Quartiere Kategorie 5b

15. April 2211


Clarence B. Sky

Schweigend sah Clarence den ersten Sonnenstrahlen dabei zu wie sie sich ihren Weg durch Äste und Blätter hinweg bahnten. Es war Frühling geworden und die Wälder wieder grüner, die Wiesen lebendig und schon vor gut einer Stunde hatten die Vögel begonnen zu zwitschern. Leise nur, verstand sich - immerhin wurden sie erst mit zunehmender Zeit lauter. Je nachdem, für wie viel Uhr die endgültige Weckzeit eingestellt war.

Sanftes, natürliches Erwachen nannte man das. Um dem Körper einen natürlichen Rhythmus zu geben, den es hier unten nicht gab. Weil es kein Tageslicht gab und keine Vögel. Keine echten jedenfalls. Es gab auch keine echten Sonnenstrahlen die so kräftig durch das Astwerk fielen, dass es einem durch die geschlossenen Lider hindurch ein Brandloch auf die Netzhaut ätzte. Aber wenn man sein Gesicht nah genug an den riesigen Bildschirm hinter ihrem Bett presste, so nah wie es ging, dann erkannte man einzelne, winzig kleine Lämpchen in unterschiedlichen Farben. So klein, dass es einem zwar nicht die Augen aus dem Kopf brannte, aber hell genug, damit man trotzdem hinterher für einen Moment nichts mehr sah.

Aber im Moment war da nur Dämmerlicht. Aber stärker werdend, sodass Clarence jetzt schon wusste, dass auch das Lauter-Werden des Vogelgezwitschers nicht mehr lange dauern würde. Ihre Weckzeit war auf sieben Uhr morgens eingestellt - oder jedenfalls auf das, was man hier im Bunker darunter verstand. Dann hatten sie eine halbe stunde Zeit sich fertig zu machen. Dann gab es rationiertes Frühstück. Um Punkt acht Uhr fünfzehn wollte man sie zum Untersuchungsraum bringen, Matthews Armschiene erneuern und ein Kontrollröntgen von ihm anfertigen. Ein Foto seiner Knochen um sicherzugehen, dass seine Rippen weiterhin gut verheilten und keine Folgeschäden entstanden waren. Um acht Uhr fünfzig ging es weiter zu einem Vernehmungsraum. Nicht um sie zu befragen. Sondern um herauszufinden, ob Clarence Bartholomy Sky mental stabil genug war, um mit seinen Kinder zusammengeführt zu werden.

Zusammengeführt.

Dabei waren die einzigen, die sie künstlich voneinander getrennt hielten, diese Leute hier.

Still drängte Clarence seinen Arm näher um Cassies Brust, den Jüngeren von hinten umarmend und abschirmend von der Welt, die jenseits ihres Quartiers auf sie wartete. In seiner Hand hielt er noch immer die des Vorderen, wie so oft wenn er sich nachts an ihn schmiegte.

Wie die letzten Nächte auch, hatte er auch heute kaum ein Auge zu getan; ähnlich ihrer Zeit früher in den Wäldern, war er zu einem ewig dauernden Dämmerschlaf verdammt worden. Der Jäger war nicht wirklich wach, er schlief aber auch nicht wirklich - stets auf der Hut vor unbekannten Geräuschen, vor einem unruhigen Traum seines Mannes oder dem plötzlichen Öffnen der Quartierstür mitten in der Nacht. Das war zwar bis heute nicht passiert - aber bevor Matthew deshalb nicht schlief, tat er es lieber selbst nicht in der Hoffnung, dass wenigstens der Dunkelhaarige dadurch etwas Ruhe fand.

Wirklich geholfen hatte das in den vergangenen Nächten trotzdem kaum. Jede noch so kleine Regung seines Mannes hatte er wahrgenommen an seiner nackten Brust, mit der er gegen den entblößten Rücken Cassies lehnte. Selbst in den ersten Nächten in Denver hatte er besser geschlafen, obwohl seine größte Sorge gewesen war, sein Mann würde plötzlich morgens tot neben ihm in den Lumpen liegen - gestorben an inneren Blutungen von denen sie nichts gemerkt hatten. Aber in Denver war er auch erschöpfter gewesen als hier, womöglich lag es daran.

Vorsichtig drückte er die Nase in das dunkle Haar vor sich, das trotz aller Umstände noch gänzlich vertraut und fast ein wenig so roch, als wäre nie etwas gewesen. Als würden gleich Abel oder Kain die Nase über die Bettkante recken und testen, ob ihre beiden Herrchen schon wach waren. Dann würde Clarence aufstehen, sich in seine Hose und einen Pullover werfen und mit den beiden frische Brötchen und Wurst beim Metzger besorgen gehen.

Aber es war nicht nie etwas gewesen und sie waren auch nicht Zuhause.

Cassie?“, wisperte er leise gegen das zerwühlte Haar des Vorderen. Und schließlich, fast als würde das eine nicht automatisch auf das andere schließen, schob er leise hinterher: „Bist du schon wach?“

Auf der einen Seite wollte er ihn nicht unnötig wecken falls er doch mal schlief, auf der anderen Seite aber würden sowieso bald die simulierten Vögel im simulierten Wald eskalieren und sie selbst aus den tiefsten simulierten Träumen krakeelen. Die Tage hier hatten eine verstörende Eintönigkeit angenommen, die alleine dadurch aufgebrochen wurde, was für heute angekündigt war - ein Treffen so surreal und aufrührend, dass er alleine dadurch nicht mal dann ein Auge zubekommen hätte, hätte er nicht die halbe Nacht auf die verschlossene Tür gelauscht.


Matthew C. Sky