Quartiere Kategorie 5b
15. April 2211
Schweigend sah Clarence den ersten Sonnenstrahlen dabei zu wie sie sich ihren Weg durch Äste und Blätter hinweg bahnten. Es war Frühling geworden und die Wälder wieder grüner, die Wiesen lebendig und schon vor gut einer Stunde hatten die Vögel begonnen zu zwitschern. Leise nur, verstand sich - immerhin wurden sie erst mit zunehmender Zeit lauter. Je nachdem, für wie viel Uhr die endgültige Weckzeit eingestellt war.
Sanftes, natürliches Erwachen nannte man das. Um dem Körper einen natürlichen Rhythmus zu geben, den es hier unten nicht gab. Weil es kein Tageslicht gab und keine Vögel. Keine echten jedenfalls. Es gab auch keine echten Sonnenstrahlen die so kräftig durch das Astwerk fielen, dass es einem durch die geschlossenen Lider hindurch ein Brandloch auf die Netzhaut ätzte. Aber wenn man sein Gesicht nah genug an den riesigen Bildschirm hinter ihrem Bett presste, so nah wie es ging, dann erkannte man einzelne, winzig kleine Lämpchen in unterschiedlichen Farben. So klein, dass es einem zwar nicht die Augen aus dem Kopf brannte, aber hell genug, damit man trotzdem hinterher für einen Moment nichts mehr sah.
Aber im Moment war da nur Dämmerlicht. Aber stärker werdend, sodass Clarence jetzt schon wusste, dass auch das Lauter-Werden des Vogelgezwitschers nicht mehr lange dauern würde. Ihre Weckzeit war auf sieben Uhr morgens eingestellt - oder jedenfalls auf das, was man hier im Bunker darunter verstand. Dann hatten sie eine halbe stunde Zeit sich fertig zu machen. Dann gab es rationiertes Frühstück. Um Punkt acht Uhr fünfzehn wollte man sie zum Untersuchungsraum bringen, Matthews Armschiene erneuern und ein Kontrollröntgen von ihm anfertigen. Ein Foto seiner Knochen um sicherzugehen, dass seine Rippen weiterhin gut verheilten und keine Folgeschäden entstanden waren. Um acht Uhr fünfzig ging es weiter zu einem Vernehmungsraum. Nicht um sie zu befragen. Sondern um herauszufinden, ob Clarence Bartholomy Sky mental stabil genug war, um mit seinen Kinder zusammengeführt zu werden.
Zusammengeführt.
Dabei waren die einzigen, die sie künstlich voneinander getrennt hielten, diese Leute hier.
Still drängte Clarence seinen Arm näher um Cassies Brust, den Jüngeren von hinten umarmend und abschirmend von der Welt, die jenseits ihres Quartiers auf sie wartete. In seiner Hand hielt er noch immer die des Vorderen, wie so oft wenn er sich nachts an ihn schmiegte.
Wie die letzten Nächte auch, hatte er auch heute kaum ein Auge zu getan; ähnlich ihrer Zeit früher in den Wäldern, war er zu einem ewig dauernden Dämmerschlaf verdammt worden. Der Jäger war nicht wirklich wach, er schlief aber auch nicht wirklich - stets auf der Hut vor unbekannten Geräuschen, vor einem unruhigen Traum seines Mannes oder dem plötzlichen Öffnen der Quartierstür mitten in der Nacht. Das war zwar bis heute nicht passiert - aber bevor Matthew deshalb nicht schlief, tat er es lieber selbst nicht in der Hoffnung, dass wenigstens der Dunkelhaarige dadurch etwas Ruhe fand.
Wirklich geholfen hatte das in den vergangenen Nächten trotzdem kaum. Jede noch so kleine Regung seines Mannes hatte er wahrgenommen an seiner nackten Brust, mit der er gegen den entblößten Rücken Cassies lehnte. Selbst in den ersten Nächten in Denver hatte er besser geschlafen, obwohl seine größte Sorge gewesen war, sein Mann würde plötzlich morgens tot neben ihm in den Lumpen liegen - gestorben an inneren Blutungen von denen sie nichts gemerkt hatten. Aber in Denver war er auch erschöpfter gewesen als hier, womöglich lag es daran.
Vorsichtig drückte er die Nase in das dunkle Haar vor sich, das trotz aller Umstände noch gänzlich vertraut und fast ein wenig so roch, als wäre nie etwas gewesen. Als würden gleich Abel oder Kain die Nase über die Bettkante recken und testen, ob ihre beiden Herrchen schon wach waren. Dann würde Clarence aufstehen, sich in seine Hose und einen Pullover werfen und mit den beiden frische Brötchen und Wurst beim Metzger besorgen gehen.
Aber es war nicht nie etwas gewesen und sie waren auch nicht Zuhause.
„Cassie?“, wisperte er leise gegen das zerwühlte Haar des Vorderen. Und schließlich, fast als würde das eine nicht automatisch auf das andere schließen, schob er leise hinterher: „Bist du schon wach?“
Auf der einen Seite wollte er ihn nicht unnötig wecken falls er doch mal schlief, auf der anderen Seite aber würden sowieso bald die simulierten Vögel im simulierten Wald eskalieren und sie selbst aus den tiefsten simulierten Träumen krakeelen. Die Tage hier hatten eine verstörende Eintönigkeit angenommen, die alleine dadurch aufgebrochen wurde, was für heute angekündigt war - ein Treffen so surreal und aufrührend, dass er alleine dadurch nicht mal dann ein Auge zubekommen hätte, hätte er nicht die halbe Nacht auf die verschlossene Tür gelauscht.
Ziemlich genau eine Woche war es her, da hatte sich des nachts die Tür zu seinem Quartier geöffnet und man hatte ihn angegriffen. Knochen waren gebrochen worden, Haut war aufgeplatzt, Gewebe gerissen und geschwollen.
Aber das schlimmste war der Schmerz in ihm drin.
Er war unsichtbar und doch…auch wieder nicht.
Matthew hatte den Angriff überlebt, wenngleich sein physischer Zustand erbärmlich anmutete. Aber wie es in ihm aussah, konnte man bestenfalls ahnen. Man sah es in seinen dunklen Kandisaugen, in denen kein Frohsinn mehr lag. Man hörte es an seinem Schweigen und an dem Ausbleiben von plötzlichem Lachen, wenn ihn irgendetwas amüsierte.
Seit dem Wiedersehen mit Clarence hatte er durchaus versucht normal weiterzumachen. Das Geschehen abzuhaken.
Man hatte ihn immerhin nicht zum ersten Mal auf diese Weise erniedrigt. Die Schläge waren nicht neu gewesen, die Schmerzen nicht, der Akt an sich nicht. Nichts davon hatte er zum ersten Mal erfahren. Warum dann also nicht einfach weitermachen? Sie hatten ihm schließlich nichts angetan, das er nicht schon kannte. Das waren die Dinge, die er sich im Stillen immer wieder sagte, doch bisher ohne Erfolg.
Längst waren alle Spuren der Männer fortgespült und dennoch hatten sie noch immer Macht über den Dunkelhaarigen. Er aß schlecht und er schlief schlecht, er duschte umständlich - aber ausgiebig. Er war oft in Gedanken, betrachtete still die simulierten Glühwürmchen am Abend und versuchte des Morgens die simulierten Vogelstimmen ihren echten Vorbildern zuzuordnen. Dämmerte er für ein paar Minuten weg, so füllten Alpträume seinen Schlaf und ließen ihn schnell wieder erwachen. Nicht immer schreckte er in Panik auf, manchmal erwachte er einfach nur mit rasendem Herzen, stocksteif und verwirrt. Dann lag er völlig reglos und angespannt wach, starrte in die Dunkelheit bis er irgendwann in der Lage war die Augen wieder zu schließen.
Manchmal dachte er an Clarence und wie er - offensichtlich seiner Intuition folgend - gefragt hatte:
„Hat er dich angefasst, sich dir aufgezwungen?“ - diese Worte brachten zum Ausdruck was passiert war - aber sie beschrieben nicht mal annähernd, wie es gewesen war. Keine Worte der Welt konnten erklären, was das mit einem Menschen machte. Was es mit Matthew gemacht hatte.
Und Clarence? Er bemühte sich nach Leibeskräften um ihn. Er wachte über seinen Schlaf, er motivierte ihn dazu zu essen und bot Hilfe an, wo immer er glaubte, Matthew könne welche gebrauchen. Er war umsichtig, liebevoll, nahm Rücksicht.
All das, während das Treffen mit seinen Kindern immer näher rückte und er sich eigentlich freuen sollte. Eine Familienzusammenführung die es im Grunde gar nicht geben konnte und die es eben doch geben würde. Die Aufregung und Freude, die Unruhe und das Herbeisehnen jenes Moments… waren Dinge, die Matthew mit Clarence nicht in vollem Umfang teilen konnte. Das lag nicht etwa an den Mädchen selbst oder daran, dass er Ablehnung fürchtete. Es lag daran wie er sich fühlte.
Denn zum ersten Mal seit langer Zeit, vielleicht sogar zum ersten Mal überhaupt, war der Dunkelhaarige jedweder Zuversicht beraubt. Er versuchte sie zu finden, irgendwo in sich selbst oder in den positiven Erinnerungen. In den mutmachenden Worten seines Mannes, in der Fürsorge und Liebe von Clarence. Doch nichts davon konnte ihn wirklich erreichen. Es schien, als sei nach all der Zeit da er sich ihrer immer wieder bedient hatte, letztlich keine Zuversicht mehr für ihn übrig.
Nun, dem seichten Gezwitscher der simulierte Vögel lauschend, stellte sich Matthew vor, wie es damals gewesen war. Damals… als er mit Clarence gereist war, durch echte Wälder. Er versuchte sich an das Gefühl zu erinnern aber es gelang ihm nicht so recht.
Hinter ihm schloss Clarence den Arm fester um ihn - eine Regung die Matthew dankbar zur Kenntnis nahm. Der Jäger schirmte ihn ab vor der Außenwelt oder versuchte es zumindest. Nur vor den eigenen Gedanken konnte er ihn nicht bewahren.
„Cassie? Bist du schon wach?“ flüsterte der Blondschopf hinter ihm und Matthew, der die Nacht ebenso wenig erholsamen Schlaf gefunden hatte, drückte vorsichtig die Hand seines Mannes die in seiner ruhte.
„Nein, Claire. Ich schlafe noch.“ erwiderte er und versuchte sich an einem Scherz. Seine Stimme war dabei ebenso leise wie die von Clarence als er gefragt hatte. Das Lächeln auf seinen Lippen war flüchtig und dünn und blieb ungesehen.
Er wollte so sehr wieder der Alte sein.
Aber sich selbst davon überzeugen, dass er der Alte war, das gelang Matthew nicht.
„Ich bin wach, Baby.“ - Unter Schmerzen und leisem Stöhnen drehte sich Matthew auf den Rücken und wandte Clarence den Kopf zu um ihn im Halbdunkel des simulierten Morgens zu betrachten.
Das Gesicht des Blonden war ihm vertraut und es gab nichts schöneres als jene Vertrautheit. Er sah den Mann, den er liebte neben sich und wusste, dass dieser Eine sein Glück war. Alles was zählte war er. Wenn sie so beieinander lagen, dann war es fast so als wäre alles in Ordnung. Als wären sie irgendwo in der Wildnis, unter freiem Himmel.
„Heute ist der Tag der Tage, hm? Ich wette, die Mädchen sind schon ganz nervös.“, er hob die gebrochene Hand ein Stück und legte sie vorsichtig auf Clarence‘ Wange, berührte mit den dunkelblauen Fingerspitzen sacht sein Gesicht. Aber er konnte jene Hand nicht an ihn schmiegen, konnte nicht zärtlich durch seinen Bart kämmen… und so ließ er sie steif und unnütz wieder sinken.
„Konntest du ein bisschen Schlaf kriegen?“, wahrscheinlich nicht wirklich. Schon in den letzten Tagen war daran nicht zu denken gewesen und Matthew bezweifelte, dass das ausgerechnet in der zurückliegenden Nacht, wenige Stunden vor dem unglaublichen Wiedersehen mit seinen Töchtern, anders gewesen war.
„Bist du aufgeregt? Oder besser: wie aufgeregt bist du?“, wieder lächelte er ein bisschen. Ein Lächeln das liebevoll und wahrhaftig war. Und welches dennoch den Kummer in seinen Augen nicht weichen ließ.
Ein unwilliges Brummen entkam seiner Kehle, während sich Cassie stöhnend und umständlich zu ihm herum wälzte. Nicht etwa, weil der Blonde seinen Anblick so früh am Morgen nicht genießen wollte - sondern weil sein Mann weder wach sein, noch sich nur seinetwegen schon selbst um diese Uhrzeit quälen sollte.
Still musterte er Matthew wie er neben ihm lag. Das fremde Gesicht war kaum erhellt von der zarten simulierten Morgendämmerung und trotzdem erkannte Clarence jede einzelne Facette seines Mannes. Jede Unebenheit, jedes Muttermal, jede Lachfalte die sich momentan nicht zeigen wollte… und auch jede Sorgenfalte, die derzeit umso tiefer war als sonst.
Er kannte diesen Kerl mittlerweile besser als sich selbst und liebte ihn trotzdem nur umso mehr. Und doch war Matthew seit ihrem Wiedersehen nur ein dunkler Schatten jenes Mannes, der er vor ihrem Ausflug gen New Alexandria gewesen war. Dem Jäger fehlte das helle Lachen, das manchmal so plötzlich und so bauchig aus Cassie hervor platzte, dass es einen einfach postwendend mitriss. Er vermisste das schelmische Funkeln in den kandisfarbenen Iriden wenn er den Hünen musterte, ebenso wie er seinem vorlauten Mundwerk hinterher trauerte - denn wo er den Wachen und Ärzten am Anfang ihrer Geiselnahme noch Kontra gegeben hatte, war der Dunkelhaarige mittlerweile still geworden.
Und doch, obwohl er momentan kaum noch etwas gemein hatte mit dem Mann der er sonst war, liebte Clarence ihn nicht weniger. Unter der stillen Zurückhaltung, der Armschiene und dem blau geschlagenen Gesicht war noch immer sein Ehemann, wie Matthew ihm bewies, als er ihn leise ‚Baby‘ nannte und die gebrochene Hand für einen Moment vorsichtig an sein Gesicht legte.
„Schlaf ist ein ziemlich seltenes Gut momentan. Könnte an der Situation liegen, vielleicht auch an der Unterkunft“, sinnierte er müde und versuchte sich dabei lustlos an etwas Ulk am frühen Morgen. „Wenn wir das nächste Mal verreisen… dass uns ein anderes Gasthaus besuchen. Das Bett ist bequem, aber das Essen und die Gastfreundlichkeit sind ziemlich mittelmäßig. Da sind wir schon besser untergekommen.“
Sich vorzustellen, dass ihre Nacht hier tatsächlich nicht mehr und nicht weniger war als der Zwischenstopp auf einer kurzen Reise, war - wenigstens für den Moment - eine fast schon heilsame Überlegung. Nächstes Mal würden sie einfach wo anders Halt machen, wenn sie diese Route hier nochmals bereisen mussten. Nächstes Mal hielten sie sich einfach fern von hier.
Den Ellenbogen unter sich aufstellend, stützte Clarence abgeschlagen das Haupt in seiner Hand ab und blickte müde auf Matthew hinab. Sein anderer Arm lag noch immer quer über der Brust des Jüngeren und während er für einen Moment darüber nachdachte was ihnen heute alles bevorstand, strichen seine Fingerspritzen gedankenverloren über dessen Flanke hinweg.
„Ich glaube nicht, dass ‚aufgeregt‘ das richtige Wort dafür ist. Ängstlich trifft es besser. Vielleicht ein bisschen panisch, wenn ich mehr darüber nachdenke. Aber ich hab mich irgendwann heute Nacht gegen zu viel denken entschieden, das hat ein bisschen geholfen.“ - Obwohl Matthew in den vergangenen Tagen nur wenig Ambitionen gezeigt hatte hoffnungsvoll einer möglichen Freilassung entgegen zu blicken, zeigte er sich interessanterweise dem Treffen mit den Kindern gegenüber weit optimistischer als der Blonde selbst. Vielleicht zerdachte Clarence die Dinge zu viel, vielleicht zerdachte Cassie sie zu wenig.
Wie dem auch war - seit der letzten Aktualisierung der Krankenakte machte ihm der Gedanke an den heutigen Tag mehr Sorge als Freude.
„Seit dem neuen Film vorgestern, als sie mit den beiden darüber geredet haben was heute passieren wird… da habe ich Sorge, wie sie reagieren werden. Auf mich wirken die beiden noch immer genau wie damals, bevor Ruby sie… bevor sie gestorben sind. - Immer, wenn ich früher an die beiden gedacht habe, habe ich mich gefragt wie sie heute aussehen würden. Welche Menschen sie heute wären, würden sie noch leben. Was für eine junge Frau Harper geworden wäre. Aber jetzt sind sie hier und sie sind nicht älter. Sie sind genau wie damals und ich… ich habe nicht bedacht, dass ich es nicht bin“, fasste er in Worte was so dermaßen offensichtlich war, dass er es bis zu dem Film vorgestern nicht bedacht hatte. Schon in vorherigen Gesprächen war den Kindern erklärt worden, dass Zeit vergangen war - eine Vorstellung, die Cordy aufgrund ihres Alters nicht begriffen hatte, Harper hingegen schon.
Aber zu begreifen, dass Zeit vergangen war und zu begreifen, dass mit dieser Zeit auch Lebenszeit ihres Vaters vergangen war, das waren zwei unterschiedliche Dinge. Es war eine harte Tatsache, die die bislang namenlose Vertreterin von Doktor Glidden nur wenig emphatisch erklärt hatte.
Seitdem ging ihm nicht mehr aus dem Kopf wie Harper danach gefragt hatte, ob die Ärztin ein Bild von ihm auf ihrem Klemmbrett besaß und mit welcher vernichtenden Stille sie ihn lange betrachtet hatte. Eindringlich, fast stechend - und man hatte ihr angesehen, dass es ihr schwer fiel all jene Dinge, die sie von ihrem Vater wusste, mit dem Bild in Verbindung zu bringen, welches sie in Händen hielt.
„Das ist Dad, Cordy. In ein paar Tagen kommt er und holt uns ab“, hatte sie ihrer Schwester das Brett entgegen gehalten und von der Jüngeren nur ein verständnisloses Kopfschütteln geerntet, unterbrochen von der unsympathischen Quacksalberin, die Harper direkt korrigiert hatte - denn abgeholt wurde hier niemand.
Cordys Kopfschütteln und Harpers tiefes, vielsagendes Schweigen war etwas, das ihn tief bis ins Mark getroffen hatte und die anfängliche Freude vor dem heutigen Tag seitdem überschattete.
„Was machen wir, wenn die Typen hier das gleiche sagen wie Mo’Ann? Dass sie die beiden nicht hergeben werden? Was machen wir, wenn… für keinen von uns geplant ist, dass sie uns hier wieder raus lassen? Mit mir hat niemand darüber geredet was nach dem Tag heute passieren soll. Mit dir?“
Der zweifellos neckisch gemeinte Scherz bezüglich ihrer Unterkunft konnte Matthew kein Lächeln abringen, zu wenig hatte ihr Aufenthalt hier mit einer Schenke oder einem Gasthof gemeinsam. Selbst in der heruntergewirtschaftesten Spelunke hätte er lieber sein wollen als hier. Jener Ort war - zumindest für Matthew- verflucht. Während er für Clarence zu einem Hort der Wunder geworden war.
Auch dies war eine Ironie, die Matthew nicht entgangen war, ihm aber weder Amüsement noch Groll abnötigte.
Ohnehin: Die wenigsten Sachen erheiterten den Dunkelhaarigen noch und auch wenn er sich dann und wann ein Lächeln abrang, so war er die meiste Zeit über erschreckend in sich gekehrt.
Seine Gedanken waren düster und wenig optimistisch, er dachte kaum an Zuhause und er hatte kein Interesse daran sich irgendeine Zukunft auszumalen oder vorzustellen.
Selbst der Gedanke an den Ausbau des Hauses konnte ihn selten wirklich erreichen - weil er sich nicht vorstellen konnte jemals wieder an etwas anderes zu denken als an jene Nacht.
Er hatte den Glatzkopf angeschmiert, hatte einem der Wärter gesagt man solle sich den Toten mit dem Namen Davis ruhig näher ansehen. Und als Retourkutsche hatte der Colonel ihn besucht. Hätte er seine Klappe gehalten, wäre nichts davon passiert. Aber er hatte sie nicht gehalten. Wie so oft nicht.
Immer wieder ging er die Nacht und die Stunden davor durch, stellte sich vor er hätte nichts gesagt, stellte sich vor was-wäre-wenn. Und letztlich? Da konnte er sowieso an nichts anderes mehr denken als an die Tatsache, dass es wieder passiert war. Als an die Tatsache, dass er sich nicht hatte wehren können.
Vielleicht war es wahr, dass er für Clarence deshalb kein anderer Mensch geworden war, aber für ihn selbst… für ihn selbst war er das.
Clarence stützte sich auf seinen Ellenbogen auf und sah auf ihn herunter, musterte ihn - so wie er das immer schon gern getan hatte - aber anders als noch vor ein paar Tagen verspürte Matthew nicht die selbstbewusste Gewissheit, dass Clarence genoss was er sah. Denn was er sah, war was Matthew fühlte und was er fühlte war… Duzendware.
Einmal mehr. Wieder einer mehr.
Matt wich unbehaglich dem Blick des Blonden aus und unterdrückte ein nervöses Knabbern an seiner Unterlippe mit aller Macht.
Behutsam glitten die Finger des Hünen über seine Seite, eine Berührung so zart und liebevoll wie eh und je. Clarence war nie grob oder fordernd zu ihm gewesen und er war es auch jetzt nicht. Cassie richtete den Blick schließlich wieder hinauf in das vertraute Gesicht und lauschte den Erklärungen seines Mannes aufmerksam.
Die Sorgen die er hatte waren keine jener Sorte, die man als übertrieben oder gar unwahrscheinlich abstempeln konnte - denn genau genommen gab es jenes Szenario eigentlich gar nicht. Es war ein Wunder - aber es war eben auch verwirrend und sehr wahrscheinlich auch überfordernd. Wie erklärte man solch jungen Mädchen, dass sie gestorben und nun doch wieder am Leben waren? Dass ihre Mutter tot und ihr Vater um Jahre gealtert war? Dass der Hof, der ihr Zuhause gewesen war, längst nicht mehr existierte und das selbst Willow Creek nicht mehr der Ort war, an den sie zurückkehren würden?
Man konnte diese Dinge sagen aber konnte man sie auch begreifen? Matthew leckte sich über die Lippen und dachte einen Moment lang über die Dinge nach, die Clarence gesagt hatte. In vielerlei Hinsicht hatte er Recht und doch - so wurde Matthew bewusst - vergaß er das wichtigste.
Jene eine, unumstößliche Wahrheit die sich nicht leugnen ließ. Den Trumpf im sprichwörtlichen Ärmel, den man ihm nicht wegnehmen konnte - ganz egal was noch kam.
„Ich glaube…diese Dinge sind nur…nur am Anfang problematisch. Genau jetzt noch, aber schon in ein paar Stunden nicht mehr. Jetzt tun sie… im Grunde genau das, was du auch getan hast: sie stellen sich dich vor. Sie…haben Ideen von dir, Erinnerungen. Von deiner Stimme, davon wie du sie ansiehst, umarmst, mit ihnen umgehst. Und vielleicht… vielleicht bist du dann nicht so, wie sie dachten oder wie sie sich an dich erinnern, aber…“ sich kurz unterbrechend betrachtete er Clarence und lächelte ein winziges aber zuversichtliches Lächeln.
„…du bist ihr Dad und sie sind deine Babys. Und alles andere spielt überhaupt gar keine Rolle. Schon in ein paar wenigen Stunden werden sie nicht mehr wissen wie sie sich dich vorgestellt haben. Dann wird nur noch wichtig sein wie du bist. Nicht wie alt, nicht wie groß, nicht wie viel Zeit vergangen ist. Sondern nur, dass du es bist. Du wirst sie in die Arme nehmen und das wird von dem Moment an die wichtigste und einzige Sache sein, die zählt.“
Diese simple Wahrheit würde alles sein was noch Bedeutung hatte, davon war er überzeugt.
Was natürlich war, wenn man sie hier nicht gehen ließ… das stand auf einem anderen Blatt.
Aber auch dazu hatte sich Cassie seine Gedanken gemacht.
„Mo‘Ann hat Kontakt zu diesen Menschen hier, Claire. Sie wollte, dass du den Clan übernimmst. Das war ihre Bedingung.“ Vielleicht, so hatte er in den vergangenen Tagen öfter gedacht, wäre es gut gewesen, sie hätten einfach auf sie gehört. Hätten gemacht was sie verlangt hatte… dann wäre ihnen einiges erspart geblieben.
„Wenn sie zusammenarbeiten, dann sind ihre Ziele auch irgendwie die Ziele dieser Leute hier. Ich weiß nicht wieso ein Jägerclan so wichtig sein sollte, aber anscheinend ist er es. Und von hier aus kannst du die Kestrel nicht übernehmen und nicht führen… also werden sie dich irgendwann gehen lassen.“
Ob das auch für ihn galt… da war Matthew sich nicht so sicher. Vielleicht ja, weil sie für ihn keine Verwendung mehr hatten. Vielleicht aber auch nicht, vielleicht ließen sie ihn hier - bei den simulierten Glühwürmchen und den simulierten Vogelstimmen. Wer wusste das schon?
„Sollte man heute nicht mit uns darüber reden… wäre es möglich, dass wir den Anfang machen, hm? Irgendwer hier muss das Sagen haben. Vielleicht ist es Zeit, mit diesem Jemand darüber zu reden was wir wissen.“
„Sie sind meine Mädchen -“, beleuchtete er die Worte des Jüngeren, die so zuversichtlich und optimistisch klangen wie sie auch naiv waren, aus einem anderen Winkel. Was Cassie zusammenfasste, war nichts weiter als eine grundlegende Tatsache, die jedoch das wichtigste außen vor ließ: „- aber ich bin schon lange nicht mehr der Mann, der ich mal war. Und das wird mich nie wieder zu dem Vater machen, der ich ihnen damals gewesen bin. Ich bin ihr Dad, aber… ich werde ihnen ein anderer Dad sein, als ich damals hätte sein können. Ich weiß nicht, ob das was Gutes oder was Schlechtes ist.“
Das, womit man ihn hier konfrontierte, war zu vielschichtig um mit einer einfachen Floskel beantwortet zu werden. Die Fragen, die ihm unaufhörlich im Kopf umher gingen, waren keine einfachen Ja oder Nein-Fragen. Es gab nicht die eine Antwort. Nicht die perfekte Lösung.
„Aber vielleicht hast du Recht. Vielleicht ist es… nur am Anfang problematisch und dann nicht mehr. Vielleicht fügen sich die Dinge. So, wie sie sich schon immer gefügt haben“, versuchte er sich gegen Matthews Zuversicht nicht aufzulehnen und dessen guten Überlegungen auch für sich selbst anzunehmen, selbst dann, wenn sie ihm wenig plausibel vorkamen.
Schon so oft hatte er sich in einer vermeintlichen Sackgasse vorgefunden. In Situationen, aus denen es für ihn scheinbar kein Entkommen mehr gab und ihm manchmal sogar der Freitod der einzig sinnvolle Maßnahme in den Sinn gekommen war. Doch letztlich war es immer irgendwie weiter gegangen. Er hatte, anfänglichen Schwierigkeiten zu Trotz, Anschluss in Falconry Gardens gefunden und war Jäger geworden. Jahre später dann, an einem weiteren Tiefpunkt seines Lebens, war ihm Matthew in die Arme gelaufen. Oder besser: In die Arme getrieben worden; aber das waren Haarspaltereien, an denen er sich nicht aufhalten würde.
Wann immer er dachte, es gäbe keine Lösung oder keinen Ausweg für seine Situation, hatten sich die Dinge gefügt. Auch anfängliche Probleme mit seinen Kindern würden sich fügen können. Wenn sie einander fremdelten, würden sie sich neu kennenlernen. Sich annähern. Zusammenwachsen und miteinander wachsen. Der Mann, der er heute war, mochte nicht der Vater sein von früher - aber er liebte seine Mädchen deshalb nicht weniger oder gar anders als damals.
Nachdenklich beobachtete er das schmale Lächeln auf Matthews Lippen, das die letzten Tage so selten gestreut war wie Schnee im Hochsommer. Alles hier drin bereitete Clarence mittlerweile Kummer, von seinen Mädchen über die simulierte Natur hinweg bis zu seinem Mann, der seine frühere Leichtigkeit völlig verloren hatte.
Noch immer wusste er nicht wer diese Männer waren, die Cassie all das angetan hatten, und er hatte sein Versprechen gehalten und nicht weiter nachgefragt um sie beide, vor allem aber sich selbst zu schützen - seinem Mann zuliebe. Aber das bedeutete nicht, dass es ihm nachts nicht den Schlaf raubte.
Wann immer sie zum Essen abgeholt wurden, ihre Quartierstür sich öffnete oder sie durch die Gänge geführt wurden, beobachtete Clarence jeden Blick des Jüngeren. Er folgte den Augen des Dunkelhaarigen, folgte jeder Regung in seinem Gesicht und meistens - hoffentlich unbemerkt - hielt er dabei die Hände in den Taschen seines Overalls geballt - sich selbst davor bewahrend auf irgendjemanden einzuschlagen, sollte er auch nur den winzigsten Funken von Furcht in den kandisfarbenen Iriden seines Böckchens entdecken.
Wer auch immer die Männer waren, die seinem Mann das angetan hatten, sie waren ihnen noch nicht auf den Fluren begegnet und wenn doch, dann hatte Matthew sein Gesicht besser unter Kontrolle als Claire es ihm jemals zugetraut hätte.
Kurz verzog der Blonde das Gesicht, als Cassie über ihr Hiersein nachdachte und dabei davon redete, warum ein Jägerclan bloß so wichtig sein sollte - und zum Glück tat er es hier, in diesem Bunker, statt irgendwo bei den Kestrel am langen Tisch. Natürlich wusste er, dass Cassie der Zunft seines Mannes noch nie viel hatte abgewinnen können und er oft gern so tat, als bräuchte kein Mensch der Welt irgendwelche Jäger. Aber die Realität war eine andere und nur, weil der hochwohlgeborene Mister Reed stets in noblen Kreisen verkehrt hatte, in denen man die schmutzige Arbeit mit Dämonen und Mutanten nur selten mitbekam, bedeutete das nicht, dass sie nicht erledigt wurde.
„Wenn die Pappnasen mich hier gehen lassen weil sie auch wollen, dass ich den Clan anführe, dann müssen sie uns beide hier raus lassen. Sonst mache ich keinen Finger für die krumm“, drohte er das Offensichtliche an und schüttelte dabei unmerklich den Kopf, immerhin stand etwas anderes kaum zur Diskussion. Matthew hatte so viel erleiden müssen hier unten. Es kam nicht infrage, dass er hier blieb - eher noch tauschte sich Claire selbst als Pfand gegen ihn ein, so lange Matthew die beiden Mädchen und sich selbst damit zurück in Freiheit und Sicherheit bringen konnte. „Egal wen die uns heute vorsetzen, wir werden versuchen das zur Sprache zu bringen. Da bin ich ganz bei dir. Ganz gleich ob es jemand ist, der das Sagen hat, oder irgendeine andere Pfeife. Irgendjemand hier muss wissen, was die mit uns vorhaben. Oder uns zumindest mehr sagen können als das, was man uns die ganze Zeit wissen lässt. Mhh…“
Noch immer war er selbst der Meinung, dass man Gefangene, die man plante umzubringen, nicht aufpäppelte, medizinisch behandelte und gut unterbrachte. Es musste also einen Plan geben. Aber auf der anderen Seite hatte Clarence schon mehr hier erlebt als über seine bloße Vorstellungskraft hinaus ging und selbst für ihr beider Überleben legte er nicht mehr die Hand ins Feuer.
Stattdessen ließ er selbige weiter über Cassies Flanke streicheln, ganz vorsichtig, fast als könne alleine die zarte Handauflegung schon dazu führen, dass auf magische Weise die gebrochenen Rippen des Jüngeren besser verheilten.
„Du hast abgenommen. Du wirst immer dünner“, stellte er leise fest und bemühte sich dabei nicht, die Besorgnis in seiner Stimme zu unterdrücken. Natürlich war sein Mann noch kein Hungerhaken und dass er Matthews Rippen schon unter den Fingern spürte, bildete er sich nur ein - aber dass er ein paar Pfund verloren hatte seitdem sie hier waren, insbesondere seit ihrer Trennung und den Dingen die währenddessen geschehen waren, war offensichtlich. „Wenn du nicht bald versuchst deine Rationen brav aufzuessen, muss ich in den Hungerstreik gehen. Es kann nicht sein, dass ich dir zuliebe diese Fraß in mich rein zwänge und dir dabei zusehen muss, wie du nur drin rumstocherst. Falls die uns bald hier raus lassen, weht dich draußen noch der Wind weg. Dann muss ich alleine bis nach Falconry laufen oder dich an einer Leine hinter mit her ziehen, damit die nächste Böe dich nicht davon trägt.“
Sorgenvoll musterte er seinen Ehemann, der nicht nur für die Heimreise mehr Energie brauchte. Genauso gut konnten sie hier nochmal in einen Angriff oder schlimmeres geraten - und Cassie brauchte mehr Kraft um diese bewaffneten Affen hier anzukommen.
Matthew wusste nicht, was Clarence für ein Mann gewesen war als er mit Ruby-Sue sein Leben geteilt hatte. Zumindest wusste er es nicht im Detail, auch wenn der Blonde sich dann und wann bereits bemüht hatte, sich in möglichst schlechtem Licht dastehen zu lassen. Und vielleicht war er ja wirklich ein schlechter Mensch gewesen. Aber falls das stimmte, so war er heute ein anderer.
Matt wusste auch nicht, was für eine Art Vater er Harper und Cordelia gewesen war - aber er wusste, was der Hüne heute für ein Mann war. Und er wusste, dass er den Kindern ein guter Vater sein würde.
Der beste, sofern er das beurteilen konnte.
Nachdenklich blickte der Jüngere zu dem Wildling auf und versuchte abzuschätzen ob Clarence für jene Sicht der Dinge empfänglich war.
Erfahrungsgemäß war der Hüne mit sich immer härter als zu allen anderen - und vermutlich lag es einfach an der Situation und an all den Dingen die geschehen waren, dass er aktuell mehr als nur skeptisch war. Er hatte Angst. Und vielleicht war die Angst sogar legitim.
Bei Gott, sogar Matthew war aufgeregt wie das Treffen verlaufen würde, dabei würde er die Mädchen gar nicht heute treffen soweit er wusste.
„Hmmm…ich weiß nicht. Ich weiß nicht was du ihnen für ein Vater gewesen bist damals. Aber ich weiß, dass du ihnen jetzt ein guter Vater sein wirst. Einer, der auf sie aufpassen und sie behüten wird. Einer, der nie die Hand gegen sie erheben wird. Du hast nie aufgehört sie zu lieben, so viel weiß ich. Und ich weiß, dass sich jeder, der von dir geliebt wird, glücklich schätzen kann.“ - in diesem Punkt bestand kein Zweifel. Ohne Clarence wäre er irgendwo an den Grenzen zum Madmen Forest elendig verblutet und seit jener allerersten Rettung hatte Clarence ihn unzählige weitere Male gerettet. Auf jede nur erdenkliche Weise.
„Du bist der beste Mensch der Welt, Baby. Daran darfst du niemals zweifeln, okay? Und deine Töchter…sie werden das erkennen. Ziemlich schnell sogar. Da bin ich sicher. Harper ist blitzgescheit und Cordelia…sie beobachtet ziemlich genau. Es wird ihnen beiden nicht entgehen zu erkennen, dass sie bei dir zuhause sind.“ Matthew drehte den Kopf ein bisschen und blickte zur Seite - zum Bildschirm der die Dämmerung simulierte. Ein willkommenes Ausweichen von Clarence’ Blick und seinem Hinweis bezüglich seiner Essgewohnheiten.
Der Blick gen Simulation sagte Matthew, sie mussten aufstehen, die Zeit war herangerückt und doch blieb Cassie noch einen Moment lang liegen und sagte nichts.
Clarence‘ Rüge bezüglich seines Gewichts war nicht von der Hand zu weisen. Auch wenn er einen Hang zur Dramatik hatte wann immer es um ihn ging.
Wegwehen würde ihn so schnell kein Wind.
„Ich esse schon… keine Sorge. Es ist nur… ich habe einfach keinen Hunger hier drin. Alles schmeckt fad und… der Bunker hier drückt mir auf den Magen.“ - das war zwar die Wahrheit, aber nur die halbe. Sie wussten beide, dass weder der ungewürzte Geschmack noch die Umgebung die alleinigen Gründe für seinen Mangel an Appetit waren, doch wie Clarence versprochen hatte, hatten sie das Thema Übergriff ruhen lassen. Sie sprachen nicht über das was passiert war, hatten das Geschehen kein einziges Mal mehr auch nur am Rande erwähnt. Clarence beobachtete zwar mit Argusaugen wie Matthew sich quälte, versuchte aber nicht ihn zu Antworten bezüglich der Täter zu nötigen.
Das war gut so und doch machte es den Elefanten im Raum dadurch nicht kleiner.
„Wir sollten aufstehen. Heute ist nicht der Tag um zu spät zu kommen. Ich geh zuerst duschen, beeile mich aber und dann kannst du, okay?“ - hätten sie hier zusammen geduscht, wenn Matthew der Besuch des Colonels erspart geblieben wäre? Vielleicht ja, vielleicht nein. Dieser Ort war - so oder so - kein Ort für Zweisamkeit. Aber vielleicht hätten sie es dennoch getan… So jedoch war es keine Option. Ebensowenig wie Küsse, neckische Berührungen oder auch nur amouröse Gedanken. Die Dinge lagen, obgleich nicht beabsichtigt durch sie beide, seit dem Übergriff anders zwischen ihnen.
Cassie richtete sich umständlich neben Clarence auf und schälte sich aus dem Bett. Noch zeigte der Bildschirm das Dämmerungsprogramm - aber das würde nur noch ein paar wenige Minuten so sein. Wortlos schnappte sich Matthew eine frische Uniform - alle sahen sie komplett identisch aus - und verschwand im Nebenraum, der ein kleines Badezimmer darstellte. Dort duschte er, wusch sich und schlüpfte anschließend umständlich in den Overall.
Als er mit allem fertig war machte er das Badezimmer für Clarence frei und als dieser auch soweit war dauerte es keine zehn Minuten mehr, bis man ihnen das Frühstück brachte und sie über den weiteren Tagesablauf informierte. Nach dem Besuch der Krankenstation stand ein Gespräch mit einem gewissen General Gleeson an. Auf die Frage hin ob dieser Mann der Anführer des Bunkers war, fing sich Matthew einen Blick ein, der zu fragen schien ob er ihn verarschen wollte.
„General Gleeson leitet die Station und trägt die Verantwortung für das Projekt.“ - antwortete der Mann spröde, ließ sich aber nicht zu weiteren Auskünften herab sondern erinnerte Clarence und Matthew stattdessen daran, besser in 30 Minuten mit allem fertig zu sein.
Denn der General, das ließ er sie noch wissen, wartete definitiv nicht gern. Und in diesem Punkt hatten sie alle etwas gemeinsam. Heute war kein Tag an dem es leicht war, sich in Geduld zu üben.
Mittlerweile hatte sich Clarence nicht nur an das seltsam flaue Gefühl in seinem Magen, sondern auch an die erdrückende Enge gewöhnt, wann immer sie im sogenannten Fahrstuhl standen. Was am Anfang noch erschienen war wie eine magische Kammer, in die man eintrat nur um einen Knopfdruck und wenige Sekunden später an einem völlig anderen Ort zu sein, hatte sich als technisches Frachtwerk entpuppt, das einen senkrecht zwischen verschiedenen Stockwerken hindurch manövrierte.
SEKTOR VIER war heute ihr Ziel, für das man FREIGABEKLASSE ZWEI benötigte. Mittlerweile kannte er die verschiedenen Stockwerke dieses Bunkers auswendig, doch so tief wie heute waren sie noch nie gewesen und auch ihre uniformierten Weggefährten waren andere als jene, die sie sonst bis zur Krankenstation und zurück brachten. Jedenfalls an ihren Emblemen erkannte Clarence keinen Unterschied zwischen ihren Artgenossen und den heutigen Kameraden. Aber was wusste der Blonde auch schon von den hiesigen Gepflogenheiten, außer, dass man Dispute mit Gewalt und Medikamenten löste statt mit netter Worte?
Mit eben jenem stoischen Gesichtsausdruck, der Clarence typischerweise zu Eigen war wann immer er wusste eine gewisse Situation über sich ergehen lassen zu müssen anstatt ihr erfolgreich zu entkommen, blickte der Jäger kurz zu seinem Mann neben sich. Laut der Krankenstation und ihren gewöhnungsbedürftigen Bildern von Knochen, Organen und Blut - wobei die Blutbilder eigentlich nur Buchstaben und Zahlen waren anstelle tatsächlicher Bilder - war mit Matthew alles in Ordnung. Einmal mehr bewies das dem Älteren, dass die Menschen hier von Medizin nur so viel Ahnung hatten wie es benötigte, um ihre Leute wieder funktionstüchtig und auf die Beine zu bringen. Wie es in den Menschen aussah, interessierte hier herzlich wenig und zumindest Claire konnte seinem Mann nicht attestieren, dass mit ihm vollumfänglich alles in Ordnung wäre.
Sein angepasster Overall saß perfekt und faltenfrei und doch hätte Matthew vielleicht etwas weniger verkniffen aus der Wäsche geschaut, hätte er es endlich zugelassen, dass Clarence ihm bei irgendwas half. Aber weniger bei der Dusche, noch beim Quälen in den Einteiler durfte er seinem Mann helfen, seitdem sie ein gemeinsames Quartier bezogen hatten. Er wusste, dass Cassie die Hilfe nicht deshalb verweigerte weil er seinem Bären nicht vertraute oder ihm seine Nähe zu viel war, sondern weil er einfach ein dickköpfiger, eigensinniger Torfkopf war, der sich nicht eingestehen konnte, dass ihm Dinge schwer fielen, wenn er verletzt war. In gewissem Maße konnte Clarence diese Engstirnigkeit sogar nachvollziehen, immerhin hätte er selbst bestimmt auch nicht anders reagiert. Doch es gab einen Unterschied darin sich unnötig zu quälen oder seine Energien Ressourcen sparend einzuteilen und sich dafür ein wenig unter die Arme greifen zu lassen.
Bevor er sich weiter über die Uneinsichtigkeit seines eigenen Mannes ärgern konnte, öffneten sich bereits wieder die lautlosen Fahrstuhltüren - doch dieses Mal blieb das flaue Gefühl in seinem Magen. Der Gang, der sich dahinter erschloss, war… anders als die Stockwerke, die sie bislang gesehen hatten.
Endlose Weiten aus Glas, gehalten von dunklen Fassungen und umschlossen von gedimmtem Licht, ergossen sich vor ihnen und Clarence fühlte sich regelrecht verschluckt von der bedrückenden Farbgebung, die ganz und gar nichts beruhigendes mehr an sich hatte. Hinter Glas ruhten meterhohe dunkle Säulen, die ein dumpfes Surren auf ihre Umgebung ab- und einem das dunkle Gefühl gaben, die durchsichtigen Wände mussten sicher vibrieren, wenn man auch nur einen Finger daran auflegte - doch er wagte es nicht einen solchen Versuch zu begehen, da ihm das außer einer Anfuhr durch die Wachen nichts bringen würde.
Kleine Lichter, vorwiegend weißgelb und grün, waren quer über die hohen Säulen gesprenkelt und nur mal hier, mal dort von einzelnen roten Flecken durchbrochen.
„Platine 34 hat‘s vorgestern durchgebrannt. Seitdem machen uns einige Programme Probleme“, hörte er die eine Wache hinter ihnen zur anderen flüstern, woraufhin der andere ein verwundertes „Weißt Gleeson schon davon?“ von sich gab. „Nein, die IT versucht die Komplikationen vor ihm zu vertuschen in der Hoffnung, sie bekommen das Motherboard ausgetauscht, bevor er etwas mitkriegt. Aber die Timeslots setzten seitdem völlig verzögert ein dank der reduzierten Prozessorleistung.“
Aufmerksam versuchte Clarence dem zu folgen, was für ihn absoluter Nonsens war, während er sich die hohen Säulen betrachtete. Je länger er in die Dunkelheit hinter der Glasfronten stierte, erkannte er dunkle Kabel, Metall und einzelne Platten zwischen den einzelnen Lichtern. ‚Technik, Elektrizität und noch mehr Technik‘, fasste er gedanklich zusammen, was das einzige war, das er aus ihren Worten heraushören konnte. Noch immer fragte er sich, wie um alles in der Welt die Leute hier diesen Kasten aufrecht erhielten, während Coral Valley es gerade so hinbekam vierundzwanzig Stunden am Tag ihre Stromversorgung für die Viertel der Reichen aufrecht zu erhalten. Wie konnte das alles sein? Mitten bei ihnen in den Bergen, unbemerkt von allen und jedem um diese Anlage herum?
Bedrohlich hallten ihre eigenen Schritte in dem hohen Gang nach, der sich am Ende des Flurs nach links und rechts teilte. Doch anstatt ihrem führenden Wachmann zu folgen, hielten ihn seine Füße vor der Glasfront fest, die freien Blick in den Raum dahinter erlaubte - und der ihn gleichzeitig an die Theater der großen Metropolen erinnerte, wie auch gleichzeitig an überhaupt nichts vergleichbares, das er je in seinem Leben gesehen hatte.
„Was… ist das für ein Raum?“, wollte der Blonde wissen, auch wenn er wusste, dass man ihm darauf keine brauchbare Antwort geben würde. In halbkreisförmig angeordneten Reihen ergossen sich vor ihnen Sitze einen Saal hinab, der in einer riesigen schwarzen Platte endete, auf der eine Art Logo zu erkennen war, das dämmrig seinen Schein in den Saal zurück warf:
Aus seiner bisherigen Erfahrung hier ahnte er schon, dass auch die Platte einer dieser Bildschirme sein musste. Doch in einer derartigen Größe hatte er hier noch nichts Vergleichbares gesehen. Nicht einmal in den Lichtspielhäusern - und Claire wagte trotz all der Sitze hier zu bezweifeln, dass dieser Saal hier dafür gedacht war, um gemeinsam alte Filme anzusehen.
Stattdessen war auf den halbkreisförmigen Tischen, die sich vor den Sitzen entlang zogen, weitere, kleine Bildschirme eingelassen. Im darauf zu arbeiten, vermutlich - wie auf den Klemmbrettern.
‚Ein Sitzungssaal‘, zählte er schließlich eins und eins zusammen. Doch… So viele Plätze? Für wie viele Menschen hatte man diesen Saal einst gebaut?
Obwohl er unbenutzt und verlassen wirkte, konnte Clarence kein einziges Staubkorn auf den oberen Reihen entdecken. Ob dieser General Gleeson hier zu seinen Leuten sprach? Aber so vielen…?
„Los, weiter. Hier lang.“
„Schon gut, schon gut. Kein Grund wieder so grob zu werden“, nahm Clarence zum Zeichen seiner Kooperationsbereitschaft die Hände gut sehbar hoch, während er unsanft am Oberarm dem anführenden Soldaten hinterher geschubst wurde, welcher bereits weiter unten am Gang ihre Ankunft ankündigte - wohlvertraut in eine Einlassung in der Wand sprechend, wie man es hier bereits kannte.
Still und wenig interessiert ließ Matthew die Untersuchungen auf der Krankenstation über sich ergehen. Jene Station kannte er besser als alle anderen und selbst das Personal schien sich bereits an ihn gewöhnt zu haben.
Erfreulicherweise hatten sich seine gebrochenen Rippen nicht verschoben, seine zertrümmerte Hand samt Finger war frisch verbunden worden, sein Blutbild unauffällig.
Zufriedenstellend hatte ein Arzt seinen Zustand betitelt alles in Ordnung hatte ein anderer attestiert und Matthew hatte auch das mit stoischem Gleichmut hingenommen.
Jede Bewegung tat ihm weh, aber er jammerte nicht und beklagte sich nicht, weil er schon von vornherein wusste worauf es hinauslaufen würde, sollte er das tun.
Und die komischen Pillen oder Infusionen würde er ohnehin nicht einnehmen.
Also war alles in Ordnung und damit war das Thema Krankenstation gegessen.
Der nachfolgende Programmpunkt des heutigen Tages war unbestreitbar der wichtigere, denn zum ersten Mal seit ihrer Gefangenschaft würde man sie dem Menschen vorstellen, der hier das Sagen hatte. Dazu führte der Fahrstuhl sie tief hinab unter die Erde, dorthin wo eigentlich keinerlei Tageslicht mehr hätte herrschen dürfen und wo nichts lebte. Und als sich die Tür der kleinen, fahrenden Kammer erstmals öffnete, da schien es zunächst auch bedrohlich dunkel. Der Gang der sich vor ihnen erstreckte war zwar beleuchtet, doch die semitransparenten Scheiben links und rechts waren es nicht. Die Räume dahinter lagen in Dunkelheit da, Lichter glommen auf schwarzen Blöcken, einige blinkten - die meisten jedoch leuchteten durchgängig.
Jene dunklen Räume mit den schwarzen Monolithen und ihren blassen Lichtern, wirkten vollkommen fremdartig und darum umso bedrohlicher. Es war Technik der Alten.
Ohne jeden Zweifel, Teufelszeug wie man an der Oberfläche sagen würde und schnell das Zeichen des Bösen Blicks machte, um sich zu schützen.
Matthew versuchte zu ergründen was er sah, versuchte den Worten der Wärter zu folgen … Aber letztlich ergab nichts von dem Gerede einen Sinn. Die einzige Quintessenz derer er sich gewiss war lautete: irgendetwas war defekt.
Unter anderen Umständen hätte Matthew versucht, sich die Nase an den Scheiben platt zu drücken in dem Versuch besser sehen und besser verstehen zu können. Doch unter der gegebenen Situation hielt sich das Interesse des jungen Mannes in Grenzen. Sie waren hier nicht in einer verlassenen Metropole auf Erkundungstour - sie waren Gefangene.
Clarence lief ein paar Schritte vor ihm und blieb schließlich unvermittelt vor einer der Glasfronten stehen und blickte in den Raum dahinter - der Grund dafür wurde Matthew klar, als er die Ausmaße des Raumes selbst sah.
Wie in einem Lichtspielhaus waren Reihen von Plätzen angerichtet die trichterartig nach unten liefen. Ihnen gegenüber war eine Wand mit einem Emblem und einer Botschaft. Diese Wand, vermutlich ein Bildschirm, war so gewaltig, dass es Matthew den Atem verschlug und er ebenso innehielt wie sein Mann.
Fasziniert musterte er das Emblem, das wie Silber schimmerte, den Schriftzug - gestochen scharf und all die unzähligen kleinen Computer auf den Plätzen davor.
„Ein Besprechungsraum? Scheiße, ist der riesig.“, kommentierte er staunend und wurde kurz darauf weiter nach vorne geschubst.
„Ist keine Vergnügungstour hier. Los, geh weiter.“
„Fass mich nicht an, Arschloch.“, giftete Matthew über seine Schulter zurück und der Mann der ihn eben noch geschubst hatte starrte ihn finster an, ohne etwas zu erwidern.
Sehr viel weiter mussten sie auch gar nicht, denn schon wenige Meter weiter vorne hielten sie schließlich vor einer unscheinbar wirkenden Tür. Sie sah auf den ersten Blick nicht viel anders aus als all die Türen zuvor - lediglich das Emblem - welches sie in dem großen Saal gesehen hatten- war filigran in der Tür eingelassen.
Ihr Kommen war bereits angekündigt gewesen und somit die Freigabe der Tür bereits erteilt. Sie öffnete sich und offenbarte dahinter einen kurzen Flur, ein Regal mit echten Büchern statt elektronischer Klemmbretter. Zwei große Pflanzen in Kübeln standen unter Leuchten die gelbweißes Licht ausstrahlten. Sie flankierten eine große Fensterreihe, die teilweise von Lamellen verdeckt war und nur sporadisch den Blick auf den Raum dahinter freigaben. Wortlos führte man sie den Flur hinab und letztlich zu einer weiteren Tür vor der man neuerlich stehenblieb.
Einen Moment lang ließ man sie warten, dann glitt auch hier die Barriere zur Seite und sie blickten in ein Zimmer das von einem gewaltigen Schreibtisch dominiert wurde, dahinter weitere Regale mit echten Büchern und eine Fahne der alten USA. Ein großer Globus stand beinahe mittig im Raum, ein schweres und massives Stück - vermutlich ebenso ein Relikt der Alten. Hinter dem Tisch saß ein völlig unscheinbar wirkender Mann in blauer Uniform mit unzähligen Orden.
„General Gleeson, Sir!“ - die Männer salutierten, der Mann tippte sich kurz an die Stirn und ließ die Wärter wegtreten.
Seine Augen hatten einen scharfen Blick und selbiger wanderte nun zwischen Clarence und Matthew hin und her.
„Setzen Sie sich, Gentlemen.“, er wies auf die Stühle in der Nähe vor seinem Tisch und wartete. Matthew reagierte zuerst in dem er sich langsam in Bewegung setzte. Interessiert blickte er sich bei jedem Schritt in dem Zimmer um, in dem es zweifellos nur so vor spannendem Zeug wimmelte.
Erneut wies Gleeson auf die Stühle.
Matthew schätzte ihn auf jenseits der fünfzig Jahre, was an seinem grau melierten Haar und seiner etwas stämmigen Statur liegen mochte, die sich viele Männer im Alter zulegten.
‚Seine Mahlzeiten werden wohl nicht rationiert.‘ dachte er vollkommen deplatziert und setzte sich schließlich.
„Sie sind Matthew.“, stellte der General fest und Cassie nickte.
„Für den Übergriff des Colonels und des Captains bitte ich aufrichtig um Entschuldigung. Zu keinem Zeitpunkt waren er oder seine Männer dazu angehalten Sie zu schikanieren. Mir wurde zugetragen… Es ging um einen persönlichen Konflikt. Sie haben den Mord an Davis beobachtet. Ist das richtig?“ Matthew, der mit allem aber nicht mit einer derart offenen Ansprache gerechnet hatte, blickte flüchtig und unbehaglich zu Clarence hinüber, der nun unfreiwillig und ohne zutun erfahren hatte wer sich ihm gegen seinen Willen aufgedrängt hatte. Cassie schluckte und widerstand dem Drang nervös auf dem Stuhl hin und her zu rutschen.
„Wir haben gesehen wie er einen seiner Männer aus Wut erschossen hat, ja. Ich sagte ihm, dass ich das erzählen würde, wenn er uns nicht hilft hier rauszukommen.“ erwiderte Matt schließlich wahrheitsgetreu.
„Zusammen mit den Kindern von…“ - Gleesons Blick wanderte zu Clarence, der unlängst neben Matthew platz genommen hatte. „…Ihnen, Clarence Sky. Soweit korrekt?“
„Korrekt.“, bestätigte Matthew unumwunden.
Er hatte geglaubt den Glatzkopf erpressen zu können, für die Mädchen und sie eine Flucht organisieren zu können… Aber das war ein Irrtum gewesen und er hatte selbigen teuer bezahlt.
„Nun, die Verbrechen von Colonel Irwin und Captain Hodges werden geahndet, wir stehen hier für andere Werte als das, was vorgefallen ist. Sie können versichert sein, dass alle uns zur Verfügung stehende Strenge walten wird. Was Ihnen zugemutet wurde, ein Übergriff dieser Art wird nicht geduldet - auch Mord an eigenen Kameraden nicht.“ - er räusperte sich.
„Doch deswegen sind Sie heute nicht hier, Gentlemen.
Viel mehr geht es um Harper und Cordelia Sky, die Kinder von Ihnen.“ - er nickte gen Clarence und lehnte sich schließlich in seinem opulenten Sessel zurück, die Hände locker auf dem Bauch gefaltet. Seine blass grünen Augen musterten Clarence eindringlich und es schien, als müsse er erst abwägen wie es weiterging.
„Der Schutz dieser Kinder hat Priorität. Gleichwohl ist mir bewusst, dass es nicht rechtens wäre, sie länger von ihrem Vater getrennt zu halten.“
‚Dir sind die Mädchen völlig egal.‘ dachte Cassiel still, der den General musterte. ‚Hast dir wahrscheinlich jedes Wort vorher gut zurechtgelegt. Aber am Ende ist dein Mitgefühl nur eine Simulation, wie die wechselnden Bilder an den Wänden.‘
„Daher muss sichergestellt sein, dass Sie den Kindern nicht schaden. Weder durch Ihr Erscheinen, noch durch gezielte Taten. Sollte einer von Ihnen versuchen die Kinder durch Anwendung von Gewalt aus dieser Anlage zu entfernen, werden wir gezwungen sein, dies zu verhindern. Die Konsequenzen dieses Handelns würden allein Sie tragen. Ist Ihnen das bewusst?“
„Mit Verlaub,…“ erhob Matthew die Stimme und fügte nachgelagert noch ein „…Sir.“ an als Gleeson ihn ansah.
„Diese Mädchen sind der Grund weshalb wir überhaupt hier sind. Es geht…von unserer Seite keine Gefahr für sie aus.“
„Vertrauen ist gut, aber Kontrolle ist besser. Sie werden Verständnis dafür haben, dass das Treffen unter Aufsicht und nur zwischen Ihnen und Ihren Kindern stattfindet. Eine für die Kinder bekannte Bezugsperson wird mit anwesend sein.“
Matthew musste sich auf die Zunge beißen um nicht ausfällig zu werden. Sie hatten sich die Videos angesehen… allesamt und immer wieder. Aber eine Bezugsperson war darauf nie aufgetaucht. Nur gelangweiltes Personal.
Das, was sich in den tiefsten Tiefen dieses Bunkers offenbarte, war weit mehr als sich Clarence hätte ausmalen können. Jeder neue Raum, jede neue Etage hielt Geheimnisse bereit, die nichts gemein hatten mit den Geisterstädten der Alten - und die doch eben jene zur Grundlage hatten, zweifelsohne.
Anfangs noch hatte er gedacht, sie wären hier unten hunderte Jahre in die Zukunft befördert worden. In eine Zeit weit jenseits von Prism Shore und seinen Eiferern wie Avanzamento oder Poison Ivy. Aber jene Technik, die man sich heute noch von den Alten bewahrt hatte, war nur ein Bruchteil dessen, was einst gewesen war - und es würde vielleicht, angesichts ihrer geringen Population, weit mehr als nur eine Handvoll Jahrhunderte dauern, um jenen Punkt von damals wieder zu erreichen.
Das, in was sie hier unten geraten waren, war nicht die Zukunft… es war die Vergangenheit - im Hier und Jetzt. Mit Menschen, die das rustikale Leben an der Erdoberfläche größtenteils noch nie gesehen hatten und Leute wie Matthew und ihn für primitiv hielten, obwohl eigentlich die Gesellschaft hier unten sich kaum weiterentwickelt hatte seit dem großen Aussterben der Menschheit. Der Sitzungssaal, der riesige Tunnel, in dem irgendwo der Zugang zu diesem Bunker hier lauern musste: All jene architektonischen Riesen würden nie wieder mit der Masse an Menschen gefüllt werden können, wie sie damals zweifellos existiert hatte und Clarence war sich sicher, dass es hier unten auch nicht annähernd so viele Menschen gab. Denn eine Parallelgesellschaft musste auch genährt werden. Sie brauchte Nahrung und Ressourcen und die fand man nicht alle mal eben so in einem Bunker - die fand man vielleicht in New Alexandria. Aber dann reichte sie auch nur gerade so für alle, wenn man sie rationierte.
All diese und mehr Gedanken gingen Clarence durch den Kopf, während er den riesigen Globus in der Mitte des Büros musterte und sein Blick dabei auf der Mitte von Nordamerika haften geblieben war. Ob er vor diesem General zu salutieren hatte oder nicht, interessierte ihn herzlich wenig. Der Kerl da war nicht sein Vorgesetzter und doch löste auch Claire sich schließlich von der kugelförmigen Landkarte um Platz zu nehmen, als Gleeson ein weiteres Mal auf die Stühle vor seinem Schreibtisch deutete.
Unangenehm knarzte das dunkelgrün gefärbte Leder unter seinem Hintern und wenngleich die Polsterung eigentlich recht bequem war, fühlte sich der Blonde unheimlich unwohl. Ein wenig fühlte er sich an Jeynes Salon erinnert, wo er mit Matthew gesessen und furchtbar verletzenden Unsinn geredet hatte, während sein damaliger Verlobter vor der Tür gewesen war. Dass unheimlich einflussreiche Leute aber auch immer die gefühlt gleichen Lederpolster für ihre Gäste parat hielten, gefiel ihm überhaupt nicht.
Abschätzig musterte Clarence ihren Gegenüber, der unumwunden von Dingen wie Übergriffen sprach, als ginge es um ein Kavaliersdelikt.
„Mit Schikane hat das wohl kaum was zu tun…“, murmelte er leise, fast unverständlich, noch während der General sprach - doch falls er seine Worte überhaupt vernommen hatte, ließ er sich davon nicht unterbrechen.
‚Ein Colonel und ein Captain also’, Clarence‘ Kiefer spannte sich an während er die Zähne zusammenbiss und sich in seiner ursprünglichen Vermutung bestätigt fand, dass es nicht irgendwelche Fußsoldaten gewesen waren, welche den Übergriff begangen hatten. Ganz unverhohlen blickte er dabei zu Matthew hinüber und musterte seinen Mann, während er aufmerksam den Wortaustausch zwischen Cassie und General Gleeson verfolgte. Zu Beginn machten die Zusammenfassungen des Uniformierten noch wenig Sinn, immerhin wusste Claire weder wer der Colonel war, noch wer dieser Captain sein sollte. Jedoch lüftete der Dunkelhaarige das Geheimnis, welches er seit Tagen versuchte vor Clarence zu verbergen, schließlich selbst.
„Wir haben gesehen wie er einen seiner Männer aus Wut erschossen hat, ja. Ich sagte ihm, dass ich das erzählen würde, wenn er uns nicht hilft hier rauszukommen...“
Verächtlich schnaubte der Jäger, als der Groschen schließlich ziemlich schmerzhaft bei ihm fiel, und löste erstmalig wieder den Blick von Cassie. Schlagartig vergrub er die Finger in den Lehnen seines Sessels um sich in selbigem zu halten und nicht einfach aufzuspringen, während er sich dazu zwang die Regale auf der anderen Seite des Raumes anzustarren und zu schweigen - sich dessen sehr wohl bewusst was es für sie beide bedeuten könnte, würde er ausgerechnet vor jenem General hier ausrasten, der das Sagen über den ganzen Bunker hatte.
Matthew indes plauderte weiter mit Gleeson, sein Talent für hochgestochene Gespräche mit wichtigen Leuten zur Schau stellend, als wäre nichts gewesen. Als wäre es nicht der Rede wert, dass jener irre Glatzkopf es war, der Matthew des Nachts in seinem eigenen Quartier überfallen, ihn halb zu Tode gewürgt und ihn verdammt nochmal vergewaltigt hatte.
Mit einem Schlag und ohne, dass er es wollte, kam bei Clarence all jene Wut und Ungehaltenheit empor, die er vielleicht schon vor drei Tagen im Quartier hätte ausleben sollen. Da waren sie noch alleine gewesen. Da hätte er ihr verfluchtes Zimmer zerlegen können wie er wollte, wenn Cassie ihn nicht davon abgehalten hätte, weil man sie sonst vielleicht wieder getrennt hätte. Stattdessen saß er nun vor dem Leiter dieser Dreckshölle hier. Biss sich mit einer Gewalt auf die Innenseite seiner Wangen, dass es ihn nicht gewundert hätte wenn er gleich mit dem ersten Wort Blut spukte und presste sich mit einer Hand sein Knie zurück auf den Boden, das vor Nervosität angefangen hatte zu wippen.
„Der Schutz dieser Kinder hat Priorität. Gleichwohl ist mir bewusst, dass es nicht rechtens wäre, sie länger von ihrem Vater getrennt zu halten.“
‚Colonel Glatzkopf Irwin also und sein dämlicher Handlanger Captain Todgeweiht Hodges‘, irrten ihm die beiden Namen durch den Kopf und brannten sich auf eine Weise vor seinem inneren Auge ein, dass er sie von diesem Moment an nie wieder vergessen würde. Irwin und Hodges.
Irwin.
Hodges.
Und trotzdem musste er sich zusammenreißen, denn Gleesons Augen ruhten nun auf ihm während er davon redete, dass sie keine Gefahr für seine Kinder darstellen durften.
„Zweifelsohne stelle ich für meine Kinder keine Gefahr dar. Das kann ich Ihnen versichern.“ - Die einzige Gefahr, die hier unten lauerte, waren all diese Leute selbst.
„Sie werden verstehen, dass uns das keine Sicherheit gibt. Eltern neigen stets zu unvorhersehbaren Reaktionen. Besonders unter solchen Umständen“, nachdenklich legte der General die Fingerkuppen seiner beiden Hände aneinander und Claire musste sich augenblicklich fragen, wie viele Leute ihm hier schon gegenüber gesessen hatten.
„Ach ja? Wie haben denn die anderen Eltern reagiert, denen Sie ihre verstorbene Kinder lebendig unter die Nase gehalten haben?“
„Sehen Sie, Mister Sky, es ist so - Sie können es dankbar annehmen, dass Ihnen diese einzigartige Chance hier widerfährt und Sie Teil dieses Projekts sein dürfen. Aber Sie sind als Vater keine grundlegende Voraussetzung dafür. Überspannen Sie den Bogen nicht an Stellen, die Ihnen nicht gut bekommen.“
„Das heißt…? Wir bekommen keine Informationen und keine Antworten darauf, was hier passiert - und Fragen dürfen wir auch keine stellen?“, so gut er die vergangenen Wochen hier auch ausgesessen hatte, langsam fühlte er sich, als verlöre er doch noch die Nerven. Colonel Irwin, seine wiederauferstandenen Kinder… und sie hatten noch immer keine Antwort darauf, wieso oder weshalb all das hier geschah.
„Gut. Sie… lassen mich die beiden sehen. Aber was kommt danach? Was sind die Pläne für den künftigen Verlauf? Sie werden uns doch nicht ewig hier unten festhalten, ich meine…“, hilflos machte er eine Geste zwischen sich und Matthew, immerhin hatten sie mit keinem Wort von jemandem gehört, wie es weitergehen sollte. Ließ man sie laufen - ohne die Mädchen? Wollte man Clarence hier unten festhalten während man Cassie wieder rauswarf, wie einen alten Schuh das von einem Krokodil empor gewürgt wurde, nachdem es den restlichen Besitzer mit Haut und Haar verschluckt hatte?
„Der künftige Verlauf sieht vor, dass wir die emotionale Entwicklung sowie das Erinnerungsvermögen anhand des Treffens mit Ihnen auswerten und beurteilen. Es wird uns weitere Daten dazu liefern, inwiefern die Rekonstruktion ihrer Töchter erfolgreich verlaufen ist. Das erschließt sich anhand der Krankenakten, für die ich Ihnen Zugriff angeordnet habe. Das ist erfolgt. Oder irre ich?“
„Doch, ich…“ - doch der General ließ ihn kaum zu Wort kommen:
„Mister Sky, das Projekt lässt keinen Raum für Diskussionen. Des Weiteren bin ich nicht gewillt Sie in Informationen einzuweihen, die für Sie in Ihrer Rolle als Teilnehmer irrelevant sind.“
‚Ihre Rolle als Teilnehmer‘, ging es Clarence durch den Kopf - und alleine die Art wie Gleeson es sagte gab ihm eben jenes flaue Gefühl im Magen zurück, wie er es bereits aus dem Aufzug kannte. Sie waren keine Gefangenen. Sie beide, Cassie und er, waren nichts weiter als weitere Versuchskaninchen in einem Experiment, das sie nicht verstanden.
Lautlos schluckte Clarence, als er sich wieder in seinem Sessel zurücksinken ließ und den General für einen Moment still betrachtete. Gefangene, die man nicht umbringen wollte, versorgte man. Aber Versuchskaninchen sortierte man aus, sobald sie ihren Sinn und Zweck erfüllt hatten.
Mit dem Blick eines strengen Vaters, der versuchte seinem Zögling anzusehen ob er verstanden hatte, musterte Gleeson ihn. Claire kannte diesen Blick noch von seinem Großvater und wann immer er Rebellion gezeigt hatte, hatte er die Konsequenzen dafür zu spüren bekommen.
„Irwin und Hodges…“, griff er deshalb das vorherige Thema wieder auf, einerseits um den Gedanken daran loszuwerden der in ihm aufgekommen war, andererseits, weil er dieses Thema nicht einfach auf sich beruhen lassen konnte. „Sie haben gesagt, dass Sie alle zur Verfügung stehende Strenge walten lassen werden. Was bedeutet das im Detail? - Falls das eine Information ist, in die Sie uns einweihen dürfen, Sir.“
Was der General hier so dahinsagte, ließ in Matthew ein beinahe unerträgliches Unbehagen aufkommen.
Nicht nur weil es beschämend war über jene Männer zu reden, sondern weil er wusste wie kurz Clarence davor stand ein Risiko für die verfickte Sicherheit zu werden.
Hodges und Irwine waren jetzt nicht mehr nur namenlose Gestalten deren Gesichter blass und farblos waren, Geister ohne Mimik. Sie waren zu Menschen geworden die Clarence bereits kannte und die er erkennen würde, lief er ihnen über den Weg.
Und gerade jetzt, in jenem absurden Büro, da hoffte Matthew inständig, dass Clarence sich nun auf seine Kinder konzentrierte und nicht auf jene Namen.
Und für einen Moment schien es ganz so als sei es an dem. Der General machte deutlich welche Rolle sie hier einnahmen. Sie waren Teilnehmer - wie an einem Sportwettkampf oder besser noch bei einem seltenen Buchstabierwettbewerb unter adeligen Zöglingen. Man hatte Verwendung für sie - aber sie waren nicht unerlässlich. In dem Punkt machte der General keine Umschweife es deutlich zu machen.
Eigentlich war diese Unterhaltung von allen bisher geführten Dialogen hier unten die absurdeste. Sie saßen General Gleeson gegenüber, in seinem Büro von wo aus er alle Entscheidungen traf. Wohl temperiert, alle Annehmlichkeiten in Reichweite. Und dieser Mann, der alle Antworten hatte… sagte ihnen im Grunde nichts. Das war lächerlich und es war reine Zeitverschwendung. Trotzdem blieb Matthew augenscheinlich ruhig, trug das Geplänkel mit Fassung und ließ sich nicht zu einem emotionalen Ausbruch hinreißen.
Nicht hier. Nicht heute. Heute ging es um Harper und Cordelia und um Clarence.
Clarence, der…das Thema zurück auf Irwine und den verfluchten Hodges zurücklenkte. Matthew drehte ihm den Kopf zu und starrte den Blonden mit einer fassungslosen Miene an, die klar besagte er solle bloß seine Klappe halten.
Denn bei allem was heute auf dem Spiel stand, war das was Matthew passiert war lediglich ein Kollateralschaden.
Nichts, was man ihm nicht schon angetan hätte. Nichts, neues also. Alles bestens. Alles gut.
Gleeson, der den Themenwechsel offensichtlich ebenso nicht hatte kommen sehen, neigte den Kopf etwas und schwieg. Er wog ab inwieweit er gewillt war darüber Auskunft zu geben was Clarence ihn fragte. Immerhin, das wusste er aus den Akten der beiden Männer, waren selbige verheiratet und dementsprechend emotional eng miteinander verbunden.
Und auch wenn der Blonde überwiegend durchaus kooperativ gewesen war, so war er das anfangs nicht gewesen.
Kein bisschen sogar.
„Nun, ich nehme an, es steht Ihnen zu, diese Frage zu stellen.“ Matthew wandte den Blick von Clarence ab und fixierte den Mann hinter dem Schreibtisch. Selbiger lehnte sich nach vorne, zog aus einem Stapel Papiere eine dünne Mappe hervor und studierte selbige - scheinbar intensiv- obgleich Cassie davon ausging, er wusste was darin stand und wollte lediglich etwas Zeit schinden.
„Colonel Irwine wird versetzt. Er wechselt die Einheit und ist bis auf unbestimmte Zeit nicht mehr für den Außeneinsatz vorgesehen. Er wird erst nachweisen müssen, dass er für derartiges geeignet ist. Captain Hodges hingegen…“ - er schwieg kurz und stockte.
Matthew, der gar nicht fassen konnte was er da hörte, biss die Zähne fest aufeinander und hatte die gesunde Hand zu einer Faust geballt. Ihm war heiß und schlecht geworden und er fühlte sich derart vor den Kopf gestoßen, dass er gar nicht begreifen konnte, wie eine derartige "Strafe" erlassen worden war. Schließlich fuhr Gleeson fort, wobei ihm die nachfolgenden Worte selbst ein wenig unangenehm zu sein schienen.
„…er hat eine Abmahnung und einen Eintrag in seine Personalakte bekommen. Verbleibt jedoch bei seiner Einheit.“
Der General hob den Blick von der Akte und blickte nacheinander in die fassungslosen Gesichter von Clarence und Matthew, wobei Letzterer den Blick nach unten gerichtet hielt und mit der gesunden Hand am Leder der Sessellehne kratzte.
„Das ist nichts. Das ist sogar…weniger als nichts.“, fasste Cassie bemüht beherrscht zusammen, ehe er den Blick hob und den General so finster anfunkelte, dass dieser wohl auf der Stelle tot umgefallen wäre, hätten Blicke töten können.
„Ich verstehe, wenn Sie dieser Auffassung sind.“
Matthew schnaubte verächtlich, sah wieder zur Seite und leckte sich über die Lippen. Diese Farce war kaum erträglich und der einzige Grund warum er sich nicht gehen ließ war die Tatsache, dass zu viel auf dem Spiel stand.
„Er wurde…versetzt. Wollen Sie mich eigentlich verarschen?“
„Der Colonel hat von seinem Recht zur Aussage Gebrauch gemacht und Hodges konnte seine Aussagen bestätigen. Demnach…“ - er machte eine vage Handbewegung die besagte, dass sie hatten abwägen müssen.
„Okay, okay…beenden wir das jetzt.“, Matthew sah angespannt zur Seite, weg von Clarence und erst recht weg vom General. Er wollte ums Verrecken nicht weiter über diese Sache debattieren.
„Alle zur Verfügung stehende Strenge… das ich nicht lache.“- er fuhr sich durch das Haar, eine nervöse Geste während er mit dem Knie wippte. Es fiel ihm schwer sich zusammenzureißen und doch… „Egal. Egal. Abgehakt.“, ließ er schließlich verlauten und versuchte das Thema damit ein für allemal zu beenden. Er fühlte sich gerade in doppelter Hinsicht erniedrigt aber Gleeson schien das entweder nicht zu kümmern oder er konnte das gar nicht erst verstehen.
Wahrscheinlich letzteres. Ihm war dergleichen sicher nie passiert also egal.
„Es haben sich während der Befragung Zweifel ergeben, denen wir Rechnung getragen haben. Das mussten wir. Diese Basis fußt auf Ehre, Gewissenhaftigkeit und Stolz. Diese Werte gilt es zu verteidigen. Seien Sie außerdem sicher, dass die Versetzung durchaus als disziplinarische Maßnahme ihre Wirkung hat.“ - „Ich kotz gleich.“ Der General sah den dunkelhaarigen jungen Mann daraufhin lange an, entschied sich aber letztlich, nichts dazu zu sagen.
Nicht etwa weil er es gewöhnt war, dass man so mit ihm sprach, sondern weil die Umstände durchaus besondere waren. Es war eine Tatsache, dass die Kameras den Übergriff nicht aufgezeichnet hatten und das die Aussagen des Colonels und des Captains übereinstimmten. Sowohl was den vermeintlichen - aber nicht bestätigten Übergriff anging- als auch das Geschehen rund um Davis.
Entsprechend lehnte er sich wieder in seinem Stuhl zurück und harrte mit stoischer Ruhe der weiteren Dinge.
Gleeson eine derartige Frage zu stellen bedeutete auch, seinen eigenen Ehmann hier und jetzt mit Dingen zu konfrontieren, die nur einer von ihnen beiden hören wollte. Aber Clarence wollte Antworten und bis zu einem gewissen Grad konnte er deshalb keine Rücksicht auf den Dunkelhaarigen nehmen, ganz gleich was das für sie beide bedeutete, wenn sie die hochehrwürdigen Räumlichkeiten des Generals verlassen hatten.
‚Wie weist mach nach, dass man für derartiges wieder geeignet ist, mh? Indem man zwei, drei Monate lang seinen Schwanz da lässt, wo er hingehört?‘, dachte Clarence zynisch, doch gab keinen Ton von sich. Er wusste, dass jeder Vorwurf und jede zu kritische Bemerkung ein Schritt zu viel in die falsche Richtung sein konnte und dann nicht nur ihr Gespräch mit dem Chef dieser Bande hier schneller vorbei sein würde als sie schauen konnten.
„Wow, eine Abmahnung. Das muss ja eine verdammt strenge Strafe in ihrem System sein, wenn das die ganze verfügbare Strenge für Hodges ist. Ich staune“, zollte er dem General allen Respekt, den Claire in diesem Augenblick zur Verfügung übrig hatte - und das war nicht viel, wie man merkte.
Mittlerweile hatte er sich nach vorne gelehnt und die Ellenbogen auf den Armlehnen abgestützt, währen seine Hände gefaltet vor ihm ruhten und er Gleeson taxierte. Dieser Kerl war doch nicht ernsthaft so blöd, dass ihm nicht klar war, seine beiden Männer deckten sich gegenseitig. Entweder war er wirklich derart blind - oder es war ihm schlicht und ergreifend egal was sie getan hatten, weil ihm die Fähigkeiten seiner Mitarbeiter wichtiger war als das Schindluder, welches sie damit trieben.
Wie dem auch war - es reichte nicht, weder ihm selbst, noch Matthew. Das war offensichtlich.
„Zweifel hin oder her, Matthews Verletzungen sind sicher nicht von alleine entstanden und so weit ich weiß, sind Ihre Männer weitestgehend unbeschadet geblieben. Wo ist da ihr Sinn für Ehre und Gewissenhaftigkeit? Ich sehe keine Wiedergutmachung in einer Abmahnung und einer Versetzung.“ - Abgesehen davon, dass nichts und niemand das Zurückliegende wieder gut machen konnte.
„Auge um Auge, Zahn um Zahn? Ist es das, was Ihnen vorschwebt?“, fasste Gleeson den Vorwurf des Blonden in seine eigenen Worte und deutete gleichfalls zu selbigem hinüber, um ihm den Ball zurück zu spielen. „Nun, so weit ich weiß, geht diese Passage noch weiter. Hand um Hand, Fuß um Fuß. Wenn ich mich Recht erinnere, haben Sie einem meiner Leute eine… Hand abgetrennt. Wir können gerne an diesem Punkt beginnen, wenn wir anfangen Dinge aufzurollen, für die wir beidseitig Wiedergutmachung fordern.“
„Ich musste irgendwie durch die Türen kommen. Sie werden mir nachsehen, dass mir Ihr Mitarbeiter dafür auf Dauer zu schwer war.“, entgegnete Clarence trocken und erkannte dabei in Gleesons Gesicht nicht nur Vorwurf, sondern auch so etwas wie… Anerkennung ob seiner unkonventionellen Entscheidung in der Abteilung für Desinfektion und Verbrennung. „Diese Zweifel, von denen Sie reden…“
Uneins mit sich selbst brummte der Blonde, während er kurz zu Matthew hinüber sah, ohne dabei seinen Kopf zu ihm zu heben. Er wusste, dass Cassie all das hier nicht hören wollte und würde er mitbekommen welche Unwahrheiten man in diesen Vernehmungen erzählt hatte um ihn als Lügner darzustellen, auch dann wäre ihr Gespräch vorbei noch bevor es richtig begonnen hatte.
„Ich will Zugang zu den Aussagen von Colonel Irwine und Captain Hodges erteilt bekommen“, erhob er schließlich Forderung und blickte wieder zu General Gleeson auf - sich auf die einzige Art und Weise Antworten einfordernd die ihm einfiel, ohne damit seinen Mann mehr als nötig zu belasten. „Ich weiß, dass Sie berechtigt sind mir die Daten freizugeben. Sei sind der oberste Befehlshaber hier, so viel hab ich schon begriffen.“
„Sie begreifen manche Dinge schneller als gut für Sie ist, Mister Sky“, abwägend musterte Gleeson ihn, bevor er knapp nickte. „Ich denke darüber nach. Sollte Ihnen Zugriff gewährt werden, erschient er auf Ihrem Personal Surface. Dort, wo sie auch schon Zugriff zu den Akten ihrer Töchter erhalten haben.“
Sein weit opulenterer Bürostuhl knarzte unter seinem Gewicht, als er sich und sein Wohlstandsbäuchlein nach vorn gen Schreibtisch beförderte, um auf der eingelassenen Platte mit den Fingern eine Notiz in seinen Bildschirm zu tippen.
Einen Moment lang musterte Clarence den Raum hinter dem General - eine mattgraue Fläche, die den halben Raum überspannte und von dem der Jäger nicht zu sagen wusste ob es weitere Bildschirme waren oder eine Fensterfront, die auf seltsame Weise blickdicht gemacht wurde, damit Matthew und er nicht erspähen konnte, was dahinter lag.
„Meine Töchter…“, griff Clarence die Worte des Älteren wieder auf, während sein Blick noch einen Moment am grauen Matt des Wände hing, bevor er ihn wieder zurück für den Befehlshaber senkte. Mittlerweile hatte er begriffen, welche Sprache man hier sprach. Sie war zielorientiert, emotionsfrei - und auf das Wesentliche reduziert. „Was passiert mit ihnen und uns, wenn alle erforderlichen Daten erhoben wurden? Was soll der nächste Schritt sein nach dem heutigen Aufeinandertreffen?“
Anscheinend interessierte sich nicht nur Gleeson nicht dafür, was Matthew wollte - sondern selbes traf auch auf Clarence zu. Clarence, der ohne Not das Thema zurück auf jene Männer gelenkt hatte. Und Clarence, der sich nun anmaßte Akteneinsicht zu fordern.
Akteneinsicht in Bezug auf die Aussagen jener Männer.
Matt schloss die Augen und atmete tief durch in dem Bestreben nicht doch noch die Nerven zu verlieren. Aber die Art und Weise wie man hier darüber redete, das Zweifel aufgekommen waren in Bezug auf das Geschehen, wie emotionslos über Strafen und Einträge debattiert wurde, nur um dann zu vereinbaren eventuell-vielleicht Clarence Zugriff auf das Protokoll zu gewähren… All das war für Matthew, der beinahe unbeteiligt hier saß, fast zu viel.
Gleeson und Clarence… beide redeten so als sei Matt nicht mehr als ein Statist in dieser Angelegenheit.
Und als Clarence hatte was er wollt lenkte er das Thema - mit kultivierter Neutralität und vollkommen unaufgeregt - zurück auf seine Kinder.
Matthew hatte derweil den gesunden Arm angewinkelt und auf die Armlehne gestützt, den Kopf hatte er in seiner Hand gebettet und er rieb sich sichtlich aufgebracht die Stirn.
All das konnte nicht wahrsein. Aber irgendwie war es das doch und weil der Mordversuch und seine Vergewaltigung nichts weiter war als eines von vielen Themen des heutigen Tages, ging man schließlich schlichtweg zum nächsten Programmpunkt über.
Wie sehr Clarence ihn mit seiner übergriffigen Frage und der Forderung verletzte, konnte der Blonde vermutlich gar nicht absehen. Aber er tat es.
„Ist Ihnen nicht wohl, möchten Sie dieses Gespräch lieber unterbrechen?“, erkundigte sich General Gleeson nach Matthews Befinden, weil dieser sich noch immer die Stirn rieb und so nervös mit einem Knie wippte, dass sich das Wasser im Glas auf seinem Schreibtisch leicht kräuselte.
„Nein, nein. Mir geht es gut. Ich höre zu.“, erwiderte der Dunkelhaarige fahrig und löste den Kopf von seiner Hand, streckte den aufgestützten Arm wieder aus und zwang sich dazu mit dem Hibbeln seines Knies aufzuhören.
„Gut. Nun, das Programm sieht eine Reihe von Tests vor. Die kognitive Entwicklung Ihrer Töchter, inwieweit Erinnerungen vorhanden sind oder zurückkehren. Ziel unserer Forschung ist es nicht, ein Abbild oder eine Kopie eines Menschen zu erschaffen, sondern den Menschen selbst zurückzuholen. Mit allem, was ihn zu Lebzeiten ausgemacht hat.“
Diesbezüglich gab es Rückschläge zu verzeichnen und bei weitem waren die Kinder des Blonden nicht die einzigen Personen die man versucht hatte zurückzuholen.
Aber bisher waren es die einzigen, bei denen die Prognose günstig war. Günstig, aber noch nicht bestätigt gesichert. Sie konnten noch immer verfallen, sich geistig in eine Einbahnstraße entwickeln, gefangen in einer Schleife aus Gedanken und Handlungen - ohne Möglichkeit diese wieder zu verlassen. Doch derartig tiefe Einblicke lagen weit jenseits dessen, was Clarence und Matthew erfahren würden.
„Sollten die Ergebnisse dieser Testreihen positiv verlaufen, könnte im nächsten Schritt die Beobachtung der Kinder in der Welt draußen angestrebt werden. In dem Fall sieht das Protokoll vor, dass sie mit Ihnen zusammenleben können. Unter Beobachtung und Betreuung selbstverständlich.“
Gönnerhaft lächelte Gleeson nun gen Clarence. Es war das erste Mal, dass Matthew diesen Mann lächeln sah und er fand, dass es das Lächeln eines Krokodils war.
Dieser Mann würde sie eiskalt über die Klinge springen lassen. Ohne mit der Wimper zu zucken.
„Großzügige Aussichten.“, stellte Matt unumwunden fest.
„Erlauben Sie mir die Frage, wie Clarence zu der Ehre kommt. Warum seine Mädchen und nicht… wer auch immer?“
„Ich erlaube Ihnen die Frage. Nun, Ihr Mann Clarence ist ein wichtiges Bindeglied.“ - „Bindeglied wofür?“ - „Zwischen diesem Ort hier und den American Kestrel. Ein Jägerclan der, unter der Führung von Nathan Abaelardus, eine enge und fruchtbare Verbindung zu unserer Basis hergestellt hat. Sie, Clarence, waren sein auserkorener Erbe wie wir dank Nathans Witwe wissen.“
Die blassgrünen Augen taxierten Clarence als wolle er sich dessen Zustimmung gewahr werden, als suche er bei dem Blonden nach Sympathie. Matthew, der sich auf das große Ganze noch immer keinen richtigen Reim machen konnte, verstand zumindest, dass Nagi Tanka beziehungsweise der gütige Mann auch hier keine Randfigur darstellte.
Dieser Mann war - obgleich längst tot - einfach überall.
Und diese Erkenntnis war einfach zu viel.
„Heißt das…diese ganze…diese ganze Scheiße hier ist auch irgendwie seine Schuld?“ - platzte es aus Matthew hervor und sah dabei Clarence an, als sei er mitverantwortlich.
„Wie bitte?“, Gleeson blickte unschlüssig zwischen den beiden Männern hin und her. „Wessen Schuld?“ - Matthew ignorierte Gleesons Frage, er sah weiterhin zu Clarence.
Clarence, der ihn vor Jahren gerettet hatte. Clarence, der der Schüler des gütigen Mannes gewesen war. Clarence, für den er nach Scheiß-Falconry Gardens gekommen war obwohl an diesem Ort die Verbindungen zum gütigen Mann besonders sichtbar waren. Clarence, für den er nach Kindern suchte die tot waren. Clarence, für den er hierher gekommen war. Clarence, der nicht bei ihm gewesen war als es wieder passiert war. Und Clarence, der jetzt Akteneinsicht wollte.
Als würde das irgendetwas ändern.
Irgendwie war gerade alles die Schuld des Blonden, auch, dass er der Schüler des großen Geists gewesen war und man ihn deshalb auserkoren hatte, seine Kinder zurückzuholen.
„Wir sind hier, weil du sein Schüler warst!“, plötzlich stiegen Tränen der Wut in ihm auf aber Matthew wendete den Blick nicht von Clarence ab.
„Fick dich. Fick dich, verdammt nochmal.“, Matthew hatte sich in seinem Leben wahrscheinlich noch nie derart überfordert und fassungslos gefühlt wie jetzt. All der Druck, der Schmerz und die Zweifel der letzten Tage brachen sich Bahn und schließlich erhob er sich so unvermittelt, dass Gleeson zurückzuckte.
„Setzen Sie sich! Ganz ruhig!“ - „Ficken Sie sich auch!“, keifte Cassiel und brachte eiligen Schrittes Distanz zwischen sich und die beiden Männer.
„Sie beruhigen sich jetzt entweder oder ich lasse Sie abführen!“, plärrte der General durch den Raum. Das Gesicht hochrot angelaufen ehe er mit der Faust auf den Tisch schlug.
Matthew hielt in seinen unruhigen Schritten inne, aber nicht aus Furcht oder weil ihn diese Drohung einschüchterte - sondern weil ihm selbst jetzt noch bewusst war, wie wichtig das angepeilte Treffen zwischen den Mädchen und Clarence war. Und weil es nicht stattfinden würde, sollte er sich völlig gehen lassen. Also blieb er stehen, mit dem Rücken zu den beiden Männern und fuhr sich mit der gesunden Hand erneut durch das ohnehin völlig zerzauste Haar.
„Ich würde gern…einen Moment allein sein,…Sir. Darf ich gehen?“ - fragend sah Gleeson zu Clarence, dann wieder zu Matthew der sich bereits wieder gemäßigt zu haben schien.
„Ich lasse Sie in den Warteraum bringen. Dort sind Sie, bis auf die Sicherheitskräfte, allein.“
Matthew atmete hörbar tief durch und nickte ohne sich umzudrehen.
„Sie werden dort abgeholt, wenn das Treffen vorüber ist.“ - „Okay. Okay.“ Matthews Stimme klang aufgewühlt und nur mühsam gefasst, aber immerhin trug seine Mühe Früchte.
Mit einem Mal waren sie nicht mehr in diesem Bunker hier gefangen, weil sie zu neugierig gewesen waren und selbst aktiv Nachforschungen angestellt hatten. Sie waren nicht hier, weil Mo‘Ann sie wegen eigener Befindlichkeiten erpresste oder weil Matthew und er besonders schlau gewesen waren die Geiselnehmer seiner Kinder ganz alleine zu finden, ganz ohne Hinweise von Mo‘Ann.
Sie waren wegen Nathan hier.
Sie wären früher oder später auch dann wegen ihm hier gewesen, wenn sie es nicht eigenständig darauf angelegt hätten - da war sich der Blonde sicher.
Von Tests und Entwicklung sprach General Gleeson vorher noch. Von einem potentiellen Zusammenleben mit seinen Kindern. Wo genau, das definierte er nicht, aber jedenfalls nicht hier unten im Bunker. All das und mehr spielte jedoch seit dem Augenblick keine Rolle mehr, als der Chef dieses Ladens hier eben jenen Mann ins Gespräch brachte, von dem sie nicht geglaubt hatten, dass er auch hier unten irgendwelchen Einfluss geübt hatte.
Für einen Moment verloren blickte der Jäger von seinem Mann zu Gleeson und wieder zurück, unfähig all die in der zurückliegenden Minute gewonnenen Informationen in die richtige Reihenfolge zu bringen. Zum ersten Mal seitdem man begonnen hatte sie hier gefangen zu halten, sprach jemand wieder offen die Verbindung zwischen all dem hier und Mo‘Ann an - und darüber hinaus zu ihrem verstorbenen Mann, den nicht einmal sie selbst damals in ihrer Bibliothek zum Teil des Themas gemacht hatte.
Ein weiteres Mal hatte Nathan Abaelardus, der gütige Mann, Matthew in eine ausweglose Situation befördert und das über ihn herein brechen lassen, was er am besten konnte. Doch dieses Mal war seine Macht nicht durch eigene Hand auf den Dunkelhaarigen herab gefahren, sondern ausgerechnet in Form seines einstigen Schülers, der ungewollt zu einer Rolle in diesem Theaterstück gekommen war, um die er nicht gebeten hatte.
Wortlos erwiderte er den stechenden Blick des Jüngeren. Hilflos ob des Vorwurfs der darin lagen und für den er keine guten Argumente fand um ihn zu entkräften und ebenso unsicher, wem von ihnen beiden Cassie im Augenblick die meiste Schuld zuschrieb. Es war noch nicht allzu lange her - zwei Tage vor ihrem Aufbruch gen New Alexandria um ganz genau zu sein - da hatte sein Ehemann ihm versichert, dass er keinen einzigen verdorbenen Funken seines toten Meisters in sich trug. Wenn er daran zweifelte und dunkle Gedanken ihn einzuholen ersuchten, sollte er nur daran denken wie glücklich er Matthew machte.
Doch in diesem Augenblick hier fand er kein Glück in Matthews Blick, während dieser ihm entgegen spie, dass er sich ficken solle.
Nicht mal zu ihren schlimmsten Zeiten hatten sie in einem derartigen Tonfall miteinander geredet wie der Jüngere es gerade mit ihm tat und nicht nur beließ er es dabei, sondern ließ auch Clarence zurück in einer Situation, wie sie einen Mann nur selten in seinem Leben so sehr zerreißen konnte: Hin und her gerissen zwischen dem Gespräch mit Gleeson, einem General der ihn mit seinen wieder lebendig gewordenen Kindern vereinen wollte, und dem Drang danach seinem eigenen Ehemann zu folgen, dem während ihrer letzten Trennung Schlimmstes widerfahren war.
Für einen Augenblick zögerte Clarence, doch schließlich wand er sich in seinem Sessel um zu Matthew, der ihm den Rücken zugewandt hatte. ‚Einen Moment alleine sein‘ wollte er, fernab dieses Raumes, fernab von Clarence, der aus seiner Sicht vermutlich genauso Schuld an ihrer Lage trug wie Nagi Tanka. Vermutlich sogar etwas mehr. In den Warteraum wollte er sich bringen lassen, mit fremden Wachen alleine. Zurück in eine Situation, die schon einmal mitten in der Nacht nicht gut geendet war.
Verstand Matthew, was er da gerade forderte?
Hatte er auch nur den geringsten Schimmer wie viel Angst er damit gerade in Clarence schürte, nach allem was bislang geschehen war?
Noch während sich die Türen beinahe tonlos hinter seinem Mann schlossen, faltete der Blonde die Hände im Schoß. Einer seiner Daumen war dabei unsichtbar zwischen seinen Handflächen abgetaucht, um ihm schmerzhaft den Nagel ins eigene Fleisch zu pressen und ihn davon abzuhalten aus unüberlegter Sorge eine Entscheidung zu treffen, die er am Ende dieses Tages vielleicht doch nich bereuen würde.
„Sehr aufbrausend, ihr… Partner“, fasste General Gleeson das zurückliegende Geschehen möglichst höflich in Worte, als sich der Erbe wieder zurücksinken ließ und sich erneut ins Gespräch fügte. „Hatte er einen persönlichen Disput mit Abaelardus?“
Aufmerksam war Claires Blick geworden und nicht etwa der eines gezähmten Stubentigers, sondern geprägt von Wachsamkeit und fokussiert auf das, was so offensichtlich zwischen ihnen im Raum stand wie der Grey Eagle über den Wäldern thronte.
„Das wäre noch höflich ausgedrückt. Aber ja, so kann man es nennen. Nathan Abaelardus - was wissen Sie über ihn? Mit Verlaub, aber wenn er Verbindungen zu diesem Ort hier gehabt hätte, hätte ich zweifelsohne davon Kenntnis besessen.“
„Sind Sie sicher, dass Sie davon gewusst hätten? Oder anders gefragt, sind Sie sicher, dass sie nicht davon wussten?“, hakte Gleeson provokant nach und ließ sich zurück in seinen Stuhl sinken. Entspannter dieses Mals, ganz so als befürchte er keine unerwarteten Ausbrüche mehr, nun, da Matthew nicht mehr zugegen war.
Die Art und Weise, wie der General ihn mit seinen blassgrünen Augen taxierte, ließ ein ungutes Gefühl in ihm aufkommen. Nur noch schemenhaft erinnerte er sich an all die Fragen, die ihm noch auf der Krankenstation unter Sedierung gestellt worden waren. Ein Teil davon hatte sich sehr nachdrücklich um Ausflüge mit Nathan gedreht. Um Bergtouren, Grabungen…
Nachdenklich musterte er den stämmigen Anführer, während er versuchte in den Fragen dieser Leute einen tieferen Sinn zu erkennen, der ihm bislang noch verborgen geblieben war. Aber wenn Gleeson dachte, die Antwort darauf wäre offensichtlich für Claire, so täuschte er sich.
„Nathan hatte viele Verbindungen. Vor allem zu Organisationen, die sich dem Wissen des Großteils der Gesellschaft entziehen. Es wäre gelogen zu behaupten, er hätte kein interessantes und einflussreiches Leben geführt. Aber das hier… das geht weit über die Dinge hinaus, von denen ich weiß.“
„Und dabei wissen Sie schon eine beträchtliche Menge. Ist es nicht so?“, der fremde Blick ließ den Blonden für einen Moment unwohl eine passablere Position im Sessel suchen, jedoch ohne Erfolg. Nur mit Mühe war es ihm möglich den Drang zu unterdrücken, sich doch noch zu erheben und Cassie aus dem Raum zu folgen. Doch im Moment gab es noch Wichtiges für ihn zu erreichen an diesem Tag und die Erfahrung hatte ihn leider Gottes gelehrt, dass fehlende Kooperation nicht der passende Weg dorthin war.
Die ledernen Bezüge des opulenten Stuhls knarzten abermals unter Gleesons Bewegungen, während er sich zu seinem Stift lehnte und eine weitere Notiz auf seinem Schreibtisch vermerkte.
„Nun gut, Mister Sky. Wir werden uns ein anderes Mal weiter über Abaelardus, Ihr Treten in seine großen Fußstapfen und darüber hinaus die künftigen Pläne bezüglich dessen unterhalten müssen, wie es für Sie und ihre Kinder weiter geht, sollte die Testreihe abgeschlossen sein. Vielleicht setzen wir diesen Termin besser zu zweit an“, hörbar tippte der Stift auf den Bildschirm in seiner Tischplatte, woraufhin sich diverse Kalenderblätter und Uhrzeiten öffneten, die er neu sortierte. Clarence‘ aufmerksamer Blick auf seinen Schreibtisch entging ihm dabei nicht, aber er unterband ihn auch nicht.
„Sie haben gesagt, dass der nächste Schritt ein Leben draußen ist.“ - „Sein könnte“, korrigierte ihn Gleeson.
„Sein könnte. Draußen ist…? Ein Draußen ihrer Einrichtung? Oder ein Draußen in Falconry Gardens?“
General Gleeson, der sich noch immer nicht scheute ganz offen eine Anbahnung von Sympathie und Kooperationswillen in Clarence zu finden, machte eine kurze, einladende Geste hinüber zum großen Globus, der mitten im Raum stand.
„Draußen ist, wo immer Sie sich Zuhause fühlen. Vorzüglich natürlich in Falconry Gardens, bei den American Kestrel. Immerhin sind Sie Jäger und als solcher haben Sie sich Ihrem Clan verpflichtet, nicht wahr? Hinsichtlich dessen, was eine Kehrtwende vom Clan für Ihre Sicherheit und die ihrer Kinder bedeuten würde, legen wir Ihnen nahe, die offensichtlichen Optionen zu wählen.“
‚Weil sonst nicht nur der Clan hinter uns her sein wird, sondern ihr Bastarde auch‘, dachte Clarence im Stillen das, was Gleeson nicht laut aussprechen musste, damit es offensichtlich wird.
Zum Zeichen, dass er verstanden hatte, nickte der Blonde und erhob sich schließlich aus seinem Sessel, kaum dass der Uniformierte ihm ausladend gen Tür verwiesen hatte. Da sich jedoch keine der postierten Wachen augenblicklich daran machte ihn zum nächsten Termin des heutigen Tages abzuführen, folgte er unsicher dem Gang ein Stück weit hinab von wo sie gekommen waren, bis sich zu seiner Rechten eine offene Pforte ergab, hinter der zweifelsohne der Wartebereich lag - wie Matthews Anwesenheit ganz offensichtlich bewies. Unversehrt, wie Clarence erleichtert feststellte.
„Hey“, blieb er unsicher für einen Moment in der Tür stehen, doch da direkt dahinter zu beiden Seiten ebenfalls Wachen postiert waren und ihm das ein fast noch unerträglicheres Gefühl gab als an Gleesons Schreibtisch, trat er schließlich doch noch in den Wartebereich ein.
Die kurze Stille, die zwischen ihnen lag, war beinahe erdrückender als die ersten Tage ohne Matthew im Quartier der Kategorie 5b.
Früher hatte er sich oftmals danach gesehnt. Nach ein paar Stunden der Ruhe, in der dieser Taugenichts einfach mal dazu in der Lage war die Klappe zu halten und ihn nicht zu nerven. Stundenlang hatte Cassie manchmal auf ihn eingeredet - um ihm wenigstens irgendein müdes Lächeln abzuringen, wie er heute wusste. Damals hatte es sich nur so angefühlt, als wolle der Kerl ihm seinen letzten Funken gesunden Menschenverstandes raubten.
Mittlerweile waren die Dinge anders zwischen ihnen geworden und was er sich damals noch herbei gesehnt hatte, fühlte sich heute an wie die schlimmste Folter, die man sich für ihn hätte ausdenken können. Wenn Cassie ihn anschwieg, hatte das reichlich wenig mit Rücksicht zu tun. Stille lag nicht in seiner Natur, oder… jedenfalls hatte sie das nicht getan, bevor sie in diesen verdammten Bunker hier geraten waren. Lieber ließ Clarence sich von ihm anschreien und beschimpfen, bevor sein Mann gar kein Wort mehr mit ihm wechselte.
„Es…“ - unsicher was er überhaupt sagen wollte, verschluckte er seine Worte wieder und leckte sich über die Lippen, bis er schließlich vor dem Jüngeren stehen blieb. Mittlerweile tat ihm alles leid, was seit ihrem Aufbruch aus Falconry passiert war. Aber das auszusprechen würde nichts für Matthew verändern und es entband ihn auch nicht von einer Schuld, die er gar nicht trug.
„Dass er… selbst in diesem Bunker hier seine kalten, toten Finger mit im Spiel hat… bedeutet nicht, dass er uns damit auseinander zerren darf. Wenn wir das zulassen, dann… sind wir hier unten verloren.“
Seine Stimme hatte Clarence gesenkt, um ihr Gespräch so gut es ging von den Wachen fern zu halten. Bislang war Nagi, den Matthew unter dem Namen Der gütige Mann kannte, immer etwas gewesen, das sie eher zusammengeführt hatte statt einander zu entfremden. Sie waren in verschiedenen Epochen seines Lebens Opfer dieses Mannes gewesen, auf unterschiedlichste Art und Weise.
Aber wenn Claire eines wusste, dann, dass er selbst hier unten seine Handschrift wiedererkannte.
„Er ist Gift, Cassie. Er kriecht in deinen Kopf und lässt dich nur noch das sehen und hören, was er will. Ob er tot ist oder nicht, spielt für Nagi keine Rolle - das ist das, was er immer wollte. Präsent sein, selbst über den eigenen Tod hinaus. Gönn’ ihm diesen Triumph nicht.“
Allein sein war etwas das Matthew nie gelegen hatte und ihm bis heute auch noch nicht lag.
Wahrscheinlich sogar, würde es ihm auch niemals wirklich liegen. Und doch gab es hin und wieder jene raren Situationen, in denen brauchte er zumindest etwas Distanz zwischen sich und seinen Mitmenschen und solch ein Augenblick war gekommen, kurz nachdem Gleeson den Namen des Mannes in den Mund genommen hatte, den Matthew an seinem neunten Geburtstag kennen- und fürchten gelernt hatte.
Seither hatte kein Mensch ihn derart erbarmungslos verfolgt wie er. In seinen schlimmsten Alpträumen jagte er ihn, in seinen grausamsten Erinnerungen, den schlimmsten Ängsten.
Der gütige Mann hatte auf Matthews Körper und Seele mehr Spuren hinterlassen als irgendeine andere Person. Er war ihm unter die Haut gekrochen und er hatte den Jungen von einst vergiftet. Ein Gift das lähmte, ein Gift welches schmerzte, ein Gift von dem man nicht genesen konnte.
Und doch… gab es einen Menschen der jenem Scheusal entgegenstand. Eine einzige Person, deren Einfluss auf Matthew dem Einfluss des gütigen Mannes ebenbürtig war, ihn vielleicht sogar übertraf.
Und eben jener Mann war es nun, der schließlich auf dem Flur auftauchte und in den Wartebereich blickte.
Clarence Sky war nicht wie Nagi Tanka.
Clarence Sky war das Gegenteil von ihm.
Dort, wo jener Mann nichts als Schwärze und Schmerz gepflanzt hatte, hatte Clarence andere Dinge in Matthew gesät.
Zu allererst Fürsorge - damals für einen Fremden noch - dann Vertrauen, später Freundschaft und letztlich Liebe. Er hatte auf dem Schlachtfeld des gütigen Mannes den Trümmern ins Angesicht gesehen und entschieden, dass er sie wieder in Ordnung brachte.
Langsam aber entschlossen.
Und genau das hatte Clarence schließlich auch getan.
Bruchstück um Bruchstück hatte er genommen und wieder zusammengesetzt. Hatte Matthew heil gemacht.
So heil wie der Dunkelhaarige nur sein konnte.
Jene Fähigkeit, jenes Talent war dem hünenhaften Lehrling Nagi Tankas gegeben und vielleicht bewies ausgerechnet jene Gabe, das Scheitern Nathans auf die eindrücklichste Art und Weise. Er hatte nicht gesehen wie gut Clarence war und das jener junge Mann immun gegen sein Gift war.
Es brannte, es frass sich ins Innere, es schmerzte. Aber Clarence erlag ihm nicht. Er blieb gut.
In dieser Hinsicht war der gütige Mann blind oder dumm gewesen. Sein Schüler war kein Zerstörer.
Sein Schüler war ein besserer Mensch als er. Sein Schüler übertraf ihn in jeder verdammten nur denkbaren Hinsicht.
Selbst jetzt - da Matthew sich so unbeschreiblich schlimm und verloren fühlte, war es Clarence, der versuchte die frischen Wunden der jüngsten Tage zu versorgen. Nicht hastig und eilig, sondern mit einer Ruhe und Aufmerksamkeit, wie sie Matthew ausschließlich von ihm kannte. Ohne ihn unter Druck zu setzen - und Cassie wusste, dass Clarence selbst unter enormer Anspannung stand - versuchte der Blonde ihm zu vermitteln, nicht allein zu sein.
Still betrachtete Matthew ihn einen Moment lang, jenen Mann, den er so sehr liebte und dem er doch so wenig Unterstützung war. Für den er nicht heil geblieben war - obwohl er es so sehr versucht hatte.
Natürlich hatte Clarence recht, als er sagte, dass jener Mann sie nicht entfremden durfte und das Matthew sich bemühen musste, ihn aus seinem Kopf herauszuhalten.
Nagi Tanka war ein schlimmer Mensch gewesen und er hatte schlimme Ziele verfolgt. Dass ausgerechnet er jenen Ort gekannt hatte, an dem sie beide nun festsaßen und an dem man sich Matthew aufgezwungen hatte, schien für den jungen Mann wie ein Böses Omen.
Für Cassie, der nicht abergläubisch war, fühlte es sich an, als sei er dazu verdammt immer wieder unterlegen zu sein. Machtlos zu sein, keine Gewalt über den eigenen Körper zu haben und immer aufs Neue von anderen benutzt zu werden.
Das Gefühl der Ohnmacht war ihm dabei so vertraut, dass es ihm schlecht wurde und gegenwärtig gab es aus dem Hamsterrad des Ekels und der Selbstzweifel scheinbar keinen Ausweg.
Clarence hatte es verdient, dass Matthew sich zusammenriss und für ihn da war. Und doch war Cassiel ihm gegenwärtig keine Unterstützung. Ein Umstand der sich für den Jüngeren wie Verrat am eigenen Mann anfühlte.
Betreten senkte Matthew den Blick auf seine Knie, nickte jedoch verstehend.
„Ich…“ , setzte er schließlich leise an, verstummte jedoch gleich wieder. „Dieses Gefühl…“ - er verzog das Gesicht und schüttelte verneinend den Kopf. „Er hat es mich so oft fühlen lassen und jetzt… jetzt wieder. Irgendwie… irgendwie ist es immer er. Ich… Ich verstehe nicht, wie das sein kann. Es…hört niemals auf. Es ist nie vorbei.“
Obgleich er leise sprach konnte man die Resignation in seiner Stimme hören und den Zwiespalt in dem er sich befand. Er wusste, dass Clarence recht hatte. Und gleichzeitig fehlte ihm die Kraft um gegen die düsteren Gedanken anzukommen.
„Ich weiß, dass du recht hast mit allem was du über ihn sagst. Aber ich kann…nicht aufhören daran zu denken was passiert ist und jetzt wo ich weiß… das er auch mal hier war…“ verdrossen zuckte Matthew die Schultern.
Es war aussichtslos so zutun als hätte der gütige Mann seine Emotionen nicht bereits vereinnahmt.
„Es kommt mir vor als… als würde er immer dort sein, wo wir sind. Egal wohin wir gehen.“
Selbst als Toter war jener Mann ihnen scheinbar immer einen Schritt voraus. Matt erwartete von Clarence nicht, dass er ihm das erklärte oder das er Antworten auf die Fragen hatte die Cassie beschäftigten. Clarence war auch nicht verantwortlich für irgendetwas davon. Aber er war der einzige der Nagi Tanka ebenso gut kannte wie Matthew den gütigen Mann.
„Das von eben tut mir leid. Ich hätte nicht so… so reagieren dürfen.“ Clarence traf keine Schuld. An nichts was hier passiert war und er verdiente, dass Matthew sich zusammenriss. Sie waren ein Team und mussten auch danach handeln.
Wenn er hier drinnen die Nerven verlor, würde das Konsequenzen für sie beide haben. Und gerade das konnten sie sich nicht erlauben. Nicht jetzt. Nicht wo es auch um zwei kleine Kinder ging, die ihren Vater wiedersehen wollten.
„Hat er… noch irgendetwas interessantes erzählt? Wie es weitergeht?“ - und plötzlich, weil es ihm bisher gar nicht merkwürdig erschienen war, dass Clarence zu ihm gekommen war, setzte er nach: „Die Mädchen! Wann ist das Treffen? Ich meine… ich habe das Treffen doch nicht versaut, oder?“
So fremdartig und futuristisch ihm der Bunker am Anfang noch erschienen war, so wenig haute ihn hier unten mittlerweile noch etwas richtig aus den Socken. Technik, riesige Konferenzräume und Computerstimmen waren Dinge, die er sich nicht einmal in seinen kühnsten Träumen hätte ausmalen können. Doch nun kannte er all diese Dinge und je mehr er in sich aufnahm, umso weniger ernsthaften Überraschungseffekt bargen sie noch für den Blonden.
Vielleicht irritierte es ihn deshalb nicht, dass der große Geist, der gütige Mann oder einfach Nathan Abaelardus selbst in dieser Forschungseinrichtung hier bereits seine Finger im Spiel gehabt hatte. Womöglich kannte Clarence das ältere Ich dieses Mannes auch einfach zu gut, um daran Zweifel zu haben, dass Nagi mit seiner Frau und den Leuten hier gemeinsame Sache machte. Oder aber - und auch das wäre nicht unwahrscheinlich gewesen - er war mittlerweile einfach zu abgestumpft worden von all den Dingen, die in den vergangenen Wochen geschehen waren. All das und noch mehr wäre nicht verwunderlich, doch am Ende war es tatsächlich etwas völlig anderes, das Clarence hier unten so ruhig und gefasst bleiben ließ:
Seine Familie.
Für Matthew musste er zwar nicht stark sein, aber er wollte es. Wollte klare Gedanken bewahren. Denn haltlos werden und den Kopf verlieren - das hatte ihm die Vergangenheit schmerzlich gezeigt - führte nicht zum gewünschten Ergebnis. Das endete darin, dass er tagelang unentdeckt unter einem Bett lag, in völliger Schockstarre versunken. So wie damals, als seine Eltern ermordet worden waren. Oder er drehte durch und fing an sich nachts, während Nagi schlief, mit einem stumpfen Messer und den eigenen Zähnen seine Finger abzutrennen - wie einst nach dem Tod seiner beiden Töchter, die nun auf magische Weise wiederauferstanden und mit ihnen in diesem Bunker hier gefangen waren.
Auch Harper und Cordy waren seine Familie. Auch für die beiden Mädchen musste er bei Sinnen bleiben. Durfte nicht durchdrehen, wenn die Soldaten ihre Macht ausnutzten und seinen eigenen Mann des Nachts überfielen. Nicht die Fassung verlieren, wenn General Gleeson plötzlich von Nathan Abaelardus sprach, der sie selbst hier unten einzuholen drohte wie die Dunkelheit der tiefen Nacht nach einem viel zu langen Tagesmarsch, an dessen Ende man nicht rechtzeitig damit begonnen hatte das Lager aufzuschlagen.
Lautlos hatte er die Distanz vom Türbogen des Wartebereichs bis zu Cassie überbrückt, der eingesunken auf seinem Stuhl saß; weniger unruhig als auf seinem Sessel im Büro des Generals zwar, aber auch nicht wie der stolze und ungebrochene Mann, der er noch vor wenigen Tagen gewesen war.
„Keine Sorge. Du hast nichts versaut“, eine kurze und knappe Antwort zwar, aber gleichfalls auch das wichtigste, was sein Mann in diesem Moment wissen musste. Obwohl ihre eigene Unversehrtheit nicht weniger wert war, hatten die Mädchen im Augenblick die höchste Priorität - denn letztlich waren Matthew und er nur wegen diesen beiden hier. Gab es kein Treffen und entließ man sie ohne ein handfestes Lebenszeichen aus diesem Bunker, wäre ihre ganze Mission gescheitert… und jeder Preis umsonst gezahlt worden. „Er hat noch ein paar Fragen gestellt. Nicht direkt zu Nagi, aber… ob ich nicht doch irgendwie von diesem Ort hier gewusst hab. Aber da musste ich Gleeson enttäuschen. Und er meinte… dass er mit ‚einem Leben draußen‘ für Cordy und Harper ein Leben mit uns beiden meint. Draußen, in Falconry. Zuhause am Teich.“
Für einen Moment schwieg er nun, vor seinem Mann stehend, während er ihn eindringlich betrachtete. Sein Gesicht war zerschunden worden, doch es würde heilen - genauso wie die Naht in Claires Gesicht unheimlich gut verheilte. Seine Rippen würden aufhören zu schmerzen und irgendwann würde er sich wieder frei bewegen können, ohne dass man ihm anmerkte, dass ihm körperlich so zugesetzt worden war.
Doch wie es in ihm drin aussah… dieses Schlachtfeld würde nicht heilen können. Nie mehr bald und vielleicht auch nimmermehr.
Was blieb waren unsichtbare Schmerzen, die niemand so fühlte wie Matthew es tat. Unsichtbare Narben auf seiner Seele, die nur Clarence sah - weil er seinen Mann kannte wie es sonst niemand tat und weil er wusste wie es um ihn stand, ganz gleich wie tapfer er dann und wann versuchte ein tapferes Lächeln aufzusetzen.
Still nahm er das Gesicht des Jüngeren in seine Hände und zum ersten Mal seit langem beugte sich der Hüne zu ihm hinab und küsste ihn sanft. Nicht auf die Schläfe um ihn zu behüten und auch nicht auf die Wange um ihm zu bedeuten, dass er nicht alleine war.
Er küsste ihn so sanft wie einen Ehemann den man liebte - ungeachtet der Wachen am Türbogen oder der tristen Einrichtung, die sie beide hier im Wartezimmer umgab.
„Weißt du, was du mal zu mir gesagt hast? In Jeynes Villa, kurz vor unserer Hochzeit?“, wollte er leise von dem Dunkelhaarigen wissen. Was sie miteinander zu bereden hatten, ging kein Soldatenohr etwas an - und es ging sie auch nichts an welchen emotionalen Ballast sie mit sich trugen oder nicht. Das hier war etwas zwischen ihnen beiden und höchstens noch jenen, mit denen sie eine Rechnung offen hatten. Aber jene zwei waren zu ihrem eigenen Glück gerade nicht anwesend.
„Du hast gesagt… dass du mich nicht heiraten kannst und dass du nicht meine Familie sein kannst nach dem, was dir damals passiert ist. Aber du hast mich geheiratet. Und du bist meine Familie.“
Das machte zwar die Dinge nicht ungeschehen, es nahm auch nicht den Schmerz.
„Jetzt sagst du, du kannst nicht aufhören daran zu denken. Aber du wirst es, irgendwann. Du wirst zwar nie vergessen, was passiert ist… aber irgendwann kommt der Tag, an dem es dich nicht mehr verfolgt. Weil du noch hier bist, weil du das schon einmal geschafft hast und weil du das wieder schaffen wirst. Ich weiß das und bis zu diesem Tag kannst du reagieren wie du willst und wie es dir gut tut. Denn bislang ist die Quote der pessimistischen Dinge, die du mir prophezeit hast und die am Ende auch so eingetreten sind, unheimlich gering. Es gibt Dinge, die brauchen Zeit und ich bin geduldig. Das weißt du.“
Warm kämmte Clarence ihm mit den Fingern durch die dunklen Haarspitzen, sie sachte wieder in eine Position befördernd, die etwas weniger so aussah, als sei der Jüngere einmal quer durch die Lüftung gezogen worden.
Matthew wusste, dass er nicht allein unter Druck stand und ebenso, dass seine Befindlichkeiten nicht wichtiger waren als die von Clarence und seinen Töchtern.
Und obgleich sich der junge Mann aufrichtig darum bemühte, Clarence eine Stütze zu sein, so wusste er auch… er konnte jener Rolle nicht gerecht werden. Zu sehr brachten ihn bestimmte Dinge aus dem Konzept, zu oft triggerten ihn Situationen in denen er sonst gelassen geblieben wäre.
Diese Tatsache schmerzte und ließ ihn sich schuldig fühlen. Ungenügend. Nicht stark genug.
Auf der logischen Ebene seines Verstandes war Matt bewusst, dass er sich in einer Gedankenspirale befand welche immer nur nach unten führte und er wusste, er sollte versuchen ihr zur entfliehen. Ein schlechter Gedanke führte zum Nächsten, immer finsterer, immer vernichtender, bis man irgendwann nichts Gutes mehr sehen konnte.
Genau das durfte er nicht zulassen. Doch wie sollte er das an diesem Ort schaffen, wo die Männer die ihn überfallen hatten versetzt wurden beziehungsweise einen Eintrag in der Akte bekamen? Als sei damit alles geklärt.
Hier, wo sie die Türen nicht abschließen konnten und wo es keinen Ausgang gab, den sie bei einem weiteren Angriff erreichen konnten?
Jederzeit waren sie hier unter Beobachtung, man rationierte ihr Essen, man bestimmte wann sie aufstanden. Ihr Leben, welches stets unabhängig gewesen war, war hier unten einem Rhythmus unterworfen der sie krank machte. Matthew mehr als Clarence - was daran liegen mochte, dass Clarence noch Hoffnung hatte wo Cassies bereits aufgebraucht war.
Zumindest das Treffen mit Harper und Cordelia war durch seinen Auftritt nicht abgesagt worden, eine Information die er mit einem Nicken und einem tiefen, erleichterten Seufzen zur Kenntnis nahm. Immerhin das waren gute Nachrichten.
Auch, dass General Gleeson zugesagt hatte die Kinder würden über kurz oder lang diese Basis verlassen und mit nach Falconry kommen, war im Grunde eine gute Entwicklung - und doch fehlte Matthew gerade die Fantasie sich all das vorzustellen. Zuhause am Teich war ein Ort geworden an den er sich zwar erinnerte, aber von dem er irgendwie nicht glaubte, ihn nochmal zu sehen. Geschweige denn dort zu leben. Und wie sollte dieses Leben dann überhaupt aussehen?
Als sie losgezogen waren, hatte er geglaubt, dass es schon irgendwie funktionieren würde - aber mittlerweile konnte er sich nicht vorstellen je wieder der Mensch zu werden, der er vor wenigen Tagen noch gewesen war.
Nichts machte mehr einen Sinn und nichts fühlte sich noch richtig an. Und es war, als hätte Clarence ihm diese resignierten Gedanken angesehen und entschieden, dass ihnen nicht die Vorherrschaft zustehen sollte.
Vertraut und sanft legten sich die Hände des Blonden an Matthews Wangen und schon eine Sekunde später beugte er sich zu ihm hinunter und gab ihm einen zärtlichen Kuss auf die Lippen. Der erste Kuss dieser Art seit dem Übergriff.
Die Zärtlichkeit der Berührung sagte mehr als alle Worte der Welt hätten sagen können und auch wenn Matthew zu perplex war um den Kuss zu erwidern, so schreckte er nicht vor ihm zurück.
Der Augenblick, kurz nur und unter den wachsamen Augen des Personals, gab Matthew wortlos das Versprechen, dass Clarence keinen Millimeter von ihm abgerückt war.
Sie waren als Vertraute, als Team, als Paar hierher gekommen und all das waren sie noch immer.
Für Matthew mochte sich sein Selbstverständnis verändert haben, nicht aber für Clarence. Und das war eine Erkenntnis, welche Matthew gegenwärtig alles bedeutete.
Der Blonde zweifelte nicht an ihm und gleichsam - so schien es - verschwendete er keinen Gedanken daran was wäre, sollte Matthew das Geschehene nicht überwinden.
Für Clarence schien klar, dass Matthew es eines Tages hinter sich lassen würde. Und er machte ihm klar, dass es egal war wie viel Zeit bis dahin verging.
Aber eines Tages würde es so sein.
Und bis dahin… war Clarence eben geduldig.
Die Zuversicht und die liebevolle Bestimmtheit des Größeren waren es, die Matthew dazu brachten ein kleines Lächeln zu lächeln. Es war nicht ausgelassen und enthusiastisch- aber es war zumindest echt und ungekünstelt.
„Du…erinnerst dich eindeutig zu gut an all das Zeug, dass ich irgendwann mal gesagt habe.“, erwiderte er mit eben jenem kleinen Lächeln auf den Lippen, während er zu Clarence emporsah.
„Und du kannst…was das angeht viel behaupten, weil ich das meiste was ich sage schon zwei Tage wieder vergessen habe.“ - das war zweifellos unwahr, aber es war ein winziger Anflug eines kleinen Wortgefechts, wie es typisch für sie beide war.
„Ich werd mich bemühen. Dich nicht zu enttäuschen… meine ich. Dich nicht und…die Mädchen nicht. Sie… sie sollten bei niemandem leben müssen der… der so ist, wie ich im Moment.“ - auch das gehörte zu den unangenehmen Gedanken die Matthew quälten. Er hatte mit den beiden Kindern noch kein einziges Wort gewechselt und sie wussten nicht einmal das es ihn gab. Und trotzdem waren Harper und Cordelia für Matthew bereits wichtig. Und das nicht nur, weil sie Clarence wichtig waren sondern weil dieser Ort hier gefährlich war und zwei kleine Mädchen hier nicht sicher waren. Sie gehörten nach oben, in die Freiheit. Wo es echte Sonne gab und Wind der flüsterte.
Sie gehörten zu ihrem Daddy. Sie gehörten an einen Ort der echt war.
„Lass uns gehen, hm? Du solltest deine Mädchen nicht länger warten lassen. Sie haben dich lange genug entbehrt.“
Mit leisem Seufzen ob der Schmerzen erhob sich der Dunkelhaarige schließlich von seinem Platz und kaum so geschehen, griff er mit der gesunden Hand nach der des Größeren. Wenn Clarence keine Vorbehalte hegte ihn zu küssen, dann war es nur fair, wenn Matthew sich Mühe gab auch keine Vorbehalte gegen körperliche Nähe zu haben.
Sie waren als Vertraute und als Paar hergekommen und das waren sie noch immer.
Und auch wenn Matthew sich nicht mehr so fühlte als sei er noch der gleiche Mensch, so wollte er sein Versprechen gegenüber Clarence einhalten und sich wirklich bemühen wieder auf die Beine zu kommen.



