Quartiere Kategorie 5b

12. April 2211


Matthew C. Sky

„Heute haben wir den zwölften April, Matthew.“

Matthew sah die Frau zu der Stimme nicht an. Er hielt den Kopf leicht von ihr abgewendet, den Blick auf einen der großen Bildschirme gerichtet auf dem gerade Meer und Strand zu sehen war.

Zu einer Zeit - gar nicht so lange her- hatte er das perfekte Leben geführt. Er hatte mit Clarence genau solche Strände gesehen. Aber jetzt war alles was ihm blieb das Betrachten einer Simulation. 

„Können Sie mir sagen, wie Sie sich fühlen, Matthew?“

Ihre Stimme war ruhig - aber anders als bei ihren ersten Treffen nicht mehr kühl und geschäftsmäßig, sondern besorgt - wenngleich noch immer professionell. 

Matthew schätzte, Professionalität war ihr schon ins Blut übergegangen. Aber es war ihm so oder so egal. 

„Möchten Sie heute Ihren Mann sehen? Clarence, so heißt er doch, oder?“ - Matthew sah sie noch immer nicht an und machte sich auch keine Mühe ihr zu antworten. Er wusste, dass sie wusste wie sein Mann hieß. Ihre einfältige Frage diente einzig dazu ihm eine Antwort abzunötigen. 

„Hören Sie, ich kann Ihnen nicht helfen, wenn Sie nicht mit mir sprechen. Sie können mir glauben, dass ich nicht hier bin um Ihnen zu schaden.“ - keine Reaktion. Der Dunkelhaarige saß lediglich da, den Kopf noch immer leicht abgewandt, eine Hand, dick eingebunden, locker auf dem Oberschenkel ruhend während die andere reglos auf seinem Knie lag. 

„Der Colonel wird für sein Tun die volle Verantwortung tragen. Wir haben Davis‘ Leiche untersucht und festgestellt, dass Ihre Angaben über seinen Tod stimmen.“ - erklärte sie als habe der junge Mann sich danach erkundigt. 

Aber Tatsache war: er erkundigte sich seit dem Zwischenfall vor vier Tagen nach überhaupt nichts mehr. 

„Er wird sich vor einem Gremium verantworten müssen. Auch dafür, was er mit Ihnen…“ - nun drehte Matthew ihr das Gesicht zu. Sein rechtes Auge war blutunterlaufen und eine Naht an seiner Augenbraue wies auf einen Cut hin. 

„Ah… ein Gremium.“, er nickte. Das Lächeln auf seinen Lippen war bitter und zynisch. „Werden ihm gehörig auf die Finger klopfen, nehm ich an. Werden ihm sagen: ‚Die eigenen Leute erschließt man nicht, sehen Sie das nicht auch so, Colonel?‘ Und er wird sagen: ‚Doch, da haben Sie Recht. Weiß gar nicht wie ich das vergessen konnte.‘“ - sein gutes Auge funkelte voller Häme in ihre Richtung und die junge Frau rutschte unbehaglich auf ihrem Platz hin- und her. 

„Ich weiß nicht wie die Anhörung verlaufen wird, aber ich denke so nicht.“, versuchte sie ruhig zu erklären. 

„Was ist nun, möchten Sie Clarence heute sehen? Ihr Mann fragt jeden Tag nach Ihnen.“ - Matthew drehte den Kopf wieder zur Seite und schwieg. 

Wenn Clarence ihn so sah würde er verrückt werden. Er würde durchdrehen. Er würde - sehr wahrscheinlich - ein Problem für die verdammte Sicherheit darstellen. Also war es besser es nicht dazu kommen zu lassen. Zumal sein Zustand Fragen aufgeworfen hätte, die er nicht beantworten würde. 

„Ich möchte, dass Sie ihm sagen das es mir gut geht. Kriegen Sie das hin?“ - die junge Frau überschlug ihre Beine. Sie seufzte nicht - dazu war sie zu professionell - aber sie wurde ungeduldig. Matthew spürte das. 

„Nein, Matthew. Ich denke nicht. Ich denke, Sie werden ihm das heute selbst sagen. In den letzten Tagen hat er sich vorbildlich geführt. Er ist besorgt um Sie und meine Kollegen und ich sind zu der Einschätzung gekommen, dass es Ihnen beiden gut täte, mehr Kontakt zu haben.“

Jetzt lachte Matthew auf, ein Geräusch das jeder echten Freude entbehrte sondern so bitter war, wie die Schale einer Zitrone. Er legte den Kopf in den Nacken wobei blaue Flecken an seinem Hals sichtbar wurden die - trotz der Tattoos - augenfällig waren. 

Die junge Frau betrachtete ihren Gegenüber still. Sie wusste nicht was genau der Colonel getan hatte, denn die Kameras hatten nichts von dem Übergriff aufgezeichnet - was natürlich kein Zufall war. Aber Tatsache war: dass er dem Dunkelhaarigen mehr als nur ein Haar gekrümmt hatte. 

„Wow. Echt wow. Da haben Sie und Ihre Kollegen ja echt eine heiße Spur.“ - „Sie sind zynisch.“ - „Und was soll mir das sagen?“ - Sie musterte ihn eingehend und er erwiderte ihren Blick aus Augen, die an die einer wilden Katze erinnerten, die - wenngleich schon lange domestiziert -  ihren Sinn für Grausamkeit noch immer nicht verloren hatte. 

„Er wird sich noch mehr Sorgen machen, wenn er mich so sieht. Haben Sie und Ihre Experten darüber mal nachgedacht, hm? Dass es mit seiner guten Führung vorbei ist, wenn er das hier sieht?“, er hob die bandagierte und geschiente Hand um mit dunkelblauen Fingern in sein Gedicht zu deuten. 

Daraufhin wusste die Ärztin einen Moment nichts zu sagen, nickte aber. Sie verstand die Sorge ihres Patienten und wahrscheinlich hatte er sogar recht. 

„Ich habe mich dafür eingesetzt, dass Sie künftig ein gemeinsames Quartier zugewiesen bekommen. Für den Moment ist das alles, was ich für Sie tun kann. Sie werden heute noch verlegt.“ - Matt, der sich seit Tagen dagegen sträubte Clarence zu sehen spürte eine unbändige Sehnsucht in sich aufwallen, gepaart mit einer kaum zu beschreibenden Angst. Angst davor, man könnte ihn anlügen und gleichsam Angst davor man log nicht. Machte das Sinn?

„Wenn Sie nicht wollen, dass er sich sorgt, dann schlage ich vor Sie essen nun etwas, nehmen eine Dusche und… Ich schicke jemanden, der Ihnen beim Duschen hilft.“ - „Nein!“, erwiderte Matthew schlagartig und mit einer Vehemenz, die die junge Frau zusammenzucken ließ. 

„Nein. Nein… ich schaffe das selbst.“, ruhiger nun, wenngleich noch immer nervös. „Gut… in Ordnung. Seien Sie in ungefähr einer Stunde fertig, man wird Sie abholen, zu Ihrem Mann bringen und in der Zwischenzeit Ihre Habseligkeiten in das neue Quartier schaffen. Müßig zu erklären, dass Sie keine Probleme machen sollten da Sie sonst welche kriegen.“ - das zu erwähnen kam ihr selbst dumm vor. Probleme hatte der Dunkelhaarige in letzter Zeit wahrlich genug gehabt. Und - das musste man ihm zugute halten - zumindest für die neueste Eskalation konnte er nichts. 

Der Colonel hatte eine Grenze überschritten. 

Matthew schnaubte verächtlich. „Wie Sie meinen, Lady. Ganz wie Sie meinen.“ 

Knapp eine Stunde später war er fertig. Er hatte sich einigermaßen umständlich geduscht und wartete seither darauf, dass man ihn abholte. Und als man es schließlich tat, da folgte er dem Mann wortlos  im Abstand von ein paar Schritten. Er zählte wieder die Meter, versuchte sich einzuprägen wohin man ihn brachte, doch schon nach ein paar Minuten gab er es auf. Dieses Mal fuhr er mit der kleinen Kabine eine Etage tiefer, hier sahen die Gänge anders aus, weniger grell und weniger steril. Irgendwie normaler. 

Ein Raum, der eigentlich mehr eine Halle war, diente offenkundig der Bespaßung der hiesigen Leute. 

Freizeit stand schlicht und ergreifend über der Tür und als sich selbige öffnete lag dahinter ein riesiger Raum, dessen Wände bis zur Decke die Simulation eines sonnengetränkten Waldes zeigte. Licht schien durch die Stämme uralter Laubbäume, Vögel zwitscherten, sogar eine leichte Brise konnte man hören. Alles in allem eine schöne Szenerie. Aber eben nicht mehr als das. Ein schöner Schein. Wie alles hier.


Clarence B. Sky

‚Nein, Clarence. Er hat einem Treffen heute nicht zugestimmt. Zu unserem Bedauern gab es gestern einen Vorfall zwischen Matthew und einem unserer Männer. Es ist mir jedoch wichtig Sie in diesem Zusammenhang wissen zu lassen, dass seine Verletzungen nicht ernst sind und die Konfrontation nicht von Ihrem Mann ausging. Dies wird keine Auswirkungen haben wird auf seine aktuellen Privilegien.‘

Privilegien.

Clarence schnaubte verächtlich, denn dort wo sein Mann noch immer steckte, war das einzige Privileg sterile Atemluft und eine Bildschirmsimulation.

Sein Tippen wurde energischer, während er wütend auf einem der elektronischen Klemmbretter herum hämmerte, das er bis vor wenigen Tagen nur aus den Händen der dunkelhaarigen Tante kannte. ‚Er hat einem Treffen heute nicht zugestimmt‘ war der gleiche Satz, der sich wie ein Mantra schon seit Tagen wiederholte.

Tut mit leid, Clarence. Matthew möchte Sie heute nicht sehen‘.

‚Ich befürchte, ich muss Ihnen mitteilen, dass Matthew heute nicht mit Ihnen zu Mittag essen möchte‘.

‚Zu meinem Bedauern haben Sie Recht. Er will heute nicht kommen‘.

Was auch immer geschehen war, es hatte keine Auswirkungen auf Matthews aktuelle Privilegien. Das bedeutet entweder, dass er sich gegen einen Angriff nicht gewehrt hatte, oder, dass er es in einem angemessenen Rahmen getan hatte, den man nicht mal einem Gefangenen zum Vorwurf machte.

So oder so - wenn es diesen Vorfall gab und Cassie ihn seitdem tatsächlich nicht sehen wollte, dann gab es dafür nur einen Grund - nämlich, dass seine Verletzungen eben doch ernstzunehmend waren und der Hüne dies nicht wissen sollte, oder, dass sein Mann aussah, als hätte man ihn durch den Fleischwolf gedreht.

Die Version, dass ein fehlendes Aufeinandertreffen daher ruhte, dass sein Mann von diesen Leuten ermordet worden war, gab es auch. Bei Gott, Clarence war nicht so blauäugig wie dieser Torfkopf ihm immer vorwarf. Trotzdem versuchte er diese Möglichkeit so gut es ging zu verdrängen und wenigstens heute, fast sechs Tage nach ihrem letzten gemeinsamen Essen, war die Chance auf Cassies möglichen Tod endlich vom Tisch.

Brummend griff er hinüber zu einem der weiß-blauen Overalls, die vor etwa einer halben Stunde zu ihm ins Quartier gebracht worden waren. ‚Ich wurde angewiesen, die Sachen ihres Begleiters hierher zu bringen. Er wird verlegt‘, hatte einer der uniformierten Kerle ihn wissen lassen und aus Perplex hatte Claire gefragt wohin.

‚Dorthin, wo seine Sachen sind‘, war die einfache wie offensichtliche Antwort gewesen und wenngleich sich das Gesicht des Kerls in äußerst professioneller Manier nicht gerührt hatte, so hatte der Blonde das Augenverdrehen durchaus in seinen Worten hören können.

Gedankenverloren hatte er einen Ellenbogen auf dem Tisch neben sich aufgestützt und hielt die Nase an den weißen Overall gelehnt, der zwar sauber war und nach nichts roch - nicht mal nach Seife - aber von dem er sich wenigstens trotzdem einbildete, er würde darin seinen Mann wiedererkennen. Schon seit zwei Tagen war er in dem kleinen Quartier, das mit dem weißen Loch, aus dem er stammte, kaum mehr etwas zu tun hatte. Kulturschock war in diesem Rahmen noch untertrieben und mittlerweile hatte er verstanden, was Cassie mit einem Bildschirm oder einer Simulation meinte. Gefühlt mochte der Platz gerade reichen um wie aktuell die Füße darin auf den zweiten Stuhl am Tisch auszustrecken, aber dafür gab es auf den kleinen Raum komprimiert genug Technik zu entdecken, die ihn bislang nahtlos beschäftigt gehalten hatte - und die Matthew schier ausrasten lassen würde, wäre er denn hier. Das ahnte der Jäger jetzt schon.

Still beobachtete er die hellen Worte auf dem dunklen Klemmbrett, deren Zeilen einzeln erschienen und wieder verschwanden.

Retina akzeptiert.

Zugriff gewährt.

Willkommen, Clarence Bartholomy Sky.

Willkommen fühlte er sich hier aktuell eher weniger, aber zumindest danach hatte ihn noch niemand ausgefragt. Es interessierte ja nichtmal jemanden, dass an einem seiner neuen, beige-braunen Overalls der Einnäher kratzte, auf dem ganz eintönig die Größenzuordnung abzulesen war. Als ob es dann jemanden juckte, ob er sich hier willkommen fühlte.

KAZ-S.H.-01-2211-08, tippte er geräuschvoll auf eines der runden hellen Bilder auf dem Klemmbrett und beobachtete, wie sich eine simulierte Pergamentseite öffnete, die mit Pergament eigentlich nicht im geringsten etwas zu tun hatte. Es gab keine Tinte, keine Kohle, keinen Bleistift. Es gab nichtmal Papier. Stattdessen gab es Buchstaben, die er aus den Büchern Cassies wiedererkannte und zwischen denen Manchmal handschriftlich einzelne Wörter oder ganze Notizen ergänzt waren. Informationen wie - - -

Sein Blick hob sich schlagartig vom elektrischen Klemmbrett, als die Tür zu seinem Quartier sich geräuschlos öffnete und dahinter nicht etwa der nächste Stapel weißer Overalls in den Armen eines Uniformierten zum Vorschein kam, sondern in den Armen eines Uniformierten ein weißer Overall mit seinem Mann selbst als Füllung.

Sein Mann, der schlimmer aussah als durch den Fleischwolf gedreht. Schlimmer noch als nach ihrer Flucht durch den Wald. Fast sogar ein bisschen schlimmer als damals in Cascade Hill City.

Perplex sah er zwischen der Wache und Matthew hin und her, erkannte jedoch im Soldaten keine Erregung die auf einen kürzlichen Kampf hindeutete und in der genähten Wunde des Dunkelhaarigen keine Verletzung, die auf einen kürzlichen Disput hindeutete.

‚Matthew möchte Sie nicht sehen‘, echoten ihm die Worte der Ärztin durch den Kopf und just in diesem Augenblick verstand Clarence, was sie eigentlich bedeuteten: Matthew möchte nicht, dass Sie ihn so sehen.

„Lassen Sie sich von Ihrem Partner einweisen. Sie werden um Achtzehnhundert zum Abendessen abgeholt“, drängte die Wache seinen Mann mit der Hand im Rücken ins Zimmer, woraufhin ein hörbares, akustisches Signal ertönte, das elektronisch die Ankunft Matthews im neuen Quartier bestätigte. „Wir empfehlen Ihnen, Ihr Verhalten der vergangenen Tage beizubehalten um weitere Zugeständnisse zu erhalten und in der Kategorie aufgestuft zu werden. Sie befinden sich aktuell in Kategorie 5b. Die nächste Sicherheitsstufe ist Kategorie 5a und ermöglicht es Ihnen, sich aus ihrem Quartier heraus sowie frei auf einem Ihnen zugewiesenen Sektor zu bewegen.“

Zum Zeichen, dass er seinen Auftrag erfüllt hatte und es nichts mehr hinzuzufügen gab, nickte der Uniformierte, bevor er sich zur Seite weg drehte und neben ihrer Tür postierte um Wache zu stehen. Erst danach schlossen sich die automatischen Flügel wieder und ein leises metallisches Klicken signalisierte Clarence schon aus Erfahrung, dass die Verriegelung damit eingerastet war.