Multifunktionsraum S-5.115

21. April 2211


Matthew C. Sky

Das erste Treffen zwischen Clarence und seinen Kindern, welches am fünfzehnten April stattgefunden und nicht planmäßig geendet hatte, war sechs Tage her. 

Seitdem hatte es drei weitere Treffen zwischen dem Blonden und den Mädchen gegeben und jedes davon war besser verlaufen als das vorherige. 

Cordelia, der kleine Lockenkopf, war schon ab dem zweiten Besuch ihres Vaters nicht mehr in Tränen ausgebrochen und Harper - so hatte es den Anschein - hatte dem Treffen sogar entgegengefiebert. 

Matthew hatte jede der insgesamt vier Begegnungen zwischen den Mädchen und seinem Mann aufmerksam hinter einem Einwegspiegel verfolgt.  Einer Wand, die im Raum S-5.115 wie ein gewöhnlicher Spiegel aussah und durch die man von Matthews Seite aus in das Zimmer sehen konnte. 

Jedes einzelne Treffen hatte er miterlebt und war bei jedem davon so nervös gewesen als ginge es um sein eigenes Leben. 

Hatte er Clarence nach dem ersten Wiedersehen noch trösten und ihm gut zureden müssen, weil es aufgrund des jähen Endes schmerzhafter geworden war als vermutet, war der Blonde schon ab dem zweiten Besuch ein wenig geerdeter. Gefasster. Zwar nicht wirklich ein Ruhepol aber zumindest nicht mehr so fahrig und überfordert wie beim Treffen davor.

Die Abläufe waren bei jedem Besuch bewusst identisch gehalten. Clarence war der erste in Raum S-5.115, er saß am Tisch - auf dem Tisch standen Naschereien und Coca Cola. 

Danach kam Doktor Glidden dazu. Beim zweiten Treffen trug sie Cordelia wieder auf dem Arm, musste Harper jedoch nicht mehr ermutigen zu ihrem Vater zu gehen, das Mädchen tat es von ganz alleine. Beim nachfolgenden Treffen lief Cordelia bereits selbstständig an der Hand der Ärztin. 

Sie sprach nicht und war schreckhafter als Harper, ihr Fremdeln war nachhaltiger als das ihrer großen Schwester und insgesamt wirkte die Kleine weitaus scheuer. Mit ihren großen Kulleraugen betrachtete sie ihren Vater beinahe ehrfürchtig und schien nicht ganz zu wissen, was sie von ihm halten sollte. Er war ihr fremd aber auch bekannt und jenes Chaos konnte sie unmöglich begreifen. Etwas, dass man auch nicht erwarten konnte und das Cassiel nur allzu gut nachempfinden konnte. 

Denn was ihn selbst betraf, so hatte er einen Heidenrespekt vor dem, was Clarence seit Besuch Nummer zwei immer stärker forcierte. Nämlich: ein Treffen mit ihm.

Eines, bei dem er nicht hinter dem Einwegspiegel stand und zusah wie Clarence mit seinen Mädchen interagierte, sondern bei dem er Teil jener Interaktion war. 

Claire hatte Harper beim ersten Wiedersehen kurz von Matthew erzählt und dabei eine Formulierung gewählt, welche so wahr und so wunderschön richtig gewesen war, wie eben auch unvollständig. Er war Clarence allerbester Freund. Das kleine Mädchen hatte sich - selbstverständlich- nicht groß für jene Nebenfigur interessiert zu der sie keinerlei Bezug hatte und so war das Thema seitdem nicht mehr auf ihn gefallen. Bis zum vierten Treffen als feststand, dass Matthew beim nächsten Mal anwesend sein würde. Harpers erste und einzige Frage dazu war, ob ihr Dad auch dabei sein würde und als Clarence dies bejaht hatte, schien es für das Mädchen in Ordnung zu sein. 

Cordelia hatte die Information schweigsam zur Kenntnis genommen, den Blick von ihrem Vater ab- und ihrer Schwester zugewandt und registriert, dass es sie nicht beunruhigte und damit schien auch sie beruhigter. 

Der einzige, der nicht beruhigt war, war Matthew gewesen und auch wenn Clarence seither sehr viel Zeit darauf verwendet hatte Matthew seine Anspannung zu nehmen, so war dieses Unterfangen doch leider eines der aussichtslosen Sorte.

Diese Kinder waren nicht irgendwelche Mädchen, es waren Clarence Babys. Sie hatten schreckliches erlebt und waren in einer Welt erwacht, die sie nicht kannten. Alles was ihnen bekannt gewesen war, war weg - nur ihre jeweilige Schwester war ihnen geblieben. Ansonsten weder Vater noch Mutter, noch andere vertraute Gesichter. 

Matthew hatte keine Vorstellung davon wie verstörend das gewesen sein musste und er bezweifelte stark, dass irgendjemand davon eine Ahnung hatte, der selbiges Schicksal nicht hinter sich hatte. 

Und jetzt tauchte er auf der Bildfläche auf, ein weiterer Fremder in einer ohnehin fremden Welt. 

Diese Mädchen waren Clarence‘ ganzes Glück, er sah es dem Blonden an. Ihre Existenz war ein Wunder und jeder von ihnen hatte es so unzweifelhaft verdient glücklich zu sein, dass die Vorstellung es könnte an ihm scheitern Matthew unbeschreiblich nervös machte. Ausgerechnet ihn, der er für gewöhnlich vollkommen selbstverständlich durch die Welt schritt, vor niemandem Angst oder ernsthaft Respekt hatte, dessen Attitüde den Großteil seines Lebens lang die eines eitlen Abenteurers gewesen war. 

Ausgerechnet er hatte nun Angst vor der Ablehnung zweier Kinder. 

„Vielleicht geben wir ihnen erst noch ein bisschen Zeit, sich an dich zu gewöhnen.“ - schlug er zum wiederholten Male vor, während er neben Clarence stand und darauf wartete, dass man sie in den Raum ließ, der auch bei den Besuchen zuvor als Treffpunkt fungiert hatte. 

„Ich meine, vielleicht ist es zu schnell und zu viel, mich heute schon vorzustellen. Was, wenn Cordelia so reagiert wie bei dir? Wenn sie weint und Angst bekommt und weg will?“

Matthews Befürchtungen, die Mädchen würden ihn vielleicht nicht leiden können, waren - glaubte man Clarence - vollkommen irrational. Aber der Blondschopf hatte keinen Schimmer, immerhin war er der Vater der Mädchen und als solcher über derartige Ängste natürlich erhaben. 

Selbst Cordelia hatte beim letzten Treffen ihrem Daddy eine Umarmung zuteil werden lassen - zwar nur weil Harper es ihr gesagt hatte, aber immerhin. 

„Ich sehe schrecklich aus. Bestimmt verstört sie mein Gesicht.“, er deutete mit der bandagierten Hand ungefähr in Richtung der Hämatome welche mittlerweile eine dunkel-purpurne Farbe angenommen hatten. In einigen Tagen würden sie beginnen zu verlaufen, heller zu werden und sich aufzulösen. Aber aktuell sah er aus, als hätte er bei einem Faustkampf den Kürzeren gezogen. Was der Wahrheit nur allzu nahe kam. Wenigstens war das Weiß seiner Augen nicht mehr blutunterlaufen. 

Er seufzte schwer. Seit dem ersten Blick auf das Tablet welches die Mädchen gezeigt hatte, beherrschten Clarence‘ Töchter Matthews Gedanken. Sie und der Vorfall - über den sie beide nicht mehr sprachen. Cassiel versuchte zur Tagesordnung überzugehen und manchmal gelang ihm das auch ganz passabel. Seinen Fokus auf Harper und Cordelia zu richten war, angesichts der Tragweite für ihr künftiges Leben, nur allzu verständlich und nachvollziehbar. Und Matthew wollte sie kennenlernen. Das anstehende Treffen war keines gegen seinen Willen aber wäre es nach ihm gegangen, dann wäre es noch nicht heute. Weil er so mitgenommen aussah und weil die Mädchen genug zu verarbeiten hatten. Diese Gründe nannte er und redete sie sich selbst ein. 

Weil er schlichtweg Panik hatte, sie würden keinen Draht zu ihm finden und ihn einfach nicht mögen, das sagte er nicht - aber es war der - gar nicht mal so geheime - Hauptgrund. 

Insofern hatte Clarence recht, wenn er sagte je eher sie einander kennenlernten desto besser. 

Manche Dinge musste man einfach tun, selbst wenn man meinte, der Moment sei noch nicht perfekt - und was diese Sache anging, würde es keinen perfekten Moment geben. 

„Was ist… was ist, wenn sie Angst vor mir haben, hm? Oder sie finden, ihr Daddy braucht keinen besten Freund mehr, jetzt wo er seine Mädchen wiedergefunden hat?“, fragte er verdrossen und fuhr sich mit der gesunden Hand nervös durchs Haar.  „Oh man… ich höre mich lächerlich an.“

Die automatische Tür glitt vor ihnen zur Seite und offenbarte den Blick in das Innere des Raumes. Matthew, der ihn sonst immer nur von außerhalb gesehen hatte, atmete tief durch und folgte Clarence gleichauf in das Zimmer. Die Mädchen waren noch nicht hier und Matthews Blick wanderte zu dem Spiegel durch den man sie nun zweifellos beobachtete. 

Wenn dieses Treffen schiefging? Matthew wusste, es würde weitere geben. Eigentlich hing von heute gar nicht so viel ab. Nur eine Vollkatastrophe galt es unbedingt zu vermeiden. 

„Claire…?“ er sah nervös zu ihm und versuchte zu lächeln. 

„Versprich mir, dass du mich weiterhin leiden kannst auch wenn das hier anders ausgeht als wir hoffen.“


Clarence B. Sky
 


Matthew C. Sky