Quartiere Kategorie 5b
12. April 2211
„Heute haben wir den zwölften April, Matthew.“
Matthew sah die Frau zu der Stimme nicht an. Er hielt den Kopf leicht von ihr abgewendet, den Blick auf einen der großen Bildschirme gerichtet auf dem gerade Meer und Strand zu sehen war.
Zu einer Zeit - gar nicht so lange her- hatte er das perfekte Leben geführt. Er hatte mit Clarence genau solche Strände gesehen. Aber jetzt war alles was ihm blieb das Betrachten einer Simulation.
„Können Sie mir sagen, wie Sie sich fühlen, Matthew?“
Ihre Stimme war ruhig - aber anders als bei ihren ersten Treffen nicht mehr kühl und geschäftsmäßig, sondern besorgt - wenngleich noch immer professionell.
Matthew schätzte, Professionalität war ihr schon ins Blut übergegangen. Aber es war ihm so oder so egal.
„Möchten Sie heute Ihren Mann sehen? Clarence, so heißt er doch, oder?“ - Matthew sah sie noch immer nicht an und machte sich auch keine Mühe ihr zu antworten. Er wusste, dass sie wusste wie sein Mann hieß. Ihre einfältige Frage diente einzig dazu ihm eine Antwort abzunötigen.
„Hören Sie, ich kann Ihnen nicht helfen, wenn Sie nicht mit mir sprechen. Sie können mir glauben, dass ich nicht hier bin um Ihnen zu schaden.“ - keine Reaktion. Der Dunkelhaarige saß lediglich da, den Kopf noch immer leicht abgewandt, eine Hand, dick eingebunden, locker auf dem Oberschenkel ruhend während die andere reglos auf seinem Knie lag.
„Der Colonel wird für sein Tun die volle Verantwortung tragen. Wir haben Davis‘ Leiche untersucht und festgestellt, dass Ihre Angaben über seinen Tod stimmen.“ - erklärte sie als habe der junge Mann sich danach erkundigt.
Aber Tatsache war: er erkundigte sich seit dem Zwischenfall vor vier Tagen nach überhaupt nichts mehr.
„Er wird sich vor einem Gremium verantworten müssen. Auch dafür, was er mit Ihnen…“ - nun drehte Matthew ihr das Gesicht zu. Sein rechtes Auge war blutunterlaufen und eine Naht an seiner Augenbraue wies auf einen Cut hin.
„Ah… ein Gremium.“, er nickte. Das Lächeln auf seinen Lippen war bitter und zynisch. „Werden ihm gehörig auf die Finger klopfen, nehm ich an. Werden ihm sagen: ‚Die eigenen Leute erschließt man nicht, sehen Sie das nicht auch so, Colonel?‘ Und er wird sagen: ‚Doch, da haben Sie Recht. Weiß gar nicht wie ich das vergessen konnte.‘“ - sein gutes Auge funkelte voller Häme in ihre Richtung und die junge Frau rutschte unbehaglich auf ihrem Platz hin- und her.
„Ich weiß nicht wie die Anhörung verlaufen wird, aber ich denke so nicht.“, versuchte sie ruhig zu erklären.
„Was ist nun, möchten Sie Clarence heute sehen? Ihr Mann fragt jeden Tag nach Ihnen.“ - Matthew drehte den Kopf wieder zur Seite und schwieg.
Wenn Clarence ihn so sah würde er verrückt werden. Er würde durchdrehen. Er würde - sehr wahrscheinlich - ein Problem für die verdammte Sicherheit darstellen. Also war es besser es nicht dazu kommen zu lassen. Zumal sein Zustand Fragen aufgeworfen hätte, die er nicht beantworten würde.
„Ich möchte, dass Sie ihm sagen das es mir gut geht. Kriegen Sie das hin?“ - die junge Frau überschlug ihre Beine. Sie seufzte nicht - dazu war sie zu professionell - aber sie wurde ungeduldig. Matthew spürte das.
„Nein, Matthew. Ich denke nicht. Ich denke, Sie werden ihm das heute selbst sagen. In den letzten Tagen hat er sich vorbildlich geführt. Er ist besorgt um Sie und meine Kollegen und ich sind zu der Einschätzung gekommen, dass es Ihnen beiden gut täte, mehr Kontakt zu haben.“
Jetzt lachte Matthew auf, ein Geräusch das jeder echten Freude entbehrte sondern so bitter war, wie die Schale einer Zitrone. Er legte den Kopf in den Nacken wobei blaue Flecken an seinem Hals sichtbar wurden die - trotz der Tattoos - augenfällig waren.
Die junge Frau betrachtete ihren Gegenüber still. Sie wusste nicht was genau der Colonel getan hatte, denn die Kameras hatten nichts von dem Übergriff aufgezeichnet - was natürlich kein Zufall war. Aber Tatsache war: dass er dem Dunkelhaarigen mehr als nur ein Haar gekrümmt hatte.
„Wow. Echt wow. Da haben Sie und Ihre Kollegen ja echt eine heiße Spur.“ - „Sie sind zynisch.“ - „Und was soll mir das sagen?“ - Sie musterte ihn eingehend und er erwiderte ihren Blick aus Augen, die an die einer wilden Katze erinnerten, die - wenngleich schon lange domestiziert - ihren Sinn für Grausamkeit noch immer nicht verloren hatte.
„Er wird sich noch mehr Sorgen machen, wenn er mich so sieht. Haben Sie und Ihre Experten darüber mal nachgedacht, hm? Dass es mit seiner guten Führung vorbei ist, wenn er das hier sieht?“, er hob die bandagierte und geschiente Hand um mit dunkelblauen Fingern in sein Gedicht zu deuten.
Daraufhin wusste die Ärztin einen Moment nichts zu sagen, nickte aber. Sie verstand die Sorge ihres Patienten und wahrscheinlich hatte er sogar recht.
„Ich habe mich dafür eingesetzt, dass Sie künftig ein gemeinsames Quartier zugewiesen bekommen. Für den Moment ist das alles, was ich für Sie tun kann. Sie werden heute noch verlegt.“ - Matt, der sich seit Tagen dagegen sträubte Clarence zu sehen spürte eine unbändige Sehnsucht in sich aufwallen, gepaart mit einer kaum zu beschreibenden Angst. Angst davor, man könnte ihn anlügen und gleichsam Angst davor man log nicht. Machte das Sinn?
„Wenn Sie nicht wollen, dass er sich sorgt, dann schlage ich vor Sie essen nun etwas, nehmen eine Dusche und… Ich schicke jemanden, der Ihnen beim Duschen hilft.“ - „Nein!“, erwiderte Matthew schlagartig und mit einer Vehemenz, die die junge Frau zusammenzucken ließ.
„Nein. Nein… ich schaffe das selbst.“, ruhiger nun, wenngleich noch immer nervös. „Gut… in Ordnung. Seien Sie in ungefähr einer Stunde fertig, man wird Sie abholen, zu Ihrem Mann bringen und in der Zwischenzeit Ihre Habseligkeiten in das neue Quartier schaffen. Müßig zu erklären, dass Sie keine Probleme machen sollten da Sie sonst welche kriegen.“ - das zu erwähnen kam ihr selbst dumm vor. Probleme hatte der Dunkelhaarige in letzter Zeit wahrlich genug gehabt. Und - das musste man ihm zugute halten - zumindest für die neueste Eskalation konnte er nichts.
Der Colonel hatte eine Grenze überschritten.
Matthew schnaubte verächtlich. „Wie Sie meinen, Lady. Ganz wie Sie meinen.“
Knapp eine Stunde später war er fertig. Er hatte sich einigermaßen umständlich geduscht und wartete seither darauf, dass man ihn abholte. Und als man es schließlich tat, da folgte er dem Mann wortlos im Abstand von ein paar Schritten. Er zählte wieder die Meter, versuchte sich einzuprägen wohin man ihn brachte, doch schon nach ein paar Minuten gab er es auf. Dieses Mal fuhr er mit der kleinen Kabine eine Etage tiefer, hier sahen die Gänge anders aus, weniger grell und weniger steril. Irgendwie normaler.
Ein Raum, der eigentlich mehr eine Halle war, diente offenkundig der Bespaßung der hiesigen Leute.
Freizeit stand schlicht und ergreifend über der Tür und als sich selbige öffnete lag dahinter ein riesiger Raum, dessen Wände bis zur Decke die Simulation eines sonnengetränkten Waldes zeigte. Licht schien durch die Stämme uralter Laubbäume, Vögel zwitscherten, sogar eine leichte Brise konnte man hören. Alles in allem eine schöne Szenerie. Aber eben nicht mehr als das. Ein schöner Schein. Wie alles hier.
‚Nein, Clarence. Er hat einem Treffen heute nicht zugestimmt. Zu unserem Bedauern gab es gestern einen Vorfall zwischen Matthew und einem unserer Männer. Es ist mir jedoch wichtig Sie in diesem Zusammenhang wissen zu lassen, dass seine Verletzungen nicht ernst sind und die Konfrontation nicht von Ihrem Mann ausging. Dies wird keine Auswirkungen haben wird auf seine aktuellen Privilegien.‘
Privilegien.
Clarence schnaubte verächtlich, denn dort wo sein Mann noch immer steckte, war das einzige Privileg sterile Atemluft und eine Bildschirmsimulation.
Sein Tippen wurde energischer, während er wütend auf einem der elektronischen Klemmbretter herum hämmerte, das er bis vor wenigen Tagen nur aus den Händen der dunkelhaarigen Tante kannte. ‚Er hat einem Treffen heute nicht zugestimmt‘ war der gleiche Satz, der sich wie ein Mantra schon seit Tagen wiederholte.
‚Tut mit leid, Clarence. Matthew möchte Sie heute nicht sehen‘.
‚Ich befürchte, ich muss Ihnen mitteilen, dass Matthew heute nicht mit Ihnen zu Mittag essen möchte‘.
‚Zu meinem Bedauern haben Sie Recht. Er will heute nicht kommen‘.
Was auch immer geschehen war, es hatte keine Auswirkungen auf Matthews aktuelle Privilegien. Das bedeutet entweder, dass er sich gegen einen Angriff nicht gewehrt hatte, oder, dass er es in einem angemessenen Rahmen getan hatte, den man nicht mal einem Gefangenen zum Vorwurf machte.
So oder so - wenn es diesen Vorfall gab und Cassie ihn seitdem tatsächlich nicht sehen wollte, dann gab es dafür nur einen Grund - nämlich, dass seine Verletzungen eben doch ernstzunehmend waren und der Hüne dies nicht wissen sollte, oder, dass sein Mann aussah, als hätte man ihn durch den Fleischwolf gedreht.
Die Version, dass ein fehlendes Aufeinandertreffen daher ruhte, dass sein Mann von diesen Leuten ermordet worden war, gab es auch. Bei Gott, Clarence war nicht so blauäugig wie dieser Torfkopf ihm immer vorwarf. Trotzdem versuchte er diese Möglichkeit so gut es ging zu verdrängen und wenigstens heute, fast sechs Tage nach ihrem letzten gemeinsamen Essen, war die Chance auf Cassies möglichen Tod endlich vom Tisch.
Brummend griff er hinüber zu einem der weiß-blauen Overalls, die vor etwa einer halben Stunde zu ihm ins Quartier gebracht worden waren. ‚Ich wurde angewiesen, die Sachen ihres Begleiters hierher zu bringen. Er wird verlegt‘, hatte einer der uniformierten Kerle ihn wissen lassen und aus Perplex hatte Claire gefragt wohin.
‚Dorthin, wo seine Sachen sind‘, war die einfache wie offensichtliche Antwort gewesen und wenngleich sich das Gesicht des Kerls in äußerst professioneller Manier nicht gerührt hatte, so hatte der Blonde das Augenverdrehen durchaus in seinen Worten hören können.
Gedankenverloren hatte er einen Ellenbogen auf dem Tisch neben sich aufgestützt und hielt die Nase an den weißen Overall gelehnt, der zwar sauber war und nach nichts roch - nicht mal nach Seife - aber von dem er sich wenigstens trotzdem einbildete, er würde darin seinen Mann wiedererkennen. Schon seit zwei Tagen war er in dem kleinen Quartier, das mit dem weißen Loch, aus dem er stammte, kaum mehr etwas zu tun hatte. Kulturschock war in diesem Rahmen noch untertrieben und mittlerweile hatte er verstanden, was Cassie mit einem Bildschirm oder einer Simulation meinte. Gefühlt mochte der Platz gerade reichen um wie aktuell die Füße darin auf den zweiten Stuhl am Tisch auszustrecken, aber dafür gab es auf den kleinen Raum komprimiert genug Technik zu entdecken, die ihn bislang nahtlos beschäftigt gehalten hatte - und die Matthew schier ausrasten lassen würde, wäre er denn hier. Das ahnte der Jäger jetzt schon.
Still beobachtete er die hellen Worte auf dem dunklen Klemmbrett, deren Zeilen einzeln erschienen und wieder verschwanden.
Retina akzeptiert.
Zugriff gewährt.
Willkommen, Clarence Bartholomy Sky.
Willkommen fühlte er sich hier aktuell eher weniger, aber zumindest danach hatte ihn noch niemand ausgefragt. Es interessierte ja nichtmal jemanden, dass an einem seiner neuen, beige-braunen Overalls der Einnäher kratzte, auf dem ganz eintönig die Größenzuordnung abzulesen war. Als ob es dann jemanden juckte, ob er sich hier willkommen fühlte.
KAZ-S.H.-01-2211-08, tippte er geräuschvoll auf eines der runden hellen Bilder auf dem Klemmbrett und beobachtete, wie sich eine simulierte Pergamentseite öffnete, die mit Pergament eigentlich nicht im geringsten etwas zu tun hatte. Es gab keine Tinte, keine Kohle, keinen Bleistift. Es gab nichtmal Papier. Stattdessen gab es Buchstaben, die er aus den Büchern Cassies wiedererkannte und zwischen denen Manchmal handschriftlich einzelne Wörter oder ganze Notizen ergänzt waren. Informationen wie - - -
Sein Blick hob sich schlagartig vom elektrischen Klemmbrett, als die Tür zu seinem Quartier sich geräuschlos öffnete und dahinter nicht etwa der nächste Stapel weißer Overalls in den Armen eines Uniformierten zum Vorschein kam, sondern in den Armen eines Uniformierten ein weißer Overall mit seinem Mann selbst als Füllung.
Sein Mann, der schlimmer aussah als durch den Fleischwolf gedreht. Schlimmer noch als nach ihrer Flucht durch den Wald. Fast sogar ein bisschen schlimmer als damals in Cascade Hill City.
Perplex sah er zwischen der Wache und Matthew hin und her, erkannte jedoch im Soldaten keine Erregung die auf einen kürzlichen Kampf hindeutete und in der genähten Wunde des Dunkelhaarigen keine Verletzung, die auf einen kürzlichen Disput hindeutete.
‚Matthew möchte Sie nicht sehen‘, echoten ihm die Worte der Ärztin durch den Kopf und just in diesem Augenblick verstand Clarence, was sie eigentlich bedeuteten: Matthew möchte nicht, dass Sie ihn so sehen.
„Lassen Sie sich von Ihrem Partner einweisen. Sie werden um Achtzehnhundert zum Abendessen abgeholt“, drängte die Wache seinen Mann mit der Hand im Rücken ins Zimmer, woraufhin ein hörbares, akustisches Signal ertönte, das elektronisch die Ankunft Matthews im neuen Quartier bestätigte. „Wir empfehlen Ihnen, Ihr Verhalten der vergangenen Tage beizubehalten um weitere Zugeständnisse zu erhalten und in der Kategorie aufgestuft zu werden. Sie befinden sich aktuell in Kategorie 5b. Die nächste Sicherheitsstufe ist Kategorie 5a und ermöglicht es Ihnen, sich aus ihrem Quartier heraus sowie frei auf einem Ihnen zugewiesenen Sektor zu bewegen.“
Zum Zeichen, dass er seinen Auftrag erfüllt hatte und es nichts mehr hinzuzufügen gab, nickte der Uniformierte, bevor er sich zur Seite weg drehte und neben ihrer Tür postierte um Wache zu stehen. Erst danach schlossen sich die automatischen Flügel wieder und ein leises metallisches Klicken signalisierte Clarence schon aus Erfahrung, dass die Verriegelung damit eingerastet war.
Still legte sich sein Blick auf Matthew, dessen blau geschlagenes und aufgeplatztes Gesicht er genauso wachsam musterte wie schließlich den Arm des Jüngeren, der dick eingepackt in einer Schiene zu liegen schien. Obwohl er wusste, dass er vor seinem Mann nichts verbergen konnte und sie beide dazu neigten einander zu inspizieren alsbald sie verletzt waren, schien der einstige Söldner es wenigstens zu versuchen. Aber vielleicht kam ihm das auch nur so vor.
‚Wo zur Hölle bist du gewesen‘, lag ihm auf den Lippen und er fühlte sich verdammt an jene frühen Morgenstunden in Falconry Gardens erinnert, an dem Cassie plötzlich mir nichts, dir nichts, im Schankraum der Stoggs gestanden hatte. Über unzählige Tage hinweg ließ er auf sich warten und verprellte den Hünen. Beinahe hatte er sich gefühlt wie ein halbstarker Junge, dessen innigliche Gefühle eiskalt abserviert wurden und den man am ausgestreckten Arm verhungern ließ, nachdem man ihn aufmerksam angefüttert hatte. Wo warst du war eine berechtigte Frage, aber noch berechtigter war jene danach, was geschehen war - denn Claire erinnerte sich gut an die Worte der Ärztin, dass einer ihrer Leute dafür die Verantwortung trug und sein Mann hingegen nichts an seinem eigenen Zustand beigetragen zu haben schien. Trotzdem milderte das seinen trotzigen Unmut darüber nicht, dass sein Mann ihn hatte sitzen lassen.
Still legte er sein Klemmbrett ab, woraufhin die Worte
Gesperrt.
Zum Entsperren Retina scannen.
auf dem kleinen Bildschirm aufflackerten, bevor er sich vom Stuhl erhob und die wenigen Schritte gen Matthew überbrückte, um ihn an sich zu ziehen. Genauso gut wie durch den Fleischwolf gedreht worden zu sein, hätte sein Mann auch tot sein können, während er selbst in diesem Quartier festsaß und sich Simulationen von Wald, Meer und Strand zum besten gab.
„Du verdammter Torfkopf. Noch einen Tag länger und ich hätte die Hand dafür in simuliertes Feuer gelegt, dass die dich umgebracht haben.“
Natürlich gab es hier kein echtes Feuer. Auch das wäre eine Gefahr für die Sicherheit, hatte man ihm erklärt.
„Aber das haben sie fast, wie mir scheint. Oder haben es versucht. Jemand hat es versucht“, fügte er an was er wusste, wenngleich er keine Ahnung hatte wer dieser jemand gewesen war.
Beinahe forsch drückte er ihn an den Schultern wieder von sich und hielt ihn an Ort und Stelle, besorgt die Naht an Cassies Kopf musternd, bevor er zu seinem Arm hinab sah und auffordernd nickte. „Wenn du mir nicht sagst was passiert ist oder wer das war, ich schwöre dir, ich lasse dich von dem Trottel da draußen wieder dahin zurück schicken wo du herkommst, bevor ich jedem hier den Kopf abreiße, bis es den Richtigen getroffen hat.“
Die Halle mit dem Wort Freizeit über der Tür, war ein Bereich in dem sich einige Leute aufhielten. Leute mit blauen Overalls, mit beigen und schwarzen.
Matthew wurde durch den Raum geführt, wobei niemand groß Notiz von ihm nahm. Jeder schien mit sich oder den kleinen Gruppen beschäftigt, in der sie sich zusammengefunden hatten.
Wahrscheinlich war das hier so etwas wie der Treffpunkt für alle die an diesem Ort lebten. Wenn man Freizeit hatte. Als ob man nicht immer freie Zeit hatte. Wie suspekt.
Gleichgültig folgte der Dunkelhaarige dem Mann quer durch die Halle bis zu einer weiteren Tür die unbeschriftet war.
Dahinter lag - wer hätte es gedacht - ein weiterer enger Flur, erleuchtet von künstlichem Licht.
Es dauerte noch weitere Minuten bis sein Führer letztlich vor einer von duzenden Türen auf dem Gang stehenblieb.
Auch diese Tür trug keine Aufschrift. Lediglich eine schnörkellose Markierung die da sagte R 14 -SC 8was das heißen mochte konnte Matthew nicht sagen und sich auch nicht logisch zusammenreimen.
Ohnehin war die Bedeutung jener Abkürzung nicht von Belang, denn kaum da sich die Tür geöffnet hatte offenbarte sich dahinter ein Quartier - dem seinen auf der anderen Station gar nicht mal unähnlich, wenngleich etwas größer. Aber entscheidend waren weder Größer noch Ausstattung sondern einzig und allein derjenige, der es bewohnte.
Clarence.
Schweigend sah der Blonde ihn an, etwas, dass Matthew spürte aber nicht sah - weil er den Blick gesenkt und den Kopf zur Seite gedreht hielt. Er wollte Clarence nicht ansehen, denn er wusste schon in der allerersten Sekunde, dass der Blonde Antworten von ihm wollte.
Und die würde er ihm nicht geben. Nicht jetzt und nicht in Zukunft. Davon wiederum wusste Clarence nichts, welcher sich erhob und die wenigen Schritte zu ihm überbrückte um ihn in die Arme zu schließen.
Zunächst rührte sich Matthew nicht sondern blieb reglos stehen. Das Herz schlug ihm bis zum Halse. Er war überfordert, einerseits glücklich und andererseits von so plötzlichem Heimweh ergriffen, dass es ihm die Kehle zuschnürte. Er wollte hier weg. Er wollte mit Clarence raus hier, weit weg von diesen Leuten und ihren Bildschirmen.
Weit weg von Freizeiträumen, Bildschirmen und dem Gerede von Sicherheitsrisiken.
„Du verdammter Torfkopf…“ waren die ersten Worte die der Größere an ihn richtete und allein seine Stimme zu hören machte, dass Matthew die Tränen in die Augen stiegen.
Er hob seinen gesunden Arm und legte ihn um Clarence, sich fest an ihn schmiegend und nach Halt suchend - obgleich es an diesem Ort so etwas nicht geben konnte.
Und damit behielt er Recht, denn statt dort so etwas wie Trost zu finden schob ihn sein Mann schließlich an den Schultern von sich, musterte ihn und…. forderte Antworten. Cassiel löste sich beinahe sofort aus dem Griff des Hünen, wandte sich ab und ging ein paar Schritte auf Abstand.
„Hör auf damit. Bitte.“, er leckte sich über die Lippen und sah zögerlich zu dem Blonden. Es lag nahe, dass er wissen wollte wer für seinen Zustand verantwortlich war und Matthew verstand, dass er fragen musste.
„Ich will nicht darüber reden, hörst du? Ich hab… versucht keinen Ärger zu machen, das musst du mir glauben. Und es hat… ganz offensichtlich nicht geklappt. Mehr… mehr gibt es dazu nicht zu sagen.“
Unsicher und unbehaglich trat er von einem Bein auf das andere und betrachtete Clarence müde. Selten hatte er sich so erschöpft gefühlt wie im Augenblick. So Mut- und kraftlos.
„Ich…wie…“ - er schüttelte den Kopf, ließ die Schultern hängen und begann von vorne.
„Es tut mir leid…. das ich dich nicht sehen wollte. Ich wollte… ich wusste, dass du dir Sorgen machen würdest, wenn du mich so siehst. Deshalb dachte ich…“ Hilflos zuckte er die Achseln. „Es tut mir leid. Ich wollte dich nicht… nicht alleine lassen.“
Noch nie hatte es ihnen beiden gefallen, wenn sie vom wachsamen Blick des anderen auf Herz und Nieren überprüft worden waren. Sie kannten jedes Muttermal und jede Falte aneinander. Jede dunkle Kontur und jeden Farbklecks. An den meisten Tagen kannte er Cassies Körper sogar besser als seinen eigenen und anders herum konnte sein Mann gefühlt zweihundert verschiedene Nuancen an seinem Brummen perfekt deuten, noch bevor Clarence überhaupt dafür Luft geholt hatte.
Seit unzähligen Monaten, mittlerweile sogar Jahren, verbrachten sie fast ausnahmslos jeden Tag miteinander - unterbrochen nur durch wenige Tage in Coral Valley, einige schmerzhafte Monate nach Denver und jene Tage, die ihnen in diesem Bunker hier verloren gegangen waren. Sie kannten alles aneinander. Jede Marotte, jede Gewohnheit und jeden gottverdammten Gang ins Bad.
Aber darüber, was vor einigen Tagen geschehen war und weshalb Cassie ihn seitdem nicht mehr hatte sehen wollen, darüber wollte er nicht reden.
Ausgerechnet darüber.
Diese Verweigerung war wie ein Schlag ins Gesicht für Clarence.
Noch immer konnte er die warme Umarmung seines Mannes auf seinen Schultern spüren. Auch dann noch, als er sich längst aus seinem Griff befreit hatte und auf Abstand gegangen war.
Da stand er nun, nach all den Tagen ohne Lebenszeichen. Einige Meter von ihm entfernt und Unwillens, mit ihm darüber zu reden. Etwas, das der Jäger so nicht von seinem Mann kannte und das in ihm vermutlich mehr Alarmglocken weckte, als hätte Cassie ihn einfach mit einer hanebüchenen Geschichte abgeschüttelt.
„Aber das hast du. Du hast mich alleine gelassen“, echote er nüchtern die Entschuldigung seines Mannes, von der sie beide wussten, dass es keine war. Er musste irgendetwas sagen um Claire zu beschwichtigen, denn es gab keine Ausrede, die auch nur annähernd dafür ausreichte, um in dieser beschissenen Lage hier zu entschuldigen, dass Matthew sich verweigert hatte ihn zu treffen.
Sie waren in verfluchter Gefangenschaft. Sie waren von diesen… irren Quacksalbern entführt, unter Drogen gesetzt und festgehalten worden - und wurden es noch immer. Das einzige Quäntchen Hoffnung, das ihnen blieb um nicht selbst verrückt zu werden oder gar die Chance eines Fluchtplans zu entwickeln, war es, einander zu sehen. Dieses Quäntchen hatte Cassie ihnen genommen und mit Füßen getreten - so fühlte es sich jedenfalls an und dieses Gefühl machte ihn auch eine Weise verdammt wütend, wie er es sich die letzten Tage aus Sorge nicht erlaubt hatte. Er war sauer auf ihn. Er war sauer auf diese Leute. Vor allem aber war er sauer auf sich selbst, weil sie vermutlich nichtmal hier sitzen würden, wenn er nicht so sehr darauf beharrt hätte ihre Sachen zu packen und auf der Suche nach dem großen Unbekannten in die Berge aufzubrechen
Seine Worte, die er dem Jüngeren viel harscher vor die Füße geworfen hatte als sie gemeint gewesen waren, gewonnen ungewollt für einen Moment an Intensität, während dem Clarence schwieg. Bei ihnen Zuhause hätte vermutlich das leise Ticken einer Uhr oder das Schnarchen der Hunde die Stille unterbrochen, doch hier im Quartier war es lediglich das Rauschen von Blättern im Wind, das ihren Raum einkleidete. Simuliertes Rauschen, verstand sich.
Unsicher strich er sich den Overall am Bauch glatt, eine ruhelose Geste die bewies, wie überfordert auch er selbst mit der gesamten Situation und sich selbst war.
„Ich weiß, dass du das nicht wolltest. Und ich wollte nicht unfair werden. Tut mir leid“, erhob Clarence schließlich wieder die Stimme, seinen Mann aus der Entfernung abermals musternd.
Cassies Gesicht sah beinahe fürchterlicher aus als sein eigenes vor zwei Wochen und seine Fingerspitzen, die gerade noch aus dem dicken Verband heraus ragten, waren so fürchterlich blau, dass es dem Hünen flau im Magen wurde. Wenn er es nicht besser wüsste hätte er meinen können, dass sein Mann zumindest mit der Hand im Fleischwolf gelandet war, wenn schon nicht komplett - und so sehr es ihn danach drängte die Distanz zu seinem Mann wieder zu überwinden und sich seine Hand aus der Nähe zu besehen, genauso sehr scheute er davor ihn dadurch nur noch mehr zu verschrecken. Denn erledigt war das Thema für den Blonden noch lange nicht.
„Ich weiß, dass du keinen Ärger gemacht hast. Irgendeiner von den Typen hier hat dich angegriffen. Aber ich weiß nicht wer oder warum“, brachte er den Dunkelhaarigen deshalb auf den Stand seines Wissens, in der Hoffnung, dass er damit vielleicht schon deutlich mehr wusste als sein Mann dachte und die restlichen Informationen sich dadurch von selbst ergaben. „Und was ich auch nicht weiß ist, warum du so tust, als ob… ob… - als ob du vor mir irgendetwas verschweigen müsstest. Ich bin dein Ehemann, Matthew. Und du bist meiner. Ich bin dein und du bist mein und ich habe das Recht zu erfahren was dir passiert ist!“
Was hatte der Kerl erwartet?
„Du kommst hier rein mit blutunterlaufenem Gesicht, mit geschientem Arm, der… gebrochen ist oder…“ - nach Worten suchend deutete er hilflos in seine Richtung, denn genauso gut konnte seine Hand abgehackt und wieder angenäht sein oder sonstwas, immerhin wusste er es nicht, denn Cassie Will nicht darüber reden, hörst du?
„Dein ganzer Hals ist blau. Sag mir nicht, dass mich das nichts angeht!“, fiel es ihm erst jetzt ins Auge und wenn ihn vorher schon nichts dazu bewegt hatte Cassie wieder zu mehr Nähe zu nötigen, diese Erkenntnis tat es schließlich. „Wenn du nicht angefangen hast und nicht dafür verantwortlich bist, will ich wissen wer dich warum so zugerichtet hat. Das hier ist kein… kein Berglöwenbiss den du vor mir verstecken darfst, weil du zu dickköpfig bist um deine Tabletten zu nehmen. Das hier ist was völlig anderes.“
Gut, er selbst war zu dickköpfig gewesen seine Tabletten zu nehmen. Aber das war das einzige, was ihm als naheliegender Vergleich auf die Schnelle einfiel und Cassie musste ihm einfach zustimmen, dass er damit recht hatte.
Hatte Matthew wirklich geglaubt seine Worte würden das Thema beenden?
Nein.
Hatte Matthew wirklich geglaubt seine Worte würden das Thema zumindest vertagen?
Nein. Er hatte es aber gehofft.
Aber seine Hoffnung wurde zügig im Keim erstickt, denn Clarence konnte - zurecht - nicht vergessen, dass Cassie ihn hier allein gelassen hatte. Er hatte die Treffen der letzten vier Tage schlichtweg abgelehnt und hätte sich auch dem heutigen Wiedersehen verweigert, wenn man ihm denn die Wahl nicht abgenommen hätte.
Die Erwiderung seines Mannes, so nüchtern und schlicht, tat weh weil sie wahr war und Matthew bemühte sich nicht darum eine Rechtfertigung zu suchen.
Still musterte er den Tisch während Clarence ihn musterte und es herrschte für einen langen Moment eine angespannte Stille zwischen ihnen. Selten nur hatte es eine derartig unangenehme Ruhe zwischen ihnen gegeben, doch anders als sonst fielen Matthew heute keine Worte ein um sie zu füllen. Es war an Clarence das Schweigen wieder zu brechen und - zumindest vage - einzulenken.
Bei seiner Entschuldigung sah Matthew ihn verstohlen an, dann nickte er bestätigend. „Schon okay.“, erwiderte er kleinlaut und entspannte sich zumindest ein bisschen - allerdings nur kurz, denn Clarence ließ es nicht darauf bewenden. Der Wildling redete sich in Rage, sein ganzes Unverständnis, seine Sorge und seine Enttäuschung brachen sich in seinen Worten Bahn. Zwar schrie der Blonde ihn nicht an, doch seine Stimme war drängend und vehement. Es war ihm nicht nur ernst, er war wütend weil Cassiel ihn vermeintlich ausschloss.
Matt schloss für einen Moment resigniert die Augen.
Nicht, weil er genervt oder wütend war - sondern weil er nicht wusste, wie er Clarence begreiflich machen sollte warum er schwieg. Und weil er gleichsam wusste, dass er Clarence mit seinem Schweigen verletzte obgleich er dem Blonden keinesfalls wehtun wollte.
Alles was sein Mann forderte war die Wahrheit und Matt wusste wie beschissen es sich anfühlte, wenn man diese Wahrheit von dem Menschen den man liebte nicht bekam.
„Ich sag nicht, dass dich das nichts angeht…“ entgegnete er schließlich leise und sah zu seinem Mann welcher wieder ein Stück näher gekommen war.
„Ich bin…dein und du bist mein. Das hab ich…nicht vergessen.“ - das könnte er niemals vergessen.
„Du erinnerst dich sicher noch… an Sally Mitchell, hm?“ - eine rein rhetorische Frage, Clarence würde ihren Namen so wenig vergessen wie die Zeilen des Vater Unser.
„…ich wollte nicht, dass sie stirbt. Du hast das so entschieden und ich… ich werfe dir das nicht vor. Aber damals… waren wir frei und wir sind von dort weg. Keiner hat uns… festgehalten.“
Verstand Clarence worauf er hinauswollte?
Zum ersten Mal seit man den Jüngeren vor ein Paar Minuten hierher gebracht hatte, sah er Clarence nun direkt an und hielt dem Blick seiner grauen Eiswasseraugen stand.
„Hier können wir nicht weg. Und ich weiß was passieren wird, wenn ich dir Namen nenne oder auf Gesichter zeige.“
Jetzt war es an Matthew zu schweigen und die Stille verschaffte dem Gesagten eine besondere Schwere.
„Du würdest denjenigen töten oder bei dem Versuch es zutun selbst draufgehen. Das hier ist nich Cascade Hill und der der hierfür verantwortlich ist, nicht Sally Mitchell.“
Das war ein Teil der Wahrheit. Ein beachtlicher Teil sogar. Doch es war nicht ganz alles.
Ein weiterer Grund war, dass Matthew nicht darüber reden wollte weil er dem Geschehen schlichtweg nicht mehr Raum geben wollte als es ohnehin schon einnahm. Im Gegenteil: er wollte es vergessen. Er wollte es ausblenden.
Was in jenen sieben Minuten geschehen war, die weder aufgezeichnet noch sonst irgendwie dokumentiert worden waren, war nichts das er mit Clarence teilen konnte.
„Ich könnte … niemals ertragen dich zu verlieren, verstehst du? Und das würde ich, weil du… nicht aufhören würdest.“
Clarence war ein Bär von einem Mann - aber er kämpfte wie ein verdammter Löwe, wenn es um ihn ging.
Dann nahm er keine Rücksicht auf Verluste und würde ohne zu zögern sein eigenes Leben aufs Spiel setzen.
Diese Eigenschaft war zugleich schmeichelhaft für Cassie wie sie gefährlich für Clarence war und bei allem was Matthew bereits verloren hatte: Clarence zu verlieren, das würde er nicht überstehen.
„Ohne dich geh ich drauf. Hier drinnen und überall sonst. Ich…Ich brauche dich.“ wie sehr er ihn brauchte, davon hatte Clarence wahrscheinlich keine Ahnung.
„Ich weiß…Ich seh beschissen aus…aber…aber abgesehen davon, bin ich noch der gleiche. Also…also…“ Seine Beherrschung - ohnehin ein fragiles Ding - geriet zunehmend ins Wanken.
„…sieh mich nicht so an als wäre ich…ein Fremder. Ich bin dein und du bist mein. Jetzt und…für immer.“
In diesem Moment verstand Clarence die Welt nicht mehr und er machte keinen Hehl daraus. Keine Erklärung der Welt würde ihm jemals sinnvoll erklären können, warum Matthew ihm derartige Informationen vorenthielt und selbst als er versuchte es dem Blonden begreiflich zu machen, sprach pures Unverständnis aus seinem Blick.
Es ging ihn etwas an.
Matthew gehörte nicht nur zu ihm - er war sein. Und Clarence gehörte ihm.
Das war die Grundlage ihrer Ehe und der Grund dafür, weshalb es ein ungeschriebenes Gesetz geworden war, gut auf sich selbst Acht zu geben. Der oftmals starrköpfige Schamane hatte seine Wunden versorgen zu lassen, hatte Antibiotika einzunehmen wenn er krank war. Er hatte keine übermütigen Entscheidungen mehr zu treffen, mit denen er sich selbst in Gefahr brachte. Matthews Job war es, ebenso dafür Sorge zu tragen, dass er dem Jäger schön heil blieb und er Gefahren abwendete, wenn dies möglich war.
Natürlich ging das nicht immer. Manchmal waren die vorherrschenden Mächte so überlegen, dass es letztlich nur noch darum gehen konnte zu überleben, nicht heil zu bleiben.
Matthew hatte überlebt. Er hatte einen Kampf ausgefochten für den er nicht verantwortlich war und den er nicht weiter provoziert hatte - zumindest insofern man den Worten dieser dunkelhaarigen Tante Glauben schenken durfte. Er hatte getan was nötig war um lebend zu Clarence zurück zu kommen. Schenkte man den Verletzungen seines Mannes aufmerksam Beachtung und zog die nötigen Schlüsse, war es vermutlich ein Kampf um Leben oder Tod gewesen - so wie die meisten Kämpfe es leider waren in der Welt, in der sie lebten.
Aber Matthew war kein exzellenter Nahkämpfer, wenn er den falschen Gegner hatte. Das wussten sie, denn die Erfahrung der letzten Jahre hatte ihnen das oft genug gezeigt. Er war zwar nicht schlecht, aber eben auch nicht exzellent, wenn er einem großen, wuchtigen Typen gegenüber stand, den er rein physisch nicht zu greifen wusste. Cassie ermordete seine Gegner durch gezielte Schüsse und durch Hinterlist. Er war ein Meister darin vorausschauend auszuweichen, den Ort für sich zu nutzen und Waffen aus etwas zu schaffen, das für den Blonden nicht mehr war als Wald und Stein.
Hatte er also in den vergangenen Tagen einen Kampf auf Leben und Tod mit jemandem ausgefochten, so war das unterm Strich besorgniserregend, aber nichts ungewöhnliches. Nichts, was ihnen noch nie während ihrer gemeinsamen Zeit begegnet wäre. Nichts, dessen Ablauf oder Grund man hätte verschweigen müssen. Solch ein Kampf wäre etwas, wovon sein Mann ihm hätte erzählen können, jedoch ohne den Namen desjenigen zu nennen, der ihn konfrontiert hatte.
All diese Gedanken und noch mehr schossen Clarence durch den Kopf, während sein Mann kleinlaut, ja fast fragil vor ihm stand und jegliches Selbstvertrauen vermissen ließ, das sonst zu ihm gehörte. Aber seine Bedrückung war mehr als das. Mehr als die Unterlegenheit in einem Kampf und mehr als der Verdruss darüber, dass er Clarence beichten musste, nicht gut auf sich Acht gegeben zu haben.
Argwöhnisch legte sich sein blondes Haupt schief, während er seinen Ehemann beobachtete, als sei ihm etwas fürchterlich offensichtliches entgangen, das ihm eigentlich ins Gesicht springen musste. Natürlich erinnerte er sich an Sally Mitchell, immerhin hatte sie versucht seinen Mann umzubringen. Besessenheit hin oder her. Aber derjenige, der für die Verletzungen Matthews heute verantwortlich war, war nicht Sally Mitchell. Er war keine zurückgebliebene Frau, die am untersten Ende der Nahrungskette stand. Vermutlich war er nicht einmal jemand, der sich in der Mitte eben jener Kette aufhielt, sondern deutlich weiter oben saß. Damit hatte Cassie ihm vielleicht schon mehr verraten als er jemals vorgehabt hatte - aber mittlerweile ging es dem Hünen mit jedem Wort seines Mannes schon lange nicht mehr um das Wer, sondern um das Was.
Denn dieses Was war etwas, das ihn nicht davon aufhalten würde seine Rache zu suchen, ganz gleich was das für Konsequenzen haben würde - prophezeite Matthew ihm, der ihn besser kannte als jeder Mensch sonst auf der Welt. Dieses Was war etwas, das der Jüngere noch immer mit keinem einzigen Wort erwähnt hatte, obwohl er so viel redete ohne auch nur das geringste bisschen zu sagen. Und Matthew sagte ihm sonst verdammt viel. Viel mehr, als er sonst jemandem je erzählt hatte. Dinge, von denen er befürchtet hatte, Clarence würde sich deshalb von ihm abwenden und ihn verlassen.
Aber was in den vergangenen Tagen passiert war, das erzählte er nicht. Aber der Gleiche wie vorher war er noch, beteuerte er.
Wortlos griff er nach dem nicht bandagierten Handgelenk seines Mannes, ihn auf eine Weise festhaltend die nicht nach Nähe suchte sondern die ihn davon abhalten würde sich gegen Claires Willen von ihm zu entfernen, während er ihn mit durchdringendem Blick musterte. Noch immer suchte er in Matthew eine Antwort die ihm alles offenbarte und die ihm eben jene Gedanken, die ihm durch den Kopf gingen und die ihm das flaue Gefühl im Magen nur noch verstärkten, entkräfteten würden. Doch er fand keine Antwort und deshalb musste der Jäger schließlich das aussprechen, was seine größte Befürchtung war:
„Hat er dich angefasst, Matthew?“ - Unerwartet kräftig waren seine Worte und auch sein Griff geworden; kräftiger jedenfalls als die Farbe seines Gesichtes, in das mit jedem weiteren Gedanken ein fahlerer Ausdruck getreten war. Er verstand was sein Mann mit dem Vergleich zu Sally sagen wollte. Aber er war auch nicht dumm - wenn sich von seinen Gefühlen leiten lassen bedeuten würde, dass sie nie wieder hier raus kamen, war er durchaus in der Lage sein Handeln zu überdenken.
Aber es gab wenige Gründe, wegen denen er das nicht tun würde. Da hatte der Jüngere Recht. Und er wusste auch ganz genau was diese Gründe sein würden, die er dem Jäger besser verschwieg.
„Ich meine, hat er dich… nicht angegriffen. Hat er dich angefasst, sich dir aufgezwungen“, versuchte er Worte für das zu finden, was für ihn unaussprechlich war. Alleine die Vorstellung, dass genau das passiert sein könnte, ließ in ihm schon jetzt ein Gefühl aufsteigen, das für den Blonden unerträglich war - und das weit über Wut oder Panik hinaus ging. „Wenn er das gemacht hat, musst du mir das sagen. Du musst, du… musst mir nicht sagen wer es war. Aber du musst mir sagen was dir passiert ist, sonst…“
Sonst drehe ich durch, war die Quintessenz seiner Worte und bei Gott, er tat es ja jetzt schon.
Reglos stand Matthew da und versuchte die Unruhe des Blonden nicht in sich selbst aufzunehmen. Er war aufgebracht, er war besorgt. Aber einer von ihnen beiden musste die Ruhe bewahren, musste die Dinge nüchtern sehen. Musste bedenken in welcher Situation sie waren. Und dieser Jemand war gerade nicht Clarence.
Also wartete Matthew stumm und angespannt - darum bemüht sich jene Anspannung nicht anmerken zu lassen.
Wie ein Ladendieb den ein Gesetzeshüter angesprochen hatte. Er wusste, Clarence würde sich nicht abbringen lassen so wie ein Langfinger wusste, dass der Gesetzeshüter dem man ins Auge gefallen war gleich etwas sagen würde wie:
„Zeigen Sie doch mal Ihre Tasche her. Ja, auch den Rucksack. Danke.“ - und nach einem Blick in das Innere der Taschen und Beutel würde er sagen: „Na sieh mal einer an.“ - und dann war man geliefert.
Matthew spürte den ruhelosen Blick des Blonden auf sich, wie ein Dieb den Blick des Ordnungshüters.
Er hatte versucht ihm den Grund für sein Schweigen begreiflich zu machen, ihm zu vermitteln warum er dieses eine Mal nicht darüber reden konnte was passiert war. Nämlich: weil es sicherer war. Clarence war ein helles Köpfchen - aber er war auch immer nur eine Blessur von Matthew entfernt, auszuticken.
Das war nicht übertrieben, der Blonde wusste das selbst.
Sie saßen hier auf dem Präsentierteller, waren eingepfercht und ihrer Waffen beraubt. Dabei war es egal ob die Zimmer leer oder möbliert waren: sie waren deshalb nicht weniger Gefangene als noch Tage zuvor.
Sie mussten jetzt besonnen handeln, durften sich keine Fehler erlauben, emotionale und übereilte Handlungen könnten ihren Tod bedeuten. Matthew wusste das und deswegen war Schweigen Gold.
Clarence griff nach der gesunden Hand des Jüngeren. Er hatte bisher nichts auf die Erklärung Matthews erwidert, hatte lediglich dagestanden und ihn prüfend angesehen - wie einen Ladendieb- und nun, noch immer schweigend, umfasste er sein Handgelenk. Jenes, dessen Hand und Finger nicht gebrochen war.
Aber es war keine liebevolle Geste aus der ein Einlenken des Größeren abzuleiten gewesen wäre. Keine Berührung die sagte: „Ich sehe es ein. Du hast recht. Es gibt jetzt wichtigeres.“
Denn bei Gott es gab wichtigeres.
Hier raus kommen zum Beispiel.
Doch nicht so für Clarence. Der Blonde sah überhaupt nicht ein zu erkennen, dass Matthew gut daran tat zu schweigen.
Es gab triftige Gründe. Gründe, von denen Clarence nichts wissen wollte. Gründe, die er nicht durchgehen ließ.
Das Beispiel Sally Mitchell war dabei so treffend gewählt, dass Matthew nicht wusste wie er es noch besser formulieren sollte. Er zwang sich dabei zu dem Größeren aufzusehen und war bereit es mit anderen Worten zu versuchen, da öffnete Clarence den Mund.
“Hat er dich angefasst, Matthew?“
Die Frage traf ihn wie ein Schlag in die Magengrube. Ihm wurde erst heiß, dann kalt und reflexartig hastig erwiderte er empört: „Was? Nein!“ er verzog das Gesicht zu einer Miene der Ablehnung und zog an seinem Handgelenk um es zu befreien. Aber Clarence ließ ihn nicht los und Matthew stierte konzentriert auf die Hand herunter die ihn festhielt und die dafür sorgte, dass er einen Grund hatte, Clarence nicht mehr ins Gesicht sehen zu müssen.
„…hat er dich nicht angegriffen, hat er dich angefasst. Sich dir aufgezwungen.“ jetzt zerrte Matthew an seiner Hand, Trotz und Panik überfielen ihn in einer unerträglichen Intensität.
Abermals verzog er das Gesicht zu einer Grimasse aus Wut, Verzweiflung und Schmerz. Die Augenbrauen zusammengezogen, die Lippen fest aufeinandergepresst. Er wollte verdammt nochmal nicht darüber reden, was war daran so schwer zu begreifen? Aber Clarence ließ nicht locker. Er hörte einfach nicht auf zu fragen. Wie ein Bluthund, der einer Fährte folgte hatte sich Clarence dazu entschlossen dem Was auf den Grund zu gehen. Sein Drängen war dabei so vehement, so unerbittlich, dass er Matthew jedwede Chance auf einen geordneten Rückzug nahm. Die Gedanken des Jüngeren überschlugen sich, so wie sich sein Herzschlag überschlug. Die Stimme seines Mannes klingelte in seinen Ohren - die Forderung darin, die Sorge darin. Aber es war mehr als das. Es war nackte Panik - eine Version jener entsetzlichen Angst die in Matthew tobte und ihn entzweiriss.
Schwindel erfasste ihn und er fühlte sich als würde er schwanken - dabei stand er ganz still, starrte verzweifelt und unwillig auf die Hand die ihn noch immer festhielt während seine Gedanken mit unkontrollierter Geschwindigkeit durch seinen Schädel rasten.
„…musst du es mir sagen, musst du es mir sagen, musst du es mir sagen. Du musst, du musst, du musst…“
Warum konnte Clarence nicht aufhören? Warum konnte er ihn nicht freigeben und sein Nichtwissen hinnehmen? Matthew biss die Zähne so fest aufeinander, dass seine Wangen kurz zuckten. Sein Mund fühlte sich trocken an, er konnte nichts mehr sagen, keine Ausrede mehr suchen und noch bevor er eine Antwort gab, spiegelte sich in seinem Gesicht die ganze Bandbreite von Verzweiflung und Wut, bis hin zu Kummer und Schmerz. Hätte er gekonnt, er wäre zurückgewichen - aber Clarence ließ ihn nicht, wie Matthew erneut feststellte als er sich entwinden wollte- und in jenem Moment übermannten ihn seine Gefühle endgültig und er schrie seinem Mann die Antwort entgegen.
„Ja!Verdammt, ja!“ brüllte er und hob den Blick in das Gesicht seines Mannes. Matthews Nasenflügel bebten, seine Lippen zitterten und in seinen Augen lag ein erdrückender Schmerz. Tränen waren in sie gestiegen aber der junge Mann rang sie mit eisernem Trotz nieder sodass keine einzige von ihnen tatsächlich geweint wurde.
„Er hat… er hat sich mir… Er hat…“ - ein Schauer durchfuhr Matt und er schüttelte den Kopf, schlug die Augen kurz nieder und brachte es nicht fertig Clarence‘ Umschreibung aufzugreifen - obwohl aufgedrängt passend gewesen war.
Als er den Blonden schließlich wieder ansah, waren Angst und auch Wut zurück in seinem Blick.
„Und… und was jetzt? Was willst du jetzt machen?“ verbittert verzog er den Mund. Er fühlte sich unaussprechlich - all das war unaussprechlich und trotzdem hatte Clarence ihn dazu verdammt es in Worte zu kleiden und das Geschehen damit noch realer zu machen. Dabei konnte er es so oder so nicht mehr ändern. Niemand konnte das, warum dann überhaupt darüber reden? Es war die verfluchten Worte gar nicht wert!
Und obgleich Matthew bis eben noch wütend auf Clarence gewesen war, war jene Wut nun verflogen. Was blieb waren quälende Scham und beißender Schmerz, der sich durch nichts bezwingen ließ. Selbst wenn er sich verbot zu weinen um sich selbst eine gewisse Stärke zu beweisen.
Er hatte geglaubt, es nicht zu benennen würde es weniger echt machen. Vielleicht wäre es ihm irgendwann gelungen sich erfolgreich einzureden alles sei nur ein Fiebertraum gewesen - oder ein Alptraum, hervorgerufen durch den Stress und irgendwelchen Drogen, die man ihm hier heimlich gab. Aber das ging nun nicht mehr.
Wahrscheinlich hätte es ohnehin nie funktioniert - doch nun war diese winzige Chance dahin und gar nichts war dadurch besser geworden. Nur bitterer.
„W-was jetzt, hm?“, wiederholte er seine Frage ruhiger, wenngleich nicht minder verzweifelt.
„Die bringen dich um, wenn du zum Problem wirst.“ - keine Frage, kein Zweifel - eine nüchterne Aussage die den Tatsachen entsprach. Sie hatten hier unten keine Chance, sie waren diesen Leuten in ihren weißen Kitteln und mit ihren Klemmbrettern ausgeliefert. Und - daran gab es nicht die leiseste Spur eines Zweifels - man würde sie töten, wenn sie nicht folgsam waren.
Und selbst nach allem was Matthew geschehen war, war die Vorstellung von Clarence‘ Tod noch immer das schlimmste.
„Ich ertrag‘s nicht, wenn die dich umbringen. Tu mir…tu mir das nicht an.“
In diesem Moment war es gleich wo sie waren oder wann sie waren. Es war Clarence egal wie viele Tage man sie bereits hier gefangen hielt. Ob ihre Zelle ein gemütliches Bett hatte, das sie sich miteinander teilen durften, oder ob seine vier Wände weiterhin weiß waren und nichtmal die Simulation eines Waldes seinem Gemüt etwas Frohsinn verschaffen konnte.
In jenem Moment, als Cassie seine erste Antwort gab war alles egal - nicht weil er Clarence‘ Befürchtungen verneinte, sondern weil er dabei am Griff um sein Handgelenk zog in einer derart ablehnenden Manier, dass der Blonde augenblicklich wusste, er hatte Recht. Denn wäre es nicht so, wäre seine Befürchtung unnötig, Matthew wäre alleine über die Besorgnis seines Mannes derart erschrocken gewesen, dass er den Jäger sofort beschwichtigt hätte anstatt den Versuch zu wagen sich ihm zu entziehen.
Umso mehr der Jüngere versuchte sich ihm zu entwinden, umso kräftiger wurde mit jedem Ruck sein Griff. Ähnlich einer Bärenfalle, die sich nur noch tiefer im Fleisch vergrub, je mehr man versuchte an seinem Bein zu zerren und heraus zu kommen. Er konnte es nicht zulassen Matthew freizugeben bevor er ausgesprochen hatte was gesagt werden musste und gleichzeitig konnte er nicht zulassen selbst ohne irgendwelchen Halt dazustehen den er brauchte, als ihm sein Mann schließlich sein so vehementes wie auch verzweifeltes ‚Ja! Verdammt, ja!‘ ins Gesicht spie - und für einen Moment die Welt um ihn herum stillstehen ließ.
Es hatte sie gegeben, die winzige Möglichkeit, dass Cassie seine Befürchtungen doch noch entkräftigte. Diese kleine Chance, dass er nur erbost darüber war, dass Clarence ihm nicht zutraute sich gegen derartiges zu wehren oder dass er ihm nicht genug kämpferisches Geschick zutraute. Dass es Wut darüber war, nach all der Zeit der Trennung derartige Fragen gestellt zu bekommen anstatt der gemeinsamen Zeit entgegen zu blicken. Aber es war keine Wut über das, was der Ältere ihm unterstellte, sondern darüber, dass er Recht hatte.
Ein Recht, das Clarence har nicht haben wollte und von dem er selbst jetzt noch hoffte, dass Cassie es wieder entkräftete, kaum, dass er es in den Raum geschrien hatte.
Aber das tat er nicht und diese Erkenntnis traf den Blonden mit einer derartigen Härte, wie er sie nur selten und in ähnlichen Momenten wie diesen hier erlebt hatte.
All die Wut und der Hass, die zweifellos über allem gethront hätten, hätte sein Mann ihm bereits nach Eintritt in ihr gemeinsames Quartier berichtet was erzählt war, waren längst hinweg gespült von jener Panik, die während ihrer Diskussion zunehmend in ihm erwacht waren. Aber Clarence sehnte sich nach dieser Wut. Er wollte auf die Türen einschlagen und diesen Leuten drohen, dass er sie allesamt umbringen würde, wenn sie das Quartier nicht sofort öffneten und ihm den Schuldigen brachten, der hierfür verantwortlich war. Er wollte die Kamera in der Zimmerecke einschlagen und diese Menschen dazu zwingen jemanden zu schicken der sie reparierte, um eine Möglichkeit zu bekommen hier raus zu kommen oder wenigstens jemanden zur Geisel zu nehmen. Seit Tagen und Wochen warf man ihnen vor eine Gefahr für die Sicherheit zu sein, während man sich einen Dreck um die Sicherheit seines Mannes scherte - und alleine dafür verdienten diese Leute, dass sie es heimgezahlt bekamen. Allesamt.
Aber Matthew hatte ihm längst die Chance genommen derart auszurasten, denn mit jedem Wort des Herauswindens und der Beschwichtigung war, statt Raum für Aggression zu lassen, Panik und Sorge an den gleichen Platz gerückt. Eine unbeschreibliche Angst, die alles derart übertünchte, dass dem Blonden gar kein klarer Gedanke mehr blieb etwas anderes als Schmerz über das zu empfinden, was Cassie ihm nochmals und abermals bestätigte.
‚Ja! Verdammt, ja!‘, hallte es in seinen Ohren wider und noch immer suchte er ruhelos in den Iriden des Jüngeren nach irgendeinem Hinweis darauf, dass er seine Worte gleich wieder zurück nehmen würde. Es als geschmacklosen Scherz offenbaren. Als Rache dafür, dass Clarence sie hierher gebracht hatte an diesen Ort.
Aber er fand diesen Hinweis nicht.
Alles, was in diesen kandisfarbenen Augen lag, die ihn sonst funkelnd und verliebt und voller Lebensfreude anhimmelten, war Verbitterung, Schmerz und Verzweiflung gewichen.
Matthew war sein. Sein Alles. Sein Gestern und Morgen. Sein schimmernder Staub auf dem Grund, den er ihm zurückgegeben hatte. Matthew war sein Mehr, das ihm das Leben wieder lebenswert gemacht hatte. Sein ganzes Glück.
Seine ganze Welt, die er so sehr liebte.
‚Alles was... die mir genommen haben, g-gibst du mir zurück. Das musst du wissen, egal was passiert‘, hatte Matthew ihm damals, vor ihrer Hochzeit, in der Villa von Jeyne Copper versichert. Damals, als er ihm zum ersten Mal davon erzählt hatte, was in seiner Vergangenheit lag. Ein Alles, von dem Clarence gehofft und erwartet und gedacht hatte, dass man es Matthew niemals mehr wieder nehmen würde. Dass nie wieder jemand kam und ausgerechnet das von Cassie nahm, das er nicht hergeben wollte - etwas, das ihn derart wütend machte wenn er es laut aussprechen musste, nur weil der Blonde ihn dazu zwang es in Worte zu fassen.
Aber er musste es Clarence sagen.
Und Clarence musste es wissen, auch wenn er sich noch in der gleichen Sekunde wünschte es niemals gehört zu haben.
Sie hätten ihnen alles nehmen können. Finger, Hände, Beine - der Jäger hätte alles davon hergegeben und würde es auch jetzt noch, hätte er die Chance etwas davon gegen das einzutauschen, was mit seinem Mann geschehen war. Vielleicht, so dachte er kurz während er Matthew betrachtet, vielleicht hätte sein Mann sogar lieber sein Leben gegeben als das zu ertragen, was passiert war - ganz gleich ob er Claire damit auf dieser Welt alleine ließ oder nicht.
Und hatte er selbst nicht eben noch seinem Mann vorgeworfen ihn alleine gelassen zu haben? Ein Vorwurf, der ihm nun grausam und selbstsüchtig vorkam, wo er den Grund dafür kannte, warum Matthew nicht bei ihm gewesen war.
Im Gegensatz zu seinem Gegenüber war es kein Trotz, der Clarence plagte, und der ihn deshalb seine Tränen der Verzweiflung auch nicht hinab schlucken ließ. Lautlos hatten sie sich just in jenem Augenblick, als der Dunkelhaarige seine Befürchtungen bejaht hatte, begonnen ihren Weg seine Wangen hinab zu bahnen - unaufhörlich und verbunden mit einem Schmerz, für den er keine Worte fand. Das letzte Mal, dass er sich so erschrocken und machtlos gefühlt hatte wie jetzt, war damals gewesen, als er seine Eltern im Morgengrauen ermordet aufgefunden hatte. Es war ein Leid, das ohnegleichen war und sich alleine daraus erhob, dass er wusste was es bedeutete, dass derartiges schon wieder geschehen war. Nicht zum ersten Mal.
Still versuchte der Blonde die Lippen aufeinander zu pressen und dem Schmerz, der drohte sein Gesicht zu verzerren, so wenig Raum wie möglich zu lassen. Die frage nach dem ‚Was jetzt?‘ blieb vorerst unbeantwortet, denn würde er auch nur versuchen ein einziges Wort darauf zu entgegnen, er wusste, dass er sich dann nicht mehr unter Kontrolle haben würde. Aber das ging nicht, denn Cassie war doch derjenige, der jeglicher Schmerz und sein Trost zustand. Clarence hingegen war… nicht da gewesen. Weder um ihn zu beschützen, noch um jene Last mit ihm zu tragen, unter der ein einzelner zusammenbrach.
Schmerz und Trauer hielten ihm die Kehle zugeschnürt, während er seinen Griff um das fremde Handgelenk gelockert hatte, nur um mit den Fingerspitzen sachte hinab in die Hand seines Mannes zu gleiten und ihre Finger miteinander zu verschränken. Ruhelos suchte er in den Augen seines Mannes nach Ablehnung, nach Dingen die ihn sich von Clarence abstießen ließen obwohl er beteuerte noch immer der Alte zu sein. Doch zumindest für den Moment erkannte er keinen Funken des Widerwillens in Matthews Blick.
Vorsichtig und beinahe scheu streichelte er mit der anderen Hand über den Handrücken seines Mannes hinweg und erstmalig löste er ihren Blickkontakt, um über die genähte Braue und schließlich auf die dunklen, geschienten Finger hinab zu sehen. Er war ihm so unglaublich kostbar, dass sein bloßer Verstand gar nicht recht begreifen wollte, wie man überhaupt solche Gewalt gegen einen Menschen wie ihn anwenden konnte - und es zerriss ihn innerlich zu sehen und zu wissen, dass nicht nur der Akt an sich über Matthew ergangen war, sondern ihm in diesem Rahmen noch weit mehr Verletzungen zugefügt worden waren.
‚Was jetzt?‘, war eine Frage auf die er keine Antwort fand und vermutlich würde er nichtmal eine auf ‚Was morgen?‘ oder ‚Was künftig?‘ finden.
Es gab keine Lösung für das was geschehen war. Keine Möglichkeit die Uhren zurück zu drehen. Keine Möglichkeit Matthew wieder heil zu machen, so wie er es die vergangenen Jahre bereits getan hatte.
Und auch diese Erkenntnis brach den Blonden auf eine Weise, wie er es niemals für möglich gehalten hätte.
Mittlerweile war Matthews Anblick durch seine lautlosen Tränen verschwommen, denen er noch immer keinen Laut zugestanden hatte. Weich und vertraut fühlte sich die Hand seines Mannes unter seinen Fingern an und obwohl er beteuert hatte, er sei noch immer der Gleiche, wussten sie beide, dass das nicht stimmte. Was geschehen war, ließ einen nicht der Mensch von vorher bleiben. So funktionierten solche Dinge nicht.
„I-Ich…“, hilflos versuchte er sich über den Schmerz in seiner zugeschnürten Kehle zu erheben. Zum ersten Mal, seit sie sich kannten, wusste Clarence nicht was die richtigen Worte waren. Nicht was zu tun war. Nicht wie es weiter ging. Nicht, wie er Matthew helfen konnte bei etwas, für das es keine Hilfe gab.
„Ich… w-werd n-nicht… zum P-Problem. Nicht h-hier, ich… ich v-versprech‘s. Ich versprech‘s bei a-allem… allem was mir heilig ist. D-Du darfst mir… sag mir… du…“
Schwer schluckte er, bevor er die Hand vorsichtig zu Cassies Gesicht hob und sachte über seine Wange legte, um ihm mit dem Daumen zärtlich über sie hinweg zu streicheln. Noch immer war er so erschrocken, dass es ihm schwer fiel einzelne Gedanken festzuhalten und ihnen nachzugehen und doch war auch jener Schreck längst einer tiefen, unendlichen Traurigkeit gewichen, die alles übertünchte.
„D-Du kannst… darfst mich… n-nicht wissen lassen, wer… w-wenn ich es weiß, dann… dann k-kann ich nicht… vielleicht werd ich dann…“ - Tief atmete Clarence ein und um den Knoten aus seinem Hals zu lösen, mit mäßigem Erfolg. Ohne sich von Cassie zu lösen, versuchte er an den Schultern seine Tränen zu trocknen, was jedoch auch nur für den Moment eine Hilfe darstellte.
„Wenn du es mir s-sagst, dann… k-kann ich für nichts garantieren. Also… b-behalt es für dich s-so lange wir h-hier sind, egal wie… wie oft ich danach fragen werde. D-Du kennst mich, ich bin… nicht b-besonders zurechnungsfähig, wenn‘s um d-dich geht…“
Oh, das wusste Matthew - nicht umsonst hatte er versucht den Blonden in Unwissenheit zu lassen. Aber das war kaum möglich, dafür kannten sie einander einfach zu gut.
Vorsichtig löste er seine Finger aus der Verschränkung mit denen des Dunkelhaarigen und umfing nun auch von der anderen Seite Matthews Gesicht mit einer liebevollen Berührung. So sehr es ihn auch zerriss und ihm weh tat, genauso gut war es, dass Cassie die Wahrheit nicht für sich behalten hatte. Nicht, nachdem Clarence sich sicher gewesen war, dass hinter seinen Verletzungen noch weit mehr steckte als ein bloßer Kampf.
„D-Deine Hand…“, setzte er leise an, während er die braunen Augen des Jüngeren musterte. Seine blonden Brauen waren sorgenvoll zusammengezogen und der vernünftige Teil in ihm wusste, dass er schon viel mehr in Erfahrung gebracht hatte, als gut für ihn war. Aber um Vernunft scherte sich der Jäger schon nicht mehr seitdem er damals begonnen hatte sich in ihn zu verlieben. „S-Sag mir… was mit deiner H-Hand passiert ist. Sag mir… ich w-will wissen, was dir p-passiert ist, Matthew. Ich w-werd nicht… n-nicht ausrasten, ich v-versprech‘s. Ich verspreche dir, ich l-lass dich… hier drinnen nie wieder alleine. Nie wieder.“
Still war er geworden, jener junge Mann der sonst kaum die Klappe halten konnte und der so viel quasseln konnte wie der Tag lang war.
Aber es schien keine Worte mehr zu geben. Zumindest keine, die es sich lohnte auszusprechen.
Der Kummer und Schmerz flutete Clarence‘ Sein. Matthew konnte es sehen. Er sah wie bleich der Größere wurde, wie die Hoffnung ihn verließ und wie er das Unbegreifliche langsam begriff. Und es riss ihn entzwei.
Clarence, sonst stets beherrscht und über so vieles erhaben, schien die Tragweite des Geschehens mit grausamer Macht zu verstehen und unter der Last zu brechen.
Matthew, der seine Tränen mit unversöhnlicher Entschlossenheit zurückdrängte, sah stattdessen wie sein Mann weinte - ein Anblick, wenngleich nicht zur Gänze neu, so doch ungewohnt. Und er zerriss ihm nochmal mehr das Herz. Was passiert war betraf nicht nur ihn, es betraf auch Clarence und vielleicht würden sie fortan beide Wunden tragen, die sich nicht mehr schließen ließen.
Behutsam glitten die Finger des Blonden in seine Hand, wo sie sich mit denen von Matthew verwoben und still versuchten Halt zu spenden. Clarence hatte noch kein Wort gesagt - aber das musste er auch nicht. Für manches gab es einfach keine richtigen Worte. Matthew bemühte sich einen Moment den Blickkontakt zu halten, doch letztlich wich er aus - blickte zur Seite, wie auch schon gegenüber der Ärztin.
Er ertrug es nicht seinem Mann in die Augen zu sehen in dem Wissen, dass er die Quelle all des Schmerzes war.
Denn egal ob es Sinn machte oder nicht: Matthew fühlte sich schuldig. Und diese Wahrheit war die einzige Wahrheit die im Augenblick zählte.
Unsicher leckte sich der Dunkelhaarige mit der Zungenspitze über die Lippen. Er hatte das Gefühl etwas sagen zu müssen, doch letztlich nahm Clarence ihm diese vermeintliche Pflicht ab.
Seine Worte bezogen sich nicht direkt auf das Ereignis aber sie gestanden Matthew das zu, was für den Jüngeren im Augenblick am Wichtigsten war.
Er würde nicht versuchen, Amok zu laufen. Er würde nicht versuchen, Rache zu nehmen.
Er würde nicht zur Gefahr für die Sicherheit werden.
Das zu hören war gut - und es bedeutete Matthew viel mehr als Clarence vielleicht ahnte. Denn das allerletzte was der Jüngere noch ertragen konnte war, alleine an diesem Ort zu verbleiben, weil man seinen Mann getötet hatte.
Er stieß hörbar zittrig den Atem aus, von dem er bis zu dem Moment gar nicht gemerkt hatte, ihn angehalten zu haben.
Kurz - ganz kurz- zuckte er zusammen als Clarence die Hand an sein Gesicht legte und behutsam mit dem Daumen über seine Wange streichelte. Eine Geste so zart und sanft, wie nur Clarence es konnte. Matthew schloss die Augen, presste die Lippen fester aufeinander und schluckte schwer.
Seine Beherrschung drohte zu bröckeln - aber er kämpfte mit sich - und gewann.
Clarence war so vorsichtig mit ihm, wie es noch nie ein Mensch gewesen war und auch niemals mehr ein Mensch sein würde.
‚Wäre er da gewesen…‘ - Matthew gab ein gequältes Fiepen von sich, ein Geräusch vollkommen bar jeder Selbstkontrolle, aber der junge Mann schnitt auch jenen Laut ab, so wie er sich die Tränen verbot. Und gleichsam den Gedanken.
Er wusste - wäre Clarence bei ihm gewesen, keiner hätte ihn angerührt - jedenfalls nicht so.
‚Das kannst du nicht wissen.‘ - ging es ihm durch den Kopf.
Denn vielleicht hätten sie Clarence auch getötet. Vielleicht wäre der Blonde ihnen unterlegen gewesen. Vielleicht hätte man ihm dasselbe angetan wie ihm.
Vielleicht war es deshalb gut, dass er allein gewesen war. Allein und ‚…zu schwach um es zu verhindern.‘ - er versuchte, den Gedanken abzuschütteln, doch er hatte sich bereits in den letzten Tagen festgesetzt.
„Ich werd‘s… ich werd‘s nicht sagen.“ versicherte er leise aber mit fester Stimme. ‚Passiert ist passiert… es gibt nun wichtigeres zu bedenken.‘ - das hatte er sich in den endlosen einsamen Stunden danach eingeredet und das redete er sich auch jetzt ein.
Clarence durfte sich nicht in Gefahr begeben, wenn er ins Visier der falschen Leute geriet, dann war er fällig. Sie würden beide hier drinnen sterben und nie mehr wieder echtes Tageslicht sehen.
Und das durfte nicht sein. Egal was passiert war.
Vorsichtig legte Clarence nun auch die zweite Hand an sein Gesicht und Matthew sah endlich wieder zu ihm empor.
Er wusste, dass er schrecklich aussah - aber er wusste auch, dass Clarence über all das hinwegsah. Die Liebe seines Mannes war unerschütterlich und seine Rache - sollte er je die Chance dazu bekommen diese zu nehmen - würde unerbittlich sein.
Der Blick seines Mannes ruhte auf ihm, Clarence’ Wangen waren nass von Tränen, seine Augen glänzten. Kummer und Schmerz lagen in ihnen - Matthew wusste dass seine Offenheit ihm das Herz gebrochen hatte und er wünschte sich inniglich jenen Schmerz von ihm nehmen zu können um ihn allein zu tragen.
Aber das konnte er nicht. Er konnte es nicht , so wie er es nicht hatte verhindern können.
Clarence‘ aufmerksamer Blick glitt über sein Gesicht und hinab zu seiner geschienten Hand. Der Verband war dick, umwickelte seinen halben Unterarm, die Hand und einen Teil der Finger. Letztere waren dunkelblau verfärbt.
So sah seine ganze Hand aus, was man zum Glück nicht sehen konnte. Cassie folgte dem Blick des Blonden, er wusste Clarence würde nachfragen - aber als er es schließlich tat, da konnte Matthew einen Moment lang weder atmen noch antworten. Er presste erneut die Lippen aufeinander und schwieg. Angst kroch seine Kehle empor und er fühlte wie jener Ekel in ihm aufstieg, der seit Tagen immer nur knapp unter der Oberfläche lauerte. Seine Zunge klebte ihm trocken am Gaumen. Er versuchte, sich zu räuspern - doch der erste Versuch schlug fehl.
Er wollte nicht darüber reden, großer Gott, er wollte nicht daran denken. Er wollte all das nicht ertragen müssen.
Nicht schon wieder. Er konnte es nicht.
Er konnte es einfach nicht.
„Ich…“, setzte er an, seine Stimme klang belegt und noch bevor er wirklich etwas sagte, schloss er die Augen und schwieg erneut. Hinter den geschlossenen Lidern sammelten sich abermals Tränen, seine Mundwinkel zuckten, die Lippen zitterten kaum merklich. Wie lange es dauerte bis er letztlich den Mund wieder öffnete konnte er nicht sagen, für Matthew fühlte sich alles unwirklich und alles außerhalb der Zeit an.
Oh wie sehr er jene Konfrontation gescheut hatte. Er hatte Clarence nicht wehtun wollen. Aber genau das war passiert - passierte noch immer - weil er nicht stark genug gewesen es zu verhindern.
„Sie kamen…“, er räusperte sich erneut, diesmal mit mehr Erfolg, sodass seine Stimme weniger belegt klang.
„Sie kamen in der Nacht. Ich… Ich hab schon geschlafen.“
Matthew erinnerte sich an das leise Geräusch der elektronischen Tür und daran, dass plötzlich das Licht angegangen war. Er hatte den Schlaf sofort abgeschüttelt, aber das hatte nichts geändert.
Unsicher leckte er sich über die Lippen. Clarence hielt sein Gesicht noch immer behutsam umfangen, aber der Jüngere hielt den Blick gesenkt. Er wagte es nicht, ihn anzusehen.
Die Tränen brannten in seinen Augen aber noch immer hielt er sie in Schach. Sie zu weinen würde nichts ändern. Es würde überhaupt niemals mehr irgendwas daran ändern.
„Es k-kam…zu einer…zu…“, Matthew unterbrach sich, schüttelte sacht den Kopf in Clarence‘ Händen und setzte erneut an: „Ich w-wurde angegriffen. Zunächst… waren es zwei.“ Scheu hob er nun den Blick in Clarence‘ Augen. Doch nur kurz. Er ertrug den Anblick nicht zusätzlich zu dem was er innerlich fühlte.
„Ich hab mich gewehrt. Ich hab wirklich alles v-versucht…
D-der eine… d-der…“- ein klägliches Schluchzen schnitt ihm das Wort ab und für einen Moment schien es, als würde Matthew die Fassung verlieren - aber er wollte nicht. Also verzog er lediglich kurz das Gesicht zu einem Ausdruck gequälter Trotzigkeit und sprach dann weiter.
„Er h-hat m-mich auf den… auf d-den Boden gedrückt. Hat mir die Arme a-auf den Rücken gedreht.“ - so weit, dass Matthew geschrien hatte vor Schmerzen. Zu diesem Zeitpunkt hatte er noch nicht geahnt was folgen sollte. Er hatte sich trotzdem gewehrt, hatte trotzdem gekämpft.
Aber als ihm klar geworden war was der andere vorhatte war sein Kampf zu einem Kampf ums Überleben geworden.
„Ich h-hab nicht damit…nicht damit gerechnet, dass er… dass er…“ - Matthew sprach es nicht aus, aber seine Stimme hatte einen distanzierten und zugleich ungläubigen Tonfall angenommen, so als könne er es selbst jetzt noch nicht fassen. Und so war es auch. Wie war es immerhin möglich, dass er so etwas wieder erdulden musste?
Das konnte doch eigentlich gar nicht sein.
Sowas konnte nicht vorfallen. Aber es war vorgefallen.
„Als es mir…k-klar wurde d-da hab ich… hab versucht ihn von mir… runterzukriegen. Und er hat… als er… es… getan h-hat … dabei h-hat er meine H-Hand gebrochen und d-die Finger.“
Matthew schluckte kurz, atmete hörbar durch und blickte kurz tapfer zu Clarence hinauf. Seine Augen glänzten noch immer - oder wieder - von Tränen, aber weinen tat er keine einzige.
„Er h-hat m-mich festgehalten und d-dabei… ist… ist es p-passiert.“ - das mehrmalige Knacken und das Nachgeben der Knochen war hör - und spürbar gewesen, aber es hatte den Angreifer von nichts abgehalten.
Die Schmerzen die er Matthew durch die Brutalität seiner Stöße ohnehin zugefügt hatte, waren durch die Knochenbrüche zu einer Symphonie der Qual geworden und hatten Matt hellwach wie auch benommen gemacht. Er hatte geschrien - daran erinnerte er sich dunkel - aber er erinnerte sich vor allem daran, dass niemand auf sein Schreien reagiert hatte. Obgleich das nicht ganz richtig war, oder?
Den Blick erneut senkend, verfiel er einen Moment lang wieder in Schweigen. Dann, die Lider geschlossen, öffnete er den Mund sprach leise, fast wie von fern:
„Er h-hat… m-mir was um den Hals gelegt… ich weiß nicht was. Er h-hat es zugezogen, ich konnte nicht mehr atmen…n-nicht mehr schreien… und… ich d-dachte er bringt mich um. Ich… ich schwöre er wollte es. Und ich…“
Jetzt brach seine Stimme nicht nur, sie löste sich auf. Mit einem mutlosen Fiepen ging Matthews Selbstbeherrschung von einem Augenblick zum nächsten einfach kaputt, so wie die Knochen seiner Hand kaputtgegangen waren.
Die Tränen, die er bisher so tapfer verdrängt hatte, konnte er nicht länger zurückhalten und weil Clarence seine Wangen noch immer umfangen hielt lehnte er sich plötzlich gegen den Blonden. „… ich wünschte er hätte es getan! Ich wünschte er hätte es gemacht!“ - mit diesen Worten vergrub Matthew sein Gesicht an der Brust seines Mannes und schluchzte haltlos.
Das schlimmste, was ihnen hier unten passieren konnte, war passiert. Clarence fiel nichts grausameres ein als das und doch gab es auf der Welt immer Dinge, die noch schlimmer waren. Zum Beispiel, würde man sie nun erneut wieder trennen - ganz gleich ob aus purem Sadismus heraus oder weil der Blonde sich nach all den Dingen, die er gerade erfuhr, nicht mehr unter Kontrolle hatte.
Matthew war seine Achillesferse und war es schon immer gewesen. Sogar schon lange vor ihrem ersten Kuss oder den ersten zarten Gefühlen für ihn. Woran das lag, konnte der Hüne bis heute nicht mit Sicherheit sagen. Vielleicht daran, dass das vorlaute Mundwerk seines heutigen Mannes ihn schon damals unheimlich erheitert hatte, obwohl es sowas wie Glück noch nicht in seiner Gefühlswelt gegeben hatte. Vielleicht, weil er ihm der erste richtig gute Freund seit langem gewesen war. Vielleicht, weil er damals im Wald Gott um seine Errettung angefleht hatte und ihm daraufhin Matthew geschickt worden war.
In guten wie in schlechten Zeiten war schon ihr unausgesprochenes Motto gewesen, da hatte ihr Vertrauen ineinander auf nichts weiter beruht als der Gewissheit, dass sie am Rande einer Ortschaft aufeinander warteten am vereinbarten Tag der Abreise. Stritten sie, blieben sie trotzdem beieinander. Hatten sie eine gute Zeit, trennten sie sich umso weniger. Warum auch immer, hatte die Chemie von Anfang an zwischen ihnen gestimmt und rückblickend schien es ihm völlig verrückt, dass sie sich nicht von Beginn an einander so dermaßen verfallen waren. Matthew war für ihn der beste, der stärkste und der liebenswerteste Mensch der Welt. Seit ihrem ersten Kuss liebte Clarence ihn jeden Tag ein wenig mehr. Für seine frechen Ideen, für seine vorlaute Art und für sein Selbstbewusstsein, das - so sollte man meinen - durch nichts erschüttert werden konnte. Doch auch ein Matthew Cassiel Sky war nicht unantastbar, so sehr sich der Jäger das in diesem Moment auch wünschte.
Ruhelos musterte er das dunkelblau unterlaufene Antlitz seines Mannes. ‚Wieder eine neue Narbe‘, schoss es ihm durch den Kopf, wenngleich man hier so gut nähte, dass am Ende kaum etwas davon zurück blieb. Wann immer Cassie mit ihm unterwegs war, sammelte er bleibende Verletzungen in seinem Gesicht wie andere Leute getrocknete Blüten in Büchern aufbewahrten. Jedes Jahr eine neue Kerbe, die ihn am Ende ihres hoffentlich langen, gemeinsamen Lebens daran erinnern würden, dass er für jede gute Zeit mit Clarence auch immer einen schweren Preis bezahlt hatte. Für jedes Auf bezahlten sie mit einem tiefen Ab. Für ein perfektes erstes Haus und vielleicht Claires Kinder, zahlte er mit seiner Unversehrtheit - und mit erneut aufgerissenen Wunden, die der Schamane so viele Jahre hinweg liebevoll gepflegt, gehegt und zum grüßten Teil geheilt geglaubt hatte.
Ganz zart nur lag das Gesicht seines Mannes in seinen Händen und seine Daumen strichen unentwegt, fast unmerklich über die fremden Wangen hinweg. Nicht, weil er dachte Cassie wäre im Augenblick zu fragil um mehr auszuhalten oder weil er gar Angst hatte, sein Mann lief ihm ansonsten weg - wobei auch das eine Sorge war, die der Blonde durchaus verspürte. Vielmehr lag seine Sanftheit daran wie wertvoll der Jüngere ihm war und wie wenig er ihm erneute Schmerzen zufügen wollte. Wertvollem, dünnen Porzellan gleich, von dem vielleicht eine Ecke absplitterte wenn man es zu grob an sich nahm und für das man nie wieder Ersatz bekam, hatte man erst eine Tasse oder einen Teller versehentlich kaputt gemacht.
‚Ich w-wurde angegriffen. Zunächst… waren es zwei‘, schallte Cassies Stimme wie aus der Ferne an seine Ohren und wo es dem Dunkelhaarigen schwer fiel den Blickkontakt zu seinem Mann aufrecht zu erhalten, fiel es Claire schwer ihn nicht anzusehen.
‚Es waren zwei. Zwei. Es waren zwei‘, ging es ihm durch den Kopf und wo eben noch Panik und Sorge die Vorherrschaft über sein Gemüt gehabt hatten, war es nun eine beginnende Anspannung, die ihm fast die Eingeweide verdrehte.
‚Es waren zwei‘.
Clarence traute sich nichtmal zu blinzeln, während sein Mann stockend versuchte für das Worte zu finden, was passiert war. Viel zu groß war die Gefahr ihn wieder aus den Augen zu verlieren. Dass er ihm von diesen Fremden wieder geklaut wurde, während er nur den Bruchteil einer Sekunde die Lider geschlossen hielt. Dass er die Augen wieder öffnete und aufwachte - feststellend, dass ihr Wiedersehen nichts weiter gewesen war als ein Traum.
Aber vielleicht wäre genau das das beste. Vielleicht war das alles nur ein Alptraum aus dem sie erwachen würden, wenn er es sich nur erlaubte Cassie aus den Augen zu lassen und zu blinzeln.
Trotzdem traute er es sich nicht.
Clarence wusste wie sehr er den Jüngeren damit quälte, dass er diese Fragen stellte. Man sah es ihm an, an jeder angespannten Faser, an jedem entrückten Blick und an jedem Zucken seiner Mundwinkel. Aber der Jäger konnte nicht anders. Er musste es wissen und um es zu wissen, musste Cassie es erzählen. Ein Teufelskreis, aus dem es kein Ausbrechen gab, bis erzählt war was erzählt werden musste.
Längst war sein sanftes Streicheln über die fremden Wangen versiegt und seine Finger waren zittrig geworden vor Wut, während die seines Mannes geschient unter dicken Bandagen ruhten die von Menschen angebracht worden waren, die den Jüngeren nicht davor bewahrt hatten was hinter ihm lag. Nicht nur zu ahnen sondern zu hören, dass die Hand des Jüngeren nicht in einem vorausgegangenen Kampf zu schaden gekommen war, sondern währenddessen sich dieser Mann…..
Bebend presste er seine Zähne aufeinander und eine Anspannung trat in Claires Gesicht, die seine Tränen zwar nicht trocknen konnte, aber sie für einen Moment versiegen ließ. Für das, was seinem Mann angetan worden war, gab es keine Wiedergutmachung. Kein Recht, das man ihnen beiden zusprechen konnte. Keine Worte, die beschrieben wie abgrundtief grausam es war, was man von Cassie genommen hatte. Gerade von seinem Cassie. Seinem Mann, der in seinem Leben schon so viel ungefragt hatte hergeben müssen und der sich in den vergangenen Jahren Dinge von Grund auf neu erarbeitet hatte. Dinge und Gewissheiten, von denen er gar nicht gewusst hatte wie schön sie mit dem richtigen Menschen an der Seite sein konnten.
Aber hier unten gab es schon lange keine Gewissheit mehr.
Nicht mal die, dass man nichts zu befürchten hatte, so lange man selbst kein Sicherheitsproblem darstellte.
Nichts war mehr sicher.
Nicht mal die Dinge, die man ihnen versprach.
Der Blonde war gerade drauf und dran in aufkeimender, zerstörerischer Wut die Hände von Matthews Gesicht zu nehmen, als sich selbiges fester gegen ihn lehnte und ihn davor bewahrte, seine Emotionen am Quartier und allem um ihn herum auszulassen. Wenn er schon niemanden umbringen durfte, wollte er wenigstens keinen Stein mehr auf dem anderen lassen oder… kein Stück Metall am anderen, oder woraus dieser Bunker hier auch immer gebaut worden war. Er wollte die verfluchte Kamera am besten mit diesem bescheuerten schwarzen Klemmbrett einschlagen - und die Wache gleich mit, wenn sie durch die Tür kam, um ihn zur Räson zu bringen. Aber er wollte nicht vernünftig sein. Er wollte nicht darüber nachdenken wer oder was ihr Quartier stürmte oder was man mit ihm machen würde, wenn er zum Problem für die Sicherheit wurde. Das schlimmste, was geschehen konnte, war bereits geschehen. Aber auch ohne ihn mit Worten zu mahnen, schaffte es Cassie ihn vor seiner eigenen aufbrausenden Art zu bewahren, während dieser sich schluchzend an ihn drängte. Damit bewahrte sein Mann ihn vor mehr als Clarence ihn in den vergangenen Tagen hatte bewahren können.
Zittrig ließ er von Matthews Gesicht ab und drängte die Arme um den Jüngeren, ihn eng an seine Brust ziehend, gegen die er sich gelehnt hatte. Das erste Mal seit ihrem Wiedersehen erlaubte sein Mann es sich von seinen Gefühlen übermannen zu lassen - wobei erlaubt sicher das falsche Wort war. Viel mehr hatte er keine Kraft mehr sich dagegen zu verwehren, aber Kraft besaßen sie beide keine mehr. Nicht hier und nicht in diesem Augenblick.
Wachsam und darauf bedacht ihm nicht an seiner geschundenen Braue weh zu tun, legte Clarence das Kinn über das dunkle Haupt des Kleineren und hielt ihn schützend an seine Brust gepresst.
„W-Wenn ich… wenn ich da gewesen wäre und gekonnt hätte, ich… ich h-hätte alles dafür getan, dass…“
Ja, was hätte er getan? Hätte er es verhindern können? Oder hätte man ihn und Matthew am Ende umgebracht?
Hätte man ihn umgebracht und Cassie dabei zusehen lassen, während man sich an ihm verging?
Oder anders herum?
„Ich hätte es v-versucht.. ich hätte alles versucht…“, versuchte er die richtigen Worte für etwas zu finden, das sie nicht wissen konnten. Vielleicht hätte es etwas geändert beieinander zu sein. Vielleicht auch nicht.
Die Worte seines Mannes, er wünschte er wäre lieber gestorben, trafen ihn schmerzhaft mitten ins Herz und forderten neue Tränen als Tribut für seine tiefe Zuneigung zu ihm. Dabei konnte er ihm nicht mal einen Vorwurf für diesen Gedanken machen. Er wollte ihm diese Gefühle nicht einmal absprechen - denn das hätte jenes Empfinden nur kleiner geredet als es war und Matthew hatte jedes Recht dieser Welt all diese schlimmen Dinge zu empfinden.
Clarence holte Luft um ihm zu antworten, doch ihm fehlten die Worte für das was Matthew geschehen war und letztlich senkte er für einen Moment das Gesicht zurück in das dunkle Haar seines Mannes. In die duftenden Strähnen, über die sie vor wenigen Tagen noch gescherzt hatten wie weich sie geworden waren dank des Shampoos in diesem Loch hier. Wo sie noch gelacht hatten über das Essen und Pläne geschmiedet hatten um zu entkommen.
All das fühlte sich an wie in einem gänzlich anderen Leben und vielleicht war es das tatsächlich gewesen. Vielleicht gab es fortan ein davor und ein danach.
„W-Wenn er dich… umgebracht hätte…“, vorsichtig senkte er die Nase etwas tiefer an Cassie hinab, leise zu ihm wispernd, „D-Dann hätte er mich auch umbringen m-müssen. Hörst du? Ohne dich… habe ich nichts mehr. Ohne dich b-bin ich verloren..“
Bedrückt legte er eine Hand zurück über Matthews Gesicht und hielt ihn noch immer an sich. Egal wie sehr er sich mit ihm hier einigeln oder verbarrikadieren würde, es änderte nichts daran, dass es zu spät war. Dass sich nichts aufholen ließ, was schon vor einigen Tagen hätte so sein müssen um Cassie vor dem zu bewahren, was über ihn herein gebrochen war.
Vorsichtig - und fast mehr um sich selbst ein wenig zu beruhigen - hauchte er einen Kuss auf das dunkle zerwühlte Haar über der Stirn seines Mannes. Er selbst hatte auch schon Kämpfe verloren, aber nicht auf eine solche einschneidende Weise, für die es keinen Vergleich gab.
„Ich weiß, dass… dass du alles g-getan hast, was du konntest. Alles. Du hast dich… mit allem gewehrt was du h-hast. Aber diese Leute hier… s-sind nichts, gegen was wir ankommen. Wenn d-die wollen, dann… m-machen sie mit uns was sie wollen. M-Mit uns beiden.“ - Immerhin war er selbst da keine Ausnahme. Auch er war ihnen mehr als einmal unterlegen gewesen, draußen im Wald wie auch hier drinnen. Dass sie ihn nicht ermordet hatten oder schlimmeres, war reines Glück gewesen. Es lag nicht an Matthew was passiert war oder daran, dass er zu schwach gewesen war sich zu wehren. Was geschehen war, hätte genauso gut über den Hünen herein brechen können wie über seinen Mann.
Ihn zu halten, zu beschützen und ihm Nähe zu spenden, all das würde nicht gutmachen können was geschehen war - und noch größer war Clarence‘ Angst davor, dass es einen Punkt geben würde, an dem genau das Cassie in die Flucht vor ihm schlug. Dass er die Nähe seines eigenen Mannes nicht mehr ertrug und den Blonden von sich wies, auch wenn es im Augenblick nicht danach aussah.
Ganz sachte nur wischte er mit den Fingerrücken über Matthews Wange jene Tränen hinfort, die sich endlich wagten geweint zu werden. Tränen, die vermutlich längst überfällig waren, nachdem er so lange alleine mit all dem hatte zurecht kommen müssen.
„Du hast… g-gesagt, dass es zwei waren. Wo war… wo war der zweite, als es passiert ist? Hat er-… hat er auch…?“, unsicher leckte sich Clarence über die Lippen, denn längst war das Pensum dessen, was er ertrug, eigentlich schon erreicht. Aber diese eine Ungewissheit blieb und ließ letztlich die sonst so starke Stimme des Jägers weg brechen.
Schützend und behütend legten sich Clarence‘ Arme um den Jüngeren, schirmten ihn ab vor der Außenwelt mit ihren Zähnen und Klauen.
Er konnte nicht rückgängig machen was geschehen war und er konnte die Schmerzen nicht lindern die Matthew fühlte, aber er machte, dass Matt sich weniger allein fühlte.
‚Aber zu welchem Preis? Er ist gebrochen…so wie ich. Es wird ihn zerstören.‘ - und wenn es das tat, dann war es Matthews Schuld. So wie alles an dem Ereignis seine Schuld war.
Vor wenigen Tagen hatten sie in grauen Kartoffelbreikleister ihre Zimmer und Gänge eingezeichnet, hatten codierte Absprachen getroffen und darüber gewitzelt wie viel Matthew hier wohl duschte, weil sein Haar so weich war.
Seit dem Übergriff hatte er nicht mehr gegessen, geschweige denn über Fluchtpläne sinniert. Man hatte ihm Hilfe angeboten beim Duschen - aber die hatte er aus verständlichen Gründen abgelehnt.
Man hatte sich bei ihm entschuldigt und Probleme mit der Technik eingeräumt. Man hatte ihm irgendeine Salbe für seinen zerschundenen Hintern dagelassen.
Und nicht zu vergessen die Anhörung die es für einen der Männer geben würde. All das war nicht mehr als ein geschmackloser Witz. Aber Matthew war an einem Punkt, da ihm sogar das völlig egal war.
Er war allein mit sich und seinen Gedanken gewesen und daran hätte er auch nie etwas geändert, hätte Clarence ihn nicht so unumwunden gefragt.
Clarence, sein bester Freund. Sein Ehemann, sein Seelenverwandter. Clarence , die eine große Liebe in Matthews Leben.
Der einzige Mensch auf den es wirklich ankam.
Aber auch Clarence konnte die Zeit nicht zurückdrehen und die Scham und den Ekel und die Schuldgefühle von ihm nehmen.
Die Erinnerungen waren zu frisch und der junge Mann wusste sie würden immer präsent sein. Es gab Dinge die vergaß man nicht und zu seinem Leidwesen wusste er bereits aus Erfahrung, dass jene Tat zu den Unvergesslichen zählte.
„Ich hätte alles versucht…“ - beschwor Clarence ihn und Matthew zweifelte keinen Augenblick lang an der Wahrheit jener Worte. Clarence hätte nicht aufgegeben, er hätte ihn bis aufs Blut verteidigt und wahrscheinlich hätte er seinen Einsatz mit dem Leben bezahlt.
Schluchzend klammerte sich Matthew mit der gesunden Hand an der dämlichen Uniform des Blonden fest während er spürte wie Clarence die Nase in seinem Schopf vergrub.
Schon so oft hatten sie so beieinander gestanden. Eng umschlungen sodass kein Blatt mehr zwischen sie gepasst hätte. Aber dieses Mal war es keine Umarmung aus Leidenschaft oder Sehnsucht. Sie sollte Trost spenden und Halt geben und Clarence schaffte beides.
„Ich hab’s versucht…“ bestätigte Matt ihm wieder, so als würde der Blonde daran zweifeln. Dass er das nicht tat hatte er bereits gesagt und trotzdem musste Matthew es wiederholen. Er sagte es zwar Clarence aber eigentlich sagte er es sich selbst.
„Ich hab getreten und… geschlagen und alles g-gemacht was…was ich konnte. Aber ich h-hatte keine Waffen. Ich h-hatte n-nichts.“ - auch das war Clarence längst klar und doch erwähnte es der Jüngere ganz explizit so als müsse er sich vor dem Hünen erklären. So als würde Clarence überzeugt werden müssen, dass Matthew nichts hätte ausrichten können.
Schniefend verfiel er abermals in Schweigen und lauschte auf die Worte seines Mannes. Clarence‘ Stimme klang belegt von Tränen aber unter all der Trauer und dem Entsetzen hörte Matthew auch seine Wut.
Sein Zorn würde - wenn er einmal Raum bekam - nicht mehr so schnell abklingen und er würde Opfer fordern. Deshalb blickte Matthew schließlich in der Umarmung zu ihm auf. Sein blutunterlaufenes Auge machte die ganze Gewalt des Angriffs offenbar während sein unversehrtes Auge von Kummer und Erschöpfung erzählte.
„D-der Zweite…“ , er zögerte und schüttelte dann sacht den Kopf. „…er hat m-mich festgehalten als… als…der andere es getan hat. H-hat… hat mich g-gefragt ob… ob es mir so gefällt.“ ausweichend schaute Matt zur Seite weg und leckte sich kurz über die Lippen.
„Er hat meinen K-Kopf genommen und… ich glaube er w-wollte…er wollte meinen Mund…“, Matthew verzog das Gesicht und schluckte schwer. Die Absichten des zweiten Mannes waren überdeutlich gewesen und sich all das erneut vor Augen zu führen war zu viel.
„Er hat es…n-nicht getan. B-beides nicht. Ich h-hab ihm g-gesagt… Ich beiß ihm sein Ding ab, wenn er es mir in den Mund steckt. Und d-das hätte ich auch g-gemacht.
Er h-hat es sich d-dann n-nicht getraut.“ - immerhin ein kleiner Sieg, wenn man von Sieg überhaupt reden konnte.
„Dafür h-hat er dann meinen Kopf auf den Boden geschlagen b-bis der andere…d-der es dabei mit mir gemacht hat gesagt hat er soll aufhören, w-weil…“ abermals bebten seine Nasenflügel und zitterten seine Lippen. Er hatte den Kopf zurück an Clarence‘ Brust gelegt und blickte mit tränennassen Augen zur Seite ohne wirklich etwas zu sehen.
„…w-weil er k-keine Leiche…f-ficken…w-will.“ der Wortlaut des Mannes hallte in seinem Kopf nach und lautlos lösten sich ein paar Tränen aus seinen Augen. Für diese Männer war er ein Ärgernis gewesen und Mittel zum Zweck. Der eine Kerl hatte dem anderen verboten ihn währenddessen umzubringen, weil er seine Gegenwehr genossen hatte. Der gleiche Mann hatte dann versucht ihn - kurz bevor er zum Ende gekommen war - zu erdrosseln.
„Als er…fast fertig war hat er d-dann… dieses D-Ding um meinen H-Hals gelegt. Da w-wollte er m-mich dann tot sehen. D-der andere, der hat d-dann gesagt es s-sei k-keine Zeit mehr dafür.“ Seine Stimme klang nun wieder fester, trotziger.
Matthew richtete sich ein wenig in der Umarmung seines Mannes auf und nach kurzem Durchatmen blickte er wieder zu ihm auf. Er wusste, dass auch der zweite Kerl ihn genommen hätte wenn er noch Zeit dazu gehabt hätte - aber die Kameras waren nur für eine bestimmte Zeitspanne offline.
„Du w-wärst… ohne mich besser dran, Clarence. Ich b-bin nur…n-nur… ich…weiß nicht…“, er zuckte die Schultern weil ihm die Worte fehlten. „Jetzt weißt du… was passiert ist und n-nichts hat sich dadurch verbessert. Du b-bist jetzt einfach…einfach nur auch verzweifelt. Ich konnte es nicht verhindern…, schon wieder nicht. Was ist mit m-mir los, hm? Was ist…n-nicht richtig mit mir, dass es wieder p-passiert ist?“
In gewisser Weise war das die quälendste aller Fragen die Matthew umtrieb.
Es war noch nicht mal eine Stunde her, da war Matthew zu ihm ins Quartier verlegt worden. Nicht mal eine Stunde war es her, da hatte sein Mann ihn von alldem nichts erzählen wollen. Kein Wer, kein Was. Er hatte Clarence vor etwas schützen wollen, das ihn genauso viel anging wie den Dunkelhaarigen selbst - vielleicht sogar etwas mehr, weil er sich geschworen hatte bis an sein Lebensende dafür Sorge zu tragen, dass sein Mann beschützt und geliebt wurde.
Es mochte ihn bis auf die Grundfesten seines Seins erschüttern was der andere ihm berichtete, aber Clarence zweifelte nicht daran, dass Cassie ihn nichts von alledem hatte wissen lassen wollen. Im Dunkeln hatte er tappen sollen, bis ans Ende seiner Tage - zum eigenen Schutz wie Matthew es sich sicher ausgemalt hatte. Aber der Hüne wollte nicht beschützt werden wenn das hieß, dass sein Mann all diese Last und diesen Schmerz fortan würde alleine tragen müssen.
„Ich w-weiß das, ich weiß… du hast alles getan, was du in… in so einer Situation tun konntest. Und ich glaube, wenn wir… wenn wir nicht hier drinnen wären, dann… hätten die Chancen ganz anders gestanden“, er nickte bekräftigend während er diese These aufstellte und meinte sie auch genauso wie er sie sagte. Dort draußen, im Wald, das war ihr Zuhause. Dort hatten sie mehrere dieser Soldaten besiegt und getötet. Sie waren schnell, wussten ihre Umgebung für sich zu nutzen. Matthew hatte sogar die unbekannten Schutzschilde dieser Fremden innerhalb von Sekunden durchschaut und durchbrochen. Aber hier, in dieser kahlen Welt die aus nichts bestand außer fremdartigen Waffen, künstlichem Licht und Simulationen… hier hatten sie nicht die Oberhand. Hier waren sie nicht Überlegene, sondern Fremde. Hier verloren sie Kämpfe, die sie draußen haushoch gewonnen hätten.
Doch es spielte keine Rolle was draußen war.
Sie waren nicht draußen. Sie waren hier drin.
Gefangen.
Obwohl Clarence es gar nicht mehr hören wollte was mit dem Zweiten gewesen war, so musste er es wissen. Musste wissen was vom Eintreten der zwei Unbekannten bis zu ihrem Verlassen von Matthews Unterbringung mit seinem Mann geschehen war. Es würde ihn auf Dauer umbringen keine Antworten von ihm zu bekommen und zu seinem erstaunen gab der Jüngere sie ihm - ohne zu zögern, ihn durch verblümte Worte zu schonen oder sich mental selbst dessen zu verweigern, was hinter ihm lag.
Cassie mochte sich dessen nicht annähernd bewusst sein, aber für den Jäger war er der stärkste und mutigste Mann der Welt. Er durchforstete die Höhlen von mutierten Spinnen auf der Suche nach einem Ausweg. Er ging im tiefsten Winter aus Denver los um für eine Gruppe Hilfe zu holen, die vorwiegend aus Fremden bestand. Er legte sich mit Typen an, in deren Handeln er Unrecht erkannte und zögerte nie auch nur eine Sekunde sich für Schwächere einzusetzen, die seine Hilfe benötigten. Obwohl er in seiner Vergangenheit Unaussprechliches hatte über sich ergehen lassen müssen, war er zu einem guten Menschen geworden anstatt sich brechen zu lassen und den Unterschied zwischen Gut und Böse nicht mehr zu erkennen, so wie es vielen gebrochenen Seelen passierte, für die die Grenze zwischen Recht und Unrecht verschwamm.
Das, was er für seinen Mann empfand, war kein Mitleid weil er zu schwach gewesen war um sich zu wehren oder weil er Opfer von etwas geworden war, das ihn in seinem Leben zu verfolgen schien wie die Motte vom Licht angezogen wurde. Clarence spürte mit ihm zusammen Leid und das war ein Unterschied, wie ihn vielleicht nur die wenigsten Menschen in ihrer Welt kannten, weil sie niemals so geliebt hatten wie der Blonde ihn.
Ruhelos strichen seine Finger durch das dunkelbraune Haar seines Mannes, während er ihn mit dem anderen Arm noch immer fest an seine Brust gedrängt hielt. Er erinnerte sich noch zu gut an jene Nacht in Jeynes Villa, in der ihm von den Grausamkeiten erzählt worden war, die der Gütige Mann ihm auf dem Weg zu seiner Farm angetan hatte. Ein Mann, der sich später als Nagi Tanka entpuppt hatte. Vom Kutscher war er festgehalten worden, der kleine Junge der noch wenige Monate zuvor von seinem Bruder liebevoll Matti genannt worden war, während der Gütige Mann sich ihm aufgezwungen hatte. Ähnlich wie Cassie nun ebenfalls festgehalten worden war, während man sich an ihm vergangen hatte.
Doch dieses Mal hatte man ihn nicht mitnehmen und weiterleben lassen wollen, wie sein Mann ihm unter stillen Tränen eng an seiner Brust berichtete.
So sehr wie der Jüngere zweifelsohne in diesem Moment lieber gestorben wäre, so froh war Clarence, dass er es keiner der beiden geschafft hatte ihn aus diesem Leben zu reißen. Dass die dunklen Male um Cassies Hals nicht von irgendwo her rührten, war ihm klar gewesen. Aber ohne das Wie weiterzumachen, hätte er genauso wenig ertragen wie all die anderen Dinge, die er hatte erfragen müssen.
Was hätte er noch mit sich selbst anfangen sollen, wäre sein Mann nicht zu ihm zurückgekehrt? Wem auf dieser Welt hätte er je wieder vertrauen und wen lieben sollen, wenn nicht sein perfektes kleines Böckchen?
Als er Matthew ganz direkt danach gefragt hatte ob derartiges passiert war, hatte er die Antwort bereits gekannt. Aber es aus seinem Mund zu hören war nochmal etwas anderes und überhaupt Antworten zu bekommen so überraschend, dass es ihm einmal mehr bewies wie sehr sein Mann sich ihm verbunden fühlte. Sie waren nicht nur Geliebte und Freunde. Sie waren Vertraute. Wem auf dieser Welt sollte Cassie sich anvertrauen, wenn nicht ihm?
Die Tränen in seinem Gesicht waren längst versiegt aber noch nicht getrocknet, seitdem der Jüngere ihm von dem zweiten Angreifer berichtet hatte. Er fühlte sich leer und ausgebrannt, als hätte jenes Ereignis ihm sämtliche Lebensfreude entzogen. Alles wofür sie gekämpft und so hart gearbeitet hatten, schien umsonst. All die schönen Momente, die sie bis hierher miteinander erlebt hatten, schienen nur verlebt worden zu sein, um zu diesem Moment hier hinauszulaufen. Was hinter Matthew lag, war ernüchternd und verstörend - und doch gab es noch immer ein My mehr, mit dem er Clarence zu schockieren wusste.
„Was…? Nein, Matthew“, schüttelte er hektisch den Kopf, kaum da sein Mann begonnen hatte etwas davon zu faseln, was mit ihm los sei - dass etwas nicht richtig mit ihm sei - weshalb der Blonde augenblicklich mit gefestigter Stimme ein bestimmendes „Nein! Sieh mich an“ hinterher schob. Sofort löste er die Umarmung, doch nur um seine Hände zurück um das zerschundene Gesicht seines Mannes zu legen, ihn drängend, seinen Worten Folge zu leisten.
„Sieh mich an, Cassie. Sieh mich an“, forderte er fast schon wie um ihn zu beschwören, denn aus eigener Erfahrung wusste er wie einfach es war in dunkle Gedanken abzudriften, wenn man keinen verlässlichen Anker im Hier und Jetzt fand. „Sieh mich an. Mit dir ist alles in Ordnung. Du bist mein perfekter, mutiger und wunderbarer Ehemann und du hast so… so vieles schon während unserer gemeinsamen Zeit verhindert. Wenn es dich nicht gäbe, wären viele andere längst tot. Ich eingeschlossen“, hielt er ihm Dinge vor Augen, die im Augenblick gegen das, was mit Matthew geschehen war, kaum ins Gewicht fallen mochten. Aber Matthew hatte vieles vollbracht und dass es ihm dieses eine Mal in diesem Bunker hier nicht gelungen war Unheil abzuwenden, bedeutete nicht, dass er es anzog wie ein böses Omen.
„Dass es passiert ist, das… liegt nicht an dir. Es liegt nicht daran, dass mit dir etwas nicht stimmt - sondern daran, dass es zu viele perverse Wichser auf dieser Welt gibt, die hier nicht hingehören. Du weißt das - besser als ich es weiß. Das bedeutet nicht, dass das was mit dir zu tun hat. Sondern dass man zur falschen Zeit den falschen Dreckskerlen in die Arme läuft.“
Eindringlich musterte er Matthews tiefbraune Augen.
„Niemals so lange ich atme werde ich zulassen, dass du irgendetwas anderes von dir denkst, als dass du perfekt bist. Verstehst du das?“, vorsichtig streckte er die Finger etwas an Cassies Gesicht, um seinem Mann nicht an seinem blauunterlaufenen Auge weh zu tun. „Sag mir nicht, dass ich ohne dich besser dran wäre. Ich liebe dich so sehr, dass ich manchmal keine Worte dafür hab und ich entscheide selbst für mich, wer für mich gut ist und wer nicht. Ich verspreche dir, ich werde niemals einen besseren Mann finden können als dich. Du bist der beste Mensch den ich kenne, Matthew. Und du weißt, wie… wie unsere verdorbene Welt funktioniert. Den besten Menschen funktionieren die schlimmsten Dinge.“
Mit zusammengezogenen Brauen musterte er seinen Mann. Was er sagte, meinte er mit jedem Wort ganz genau so und er würde nie den geringsten Zweifel aufkommen lassen, dass es vielleicht doch anders war.
„Wenn wir hier raus sind… ich verspreche dir, wir kümmern uns darum, dass diese Dreckskerle nie wieder jemandem weh tun können. Dir nicht - und auch niemand anderem. Was sie getan haben, das… ist unverzeihlich. Sie werden dafür büßen. Nicht heute und vielleicht nicht morgen, aber wir werden sie drankriegen und dann werden sie ihres verschissenen Lebens nie wieder froh.“
Matthew fühlte sich müde und verschlissen. So als wären alle guten Gedanken und alle Hoffnungen die er einst gehegt hatte dahin. Nun, da er Clarence erzählt hatte was passiert war, fühlte er sich leer und auf eine Weise innerlich erschöpft, wie er es kaum hätte beschreiben können.
Aber innerhalb der Leere existierte sehr wohl noch eine andere Empfindung. Ekel. Ekel vor sich selbst, vor seinem Körper der von einem anderen benutzt worden war.
Manchmal war es ihm, als könne er den anderen noch riechen, seinen Schweiß, seine Aggression, seinen Atem. Das war natürlich unsinnig. Er hatte sich seither mehrfach geduscht, hatte jeden Millimeter seines Körpers eingeseift und abgespült. Trotzdem fühlte er sich schmutzig.
Seit er mit Clarence verheiratet war hatte er niemals auch nur in der Theorie erwogen mit einem anderen Menschen zu verkehren. Und überhaupt hatte er doch so sicher gewusst, dass man ihm nie wieder so etwas antun würde, wie in seiner Kindheit.
Matthew hatte das vollkommene Selbstverständnis gehabt, dass er nie mehr dergleichen erdulden lassen musste.
Er war kein Junge mehr, er war ein Mann - er konnte sich wehren. Das hatte er gewusst. Aber wie er erfahren musste, war es falsches Wissen gewesen.
Er hatte gar nichts wirklich gewusst. Und der Preis dieser Erkenntnis war schwindelerregend hoch.
Dass genau jener brutale Akt der Erniedrigung erneut über ihn hereingebrochen war, war nicht zu begreifen. Matthew hatte sich noch nie in seinem Leben weniger wert gefühlt wie in den Minuten des erzwungenen Aktes und in der Zeit die seither verstrichen war. Das Gefühl der Besudelung war so gewaltig, dass er schlichtweg von sich selbst angewidert war. Wie sollte er jemals wieder Clarence ansehen können ohne daran zu denken was passiert war? Jetzt, da der Blonde Bescheid wusste würde auch er immer daran denken, wenn er ihn ansah. Fortan wäre er der Mann, der sich nicht hatte wehren können. Der Mann, dem sich ein anderer aufgedrängt hatte. Diese Gefühle und Gedanken nagten und rissen an Matthew und sie waren die Quelle seiner Worte gewesen. Alles gipfelte in der Feststellung, dass Clarence ohne ihn besser dran war.
Doch der Blonde teilte diese Einschätzung nicht. Er lehnte sie sogar vollkommen und allumfassend ab.
Die Vehemenz in seiner Stimme als er Matthew dazu aufforderte ihn anzusehen war nicht gemindert aufgrund der Situation. Clarence‘ Forderung war drängend und streng aber Matthew hätte sich ihr dennoch widersetzt, hätte der Blonde nicht sein Gesicht umfangen. Nun mehr schaute Matthew zu ihm empor und spürte die Scham quälend in ihm nagen. Clarence war so gut und er selbst war…er selbst war besudelt. Wie wenig der Größere jene Einschätzung teilte verrieten seine liebevollen, wertschätzenden und gütigen Worte. Er beschrieb Matthew auf eine Weise wie jener sich nicht selbst sehen konnte. Mit von Tränen glänzenden Augen sah er zu dem Blonden auf, suchte in seinem Blick den Funken eines Zweifels oder des Zögerns. Aber er fand nichts dergleichen. Was er stattdessen fand war unbändige glühende Liebe und unendlicher Kummer über das, was man ihm angetan hatte.
„…Du bist mein perfekter, mutiger und wunderbarer Ehemann…“ - die Worte ließen Matthew hilflos schluchzen, nicht weil sie ihm wehtaten sondern weil sie ihm so viel bedeuteten. Clarence war die Liebe seines Lebens und er bemühte sich so sehr um ihn. Tapfer hielt Matthew den Blickkontakt aufrecht, lauschte den Erklärungen des Hünen und versuchte dabei seine Fassung nicht völlig zu verlieren. Clarence‘ Worte waren mit Bedacht gewählt und der Blonde sprach sie auf eine Weise aus, dass noch nicht mal Matthew es wagte an ihnen zu zweifeln und jene Tatsache, dass Clarence ihn so sah und so für ihn fühlte, legte sich wie ein kühlendes Stofftuch über die frischen Wunden. Der Größere versicherte eindringlich, dass er für den Rest seines Lebens dafür Sorge tragen wollte, dass sich auch Matthew so wahrnahm, ein Vorhaben das im Hier und Jetzt aussichtslos schien und den Dunkelhaarigen dennoch tief anrührte.
Zaghaft nickte Matthew schließlich. Er hatte verstanden. Zwar sah er in sich selbst nicht, was Clarence in ihm sah - aber er verstand was sein Mann ihm hatte sagen wollen.
Die Lippen aufeinander gepresst blickte er schweigend zu dem Größeren auf, unfähig irgendetwas zu erwidern. Clarence hatte auch von Rache gesprochen. Rache an jenen Männern die vielleicht vor Matthew schon anderen geschadet hatten und die es wieder tun würden.
Aber Rache würde nichts an der Demütigung ändern, nichts an dem Ekel, nichts an dem Gefühl nicht richtig zu sein und im Moment wollte Matthew keine Rache sondern all das rückgängig machen. Er wollte eine Minute lang nicht fühlen was er fühlte. Eine Minute lang nicht darüber nachdenken was geschehen war. Wieder. Nach all den Jahren.
„Danke.“, sagte er schließlich matt und klang dabei sowohl ausgezehrt als auch wirklich dankbar.
Schon eine halbe Ewigkeit schenkte Clarence ihm Halt, versprach Schutz und Vertrauen. Er war Matthews Anker und auch wenn es selbst dem Bären nicht gelang Dinge ungeschehen zu machen, so vermittelte er Matt doch ganz deutlich nicht alleine zu sein.
Clarence stand an seiner Seite, so wie immer seit sie einander kannten und so wie es immer sein würde.
„Ich weiß nicht wie… ich…“ ‚Ich weitermachen soll…‘ hatte Cassiel sagen wollen aber diese Worte erschienen ihm schrecklich egoistisch, also sprach er sie nicht aus.
Die Antwort war sowieso immer die gleiche:
Immer einen Atemzug nach dem anderen. Immer eine Stunde nach der anderen. Immer einen Tag nach dem anderen. So lange bis es leichter fällt.
„Ich bin…müde. Ich bin…so unfassbar m-müde.“
Von allem. Vor allem aber davon hier zu sein, in diesem Bunker wo sie gefangen waren wie zwei Kaninchen im Bau.
„Ich weiß es ist erst Mittag aber…ich würde gern…ich würde gern versuchen etwas zu schlafen, wenn das okay für dich ist.“
Wahrscheinlich würde es beim bloßen Versuch bleiben, aber selbst falls er nur für ein paar Minuten wegdämmern konnte ohne Alpträume, wäre das schon ein Gewinn.
„Und vielleicht könntest du… naja… das klingt jetzt vermutlich total bescheuert. Aber vielleicht könntest du… dich zu mir legen. Ein bisschen nur und…einfach…da sein.“
Die Bitte klang in seinen eigenen Ohren vollkommen erbärmlich - auf der anderen Seite aber wusste Matthew, dass er ohne Clarence bei sich kein Auge zutun würde.
„Falls…du nicht möchtest, ist das auch in Ordnung. Du musst…du musst das nicht machen.“
Mittlerweile waren sie so lange zusammen, dass sie schon viele Facetten aneinander kennengelernt hatten. Matthew kannte den Blonden schweigsam und in sich gekehrt. Als wilden Waldschrat, der außer Dreck auf seiner Haut und ein unangenehmes Gemüt nicht viel zu bieten hatte. Er kannte ihn wütend, wenn der Taugenichts ihm wieder zu lange auf die Nerven gegangen war. Kannte ihn enttäuscht, wenn er vor den Augen des braven Christenjungen fremde Huren küsste. Er kannte Clarence als unerfahrenen Tollpatsch wenn es darum ging einen Mann zu beschlafen, ebenso wie er ihn als aufmerksamen Liebhaber kennengelernt hatte. Er kannte Clarence mit Tränen des Lachens in den Augen, wenn er von Entenscheiße aus Stillwaters Reach sprach und ebenso mit Tränen der Verzweiflung, wenn er ihre Beziehung vor Jeyne Copper anders dargestellt hatte, als sie tatsächlich war.
Auch der Jäger kannte mittlerweile jede Seite seines Mannes und er liebte Cassie nicht trotz ihnen allen, sondern wegen ihnen.
Von Tag zu Tag ein wenig mehr und von Glück zu Unglück noch ein wenig intensiver.
Wenn Matthew so wie jetzt zu ihm aufsah, mit tränenverschmiertem und vor Schluchzen verzerrtem Gesicht, dann sah der Hüne keinen Mann der schwach war oder der nicht mehr weiter wusste. Stattdessen sah einen Menschen mit dem er sich so nah und so verbunden fühlte, dass sie jede Emotion, jede Sekunde ihres Lebens und jedes Extrem miteinander teilen konnten, ohne, dass ihnen eine Wertung widerfuhr. Matthew nahm ihn an als denn Mann der er war - mit seiner Vergangenheit und seiner Gegenwart. Falls es für ihn jemals eine Rolle gespielt hatte woher Claire kam und was für ein Mensch er früher im Madmen Forest gewesen war, dann hatte er es ihn nie spüren lassen. Falls er Zweifel daran hegte was werden würde, sollten sie die Mädchen des Älteren finden und befreien können, dann hatte er sie nie ausgesprochen oder ihm jemals das Gefühl gegeben, es gäbe auch nur einen guten Grund sie nicht zu suchen.
Wenn es einen Menschen auf dieser großen weiten Welt gab, den Gott von Grund auf perfekt erschaffen hatte, dann war es für den Christen Matthew Cassiel Reed, der ihm die größte Ehre erwiesen und sich selbst zu einem Sky und seinem Ehemann gemacht hatte.
Cassie verurteilte ihn nicht. Stattdessen liebte er den Hünen mit jedem Atemzug, mit jedem Blick und mit jeder Sekunde seines ganzen Seins - und Clarence hielt es mit ihm genauso, schon von Anfang an.
Dass sein Mann auch nur einen Moment lang daran zweifelte für ihn weniger als perfekt zu sein, brach ihm das Herz und doch konnte er ihm aktuell keinen Vorwurf für diesen Gedanken machen. Sein Böckchen hatte sich in selbstgewählter Isolation eingeigelt. Er hatte sich verkrochen in seinem Quartier, hatte Treffen mit dem Älteren verweigert und so sehr er Claire damit hatte schützen wollen, so sehr hatte er sich selbst auch die Möglichkeit genommen von seinem Mann aus dem dunklen Gedankenkarussell herausgeholt zu werden, in das er sich selbst begeben hatte. Wie schnell diese düsteren Vorstellungen einem den Verstand raubten, wusste er selbst nur zu gut.
„Schon okay“, entgegnete er leise und nickte geduldig, denn dass dem Jüngeren in den vergangenen Tagen keine Sekunde Schlaf gegönnt worden war, konnte er sich vorstellen. Nicht nur Alpträume mussten ihn plagen - falls sein Kopf ihn überhaupt so weit wegdämmern ließ - sondern vor allem die Angst darum, im nächsten Tiefschlaf wieder angegriffen zu werden.
Wieder einen lebendigen Alptraum zu durchleben, aus dem es kein Entrinnen gab.
Sachte streichelte er unaufhörlich über Cassies Schläfen hinweg, beinahe als könne er damit all die schlimmen Erinnerungen und Erlebnisse beschwören, aus dem Gedächtnis seines Mannes zu entweichen. So vielen Exorzismen hatte er beigewohnt und doch wusste er keine Möglichkeit aus ihm heraus zu treiben was geschehen war.
Nagi hätte es gewusst. Nagi würde wissen, wie man es ihn vergessen macht, ging es ihm für den Bruchteil einer Sekunde durch den Kopf und so gut wie dieser Gedanke gemeint war, so schlecht ließ er Clarence auch fühlen. Ausgerechnet jener Mann, der dieses und schlimmere Traumata in Matthew gepflanzt hatte, war auch jener, der dafür ein Gegenmittel gekannt hatte. Was für eine widerliche Ironie.
„Komm… wir legen uns hin. Ich pass auf, dass du etwas Ruhe bekommst und du… du passt auf, dass ich keinen Unsinn anstelle“, schlug er schließlich leise vor, was am vernünftigsten war. Ihn interessierte nicht, was für eine Uhrzeit dieser Kasten hier vorgab. Wer wusste schon, ob es überhaupt stimmte, dass angeblich Mittag war. Sie hatten hier drinnen kein Tageslicht, welches ihnen diese Behauptung bewies und letztlich waren sie hier drin sowieso eingesperrt ohne Chance auf Beschäftigung. Niemand verbot es ihnen am Mittag zu schlafen - und er würde es sich auch nicht untersagen lassen, so lange man sich hier offensichtlich auch nicht an die Versprechungen von Sicherheit und medizinischer Versorgung hielt, die man ihnen ständig predigte.
Vorsichtig wischte er schließlich die Tränen von Matthews Wangen, bevor er sich selbst ebenso mit den Händen kurz durchs Gesicht fuhr. Dass Cassie ihn überhaupt bei sich im Bett haben wollte, war mehr, als Clarence im Moment erwarten konnte und doch war alles, was sein Mann ihm bis eben berichtet hatte, noch immer zu frisch um eigenständig so weit denken zu können, um den Wunsch des Jüngeren näher zu hinterfragen.
„Ich mach dir… warte, ich hab’s gleich…“ - Ihn bei der Hand nehmend, kämpfte er kurz mit dem dunklen Schaltbrett am Ende ihres Bettes, bevor er erfolgreich anstelle der Lüftung die Belichtung angewählt hatte und das Licht in ihrem Quartier dämmte. Es gab hier so viel mehr zu entdecken als in den kargen Zellen der Krankenstation und vielleicht, wenn sein Mann etwas ausgeschlafen und sich gesammelt hatte, würde er in der Lage sein sich all die unbekannten Dinge von Clarence zeigen zu lassen. Aber selbst wenn nicht, wäre das ebenso das gute Recht seines Böckchens.
„Komm her, leg dich ein wenig hin. Ich bleib wach und… pass auf dich auf. So wie früher, als du dich vor der Nachtwache gedrückt hast, mh?“
Damals, in einem gefühlt anderen Leben, hatte Cassie geschlafen wie ein Stein, während Claire am Feuer über ihr Lager gewacht hatte und nur selten vom Taugenichts abgelöst worden war. Dafür hatte der Dunkelhaarige aber auch jeden Morgen unverschämt gut und erholt ausgesehen nach seinen acht Stunden Pause von der Welt.
„Du machst brav deinen Schönheitsschlaf, so wie damals. Nur mit dem Unterschied, dass du dieses Mal wach wirst und ich nicht draußen am Feuer sitze, sondern bei dir bin“, schlug er leise vor, während er seinem Mann auf die bequeme Matratze folgte, kaum dass Cassie es sich bequem gemacht hatte. Sonst war es Claires ureigene Angewohnheit sich jene Seite des Bettes auszusuchen, die näher an der Tür war, einfach nur weil er meist als erster von ihnen beiden wach wurde und schon aufstand - heute allerdings wartete er bewusst bis Matthew es sich auf der Hälfte gen Wand bequem gemacht hatte, um ihn zum Eingang ihres Quartiers hin abzuschirmen und als Schutzwall gegen alles und jeden zu dienen, der es sich wagte sie beide zu stören.
Unsicher ob Cassie überhaupt im Bett oder beim Versuch zu Schlafen körperliche Nähe ertrug, streichelte er seinem Mann sachte über den Arm - ein vorsichtiges Herantasten an jemanden der einem zwar nicht fremd vorkam, den man aber auch keinesfalls überfordern wollte.
„Sag, hast du… t-tut… dir was weh? Bekommst du Schmerzmittel oder sonst irgendwas, damit es dir besser geht?“ - damit war nicht zwingend nur etwas für seine Hand gemeint, sondern auch für den Rest von Cassie. So wie er die Ärzte hier kennengelernt hatte, dröhnten sie ihn entweder mit ihren Pillen zu oder ließen ihn mit leeren Versprechungen am ausgestreckten Arm verhungern. Dazwischen schien es nichts zu geben.
Dieser Ort, gekleidet in Weiß und bevölkert von Menschen in Uniformen, war ein Gefängnis.
Aber das war die Farm des gütigen Mannes auch gewesen - nur hatte es dort echtes Licht gegeben, echte Feldwege, echte Wälder. Die Kinder an diesem Ort waren echt gewesen, sein Freund Jamie ebenso. Es war ein Gefängnis aus dem man nicht lebend entkam - aber zumindest war jener Ort in der echten Welt gewesen. Auf diesen Ort hier traf lediglich zu, dass es kein Entkommen gab.
Matthew, der für gewöhnlich überall einen Ausweg sah und der sich beharrlich zu weigern wusste jemals aufzugeben, war zum ersten Mal in seinem Leben vollkommen mut- und kraftlos. Er sah keinen Ausweg.
Das einzig gute im Hier und Jetzt war Clarence. Wie so oft war der Blonde sein Licht in der Dunkelheit und sein Halt, obgleich sich Matthew fühlte als würde er fallen.
Auch jetzt verfehlte Clarence diese Aufgabe nicht.
Es gab kein Zögern, kein noch so winziger Augenblick des Innehaltens in dem er abwog ob er sich zu Matthew gesellen wollte oder nicht.
„Ich versuche aufzupassen, dass du keinen Blödsinn machst, seit wir uns kennen…“, erwiderte der Jüngere. Doch obwohl seine Worte seine schnippisch-vorlaute Art ganz gut wiedergaben, so hörte man ihm dennoch den Kummer und die Erschöpfung an. Dieser Anflug eines Scherzes war das Beste an Normalität was Matthew gerade aufbringen konnte - und er war sich der Tatsache sehr wohl bewusst, dass es erbärmlich wenig war.
Aber Clarence störte sich nicht daran und falls er es doch tat, so konnte er es vollkommen vor dem Jüngeren verbergen.
Schweigsam ließ Matthew den Blick durch das Quartier schweifen. Der Raum war klein aber - unter den hiesigen Umständen - gemütlich eingerichtet. Das Bett in der Nische war groß genug für zwei Personen, es gab einen Tisch und ein kleines Sofa. Die Wände waren glatt und simulierten einen Wald. Clarence, der sich mit den Besonderheiten des Raumes bereits beschäftigt hatte schaffte es irgendwie, dass Licht zu dimmen. Dabei wurden nicht nur einfach die Lampen dunkler, auch die Szenerie des Waldes änderte sich. Statt einen sonnengefluteten Nachmittag in der Natur zu zeigen wechselte das Bild auf eine nächtliche Umgebung. Die Bäume wurden zu Schemen, der Himmel wurde blauschwarz. Glühwürmchen schwebten lautlos zwischen den Baumstämmen umher. Fast könnte man meinen sie wären echt. Doch natürlich waren sie das nicht. Hier drinnen gab es keine Glühwürmchen und erst recht keinen Himmel.
Matthew beobachtete die künstlichen Punkte einen Moment lang schweigend und versuchte sicherer Illusion hinzugeben draußen zu sein. Aber es war wie mit allem im Leben: hätte man einmal etwas als Trugbild entlarvt, war man nicht mehr naiv genug um sich unbefangen darauf einzulassen. Schließlich senkte er deshalb den Blick, öffnete seinen Overall und schälte sich umständlich aus der Einheitskleidung. Weder fragte er um Hilfe noch hätte er selbige angenommen - und Clarence bot sie ihm auch nicht an. Was gut war. Matthew wollte das alleine schaffen. Und er schaffte es schließlich auch, umständlich zwar und seiner Leichtigkeit beraubt, aber es gelang ihm.
Kaum da er die Uniform losgeworden war offenbarte sich zudem das Ausmaß seiner Verletzungen in Gänze. Wie verschüttete Tinte hatte sich das Hämatom rund um seine gebrochenen Rippen auf seiner Seite, Teilen des Bauches und auch des unteren Rückens ausgebreitet. Er hatte blaue Flecken an den Schulterblättern, verschorfte Kratzwunden an den Unterarmen. Wie sehr man ihm seit Ankunft an diesem Ort zugesetzt hatte war nun - da er bis auf weiße Shorts nichts weiter trug - umso deutlicher sichtbar.
Das Bett in seinem Quartier war ähnlich wie jenes auf dem er nun Platz nahm - aber jenes hier versprach ihm dennoch so etwas wie Ruhe. Freilich lag das nicht an der Matratze oder am Kissen - es lag an Clarence. Ganz allein an ihm. Sie hätten auf einer Strohmatte im Regen liegen können, Cassiel hätte die selbe Hoffnung auf Ruhe verspürt wie er sie nun spürte.
Umständlich und geschunden robbte er über die Matratze, ganz hinter auf dem Bett, wo er sich zunächst auf die Seite legte und sofort die Beine anzog. Er lag von Clarence‘ abgewandt zumindest für einen kurzen Moment, dann streckte er die Beine aus und rollte sich zurück auf den Rücken. Den Kopf in Richtung des Blonden gedreht sah er ihn einen Moment lang an, dann sagte er plötzlich und vollkommen aus dem Zusammenhang gerissen:
„Ich hab mich nie vor der Nachtwache gedrückt. Ich hab sie vielleicht… ein oder zweimal verschlafen. Höchstens.“
Ein schmales Lächeln lag auf seinen Lippen, so dünn, dass es kaum merklich war und doch war es da.
Allem was geschehen war zum Trotz.
Auf die Frage hin ob er Schmerzen hatte hatte er noch nicht geantwortet - doch weil er sehr wohl wusste, dass Clarence in größter Sorge um ihn war, gab er schließlich doch noch verspätet Antwort.
„Es geht schon…nichts, was nicht auszuhalten geht.“ - im Aushalten war er schon immer gut gewesen. Darin war er quasi ein Meister - immerhin wäre er sonst schon gar nicht mehr am Leben.
„Die haben mir… was angeboten. Pillen und…“ -‚eine Salbe für meinen blutigen Hintern‘ - ging es Matthew finster durch den Kopf, sprach es aber nicht aus. Stattdessen setzte er seine Antwort anders fort. „Aber ich nehm nichts von denen. Ich will deren Zeug nicht. Egal was es ist, es…“ - er zögerte und versuchte die richtige Worte für seine tief empfundene Ablehnung zu finden. Er hatte Angst vor diesen Leuten, er misstraute ihnen und zwar jeder Hinsicht. Seit ihrer Gefangennahme hatte man ihnen nichts als Leid zugefügt.
Sie hatten in gewissem Rahmen kooperiert, waren gewillt gewesen sich zu arrangieren - aber das hatte sich nicht gerade bezahlt gemacht.
„…es fühlt sich falsch an. Ich will nicht… benommen sein von ihren Pillen und Spritzen.“ - nicht das es ihm etwas gebracht hätte wach zu sein. Aber die Vorstellung erneut angegriffen zu werden und dann vielleicht zugedröhnt zu sein und sich gar nicht wehren zu können, machte ihm Angst.
Matthew atmete durch und schloss für einen Moment die Augen. Die Dunkelheit hinter seinen Lidern hatte jedoch nichts beruhigendes an sich weshalb er schließlich wieder zu Clarence sah. Der Blonde lag dicht bei ihm - jedoch ohne ihn zu sehr zu berühren. Ein Akt der Umsicht für den der Jüngere ihm dankbar war ohne es in Worte zu kleiden.
Behutsam und umständlich war es nun Cassiel welcher ein Stückchen näher an den Blonden rutschte und den Kopf auf Clarence‘ Brust bettete. Die gebrochene Hand ruhte dabei noch auf seinem eigenen Bauch.
„Du kannst ruhig… ich bin nicht aus Glas. Ich glaube, wenn du den Arm nicht um mich legst, tut es mehr weh.“, versuchte er zu scherzen und schob seinerseits den Arm mit seiner gebrochenen Hand über Clarence‘ Bauch um sich zumindest etwas an ihn zu schmiegen. Zögerlich war er dabei nicht, weil er keine Berührungen oder Körperkontakt wollte - sondern einzig wegen der Schmerzen. Seine gebrochenen Rippen ließen es nicht so recht zu, dass er sich auf jene Seite drehte und sich wieder ganz von Clarence wegdrehen wollte er nicht.
„Erzähl mir was, hm? Irgendwas schönes.“
‚Ich hab mich nie vor der Nachtwache gedrückt. Ich hab sie vielleicht… ein oder zweimal verschlafen. Höchstens.‘
„Allerhöchstens drei Mal. Wenn überhaupt!“, pflichtete Clarence ihm ruhig bei und sein Tonfall verriet, dass er den Teufel tun und weiter auf dieser Fehleinschätzung herumreiten würde. Denn in Wahrheit war sein Verschlafen nicht drei Mal seit ihrem Kennenlernen oder drei Mal im Quartal vorgekommen, sondern drei Mal im Monat. Allermindestens.
Still erwiderte er das Lächeln des Jüngeren, wenngleich es nicht annähernd so schmal war. So schlimm die Umstände ihres Wiedersehens waren, so unbeschreiblich gut tat dieser kurze Anflug von Normalität nun. Man konnte sagen was man wollte, aber ausgestreckt auf einem Bett liegend, hatten sie schon immer die besten Momente gehabt. Was für andere nichts weiter war als eine gemütliche Gelegenheit um sich auszuruhen, war eine Matratze ein sicherer Ort für sie wo sie es schafften, den Lasten des Alltags und den Schrecken des Lebens für einen Moment zu entkommen. Das war von Anfang an so gewesen und auch nun zeigte sich wieder, dass sich diese Eigenart für sie nicht einfach so verlor.
Für Clarence, dem es das größte Leid war seinem Mann keine Hilfe zu sein, schien ihr Wiedersehen wie ein Schwebezustand. Das, was geschehen war, thronte über allem wie das Schwert des Damokles und doch gab es keinen Schalter und kein Wort, das irgendetwas daran ändern konnte, was hinter Matthew lag. Gleichfalls gab es aber auch keine Flucht nach vorne. Keine Normalität, zu der sich einfach übergehen ließ, als sei nichts gewesen. Keinen Anlass um einander in die Arme zu fallen und sich, sich wild küssend, über ihr Wiedersehen zu freuen, so wie es noch vor wenigen Tagen im kleinen Vernehmungsraum gewesen war, als sie Gänge und Lüftungsschächte in Kartoffelbrei eingezeichnet hatten.
Schweigend nickte der Blonde im Bezug auf die Angst vor den Medikamenten dieser Irren, ein Bedenken, das er gut nachvollziehen und seinem Mann nicht zum Vorwurf machen konnte. Natürlich wäre es ihm lieber gewesen, hätte Cassie etwas gegen die Schmerzen eingenommen anstatt sie auszusitzen. Aber das Argument nicht benommen sein zu wollen, bedeutete nicht nur Angst vor der Wirkung an sich, sondern auch Angst vor erneuter Handlungsunfähigkeit. Wog man das eine gegen das andere ab, Claire selbst hätte sein Leid auch lieber in Würde ertragen, als sich unnötig angreifbar machen zu lassen.
Nach all den Fragen, die wild in seinem Kopf herum gerührt hatten, herrschte mittlerweile absolute Stille. Wachsam und bedächtig musterte er seinen Mann aus der Nähe, während er neben ihm lag unter der Simulation eines nächtlichen Waldes, die so gar nicht von Gewalt oder Gefahr sprach. Er fühlte sich eigentümlich leer und auf emotionale Weise erschöpft, doch sein Körper fühlte sich schrecklich wach an - jederzeit bereit empor zu springen und Matthew vor allem zu verteidigen, was ihm auch nur ein einziges Haar krümmen wollte. Seine blauen Flecken an der kompletten flanke entlang waren ihm nicht entgangen und erinnerten ihn auf unangenehme Weise an jene Verletzungen, die sein Mann auch nach dem Absturz des Zeppelins erlitten hatte.
Wenn es doch nur ein einziges Mal aufhören würde. Wenn sie doch nur ein einziges Mal jenen Frieden finden würden, den sie sich nach all dem, was in ihrem Leben bereits geschehen war, verdient hatten.
Aber so funktionierte ihre Welt leider nicht und Clarence glaubte auch schon lange nicht mehr daran, dass sie wenigstens ihre eigene Umgebung zu etwas formen konnten, das sich auf Dauer friedvoll anfühlte.
Noch bevor sein leerer Kopf überhaupt darüber nachdenken konnte was sein Mann ihn scherzhaft wissen ließ, hatte der Jäger bereits den Arm gehoben und unter dem Jüngeren hindurch geschoben, ihn augenblicklich in eine enge Umarmung an sich ziehend, die sich vertraut und Nähe spendend anfühlte. Er hatte sich so sehr nach Cassie gesehnt und war in seiner Sehnsucht so von den Erzählungen seines Mannes erschüttert worden, dass ihm nicht mal aufgefallen war, wie wenig körperlich sie sich seitdem eigentlich nahe gekommen waren. Kein Kuss war seit dem Eintreten Matthews gefallen und auch die Berührung jetzt war die erste halbwegs anständige Umarmung, die sie seit ihrem Wiedersehen zelebrierten.
„Keine Sorge. Ich weiß, dass du nicht aus Glas bist“, entkräftigte er die Unterstellung des Dunkelhaarigen, auch wenn sie mehr als Vorwurf gemeint war. Ihm jedoch das Gefühl zu geben, er hielt ihn auf irgendeine Weise für zerbrechlich, war das letzte, das er wollte.
Sachte schob er seinen zweiten Arm über Cassie hinweg und brummte dabei wohlig, seine Hände gedankenverloren über den Rücken seines Mannes kraulen lassend. Im Gegensatz zu ihm hatte Claire sich seines Overalls nicht entledigt, was nicht etwa daran lag den Jüngeren nicht überfordern zu wollen, sondern an purer Gewohnheit. Vor Matthew hatte er nie in Unterwäsche oder gar nackt im Bett gelegen. Das war eine Marotte, die sich erst mit ihrer Beziehung eingeschlichen hatte - die sich jedoch genauso schnell wieder zu verlieren schien, wenn der kleine Taugenichts nicht bei ihm lag.
„Was schönes, mh? Da muss ich kurz überlegen. Schöne Dinge findet man hier immer nur, wenn die Tür aufgeht und du stehst dahinter“, schmunzelte er zufrieden und zwickte den Jüngeren neckend mit den Fingernägeln etwas in den Rücken, wenigstens die Simulation von jener Normalität vortäuschend. Jener, wie sie nun vielleicht geherrscht hätte, wären sie Zuhause und nicht an diesem eigentümlichen, grausamen Ort.
‚Kapitel Eins: Nennt mich Ishmael‘‘, lag ihm kurz auf der Zunge, ein Gedanken der ihn selbst schmunzeln ließ und den er mit einem kurzen Kopfschütteln schnell wieder vergaß. Cassie hatte ihm das vermaledeite Kapitel gefühlt dreißig Mal vorlesen müssen als er damals auf der Harper Cordelia selbst pflegebedürftig im Bett gelegen hatte und mittlerweile kannte er mindestens die Hälfte davon auswendig. Es wäre mehr als angemessen gewesen dem Jüngeren einen Teil dieser liebevollen Fürsorge zurück zu geben - aber das hier sollte kein Krankenbett sein. Das hier war für hoffentlich einige Stunden der Platz für Matthews Erholung und ein wenig tiefen Schlaf, insofern das überhaupt möglich war.
„Wenn wir wieder Zuhause sind, sind einige unserer Fenster vielleicht schon fertig. Wir können Yvie fragen, ob wir sie schon abholen und anfangen können sie einzubauen, während sie den Rest noch anfertigt“, nahm er Matthew mit an einen völlig anderen Ort. Fernab von elektrischen Klemmbrettern, Simulationen oder Gängen ohne Auswege - dorthin, wo ihre Zukunft war. Wo sie frei sein würden zu tun und zu lassen, wonach ihnen der Sinn stand. Wo ihr Zuhause sein würde, wo sie sich sicher und wohl fühlten.
Mit Fenstern und echter Natur anstelle von Simulationen.
„Dann fangen wir im Schlafzimmer an und im Bad. Und wenn wir dort fertig sind… können wir vielleicht schon die ein oder andere Nacht dort verbringen, wenn wir am Haus arbeiten. Dann sparen wir uns am Wochenende den langen Weg zurück in die Stadt“, schlug er vor, während er weiterhin gedankenverloren mit den Fingern über Cassies Rücken kraulte. „Ich habe darüber nachgedacht… dass wir uns zuerst um eine kleine Koppel kümmern, damit dein Gaul nicht ständig abhaut. Mit einem kleinen Unterstand, damit er es bequem hat. Vielleicht bleibt er uns dann länger treu als nur eine halbe Stunde nach Ankunft.“
Er würde ja gerne behaupten, dass das Tier vielleicht nur mit Claire selbst ein Problem hatte und vor ihm davon rannte - aber das Pferd war ja auch damals nach Cassies Ankunft nicht an Ort und Stelle geblieben, obwohl Clarence ihm kaum zu nahe gekommen war.
„Außer, du hast eine bessere Idee oder andere Wünsche, was du zuerst erledigt haben willst?“
Matthew schmiegte sich vorsichtig an Clarence heran als dieser ihn in eine behutsame Umarmung zog.
Das Licht gedimmt, die künstlichen Glühwürmchen auf den Bildschirmen um sie herum, das Bett weich unter ihnen und Clarence bei ihm… fast hätte sich der Moment friedlich angefühlt. Der Dunkelhaarige schloss die Augen und umfasste Clarence ein bisschen fester.
Er hatte Angst, jetzt gerade in diesem Moment. Nicht vor Clarence sondern davor, dass sich die Tür öffnen würde und dahinter jene Leute standen. Um sie zu trennen, sie zu verprügeln, ihnen wehzutun oder um sie zu töten.
Doch die Türe öffnete sich nicht. Stattdessen erklang Clarence’ vertraute Stimme im Halbdunkel.
„Wenn wir wieder Zuhause sind, sind einige unserer Fenster vielleicht schon fertig….“
Der Gedanke an ihr Haus ließ Matthew schlucken. Er hatte zwar nicht vergesse, wie es dort aussah aber es kam ihm vor als hätte er vergessen wie es sich anfühlte, dort zu leben.
Die Sicherheit der Stadt, die Gewissheit das ein jeder Tag zusammen begonnen und auch zusammen beendet wurde.
Kein Essen in zugeteilten Rationen, keine Simulationen, keine sterilen, weißen Räume. Die Menschen dort waren beileibe nicht alle Freunde, aber viele waren freundlich gewesen.
Cameron, Addy… das waren Freunde. Sie warteten in Falconry auf ihre Rückkehr. Oder hatten sie nach ihnen gesucht? Suchten jetzt in diesem Moment nach ihnen?
Und Kain und Abel? Ihre zwei Jungs mit Mutter aus die ewige Eis - würde man sie gut behandeln? Vermissten sie sie bereits?
Matthew versuchte sich vorzustellen wie es in der kleinen Stadt zuging. Wie der Frühling mehr und mehr die Oberhand gewann, die Sonne die Felder endgültig aus dem Winterschlaf weckte, wie ihr Haus auf der weitläufigen Wiese nach und nach ausgebaut wurde, alte Fenster den Neuen wichen… Es waren Gedanken die ihn ablenkten von der sterilen Welt in der sie aktuell lebten und gleichzeitig weckten sie eine tiefe Sehnsucht und Melancholie in ihm.
Er wollte dorthin zurück. Aber gerade fühlte sich Falconry unfassbar weit weg an - wie ein Traum, den man nicht erreichen konnte - egal wie sehr man es auch wollte.
„Ich würde gern schon dort schlafen…“, flüsterte Cassiel. Dieses Haus war - ähnlich wie die Harper Cordelia - etwas, dass nur ihnen gehörte. Etwas, woran sie stetig arbeiten würden. Matthew hatte eine Menge ziemlich ungewöhnlicher Sonderwünsche die Clarence bereits in der Theorie in den Wahnsinn getrieben hatten. Wahrscheinlich würde er ganz und gar verrückt werden, wenn es erst daran ging sie alle umzusetzen. Aber gerade jetzt hätte Cassiel jede Diskussion und jeden Mini-Disput über derartige Details liebend gern ausgefochten.
„Selbst wenn noch nicht alles fertig ist… Ich glaube, ich möchte nicht mehr zurück in die Wohnung in der Stadt.“
Nach allem was passiert war, wollte er lieber für sich sein… in der gemieteten war ihm nie etwas schlechtes passiert, aber es stand in einer Stadt mit vielen Menschen. Mit Leuten wie Ryan, die Clarence bereits angegriffen hatten. Dieses kleine Haus inmitten der Stadt war schön aber es war kein Zuhause. Und wenn sie jemals lebend diesen Ort hier verließen, wollte Matthew nach Hause. Kurz öffnete er die kandisbraunen Augen und musterte Clarence‘ Profil. Sein Mann strahlte eine Ruhe und Beständigkeit aus, die auf Matthew schon immer positiv gewirkt hatte. Ihm selbst ging jene Gelassenheit schon immer ab, aber hin und wieder konnte er sich ein wenig von der des Hünen klauben.
Heute gelang ihm das nicht. Aber die Gegenwart seines Mannes war dennoch genau das, was er im Augenblick brauchte. Er hob den Kopf von der Brust des Blonden und blickte durch den Raum, hin zur Tür und behielt sie einen Moment lang im Auge um sich zu versichern,, dass sich diese weder geräuschlos geöffnet hatte, noch sich jetzt gerade öffnen würde. Und das tat sie auch nicht. Sie waren noch immer allein mit den simulierten Glühwürmchen. .
Matthew zwang sich dazu, den Blick von der Tür abzuwenden. Er schloss die Augen wieder, legte den Kopf zurück an Clarence‘ Brust und lauschte weiter seinen Ideen und Vorschlägen. Die Wiese einkoppeln, dem Pferd einen Unterstand bauen… die Vorstellung hatte etwas märchenhaftes an sich. Erst recht in ihrer aktuellen Lage in der es nicht danach aussah als würden sie diesen Ort überhaupt jemals verlassen können. Vielleicht sahen sie nie wieder einen echten Wald, vielleicht würden sie niemals auch nur eine Nacht in ihrem Haus schlafen. Vielleicht würde das übellaunige Pferd niemals auf ihrem Grund und Boden ein Zuhause finden. Matthew versuchte, diesen und derartige Gedanken zu verdrängen.
Was wäre es doch nur für ein jämmerliches Ende ihrer Pläne, wenn sie hier unten - fern von allem was sie kannten - sterben würden? Ausgerechnet auf der Suche nach Clarence‘ Kindern.
‚Das wird nicht passieren. Wir sterben hier unten nicht.‘ sagte er sich in Gedanken - aber sicher war Matthew nicht.
„Das Pferd…kennt es nicht, eingesperrt zu sein. Glaube ich jedenfalls.“ - und gleiches galt für sie beide. „Aber vielleicht, wenn wir das Gelände weiträumig genug einzäunen… wird es trotzdem bleiben. Immerhin findet man nicht überall einen Unterstand, den Clarence Sky mit seinen eigenen Händen gebaut hat.“ - die Illusion, dass alles gut werden würde, dass das hier nur eine Episode war - aber nicht das Ende ihrer Geschichte…das zu glauben fiel Matthew aktuell unglaublich schwer. Die Art wie man ihm zugesetzt hatte, machte es unmöglich optimistisch zu sein und trotzdem versuchte er im Rahmen seiner Möglichkeiten den Kopf nicht hängen zu lassen.
‚Wir müssen hier weg. Wir werden hier unten nicht draufgehen.‘ - sagte er sich, während er sich zwang die Augen geschlossen zu halten und nicht - der Paranoia folgend - erneut zur Tür zu sehen. Dies Gewissheit, dass seine Gedanken der Wahrheit entsprachen fehlte ihm zwar, doch im Moment schien Clarence genug Gewissheit für sie beide zu haben.
„Hast du… schon irgendwelche Hinweise auf…die Mädchen gefunden? Mit mir… hat niemand über etwas anderes geredet als darüber woher wir kommen, was wir im Wald gesucht haben und so… Auf meine Fragen wurde nie wirklich geantwortet.“ - Wenn Matthew ehrlich zu sich war, dann wusste er im Augenblick nicht ob er sich wünschte, dass die Kinder des Blonden noch - oder wieder - existierten. Sie waren einer Spur gefolgt in der Hoffnung sie zu finden und diese Suche hatte sie hierher geführt.
Dieser Ort, der so befremdlich und eigentümlich war. Der außer Sterilität, Simulationen und Schmerzen nichts zu bieten hatte. Die Mädchen zu finden würde nicht wieder gut machen was ihm passiert war. Sie nicht zu finden aber ebensowenig.
‚Es geht immer irgendwie weiter. So lange, bis es nicht mehr weiter geht. Aber wann das ist, entscheidet Gott alleine für uns. Nicht wir‘, hörte er manchmal noch immer die Stimme seiner Mutter Gail in seinen Ohren. Sie hatte die Finger in sein weizenblondes Haar vergraben und kraulte ihm sanft durch die Strähnen, bis sie so durcheinander waren wie das Heu auf dem Boden ihrer Scheune. Noch immer hatte sie manchmal mit ihm geredet wie mit einem kleinen Kind. In ihren Augen wäre er immer ihr kleiner Junge geblieben, obwohl er sie schon ein- und beinahe überholt hatte.
Auf den Bänken in der kleinen Kapelle ihrer Gemeinde hatten sie gesessen, aufgereiht wie Perlen an einer Halskette. Es war noch nicht lange her gewesen, da war sein Großvater während der Wache im Wald verschollen, vermutlich gerissen durch ein Mutie oder verschleppt und getötet von Plünderern - wie so viele der Nachtwache. Weil sie nicht mehr für diese Teufel dort draußen gewesen waren als Spielzeug. Als wertloses Fleisch, an dem man seine boshaften Neigungen befriedigen konnte.
Wenige Wochen später war sein anderer Großvater seinem hohen Alter erlegen. Sehr spät hatte er in dritter Ehe noch seine zwei Töchter bekommen, nachdem seine zweite Ehe kinderlos geblieben war. Gail war deutlich jünger gewesen als ihre große Schwester und als unerwartetes Nesthäkchen der Liebling ihres Vaters, während sie für die Heirat mit Sandfort im weiblichen Ast ihres Stammbaumes eher in Ungnade gefallen war.
‚Wie soll es jetzt weiter gehen?‘, hatte er seine Mutter damals gefragt. Schon da hatte er genug vom Leben gewusst um zu wissen, dass keiner sie mehr vor der Familie verteidigen würde, wenn es Gramps nicht tat. Von der Seite her angesehen hatte er sie. Bekümmert. Besorgt um die Zukunft - aber auch um seine Mutter, die mit ihrem Vater einen der wichtigsten Menschen in ihrem Leben verloren hatte. Er erinnerte sich noch gut an ihr spitzes Gesicht, die hellen Augen. An ihre Wimpern, die dunkler gewesen waren als der Rest ihres Haares. An ihre prominenten oberen Schneidezähne, von denen sie ihm mal erzählt hatte, dass sie früher oft dafür gehänselt worden war von anderen Kindern. ‚Aber das Leben geht weiter‘, hatte sie ihre Erzählung beendet und mit den Schultern gezuckt, als wäre das Schnee von gestern. Vielleicht hatte sie das wirklich so empfunden. Vielleicht aber war sie auch einfach nur zu stur gewesen um sich einzugestehen, dass diese Erinnerung weh tat.
Aber egal wie oft Gail auch auf diese sture Weise versichert hatte, dass das Leben weiter ging egal was ihnen widerfuhr, genauso oft hatte sie damit auch Recht behalten.
Es ging immer irgendwie weiter.
Und es würde auch hier in diesem Bunker irgendwie weitergehen. So lange, bis es nicht mehr weiter geht. Aber wann das sein würde, entschieden nicht Matthew oder er selbst.
Ähnlich wie seine Mutter ihm damals durch Haar gefahren war, kraulte Clarence auch heute weiterhin über den Rücken seines Mannes hinweg, welcher sich in seinen Arm gekuschelt hatte. Wie von alleine und völlig perfekt schmiegte sich seine Silhouette an die Flanke des Hünen, ein Gefühl so vertraut und anheimelnd, dass es sich fast ein wenig anfühlte wie Zuhause, während er dem Blick des Jüngeren hinüber zur Tür folgte.
Im Gegensatz zu Cassie fürchtete er sich nicht vor Übergriffen oder Gewalt. Alleine der Gedanke daran, dass ihre gemeinsame Zeit schon wieder schneller verstrich als gedacht und man sie zum Abendessen rief noch bevor sich der Jüngere richtig erholt hatte, machte ihm viel mehr Angst.
„Weißt du… es gab eine Zeit, da kanntest du es auch nicht, dich an einen anderen Menschen zu binden. Aber siehe da: Bislang gefällt es dir ganz gut, glaube ich. Ich denke also, dein Pferd könnte mit der Zeit genauso Gefallen daran finden, bei uns auf der Koppel zu stehen. An manche Dinge muss man sich einfach ein bisschen gewöhnen bis man merkt, dass man sie mag“, sinnierte er leise und schämte sich dabei des Vergleichs zwischen dem eitlen Reed und dem sturen Gaul kein bisschen. Cassie mochte es nicht sehen, aber er und das Pferd waren aus dem selben Holz geschnitzt. Da war Clarence sich sicher. Ansonsten würden die beiden sich auch nicht derart wortlos verstehen.
Behutsam fuhr er mit seinen Nägeln die weiche Haut des Jüngeren entlang, die vertraute Wärme genießend die von ihm ausging, auch wenn die ganze Szenerie noch immer überschattet war von all den Dingen die hinter Cassie lagen und welche er als Beweis dessen noch auf der Haut trug. Wenngleich seine Wut in Sorge verloren gegangen war, hieß das nicht, dass damit auch seine Rachegelüste versiegt worden wären. Aber es war nicht der Zeit und nicht der Ort um nach all den Tagen der räumlichen Trennung nun emotional bei einem anderem Mann zu sein als bei seinem eigenen und auch wenn es ihm schwer fiel, so hatte er Cassie doch auch ein Versprechen gegeben, das er gewillt war einzuhalten so gut es eben ging.
„Meinst du, du hältst es aus mit den Hunden und mir auf einer großen Baustelle? Das ist eine ziemliche Belastung. Hauptsächlich für mich, meine ich - immerhin wirst du mich ganz schön rumscheuchen“, gab er zu bedenken und schob dabei seine Arme zurück um die Schultern seines Mannes, die Finger auf seiner warmen Haut verschränkend um ihm zu zeigen, dass es sicher nicht an ihm liegen würde, wenn sie nicht sofort dort einzogen. „Wir haben aber noch nicht mal eine Matratze dort. Bestimmt bekomme ich ein Bett organisiert, aber wir brauchen doch noch ein paar andere Sachen, damit es sich nicht so anfühlt, als würden wir wieder ohne alles im Wald schlafen. Wir könnten… das Zimmer auf Vordermann bringen. Das mit dem kleinen Balkon. Pusten den Kamin einmal ordentlich durch und bringen das Bad auf Hochglanz, so wie es ist. Den Rest können wir sanieren, während wir dort wohnen. Wenn es nach mir geht, reicht auch erstmal eine Feuerstelle hinterm Haus zum Kochen. Ich bin nicht anspruchsvoll was das angeht. Hauptsache du und unsere beiden Jungs sind da.“
Ihr braver Kain und ihr guter Abel. Clarence vermisste die beiden unsäglich und doch verbot er sich den Gedanken an sie, ähnlich wie er sich noch in Falconry verboten hatte, an seine beiden Mädchen zu denken. Viel zu groß wäre der Schmerz, sie nie mehr wiederzusehen.
Aber wenigstens bei zweien der vier hatte er mittlerweile Gewissheit erlangt.
„Lass uns… lass uns die Augen ein wenig zu machen, hm? Du musst versuchen etwas zu schlafen, bevor die uns zum Essen hier raus scheuchen“, schlug er leise vor und legte das Kinn kurz auf die Brust, um Cassie einen Kuss auf sein dunkelhaariges Haupt geben zu können. „Ich befürchte, die Mädchen sind… kein Thema für diesen Augenblick hier.“
Nicht nach alldem, was er von Matthew erfahren hatte. Und nicht, wenn man versuchen wollte ein wenig zu schlafen, so wie sein Mann.
Schweigsam lauschte Matthew auf die Stimme des Blonden und versuchte, sich auf nichts anderes zu konzentrieren.
Er hatte mittlerweile die Augen wieder geschlossen und stellte sich ihr Haus und die große Wiese mit dem See vor, wie sich der Nebel über dem Wasser kräuselte. Angrenzend der Laubwald und der Grey Eagle.
Es war eine schöne Vorstellung, doch es gelang ihm nicht, sie mit Leben zu füllen. Selbst als Clarence sich an einem Scherz versuchte war das Lächeln Matthews lediglich pflichtschuldig und dünn. Ob er Clarence herumscheuchen würde oder nicht, würden sie ja dann sehen - falls sie jemals wieder von hier verschwinden und an jenen Ort zurückkehren würden.
Nach Hause. Wie das klang. Surreal.
„Eine Matratze sollte erstmal reichen… Ich will…einfach nur nicht zurück.“ - zurück in die Stadt, zurück zu den anderen. Zurück zu Nagi Tankas Vermächtnis.
Was geschehen war hatte bei Matthew längst vernarbte Wunden neu und bis aufs Blut aufgefetzt - und dieses Mal würde vielleicht noch nicht einmal alle Zeit der Welt ausreichen, die Wunden wieder zu verschließen.
„Das Zimmer mit dem Balkon…“ - über jenes Zimmer hatten sie öfter gesprochen, weil Clarence es als Schlafzimmer gewollt hatte während es Matthew dafür eigentlich zu klein gewesen war.
Letztlich hatte Cassie jedoch eingelenkt und zugestimmt und jetzt war es ihm im Grunde egal - Hauptsache sie waren weg von hier. „…das hat’s dir angetan. Ich weiß… und wenn ich mich richtig erinnere, dann hatten wir uns schon geeinigt, dass es unser Schlafzimmer wird.“, er öffnete die Augen wieder, denn es war aussichtslos Schlaf finden zu wollen.
Im Halbdunkel wanderte sein Blick unstet durch das Zimmer.
„Wegen dem Balkon und…der schönen Aussicht.“ - er atmete tief durch, verloren seufzend und drängte das Gesicht anschließend fest gegen Clarence‘ Halsbeuge. Er wollte sich bemühen einzuschlafen, mit dem Gedanken an eben jene idyllische Aussicht. Aber er konnte den Gedanken daran nicht festhalten, egal wie sehr er es versuchte. Verbissen kniff der junge Mann die Augen zusammen und krallte die Finger kurz in den Overall, den der Blonde noch trug.
Eine unbewusst verzweifelte Reaktion, die er sofort wieder unterließ, kaum da er sich ihr gewahr wurde.
Auf die Frage was mit den Kindern war, wich Clarence ihm aus. Kein Thema für jetzt sei es und Matt, der sich in seinem Leben noch nie elender gefühlt hatte - außer vielleicht als kleiner Junge - verstand das Argument. Er war müde, konnte aber nicht schlafen. Er hatte Angst, konnte gegen diese aber nicht vorgehen. Er musste essen, bekam aber seit Tagen fast nichts herunter. Er fühlte sich dreckig und erniedrigt - und auch dagegen konnte er nichts tun.
An der Seite seines Mannes zu liegen war gut, aber es war - zumindest gegenwärtig - nicht heilsam. Clarence konnte ihn nicht vergessen machen. Vielleicht würde er niemals mehr vergessen können. Vielleicht würde jeder Augenblick seines Lebens fortan geprägt sein von dem Wissen, dass es wieder geschehen war. Und wenn das der Wahrheit entsprach, dann würde Matthew nicht mehr weitermachen können.
Haus im Grünen hin oder her.
Doch diesen finsteren und gleichwohl verzweifelten Gedanken sprach er nicht aus. Stattdessen blickte er wieder ins Dunkel während er den Kuss auf seinem Haupt registrierte. Schlafen sollte er, so sagte sein Mann. Sich ausruhen bevor es zum Essen ging. Der bloße Gedanke an Essen machte, dass Cassie sich flau im Magen fühlte.
„Okay.“ erwiderte er spröde, fast geistesabwesend auf den Vorschlag hin zu schlafen. Ohne noch etwas anzufügen oder sich sonderlich zu bewegen, machte er die Augen zu und versuchte dem Drang zu widerstehen erneut zur Tür zu sehen. Die Tür war zu. Niemand würde kommen und sie trennen.
Seine Atmung war erzwungen ruhig und er gab sich alle Mühe an etwas schönes zu denken, Ruhe zu finden und sich darauf zu konzentrieren, sich auf nichts zu konzentrieren. Vielleicht würde der Schlaf ihn einfach irgendwann übermannen - ein Gedanke so simpel wie aussichtslos.
Nach einigen Minuten völliger Stille - nicht mal die Lüftung machte in diesem Zimmer irgendwelche Geräusche - öffnete er die Augen doch wieder, begleitet von einem Seufzen.
„Vorhin…“ setzte er unvermittelt an, wissend, dass Clarence sowieso nicht schlief. Er hörte es an seiner Atmung - die zwar regelmäßig und ruhig war, aber eben nicht völlig entspannt.
Wahrscheinlich würde Clarence hier drinnen niemals mehr wirklich schlafen. Etwas, wofür Matthew sofort Schuldgefühle bekam. Wenn er nichts gesagt hätte, wäre es besser gewesen. Besser für Clarence jedenfalls.
„…da hast du gesagt, du brauchst nicht mehr als unsere beiden Jungs und mich in dem Haus.“ - eine Formulierung von der Matthew nicht wusste ob sie von Clarence bewusst so getroffen worden war oder nicht. Aber egal ob bewusst oder unbewusst - die Mädchen waren nicht Teil jener Aussage.
„Heißt das, dass die Mädchen nicht hier sind?“ - oder, dass es sie vielleicht niemals mehr seit ihrem Tod gegeben hatte? Dass Mo‘Ann gelogen hatte, von Anfang an?
Ohne Zweifel traute Cassiel ihr das zu, aber es machte keinen richtigen Sinn zu lügen, jedenfalls nicht so. Es gab Unwahrheiten, die man anderen leichter verkaufen konnte als die Wiederauferstehung der eigenen Kinder. Dinge, die man effektiver und nachhaltiger fingieren konnte. Warum diese Art von Lüge wählen? Sie musste damit rechnen, dass sie zwangsläufig irgendwann aufflog. Also weshalb sollte sie eine solche Geschichte erfinden, von der klar war, sie würde über kurz oder lang keinen Bestand haben und die Clarence maximal gegen sie aufbringen würde?
Entweder führte sie etwas im Schilde von dem sie ausging es würde sie vor Clarence‘ Zorn schützen - oder die Witwe von war viel weniger klug als sie glaubte und als Matthew es vermutete.
So oder so, Clarence hatte zumindest ein paar Antworten mehr als Matthew wie es schien.
„Sag mir was du weißt. Ich kann sowieso nicht schlafen.“, forderte er direkt und stemmte sich umständlich von Clarence‘ Seite empor um auf ihn herabzusehen.
Damals - vor Tagen, von denen er nicht mal mehr wusste wie viele es mittlerweile waren - war er mit dem Blonden losgezogen um Harper und Cordelia aufzuspüren.
Dass sie hier unten gefangen waren lag an jener Suche und auch wenn Matthew deshalb trotzdem kein Anrecht auf eine Auskunft hatte, so wollte er sie dennoch haben.
Diese Sache ging ihn ebenso an wie sie Clarence betraf.
„Wir sind beide losgegangen um sie zu suchen.“, erinnerte er den Blondschopf. „Wenn sie hier sind, will ich es ebenso wissen wie du. Und wenn sie… wenn sie nicht hier sind und… vielleicht nirgends… dann… dann möchte ich auch das wissen, Claire. Es betrifft dich - so oder so. Und damit betrifft es auch mich.“
Clarence kannte sie, diese ruhelosen Nächte, in denen man einfach keinen Schlaf fand und die Schrecken vergangener Zeiten drohten einen einzuholen. In solchen Nächten zogen sich Minuten wie Stunden und Stunden wie Tage. Wie oft schon hatte er nachts wach gelegen, hatte versucht seinen Herzschlag mitzuzählen oder das Zirpen der Grillen, in der Hoffnung, er schlief davon irgendwann ein. Unzählige Male war er beim Knacken des Unterholzes wieder aus einem beginnenden Dämmerschlaf empor geschreckt, stets darauf lauernd, dass sie doch noch von Plünderern oder anderen Jägern überfallen wurden - wobei ihm letzteres oft mehr Sorge bereitet hatte als wegen Wertgegenständen und Schmuck gemeuchelt und am Baum aufgeknüpft zu werden.
Genauso wie Matthew nicht zur Ruhe kam, fand auch Clarence keinen Schlaf. Aber er war auch nicht müde und im Augenblick bezweifelte er, dass er das je wieder sein würde. Seit Tagen schon döste er nachts nur wenige Stunden, aber das war nichts Neues für ihn und deshalb weit weniger belastend als der Schlafentzug für den Dunkelhaarigen sein mochte. Trotzdem verschaffte es ihm eine gewisse Ruhe und Erholung, wie sich das Gesicht seines Mannes mal hier, mal da, sachte gegen seinen Hals drängte. Er hatte ihn in den vergangenen Tagen so sehr vermisst, dass ihm der dauerhafte Schmerz ihrer Trennung erst in diesen Minuten wieder richtig bewusst wurde, wo Cassie bei ihm lag - denn aus dem anfänglichen Heimweh nach ihm war irgendwann ein dauerhaftes, unterschwelliges Zermürben geworden, das ihn von Tagesanbruch bis Tagesende begleitet hatte. Wenn Matthew nicht bei ihm war, fehlte ihm ein beträchtlicher Teil seiner Selbst - das war schon immer so gewesen und änderte sich nicht dadurch, dass es lediglich wenige Wände waren anstelle hunderter Meilen, die sie voneinander trennten.
Immer wieder mal konnte er spüren, wie sich das Haupt des Jüngeren unmerklich von seiner Brust hob, um vorsichtig gen Tür zu spähen. Wie gerne hätte er Matthew gesagt, dass er keine Angst zu haben bräuchte. Dass hier drinnen in diesem Quartier noch nichts schlimmes passiert war und jede Neuerung angekündigt worden war, ohne eine Abweichung vom Protokoll aufzuweisen. Aber ihre Erfahrungen in diesem Bunker hier waren nicht die gleichen und genauso wenig waren es die Dinge, die sie einander zu berichten hatten. Dinge, die der Dunkelhaarige nun aufgriff wo ihm kein Schlaf gegönnt war und die er klären wollte, obwohl ihre Umstände alles andere als passend für so ein Gespräch waren.
Als sie aus Falconry Gardens aufgebrochen waren um Harper und Cordy zu suchen, hatten sie sich nicht in einem Bunker gesehen der fernab von alldem war, was ihre Vorstellungskraft sich hätte ausmalen können. An manchen Tagen wusste Clarence nicht mal zu sagen ob das alles hier noch echt war oder schon ein Fiebertraum, so surreal kam ihm die Technik und Elektronik dieser Leute hier vor. Doch so fortschrittlich sie auch zu sein schienen, so primitiv waren sie doch letztlich in ihrer Entwicklung geblieben. Erschossen ihre eigenen Männer, hängten Leichen zur Abschreckung im Wald auf, schändeten andere Menschen.
Hätte man ihn und Cassie nicht voneinander getrennt gehalten, hätten sie Gesprächsstoff für die nächsten zehn Jahre, der beredet und ausdiskutiert werden musste. Stattdessen beschränkten sie sich nach all den Tagen ohne einander gesehen zu haben auf das nötigste. Auf das schlimmste, was sich Clarence jemals hätte vorstellen können - und dem gegenüber stand das wohl größte Wunder, das einem Menschen jemals widerfahren konnte.
Wie um alles in der Welt sollte das eine zu dem anderen passen? Wie sollten sein Kopf und sein Gewissen verarbeiten, welchen Preis sie auf dem Weg bis hierher für etwas bezahlt hatten, das ihm eigentlich das größte Glück dieser Erde bereiten sollte?
Noch während Cassie auf ihn hinab sah und eine Erklärung forderte, überkam den Blonden ein derart schlechtes Gewissen, dass er den Blick für einen Moment abwenden musste. Er wusste, dass sein Mann seine Nachfrage keinesfalls so gemeint hatte und trotzdem fühlte er sich just in diesem Augenblick, als hätte er bewusst für das, was sie gesucht hatten, die Unversehrtheit seines Mannes hergegeben. Wann immer er in den vergangenen Wochen daran gedacht hatte ‚Was wäre wenn?‘ sie seine Mädchen tatsächlich fanden, dann hatten sie nicht in einem solchen Szenario darüber geredet. Nicht in Gefangenschaft. Nicht verwundet, verletzt, verge…
Unruhig kaute Clarence für einen Moment auf seiner Unterlippe. Während Cassie sich umständlich neben ihm aufgestemmt hatte, war seine eigene Hand zwar vom Rücken des Jüngeren gerutscht, nun jedoch lag sie ruhelos auf dem Unterarm seines Mannes - sich selbst daran einen Halt suchend, von dem er das Gefühl hatte, dass er ihm kaum zustand. Immerhin hatte Matthew ihn viel dringender verdient.
„Ich hab sie… noch nicht gesehen. Nicht getroffen, meine ich und…“, korrigierte er sich nach einem kurzen Zögern, während dem er selbst überlegen musste, wie er die vergangenen Tage in Worte fassen sollte. „…und irgendwo hab ich zwischen all den Fragen und den Pillen und den weißen Wänden auch nicht daran gedacht, dass dieser Ort hier der sein könnte, den wir suchen. Aber…“
Unsicher blickte er zwischen Cassies kandisfarbenen Iriden umher, auf der Suche nach Abneigung oder einem Vorwurf, der ihm bewies, dass Cassie ihm seine eigenen Erlebnisse nun zur Last legte. Aber wenn er es so empfand, dann zeigte er es ihm nicht - zumindest noch nicht.
„Sie haben vor ein paar Tagen angefangen mir Fragen zu stellen. Zu ihnen. Zu ihrer Gesundheit oder dazu, welche Verletzungen sie sich damals zugezogen haben. Die braunhaarige Tante, die ständig hinter mir her rennt, meinte plötzlich… dass es Widersprüche gäbe zwischen dem, was ihre Untersuchungen ergeben hätten und dem, was ich erzähle.“
Vielleicht lag es an den Medikamenten, die man ihm noch immer einflößte oder daran, dass sie ihm seinen gesunden Menschenverstand vielleicht mit ihren Apparaturen irgendwie abgesaugt und draußen im Wald, außerhalb des Bunkers, entsorgt hatten. Aber es hatte bedenklich lange gedauert, bis er nach dieser fast beiläufigen Äußerung eins und eins zusammengezählt und die Quintessenz ihrer Bemerkung verstanden hatte.
Ruhelos senkte er seinen Blick hinab auf Cassies Arm, auf dem er seine Hand abgelegt hatte. Hinter seinem Mann summten tonlos simulierte Glühwürmchen durch den Wald und wäre ihre ganze Lage nicht so abstrus und wie im Fieberwahn, hätte Matthew einen unheimlich schönen Anblick abgeben können. Aber er war blutunterlaufen, verletzt und völlig übermüdet. Und wenn es ihm auch nur annähernd so ging wie Clarence, war er nun vermutlich auch noch maßlos verwirrt.
„Sie hat mir auf ihrem elektronischen Klemmbrett… irgendwelche Zugriffsrechte gegeben. Irgendwas imaginäres, damit ich ich einen bestimmten Teil bedienen und öffnen kann. Ähnlich wie die Türen hier, durch die manche hier rein dürfen und andere nicht“, versuchte er zu erklären, was er selbst am Anfang nicht begriffen hatte. „Da sind… simulierte Pergamente und Bilder im Klemmbrett. Fotos, die…wir zum Teil schon kennen. Von Mo’Ann. Aber auch andere, von Untersuchungen. Und… Videodateien. Filme, wie im Lichtspielhaus. Aber viel kleiner und… mit Ton. Bewegte Bilder, mit Farben. Und Harpers Stimme“, fügte er an, leiser nun. All diese Dinge ließen ihn nachts kaum schlafen - nicht, weil sie ihn verrückt machten. Sondern weil er diese Stimme seit Jahren nicht mehr gehört hatte und nie damit gerechnet hatte, es jemals wieder zu tun. „Aber es fühlt sich… nicht richtig an, all das zu lesen und zu sehen. Es ist… anders als damals bei Bennetts Notizen über dich. Sie nennen es Krankenakte, aber…“
Hilflos zuckte er mit den Schultern.
KAZ-S.H.-01-2211-08
Krankenaktenzeichen - Sky, Harper.
Januar 2211.
8 Jahre alt.
Als sie von Falconry Gardens aufgebrochen waren, da waren sie davon ausgegangen, bis nach New Alexandria zu müssen. Dorthin hatten alle Spuren gewiesen.
Ein Kaff irgendwo im Nirgendwo. Weit weg von den Americsn Kestrel. Weit weg von ihnen.
Wie es dort aussah, wie es von dort aus weiterging… All das hatten sie nicht gewusst und sich darüber auch keine allzu großen Gedanken gemacht. Sie hätten improvisiert, so wie immer. Und sie wären davongekommen. So wie immer.
Irgendwie würden sie schon nach Hause kommen - mit oder ohne jene sagenhaften Kinder, die eigentlich längst tot gewesen waren.
Doch wie sich gezeigt hatte, lagen die Dinge dieses Mal anders. Sie waren mit etwas konfrontiert worden das ihnen überlegen war - und kein Talent für Improvisation konnte daran etwas ändern. Aus ihrem Gefängnis konnten sie sich nicht rausquatschen und nicht freikämpfen.
Dieses Mal würde es anders gehen müssen. Und dieses Mal ging es nicht mehr nur um sie beide.
Noch bevor Clarence auch nur ein Wort über die Mädchen sagte, wusste Matthew, dass es sie gab.
Er sah es daran, wie der Blonde seinem Blick auswich und kurz darauf einen Moment lang auf seiner Unterlippe kaute.
Er schien verlegen und nervös. Aber nicht, weil er sagen wollte ‚Die Mädchen waren eine Finte. Tut mir leid, dass all das umsonst geschehen ist.‘ - sondern weil das Gegenteil der Fall war. Als schämte er sich dafür, dass sie hier waren und das sie wirklich lebten. Vielleicht, weil das hieß, dass er solches Glück hatte, während Matthew das Gegenteil von Glück widerfahren war.
„Ich hab sie… noch nicht gesehen. Nicht getroffen, meine ich…“
Sagte er schließlich und Matthew, der sich mit dem Gedanken bisher immer nur in der Theorie befasst hatte, hielt den Atem an. Vollkommen reglos saß er da, sich mit der gesunden Hand abstützend und in einer halb aufrechten Position.
‚Sie leben.‘ dachte er verwundert und irritiert und gleichsam vollkommen stoisch. Und nach jenem Gedanken kam erstmal nichts mehr. Es war alles woran er denken konnte, alles was ihm durch den Kopf ging. Nach einem Moment der Ruhe, richtete sich der Dunkelhaarige weiter auf und lehnte sich schließlich mit dem Rücken gegen die Wand. Ein Bein angewinkelt, das andere ausgestreckt, saß er neben Clarence und blickte erst auf seinen Schoß hinab, dann wieder in Clarence‘ Gesicht. Der Blonde musterte ihn eindringlich, so als erwartete er Segen oder Fluch von ihm.
Vielleicht erwartete er Ablehnung, vielleicht hysterische Freude. Vielleicht alles davon, vielleicht nichts. Matthew wusste es nicht zu sagen, aber er wusste zumindest, dass er keine Ablehnung empfand.
Letztlich sprach der Größere weiter. Erzählte von Zugriffsrechten, von bewegten Bildern, von Fotos. Von Fragen, die man ihm gestellt hatte und von Abweichungen.
All das nahm Matthew schweigend in sich auf und versuchte, die Komplexität dessen zu begreifen.
Aber das, wovon Clarence sprach, war nicht weniger als Zauberei. Es war Magie. Es war ein Wunder.
Und es würde alles ändern - von diesem Moment an würde nichts mehr so sein wie zuvor.
Matthew hatte keine Vorstellung davon was das wirklich für Clarence bedeutete - aber er wusste verdammt gut, dass all das für ihn noch unbegreiflicher anmuten musste, als es das für ihn selbst schon tat.
Wie sollte man auch verstehen, dass geliebte, tote Menschen plötzlich wieder am Leben waren?
„Das ist…“, er schüttelte den Kopf - nicht vor Verdruss, sondern weil ihm die richtigen Worte fehlten.
„Dann waren sie die ganze Zeit über hier? So nah an Falconry?“ - das kam ihm vollkommen surreal vor und doch passte es zu allem, was sie seit ihrem Aufbruch gesehen und erlebt hatten.
„Weißt du, was sie wollen damit sie dich zu ihnen lassen? Wir müssen herausfinden was sie erwarten. Irgendwas will jeder. Und die beiden wären nicht hier, wenn sie keine Verwendung für sie hätten. Ich meine… warum gerade sie?“ - auf diese Frage gab es keine verlässliche Antwort, jedenfalls keine hundertprozentige. Aber Matthew glaubte den Grund zu kennen und er sprach ihn schließlich auch geradewegs aus.
„Wegen dir. Ich glaube… es geht ihnen um dich. Um Falconry, um die Kestrel… die du anführen sollst. Wir müssen herausfinden warum das so wichtig ist. Und was wir tun müssen um sie zu sehen.“
Einen kurzen Moment schwieg er wieder, musterte Clarence, der zu ihm aufsah und nicht zu wissen schien was er von alledem halten oder denken sollte. Was fühlte ein Vater, dessen Kinder von den Toten zurückgekehrt waren?
„Deine Babies sind hier.“ stellte Mathhew flüsternd erneut klar und lächelte dabei. Es zu denken und auszusprechen waren zwei verschiedene Paar Schuhe.
„Sie sind hier und sie warten darauf, dass ihr Daddy zu ihnen kommt. Also sollten wir rausfinden was es braucht, damit er zu ihnen kann.“ - umständlich und unter Schmerzen beugte sich Cassie zu Clarence herunter und hauchte einen Kuss auf den Schopf des Hünen. Einen Augenblick lang verharrte er so über ihn gebeugt, den Schmerzen zum Trotz und atmete tief den Duft der blonden Haare ein. Nichts hier oder an diesem Ort fühlte sich vertraut oder nach zu Hause an.
Nichts, außer Clarence.
„Zeigst du sie mir?“, fragte er schließlich als er sich wieder aufgerichtet hatte.
Dereinst, vor einer Ewigkeit wie es ihm heute vorkam, hatte Clarence ihm ein paar verblichene Bilder jener Mädchen gezeigt, deren Leben zu früh geendet hatte.
Er hatte Harper und Cordelia auf jenen Fotografien gesehen und Clarence‘ Beschreibungen der Mädchen gelauscht.
Sie waren Vergangenheit gewesen und obgleich längst vergangen und verblasst, hatte er den Schmerz aus der Stimme des Blonden herausgehört.
Ihr Tod war die Wunde, die sich niemals geschlossen hätte, ganz egal wie viel Zeit auch vergangen wäre.
Und nun…nun schien es als hätte er eine zweite Chance bekommen. Er und auch jene Kinder.
„Ich würde sie sehr gern sehen. Und hören. Wenn du nichts dagegen hast, meine ich.“
Das schlimmste an diesem Bunker und ihrer Situation hier - abgesehen von jenen Dingen, die Matthew in den vergangenen Tagen widerfahren waren - war nicht etwa die fehlende Natur. Es war nicht die fehlende Wohnlichkeit des Quartiers. Nicht das fade und überschaubare Essen und auch nicht die fehlenden sozialen Kontakte, die Clarence ansonsten jeden Tag im Clan oder im Dorf gehabt hätte. Es störte ihn nicht von den Hunden getrennt zu sein - zweifellos vermisste er sie, ja, aber er wusste auch, dass Abel und Kain im Clan gut versorgt sein würden - und er vermisste nicht ihre Wohnung oder das Haus am See, das sie gerade erst gekauft hatten.
Das schlimmste für ihn war gewesen, von Matthew getrennt zu sein. Nicht mit ihm reden zu können. Sich nicht mit seinem Ehemann und besten Freund austauschen zu können. Er vermisste ihren partnerschaftlichen Umgang miteinander bei dem sie einander alles anvertrauen konnten, selbst wenn es Dinge waren, die sich nur schwer laut aussprechen ließen. Er brauchte ihn um Fluchtpläne zu schmieden genauso wie er ihn dafür brauchte um einfach nur bei ihm zu liegen und die Stille des Quartiers auf sich wirken zu lassen. Ohne den Dunkelhaarigen fühlte er sich seines eigenen Lebens enthoben, denn Cassie war sein Leben. Für ihn stand er morgens auf und ging abends ins Bett, arbeitete, atmete, aß und trank. Während mancher Stunden hier drin hatte er nichts mit sich selbst anzufangen gewusst und wenigstens die Zugriffsrechte auf das elektronische Klemmbrett hatten ihm etwas Abwechslung verschafft. Aber mit wem teilte er all die Informationen dieser magischen Pergamente, wenn nicht mit Matthew?
Jene Fragen, die ihn selbst auch schon seit dem Zugriff auf die Krankenakten beschäftigt hatten, strömten nun mit mehreren Tagen Verspätung auch auf seinen Mann ein, woraufhin der Blonde nur hilflos die Schultern hob. Warum, Wieso, Weshalb - und dazu auch noch ganz in der Nähe. Mit allem hatte er damals gerechnet als Mo‘Ann sie hingehalten und immer wieder vertröstet hatte, aber nicht damit, dass sie mit ihrem breiten Hintern die ganze Zeit mitten auf den Mädchen saß anstatt sie einfach herauszurücken. Aber vielleicht wusste nicht einmal sie, dass seine Kinder genau hier waren. Mit keinem Wort war dieser Ort hier in Briefen erwähnt worden. Matthew alleine hatte mit seinen Nachforschungen in der Stadt das vermeintlichen Zentrum ihres Ziels definiert, nicht die Glatzköpfige.
Schon wieder ein Glatzkopf…
Genauso, wie alle um sie herum ständig französische Namen getragen hatten, ohne, dass es Cassie oder ihm aufgefallen war.
Vielleicht sahen sie auch hier mal wieder den Wald vor lauter Bäumen nicht.
Still musterte er das kleine Lächeln auf den Lippen seines Mannes, das ehrlich und ganz und gar nicht so wirkte, als würde er jene Neuigkeit gegen etwas anderes aufwiegen. ‚Deine Babys sind hier‘, klang die vertraute Stimme des Jüngeren in seinen Ohren nach und obwohl er den Inhalt dieser Worte begriff, so fühlte er sich doch noch immer genauso wie in der Bibliothek, als er das erste Mal die Fotografien von Mo‘Ann in der Hand gehalten hatte.
Aber er hatte sie gesehen. Damals. Tot. Mit Wunden, die nicht mit dem Leben zu vereinbaren waren.
Ihr Ableben war so gewiss gewesen wie das sprichwörtliche Amen in der Kirche. Damit kannte sich Clarence so gut aus wie kein zweiter und Tote kamen nicht zurück. Nicht mal dann, wenn Gott ein Wunder wirkte und vielleicht war es wirklich ein ganz klein wenig wie ein solches - denn auch Wunder glaubte man erst dann, wenn man sie tatsächlich mit eigenen Augen gesehen und am eigenen Leib erfahren hatte.
Behutsam legten sich seine Finger in das dunkle Haar des Jüngeren, als dieser sich steifgliedrig über ihn beugte, um ihm einen Kuss auf sein Haupt zu hauchen. Ein richtiger Kuss war viel mehr das wonach er sich sehnte und doch war seit ihrem Wiedersehen noch kein einziger zwischen ihnen gefallen. Nicht, weil er Cassie nun mit anderen Augen sah oder sich körperlich nicht mehr nach ihm sehnte; Furcht war es, die ihn davon abhielt den ersten Schritt zu tun. Aber nun, wo sie endlich wieder vereint waren und es nicht so schien als wolle man sie alsbald wieder voneinander trennen, da drängte sie auch nichts.
Als sich der Obere wieder von ihm erhob, hob sich auch Claires Blick kurz auf die Lippen seines Mannes, jedoch ohne Anstand zu machen ihnen zu folgen. Stattdessen richtete er sich schließlich ebenfalls auf dem Bett auf, gefolgt von einem Nicken hinüber gen Tisch.
„Warte… ich hole dir das Klemmbrett. So wie ich die Tante verstanden hab, wollte sie dir auch diese… Zugriffsrechte geben“, erklärte er derweil, während er das elektronische Brett vom Tisch herbei holte und wieder zu Cassie aufs Bett zurück kraxelte. „Ich hab ihr jedenfalls gesagt, dass sie das tun soll. Aber ich weiß nicht, ob sie‘s gemacht hat. Wir können es testen, vielleicht zeigt das Teil bei dir andere Sachen an als bei mir.“
Ähnlich wie der Dunkelhaarige zuvor, lehnte auch Clarence sich nun zu ihm an die Wand am Rande ihres Bettes. Ein wenig erinnerte es ihn an damals im Zeppelin, als er ihm zum ersten Mal die Fotos aus seiner Bibel gezeigt hatte - nur, dass sie dieses Mal deutlich mehr Komfort und ein breiteres Bett hatten.
Und, dass sie dieses Mal am nächsten Morgen nicht abstürzten.
Hoffentlich.
„Hier. Du musst hier hin gucken. Sonst geht es nicht. Ja, genau“, hielt er Matthew das Klemmbrett vor die Nase und deutete auf die Mitte der noch schwarzen Oberfläche, bevor einzelne Zeilen hell darauf erschienen und wieder verschwanden:
Retina akzeptiert.
Zugriff gewährt.
Willkommen, Matthew Cassiel Sky.
Tatsächlich hatte er Hoffnung gehabt, eine andere Oberfläche zu erblicken als bei sich selbst, doch auch bei Matthew sah das Klemmbrett schließlich ähnlich aus. Auf dunkler Oberfläche waren einzelne, runde Symbole hell abgezeichnet, darunter mit einer kleinen Beschriftung, die Matthew vielleicht mehr verrieten als ihm selbst - Clarence war immerhin schon froh, dass er in den vergangenen Tagen einigermaßen durch die ellenlangen Texte gefunden hatte, ohne, dass ihm dabei der Schädel explodiert war.
„Halt deine Hand so“, hielt er einen ausgestreckten Finger vor Matthews Nase, nahm dessen Hand in seine, kaum da er der Aufforderung nachgekommen war, und zeigte ihm wie er mit dem Klemmbrett arbeiten konnte. „…und dann drückst du vorsichtig auf das Pergament, das du lesen willst. Eher anstupsen, nur kurz und ein bisschen mit Gefühl. So hier.“
Sachte öffnete er das erste von drei Pergamenten, auf das Cassie Zugriff hatte. Bei ihm selbst hatte er nebst Einsicht auf die Daten seiner Mädchen noch seine eigene Krankenakte auf dem Klemmbrett, weshalb es nicht unwahrscheinlich war, dass Matthew ihm Gegenzug auch die eigene angezeigt wurde.
KAZ-S.H.-01-2211-08 öffnete sich und der Anblick, der ihm anfangs noch durch Mark und Bein gefahren war, war ihm mittlerweile vertraut geworden. Die letzten Tage und Nächte hatte er sich stundenlang damit beschäftigt und auch wenn er noch nicht alle Einträge der Akten vollständig durchgelesen hatte - dafür waren ihm die Massen an Daten und Fremdwörtern zu anstrengend - hatte er sich zumindest an die optische Dauerbeschallung von Fotos und Filmen seiner Kinder gewöhnt.
Wie seltsam. Gewöhnt.
Gefühlvoll ließ er Cassies Finger über das erleuchtete Brett hinweg nach oben streichen um ihm die Bedienung näher zu bringen, was mehr war, als man Clarence zur Benutzung mit auf den Weg gegeben hatte.
Über unzählige Textbausteine und diverse Fotografien - in welchen er zum Teil tatsächlich jene wiedererkannt hatte, die Mo‘Ann ihnen ausgehändigt hatte - kamen sie schließlich zu einem Foto mit einem farblich abgegrenzten und umkreisten Dreieck, auf das er Cassies Finger stupsen ließ und welches nur den Bruchteil einer Sekunde später zum Leben erwachte.
Eine junge Frau, in der Kleidung derer nicht unähnlich die auch schon Matthew und ihn betreuten, saß an einem der kahlen Tische in einem jener Räume, die ihren eigenen Vernehmungsräumen nicht unähnlich waren. Claire bezweifelte, dass sich jener Ort auf der gleichen Ebene befand wie ihrer und doch bewies es, dass die Kinder irgendwo hier sein mussten.
„Doktor Glidden ist heute nicht da. Heute machst du ein paar Aufgaben für mich. Ich möchte sehen, was du schon alles kannst“, schob sie Harper einen Block und einen Stift entgegen, während sie selbst einen Stapel festen Pergaments in den Händen hielt, welchen sie zum Sortieren auf den Tisch hinab stieß.
Erst als ihre Schilder in Reih und Glied in ihren Händen ruhten, drehte sie den Stapel herum und präsentierte ihr den ersten Buchstaben.
„Kannst du schon lesen, mh? Was ist das hier?“, tippte sie mit dem Finger auffordernd auf das ‚G’, woraufhin sie sich von Harper nur ein müdes Schulterzucken erntete.
Ihren unruhig strampelnden Beinen sah man an, dass das Mädchen kein bis wenig Interesse daran hatte mit der Ärztin streng am Tisch zu sitzen - und doch hielt sie ihre aufrechte Sitzposition tapfer ein, fast als hätte sie schon gelernt, dass das von ihr auf diese Weise erwartet wurde.
„Und das hier? Den Buchstaben vielleicht?“, legte sie die erste Handvoll Schilder beiseite, doch auch auf den zweiten Versuch hin bekam sie wenig Rückmeldung.
Halb hilflos, halb genervt richtete sich der Blick der Ärztin hinauf in die Zimmerecke direkt in die Kamera, aus deren Winkel die Aufnahme stammte. Sie selbst schien genauso ungern die Übungen begleiten zu wollen wie Harper daran Interesse hatte dabei mitzumachen.
Kurz rüttelte die Weißkittelige mit der Hand an ihrem Ohr herum, bevor sie unmerklich nickte und den Stapel in der Mitte teilte, den ersten Part endgültig beiseite legend.
„Tiere. Du magst doch Tiere, habe ich mir sagen lassen. Was ist das hier, mh? Das ist ein…?“
„Ein Huhn“, entgegnete das Mädchen nun erstmals trocken, als habe es all die Fragen mehr als satt.
„Sehr gut. Und wie macht das Huhn, Harper? Das Huhn macht…?“ - „Ist das Ihr Ernst? Sie wissen nicht wie ein Huhn klingt?“, wollte Harper von ihr wissen. „Oder haben Sie wieder die Fragen vertauscht, so wie letztens als Sie zu Cordy gehen sollten statt zu mir?“
Ein amüsiertes Brummen entkam der Kehle des Blonden, der noch immer Cassies Hand in seiner festhielt - so, wie es Harper in dem Versuch wohl eigentlich hätte mit dem Stift tun sollten.
„Na gut, versuchen wir das nächste. Das hier ist ein?“ - „Pferd.“ - „Und wie macht das Pferd, Harper?“
Gelangweilt klemmte der Rotschopf die Füße hinter die Stuhlbeine.
„Haben Sie eigentlich Ärger bekommen, als Sie die Fragen vertauscht haben? Ich hab mal Ärger bekommen von meinem Dad, weil ich zwei Pakete vertauscht hab. Die sollte ich zu den Nachbarn bringen sollte. Ich hab dem alten Jimmy Moms Kleid gebracht, das gefärbt werden sollte. Und der Färberin einen Schinken. Aber ich bin ein Kind und Sie sind eine Erwachsene. Bekommt man dann mehr Ärger oder weniger, wenn man dumme Sachen macht?“
„Dumm? Harper, wir haben doch besprochen, dass wir nicht beleidigend werden, weil wir das hier sonst abbrechen müssen.“
„Das heißt, dass wir dann aufhören, ja?“
„Ich merke, es macht heute keinen Sinn mit dir“, schüttelte die Ärztin verdrießlich den Kopf und sammelte ihre Schilder zusammen. „Ich hoffe, dass du dich bis morgen wieder im Griff hast. Du weißt, dass du nicht zurück zu deiner Schwester kannst, wenn du dich nicht benimmst.“
Mahnend und endgültig klangen ihre Schritte auf dem hellen Boden, während sie ohne einen weiteren Kommentar auch Block und Stift wieder einsammelte, um danach den Raum zu verlassen.
Erst als die Tür sich hinter ihr geschlossen hatte, lösten sich die unruhigen Füße des Mädchens wieder aus den Stuhlbeinen, bevor man ein leises aber deutliches „Blöde Kuh“ aus ihrem Mund vernahm.
Mit Clarence hier zu sein machte diesen Ort nicht schön und das was geschehen war nicht rückgängig, aber es machte die Dinge ein klein wenig besser.
Der Blonde ließ sich nicht zweimal bitten und beeilte sich regelrecht, das Klemmbrett zu holen auf dem er bestimmte Zugriffsrechte besaß.
Was genau all das bedeutete und wie die Technik funktionierte, davon hatte Matthew kaum eine Ahnung. Mit ihm hatte man weitaus weniger Austausch betrieben als mit Clarence, wie es schien. Seine Kontakte beschränkten sich mehrheitlich auf medizinisches Personal und von denen hatte sich keiner bemüht ihm ein solches Klemmbrett näherzubringen. Doch was bisher versäumt worden war brachte ihm nun Clarence bei.
Ausgerechnet Clarence, der sich sonst für das Zeug der Alten so gar nicht begeistern konnte.
Die Ironie der gesamten Situation entging Matthew nicht, doch konnte er darüber weder Spaß noch Frust empfinden. Tatsächlich nahm er es nüchtern wahr und ließ sich von Clarence führen. Die Oberfläche des merkwürdigen Geräts war zunächst schwarz, dann zeigten sich Symbole darauf und bei Berührung verschwanden selbige - um Bildern und Schrift zu weichen. Ein sachtes Leuchten strahlte dabei von dem Bildschirm ab, als wären im Innern winzige Lampen verborgen. Was unmöglich war.
So kleine Lampen konnte es nicht geben.
Behutsam und fasziniert- jedoch nicht annähernd so neugierig wie unter normalen Umständen- tippte Matthew auf eines der Symbole, geführt von Clarence‘ Hand und seiner Stimme.
Der Blondschopf hatte dieses schwach leuchtende Klemmbrett schon einige Zeit lang studiert und war Cassie einiges voraus was die Bedienung betraf.
„Ich hab irgendwie… erwartet, dass es sich warm anfühlt. Aber die Fläche ist ganz kalt.“ - stellte Matt zu seiner Verwunderung fest und berührte den Bildschirm erneut, dessen unnatürliches Licht nicht mit Wärme einherging.
Es öffnete sich zunächst ein Dokument welches auf den ersten Blick eine Art Krankengeschichte enthielt. Nicht Matthews, obgleich er ein Dokument mit ähnlicher Bezeichnung bereits auf dem Bildschirm gesehen hatte.
Aber selbige zu lesen, danach stand ihm wahrlich nicht der Sinn und auch was die Akte von Harper betraf, so galt seine Aufmerksamkeit vorwiegend der Fotografie, die so gestochen scharf aussah, dass man meinen konnte man sah das Mädchen leibhaftig vor sich.
„Sie hat…“, setzte er an und berührte das Bild, woraufhin es sich vergrößerte und er erschrocken die Finger zurückzog.
„Tut mir leid, tut mir leid! Das wollte ich nicht!“
Aber Clarence war unbesorgt, er verkleinerte das Foto wieder mit wenigen Berührungen sodass neben dem Bild auch wieder die Schrift erschien.
„Ich wollte sagen… sie hat deine Augen.“, wie um sich dessen nochmal zu versichern sah er neben sich zu Clarence, der auf das leuchtende Brett schaute und dessen Gesicht von dem fahlen Leuchten geziert wurde.
Und ja: das Mädchen auf dem Bild hatte wirklich seine Augen. Matthew lächelte flüchtig, dann senkte er den Blick zurück auf den Bildschirm und ließ sich von Clarence leiten.
Wie oft hatte der Blonde in den letzten Tagen wohl schon
all diese Informationen durchforstet?
Berichte über körperliche Auffälligkeiten, kognitive Entwicklungen, mentale Gesundheit und dergleichen mehr. Nichts war diesen Menschen hier verborgen geblieben und doch waren alle verfassten Berichte nicht dazu in der Lage, das Wunder zu beschreiben, das die Lebendigkeit Harpers dargestellte.
Die Menschen hier sahen alles, dokumentierten alles, überwachten alles. Und sahen trotzdem nichts.
Vorsichtig stupste Matthew mit dem Finger seiner gesunden Hand auf das kleine Symbol in der Mitte eines Bildes und zog die Hand fast schon erschrocken zurück, als das Bild sich plötzlich bewegte.
‚Wie im Lichtspielhaus.‘ dachte er verblüfft während er das kleine Mädchen beobachtete welches an einem kahlen Tisch saß. Es hibbelte herum, schaffte es aber trotzdem sitzen zu bleiben und signalisierte dennoch mit jeder Regung ihr Desinteresse. Die Ärztin, eine Frau mittleren Alters, die sich wenig von diesem Treffen zu versprechen schien, stellte dem Mädchen derart alberne Fragen, dass Matthew die Anti-Haltung des Kindes nicht nur verstehen konnte, sondern sie sogar selbst irgendwie fühlte.
„Ist das Ihr Ernst? Sie wissen nicht wie ein Huhn klingt?‘, fragte Harper ketzerisch und Cassie wurde in eben jenem Augenblick klar, dass dieses Kind schon jetzt schlauer war als gut für sie sein würde. Er lächelte flüchtig über ihr loses Mundwerk, während er sich gleichzeitig fragte was wohl wäre, sollte sie ihn ebenso ablehnen wie sie die Ärztin ablehnte.
Der Gedanke daran, dass dieses Mädchen eine von Clarence‘ Töchtern war und sie fortan zu dem Blonden gehörte und zwar mit allem was dazugehörte war mit einem Mal kein theoretisches Konstrukt mehr, sondern Realität. Und was war, wenn sie ihn nicht mochte? Wenn sie ihn mit der gleichen vorwitzigen Attitüde abstrafte wie jene Frau?
Immerhin war er nicht ihre Mutter - und trotzdem war er Clarence‘ Partner. Das würde nicht nur neu für sie sein, sondern vielleicht sogar beängstigend.
Das Video endete, kaum da die wenig enthusiastische Ärztin den Raum verlassen hatte und Harper sie - ziemlich treffend - als blöde Kuh betitelt hatte. Was für eine Achtjährige, fernab der Heimat und allein, beachtlich vorlaut und beachtlich mutig war.
„Sie ist…tough.“, zog er sein Fazit mit einem Lächeln das zu besagen schien, dass er jene Charaktereigenschaften sowohl anerkannte, sich aber nicht sicher war, ob er ihr auch gewachsen war. Was Harper durchgemacht hatte ließ sich kaum begreifen und dementsprechend ließ sich auch kaum vorhersagen wie sie auf Clarence reagieren würde.
Ganz zu schweigen von ihm.
„Weißt du… wie lange sie schon hier ist? Und wo ist…Cordelia? Hast du sowas wie das hier, auch von ihr?“ - wie sich zeigte, gab es auch von Cordelia eine Krankenakte, verschiedene Bilder und kleine Filme. Doch anders als Harper war jenes Mädchen nicht frech und herausfordernd, sondern in sich gekehrt. Sie redete nicht nur weniger oder leiser, sie sprach gar nicht. Kein einziges Wort.
Jenes Kind schien weit weniger selbstbewusst zu sein und das was um es herum passierte auch nicht einordnen zu können. Sie wirkte wie ein gefangenes Vögelchen in einem viel zu kleinen Käfig.
Nachdenklich und bekümmert betrachtete Cassiel nach dem letzten Video das Standbild und versuchte, seine Gedanken zu ordnen. Dutzende Fragen waren ihm eingekommen und zumindest einen Teil jener stellte er nun Clarence, in der Hoffnung man hatte ihm bereits mehr verraten. „Warum sind sie getrennt? Hast du das diese Leute schon fragen können? Ich meine es ist… nicht richtig, sie nicht zueinander zu lassen. Und wie lange geht das schon so, dass sie nicht spricht, meine ich? Wann lassen sie dich zu ihnen? Du bist ihr Vater, du hast das Recht sie zu sehen.“ - Aber ob er nun das Recht dazu hatte oder nicht, das entschieden hier bestimmte Leute. Ärzte, Wissenschaftler, Verwalter. Leute, wie Mo‘Ann welche glaubten die Fäden in den Händen zu halten.
Auf die meisten seiner Fragen hatte Clarence keine Antwort und obwohl das Anlass zu Verdruss hätte geben können, so überwog noch immer das Staunen.
Harper und Cordelia. Beide tot und beide doch so lebendig und auf ihre ganz eigene Art mit dem neuen Leben konfrontiert. Sie mussten lernen, sich zurechtzufinden in einer Welt, die sich in allen wesentlichen Punkten von der unterschied, wie sie sie kennengelernt hatten. Und dabei waren sie allein auf sich gestellt.
Wie mutig diese Mädchen doch waren.
Auch das, so dachte Matthew, hatten sie von ihrem Vater.



