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Multifunktionsraum S-5.115

15. April 2211


Clarence B. Sky

Wie lange es nun her war, dass man ihn hierher gebracht hatte, wusste Clarence nicht zu sagen. Aus dem Bauch heraus würde er vielleicht etwa auf eine halbe Stunde tippen, aber sein Gefühl für Zeit war ihm in diesem Bunker mittlerweile genauso genommen worden wie schon bei Ankunft ihre Würde. Vielleicht war es auch schon eine ganze Stunde her. Vielleicht auch nur wenige Minuten.

Jede Sekunde zog sich bis in völlige Unendlichkeit, das war das einzige, das Claire sicher zu sagen wusste.

Der Weg hierher war genauso kurz gewesen wie unspektakulär. Weitere Gänge, ein weiterer Aufzug. Nur mit dem Unterschied, dass es nicht SEKTOR EINS bis SEKTOR VIER waren, die durch den langen Schacht verbunden wurden - sondern SEKTOR VIER bis SEKTOR SECHS.

Sektor Sechs. Das war eine neue Ebene, die bisher noch nirgendwo in einer Auflistung erschienen war und die ebenso FREIGABEKLASSE EINS benötigte wie auch SEKTOR FÜNF, auf dem sie sich nun seit geraumer Zeit befanden.

Was es dort gab, eine Ebene tiefer? Stille. Wieso man keine Auskunft bekam? Weitere Stille. 

Sonst war es wenigstens ein räudiger Kommentar, den man sich erntete. Ein abfälliger Blick wie etwa auf die Nachfrage hin, wer denn eigentlich General Gleeson war. Aber zu Sektor Sechs mit Freigabeklasse Eins hatte plötzlich niemand mehr etwas zu sagen. Das war so auffällig wie es auch seine Aufmerksamkeit erregte und gerade hier, in diesem Raum, hatte er genug Zeit und zu wenig Nerven, um sich an einem anderen Gedanken festzuhalten als diesem.

Lautlos schoben seine Finger ein Glas mit dunkler Flüssigkeit vor sich über den Tisch, das man ihm als Coke angepriesen hatte. Ein rabenschwarzes Gesöff von dem er sich sicher war, dass man ihn damit zu vergiften versuchte. Kein Getränk dieser Welt, das diese Farbe hatte und nicht Kaffee war, konnte auf irgendeine Art und Weise gesund für einen Menschen sein und so wie der Kram roch, bestätigte das seine Vermutung nur noch einmal mehr. In einem kleinen Schälchen vor ihm standen Chips und Gummidrops. ‚Damit Sie es gemütlich haben, an diesem besonderen Tag‘, hatte man ihn wissen lassen. Der Stuhl, in dem er saß, war gepolstert und weich - und auch wenn der Raum abgesehen von der Sitzgruppe kahl war, zeigten wenigstens die Bildschirme um sie herum Simulationen, die eine warme Atmosphäre schaffen sollten. Er erkannte in der Ferne die Spitze des Grey Eagle und die umliegenden Wälder. Weite Felder, die früher loser Baumbestand gewesen war. Irgendwo in der Ferne, hinter den Baumkronen, lag vielleicht Falconry Gardens. Ihr Haus, das auf sie wartete. Abel und Kain, wie sie im Hof des Clans zwischen den anderen Hunden lagen und auf sie warteten. Fast ein wenig so, wie Clarence hier drin auf seine beiden Mädchen wartete.

Wo man Cassie hingebracht hatte? Ob er zusah über eine dieser Kameras? Vermutlich war er wieder in ihrem Quartier der Kategorie 5b. Sah auf dem Klemmbrett dabei zu was geschah. Clarence hoffte das. Dass er in Sicherheit verblieben war, nachdem man sie getrennt hatte. Aber andererseits hatte Matthew mit ihm im Sektor Fünf der Freigabestufe Eins aussteigen müssen. Das sprach nicht für eine Rückkehr zu ihrem Quartier. 

Freigabestufe Eins. Die brauchte man auch im Sektor Sechs, eine Etage tiefer. Eine Ebene, die weder auf ihren bisherigen Wegen hierher, noch in den anderen Aufzügen angezeigt worden war. Erst hier unten in den Gefilden des Generals. Dort, wo nur der engste Kreis seiner wichtigsten Leute Zutritt besaß. Leute, denen man vertraute. Aber Leuten mit der Freigabestufe Eins vertraute man noch mehr, denn für Gleeson brauchte man nur die Freigabestufe Zwei. Aber für seine Mädchen, für Harper und Cordy, brauchte man die Eins. Genau wie für Sektor Sechs, eine Etage tiefer. Eine Etage, die genauso wertvolle Geheimnisse beherbergte aber noch dringender in die schützende Tiefe der Unterwelt verlegt werden musste. Oder die schon von beginn an in dieser Tiefe gewesen war, woraufhin die anderen Etagen oben drüber entstanden waren.

Nervös lief Claire das Glas in der Hand über den Tisch reiben. Dann und wann wurden die Bildschirme unterbrochen von dunklen, hohen Säulen, die in die Wände eingelassen waren. Fenster zu dahinter liegenden Räumen vielleicht. Vielleicht auch nur Kästen, in denen die Technik zusammenlief und ihre Energie bezog. Vielleicht Platinen und Rechner, so wie auf dem Weg zu Gleesons Büro. Hinter seinem Schreibtisch waren Jalousien gewesen. Jalousien, die heruntergelassen waren. Wieso ließ man Jalousien herunter, wenn die Fenster in diesem Gebäude Bildschirme waren? Oder nur gläserne Wände, die die Flure ebneten? Wenn hinter seinem Schreibtisch gläserne Fenster waren, wohin zeigten sie? Was war dahinter, wenn man es vor den Augen von ihm und Matthew verbergen musste?

Lautlos stellte Clarence einen Ellenbogen auf der gepolsterten Lehne seines Stuhls ab und begann damit, mit dem Nagel seines Daumens über den Stumpf seines kleinen Fingers hinweg zu reiben. Eine alte Angewohnheit, der er schon seit über anderthalb Jahren nicht mehr nachgegeben hatte und die nun aus den Tiefen seiner Nervosität wieder an die Oberfläche gelangte wie eine längst vergessene Leiche, die sich nach Monaten des Gären und Faulen plötzlich empor hob, um den glatten Spiegel des Sees aufzubrechen und ihr widerwärtiges Gesicht zu zeigen. Nicht anders fühlte sich auch Clarence. Vergoren von der Zeit. Verfault von all den Dingen, die ihm seit Willow Creek widerfahren waren. Gezeichnet und entstellt und schon lange nicht mehr wie der unbescholtene Mann, der er einst gewesen war. Ruby-Sue mochte nicht die Saat gestreut haben um ihn zu dem zu machen, was er heute war - aber sie hatte den Keim erblühen und erwachsen lassen, den schon Le Rouge damals in ihm gepflanzt hatte, als er über seine Eltern und ihren Hof hergefallen war. Seitdem waren Dinge selten besser geworden. Eher schlechter noch. Und wenn, dann waren selbst die guten Zeiten niemals wirklich lange anhaltend gewesen. Abermals blickte sich Clarence nervös im Multifunktionsraum um, der eigentlich genauso kahl war wie all die anderen Räume auch. Nur Coke und Chips und Gummidrops gab es hier. Und den Grey Eagle. Jenen Berg, an dessen Fuße sich Nagi Tanka eine zweite Heimat aufgebaut hatte. Jener Mann, der zwar nicht Hand angelegt hatte an seine Kinder, aber der durch das Eingreifen in ihr Leben maßgeblich dazu beigetragen hatte, dass sie selbiges verloren hatten.

Clarence erinnerte sich gut an diese Stunden. Es war einer solcher Tage gewesen, wie man sie nie wieder im Leben vergaß. Obwohl er sich nicht mehr an die genauen Abläufe erinnern konnte und daran, wer was gesagt, geschrien oder nicht von sich gegeben hatte, so waren die Bilder dieses Tages noch immer scharfgestochen vor seinem inneren Auge. So lebhaft, dass Nagi ihm einen Teil dieser Erinnerung mit seinen Fähigkeiten als Schamane hatte nehmen müssen, um es überhaupt zu ertragen. Er erinnerte sich ohne Bilder nicht mehr an Cordys Gesicht. An ihre Details. An ihre Grübchen sicher und ihre pausbäckigen Wangen, an rote Löckchen und an das begeisterte Strahlen in ihren kleinen Kinderaugen, wann immer sie in ihrem Leben etwas Neues erblickt hatte, was sie noch nicht kannte. Aber er bekam das Gesamtbild einfach nicht mehr zusammen. Zum letzten Weihnachten hatte sie neue Schuhe bekommen, das wusste Clarence noch. Er hatte lange dafür gespart und hart gearbeitet, damit sie keine Gebrauchten auftragen musste. Neue Schuhe und eine Puppe, das hatte sie sich gewünscht. Aber der Winter war unendlich lang gewesen und die Ernten knapp. Arbeit gab es wenig und importierte Waren waren kaum mehr bis zu ihren Dörfern gedrungen aufgrund des hohen Schnees. Aber Schuhe hatte er ihr machen lassen, auch wenn es für eine Puppe nicht gereicht hatte. Trotzdem hatte sie bis über beide Ohren gestrahlt. Im Gegensatz zu Harper war sie eben ein richtiges Mädchen und mit neuen Kleidern bekam man sie immer. Und dann hatte sie Schuhe gehabt, ganz für sich alleine. Noch immer standen diese Schuhe auf der Veranda vorm Haus. Zumindest dann, wenn Tiere sie nicht davon getragen hatten. Sie standen dort, weil Cordy sie nie wieder getragen hatte. Weil Sie gestorben war in Socken und im Unterkleid. Durchzogen von tiefen, schweren Hieben, die Ruby ihr mit einem Schürhaken durchs Gesicht gezogen hatte. Zerschmettert von Metall und Asche war ihr breites Strahlen gewesen, das seitdem nie wieder einen Raum erfüllt hatte. Erstickt und ertrunken am eigenen Blut, das ihre Lungen gefüllt hatte. Manchmal, wenn Clarence nachts nicht schlafen konnte, verfolgte ihn das leise Röcheln noch immer in seinen Träumen. Genauso wie Ruby ihn dann und wann noch immer verfolgte.

Schweigend ließ er von Glas und Stumpf ab und ließ die Hände in den Schoß fallen, während seine Schultern zusammensanken. Missmutig gleichermaßen wie stoisch betrachtete er die eintönige Tischplatte vor sich - nicht, weil er darin eine Antwort fand, sondern weil er sich darin vielleicht zu verlieren schaffte, noch bevor er sich vollends in seinen Gedanken verstrickte. Wenn er doch nur wüsste, was hinter den Lamellenjalousien hinter Gleesons Schreibtisch lauerte. Dann würde er sich wenigstens darüber den Kopf zerbr- - - 

Mit einem leisen, vertrauten Fssch öffneten sich die Türen des Multifunktionsraums erneut, gegenüber jener Seite, von der er selbst herein getreten war. Doch statt der Soldaten, die kamen um ihn nach der langen Wartezeit unverrichteter Dinge wieder abzuholen, war es das vertraute Antlitz von Doktor Glidden, das er schon von Videos aus den Krankenakten kannte - eben jener Ärztin, die weit besseren Zugang zu den beiden Mädchen gefunden hatte als ihre unbeholfene Vertretung. Mit weicher Stimme redete sie auf ein Mädchen ein, das sie mit der Hand sachte vor sich her drängte.

Keine Angst haben solle sie. Weil ihr Daddy auf sie warte und sich schon auf sie freue.

Auf ihrem anderen Arm saß ein jüngeres Kind, das sie nur mit Mühe und Not überhaupt hochgehalten bekam. Sie war kein Kleinkind mehr, seine Cordy, aber gerade noch in der rechten Größe, dass ein kräftiger Mann sie gut halten oder auf die Schultern setzen konnte. Für eine Frau allerdings war sie schweres Gepäck - und lautes noch dazu, wie sich wenige Augenblicke später herausstellte. Angsterfüllt presste sie ihren Lockenkopf gegen die Schulter der Ärztin und fing an zu weinen. Ihre strampelnden Beine machten, dass Doktor Glidden sie kaum noch halten konnte und die dunkelhaarige Frau die zweite Hand von Harpers Rücken nehmen musste, um Cordy neu an ihrer Brust zu positionieren. Sie hatte Panik. Zurecht - wie Clarence fand. Denn ihr Daddy, den man ihr und ihrer großen Schwester angekündigt hatte, war nicht hier. Stattdessen saß am Tisch ein Fremder. Mit fremder Kleidung. Mit fremdem Haar und fremder Statur. Mit bunten Bildern auf der Haut, die er reflexartig versuchte zu verbergen, indem er die Hände unter den Tisch sinken ließ. Mit Falten, die Cordys Daddy nicht im Gesicht hatte und mit dem besorgten Blick eines Mannes, der mehr von der Welt gesehen hatte, als gut für ihn war.

„Ich… Cordelia, du musst etwas still halten, sonst fällst du mir runter. Du kannst nicht-… warte kurz“, wies sie schließlich Harper an, während sie unbeholfen nach dem Jüngeren Kind griff und an den Blonden ein hilfloses „Entschuldigung“ richtete. Und dann verließ sie den Raum. Mit der schreienden Cordelia auf dem Arm und mit mit der Lautstärke, die damit einher ging.

Zurück blieb eine bedrückende Stille - und Harper, die nach wenigen Schritten auf der anderen Seite des Zimmers stehen geblieben war. Lautlos schloss sich die Tür mit einem leisen Fssch. Und genauso lautlos verknotete sie ihre Finger ineinander, unsicher ihre eigenen Hände knetend und offensichtlich darüber nachdenkend, welche Richtung ihr nun das geringere Übel bot.

Zögerlich blickte sie für einen Moment zurück zur Tür, die sich hinter ihr geschlossen hatte. Dahinter lagen Ärzte, fremde Menschen, sterile Gänge und Gepflogenheiten, die sie noch immer nicht gewohnt war. Vor ihr lag ein Tisch mit einem Mann daran - den sie schon von einem Foto her kannte und den sie nun begann mit ebenso ängstlichem wie auch wachsamen Blick zu mustern. Ganz offensichtlich hatte sie schon auf dem Klemmbrett die ein oder andere Ähnlichkeit wiedergefunden. Aber ihn nun in der Realität vor sich zu haben, war etwas anders. Ihr Dad war etwas anderes. Jedenfalls anders als das, was sie in Erinnerung hatte.

Aber Harper… war noch genauso wie sie immer gewesen war. Ihr Haar hatte das Rot ihrer Mutter. So rot wie auch Gails Haar gewesen war, als sie noch gelebt hatte. Sie war ein Abbild der Frauen in ihrer Familie. Hatte den gleichen Trotz und den gleichen Mut in ihrer Haltung wie ihre Großmutter. Aber sie hatte seine Augen. Claires Augen - und die Augen ihres Großvaters Sandfort. Und sie hasste diese grässliche rosafarbene Uniform. Weil sie rosa war und sie sie tragen musste, weil sie ein Mädchen war. Obwohl sie diese Farbe hasste. Das wusste ihr Dad nur zu gut.

Still starrte Clarence sie an, mit großen Augen und erschrocken wie ein einsames Reh im tiefen Wald, auf das ein treffsicherer Matthew gerade Pfeil und Bogen gerichtet hielt. Würde man ihn fragen, was das schönste Erlebnis in seinem Leben gewesen war, dann war es zweifelsohne die Geburt seiner Kinder. Er war zwar nie im Raum dabei gewesen - Gott bewahre ihn vor solch einer Erfahrung - aber er war da gewesen. Und man hatte sie ihm in die Arme gelegt, kaum da sie glücklich von der Brust ihrer Mutter abgefallen und fertig in ihre warme Decke eingewickelt worden waren. Harper hatte ihn von einem Jungen zu einem Vater gemacht und nichts weniger als das hatte er sein wollen.

Aber er war auch nie wieder mehr als das gewesen nach dem Tod seiner Kinder: Ein Mann, der kein Vater mehr war.

Sie waren tot. Sie alle beide. Clarence hatte es mit eigenen Augen gesehen und unter seinen eigenen Hände gespürt. Das hier war unmöglich.

Und obwohl es sich anfühlte als würde man ihm einen Teil seiner selbst abtrennen als man seine kleine Cordy nicht bei ihnen ließ, so fügte sich auch ein Teil in ihm, weil sie eben doch da waren. 

Noch immer Wortlos stützte er sich mit einer Hand auf dem Tisch ab, während er sich vorsichtig aus dem gepolsterten Stuhl und mit den Knien auf den Boden gleiten ließ, dem kleinen Mädchen näher entgegen, das Harper nach all den Jahren noch immer war. In ihrem angsterfüllten Gesichtsausdruck erkannte er die gleiche Furcht wie sie auch von ihm Besitz ergriffen hielt und trotzdem zeigte sie sich tapfer genug, um einen Schritt auf ihn zu zu wagen. Es gab für sie nur die Flucht durch die Tür, dorthin zurück wo sie herkam - oder die Flucht nach vorne einem fremden Mann in den Dreißigern entgegen. Dass sie trotzdem lieber Letzteres wählte, sagte auch ohne Worte genug darüber aus wie sie es an diesem Ort hier fand.

„Hey… hey Motte“, erinnerte Clarence sich schließlich für den Bruchteil eines Augenblicks daran, wie man sprach… und auch daran, dass man nicht einem verstörten kleinen Kind die Verantwortung dafür überlassen konnte, wie man nach all der Zeit ein Gespräch begann. All der Zeit, die in Harpers Erinnerung vermutlich nur Wochen waren, für ihren Vater allerdings Jahre.

„Du hast Angst, mh? Ich auch, glaub mir. Dieser Ort hier… ist nichts für Menschen wie uns. Ich glaube… du und Cordy… ihr seid schon einige Tage länger hier als ich. Es war… nicht so leicht euch zu finden.“

Noch immer knetete Harper nervös an ihren Händen herum, eine Beschäftigung um sich zu Beruhigen wie auch sich selbst in einer Situation Halt zu spenden, in der sonst keiner für sie da war. Doktor Glidden war für den Moment keine Hilfe - wenigstens weder für Harper, noch für ihren Vater - aber hoffentlich wenigstens für Cordelia, die in ihrem Alter weit weniger begriff und zu verarbeiten wusste, als ihre große Schwester es schaffte.

In den blaugrauen Blick des Mädchens hatte sich zunehmend neben der Angst noch etwas anderes geschlichen, das Clarence von ihr kannte - Trotz und Wut ob einer Enttäuschung, für die der Blonde dieses Mal wohl am wenigsten etwas konnte. Das wusste er, das wussten diese Leute in diesem Bunker hier und selbst die simulierten Vögel im simulierten Wald wussten es. Aber für Harper waren all diese Begebenheiten noch zu groß um sie zu begreifen und deshalb legte sich über die Lippen ihres Vaters ein wissendes wie auch verdrießliches Lächeln, als sie schließlich trotzig entgegnete: „Du hättest uns einfach mehr suchen müssen.“

Gut möglich, dass sie versuchte ihn zu verletzen im Gegenzug für all die Angst, der sie hier ausgesetzt war. Viel wahrscheinlicher war aber, dass sie wirklich daran glaubte was sie sagte. Wusste sie, dass sie mit ihrer Schwester in einem unterirdischen Bunker gefangen gehalten wurde, den sonst niemand kannte? Wohl eher nicht.

„Ja… ja, das hätte ich. Aber jetzt hab ich euch gefunden. Dich und Cordy.“

Was sagte man seinem eigenen Kind, das von den Toten wiederauferstanden war und das einen anblickte als wäre es sich nicht mehr sicher, ob es überhaupt zu einem gehörte oder nicht?

„Ist Mom auch hier?“ - Eine Frage die so naheliegend war, dass Clarence nicht annähernd darüber nachgedacht hatte sie beantworten zu müssen. Einerseits, weil die Mädchen in den Videos, die er kannte, niemals nach ihrer Mutter gefragt hatten und andererseits, weil ihm die Antwort darauf selbst so offensichtlich war, dass er nicht daran gedacht hatte wie viel die Kinder davon noch wussten und wie viel nicht.

„Nein, Mom ist…-“

Erneut öffnete sich die Tür zum Multifunktionsraum. Ein Geräusch, das Harper auffahren und reflexartig mit großen Schritten auf ihren Vater zueilen ließ - aus Angst vermutlich sie fortzubringen, so wie man es mit ihrer Schwester getan hatte. Und so wie die Ärztin dreinblickte wusste Claire, dass man ihre gemeinsame gerade ebenso offiziell verkürzt hatte. Glücklich sah aber selbst die Quacksalberin damit nicht aus.

Dieses mal war Doktor Glidden alleine, ganz offen sichtlich hatte sie Cordelia zur Betreuung in andere Hände gegeben. Grund genug um sich Sorgen zu machen, doch so wie sie reagiert hatte, verstand Clarence wieso diese Maßnahme notwendig war.

Unsicher, wie viel Zeit ihnen beiden bleiben würde, streckte der Blonde vorsichtig die Hand nach seiner Tochter aus und umfing ihre nervösen Finger, um sie ein wenig zur Ruhe zu bringen. Warm und weich war ihre Haut. Ganz anders als er sie in Erinnerung hatte.

Aber auch das rothaarige Mädchen hatte die Haut ihres Vaters anders in Erinnerung, wie der unsichere Blick auf seine Hand bewies. Zögerlich kaute sie auf ihrer Lippe während sie sich die bunten Bilder betrachtete und dabei seine Finger eindringlich musterte - die nicht mehr so vollzählig waren wie sie es gewohnt war.

„Mom ist nicht hier, Harper… und sie wird auch nicht hierher kommen. Aber ich bin mit… einem sehr guten Freund hier. Meinem allerbesten Freund. Er heißt Matthew und er… hat mir geholfen euch zu finden.“

Stockend nickte sie zum Zeichen, das sie verstanden hatte. Ein tonloses „Okay“ sagte einem alles, was man zum Thema Ruby-Sue wissen musste - kein Zeichen des Vermissens blitzte in ihrer Mimik oder ihrem Blick auf, während sie unsicher ein weiteres Mal zu Doktor Glidden hinüber schielte, die sich neben der Tür postiert hatte.

„Geht es euch gut, Motte? Sind alle nett zu euch?“

„Mh-hm“, Harpers Haar war in einem losen Pferdeschwanz im Nacken zusammengebunden und verdeckte ihr vertrautes Gesicht nicht, das er zum ersten Mal seit Jahren wieder aus dieser Nähe betrachten konnte. Frech tanzten die kleinen Sommersprossen über ihre Wangen, als sie kurz die Nase rümpfte, bevor sie wieder zu ihrem Vater zurück blickte. Fragte man Clarence, waren seine beiden die schönsten Mädchen, die er jemals gesehen hatte - aber vermutlich dachten das alle Väter über ihre Töchter.

„Das Essen ist eklig. Und ich muss immer Fragen beantworten. Als denken die, ich bin dumm oder so. Ich glaube, Cordy darf den ganzen Tag malen. Manchmal bringen uns strenge Männer wo hin. Aber Doktor Glidden ist nett. Wir reden viel. Manchmal spielen wir was“, zählte sie auf, während sie wieder seine Hand eindringlich musterte. Seitdem sie dichter bei ihm stand, war die Unruhe aus ihren Händen und die Furcht aus ihren Blick gewichen - aber sie fremdelte und Claire konnte es ihr nicht übel nehmen. Ihm selbst ging es nicht anders. „Die strengen Männer sagen, dass du bald gehen musst. Nimmst du uns mit nach Hause?“

„Harper“, drang es mahnend aus der Ecke; die Stimme der Ärztin klang schneidender als er es von den Videos gewöhnt war, in denen sie sonst mit seinen Kindern sprach. „Du weißt, dass du nicht die militärischen Einheiten belauschen sollst!“

„Sie sagen, dass sie dich rauswerfen weil du schon zu lange hier bist. Und dass sie dafür sorgen wollen, dass du nicht mehr hierher zu Ihr kommst ohne Erlaubnis-“

„Harper, das reicht. Komm jetzt.“

„Du darfst uns nicht hier lassen, Daddy. Du musst mich mitnehmen, bitte nimm mich mit nach Haus-“

Glidden hatte sich von der Wand gelöst an der sie lehnte, langte unsanft nach dem Arm des Mädchens und noch bevor Clarence sie abwiegeln oder versuchen konnte Harper vor ihr abzuschirmen, öffnete sich die Tür zum Multifunktionsraum, um uniformierte Argumente zu einer konfliktfreien Beendung des Treffens sichtbar zu machen.

„Nein nein, schon gut, wir sind ruhig, bitte, wir… ein paar Minuten noch, wir haben doch gerade erst…“ - Panik stieg in ihm auf als er die Hand nach seiner Tochter ausstreckte und instinktiv wusste der Jäger, dass er in diesem Augenblick nur verlieren konnte. Er würde versuchen könnten Harper der Ärztin zu entwenden und trug damit zur Eskalation bei - oder schlimmer noch, versetzte sein eigenes Kind in Angst und Schrecken. Tat er es hingegen nicht, dann war er der Vater, der kampflos zuließ, dass man sie einfach mitnahm - und ähnliches hatte damals schon bei Ruby-Sue nicht gut geendet.

Schließlich war es der Lauf einer Waffe, die sich auf ihn richtete und ihm die Wahl abnahm.

„Lass das Kind los und nimm deine scheiß Hände hoch!“

„Fuchtel nicht mit dieser beschissenen Knarre rum während mein Kind vor dir steht!“, die Hände hinterm Kopf verschränkt, ließ er sich zum Zeichen seiner Kooperation von den Knien in den Sitz auf seine Waden niedersinken, während seine Tochter und die Ärztin durch die Tür im Flur dahinter verschwanden. Erfahrungsgemäß bliebt es hier nur selten bei leeren Drohungen und ein Vater, der vor den Augen seines Kindes erschossen wurde, schien ein Szenario zu sein, dass noch bedrohlicher schien als von Harper dafür gehasst zu werden, diese Glidden und die gottverdammten Soldaten nicht übermannt zu haben.


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