen schlagen und Metall klappern hörte. Er brauchte nichts zu sehen um zu wissen wie schmerzhaft die Fahrt für den Jüngeren gewesen sein und wie ausgezehrt er sich grade fühlen musste. Gestern am Abend hatten sie sich noch von den Kindern verabschieden dürfen. Hatten ein richtiges Abendessen gemeinsam mit ihnen gegessen, hatten ihnen erklärt, was geschehen würde. Hatten Tränen getrocknet und vergossen. Sogar Cordy hatte geweint, eine Reaktion die ihn besonders hart getroffen, hatte weil sie so unerwartet gewesen war. Geschlafen hatte er danach in der Nacht kaum, ähnlich wie Matthew. Still hatten sie beieinander gelegen, zerrissen von der Dankbarkeit endlich aus diesem Bunker heraus zu kommen, lebendig, und getroffen von dem Schmerz den es bedeutete, die beiden Kinder bei diesen Menschen dort unten zurück lassen zu müssen.

Nun standen sie hier, in aller Frühe; Clarence wusste nicht einmal zu sagen wie spät es eigentlich war. Nicht mal ein Frühstück hatte es noch für sie gegeben. Die Morgenluft brannte eiskalt in seinen Lungen und stand in absolutem Kontrast zu dem wohl- und immer gleich temperierten Bunker.

Dumpf traf hinter ihnen ihr Reisegepäck auf dem Waldboden auf, unsanft abgeladen von ihren Häschern, was den Blonden dazu veranlasste den Kopf sachte nach hinten zu wenden und die Augenbinde ein Stück weit mit dem Unterarm von seinen Augen zu schieben - doch dieser Frevel blieb nicht unentdeckt und wurde mit einem einzelnen Warnschuss quittiert, der etwa einen Meter neben ihm im Baum auftraf.

„Die Dinger bleiben auf, hat er gesagt! Hörst du schlecht?!“ - „Schon gut, schon gut. Keine Panik, ich höre ja“, beschwichtigend wedelte Claire eine seiner beiden Hände hinter dem Kopf, das internationale Zeichen für ‚Beruhig dich mal‘, bis schließlich die Türen ein letztes Mal ins Schloss fielen und der Motor erneut gestartet wurde, um die Abreise ihrer beider Eskorteure anzukündigen.


Matthew C. Sky