Highway
25. März 2211
Falconry Gardens lag erst einen halben Tagesmarsch hinter ihnen und trotzdem waren die Zeichen der Zivilisation längst hinter Matthew und Clarence zurückgeblieben.
Sie hatten den kahlen Scheitelpunkt des Grey Eagle hinter sich gelassen und aus den Krüppelkiefern mit ihren knorrigen, deformierten Ästen war ein dichter Mischwald geworden, der durchzogen wurde von dem, was die Alten damals wohl einen Highway genannt hatten - obwohl diese Straße dem Anschein nach überhaupt nicht nach oben führte.
In den grünen Baumwipfeln zwitscherten diverse Vogelarten und im Dickicht verbargen sich Schweine und Rehwild - manche davon Muties, die meisten jedoch auffallend normal.
Dass sich die Welt weiterbewegt hatte spürte man an manchen Orten mehr als an anderen - und hier, im Dunstkreis der Stadt die hinter ihnen lag, spürte man es kaum.
Matthew hatte seinen Bogen, schräg über die Schultern gelegt und trank im Gehen einen Schluck Wasser aus seiner Flasche. Die Waffe samt Köcher und Pfeilen hatte er in Falconry fertigen lassen und anders als das Stück welches er von Le Rouge beansprucht hatte, war dieses Exemplar kleiner und leichter. Es bestand aus schwarz geöltem Osage Orange Holz, der Köcher und die Pfeile waren ebenso schwarz gefärbt sodass das Ensemble in seiner Gänze eine schlichte Eleganz aufwies, die die Tödlichkeit der Waffe noch unterstrich.
Nur wenige Schnitzereien verzierten Bogen und Köcher - die Antithese zu dem Set des legendären Rouge.
„Ich frage mich ernsthaft ob das Haus noch steht , wenn wir zurück sind.“ - nach der Eskalation vor zwei Tagen war diese Frage berechtigt, immerhin hatten Clarence und Mo‘Ann einen heftigen Streit gehabt der darin eskaliert war, dass sich der Blonde zum grübeln und runterkommen in einer der Bierstuben hatte betrinken wollen. Beziehungsweise sich betrunken hatte. Denn an dem Erfolg des Unterfangens gab es keinen Zweifel, wie der Bluterguss auf Clarence‘ Wange eindrücklich bewies, wo ihm Ryan oder einer seiner Freunde, einen Faustschlag verpasst hatte.
Der ganze Abend war ein waschechtes Fiasko geworden und auch wenn Ryan am Ende schlechter ausgesehen hatte als Clarence, konnte Matthew nicht zweifelsfrei feststellen wem die Prügelei letztlich mehr geschadet hatte.
Die Fronten zwischen Mo’Ann, den Günstlingen von Nathans Tochter und ihnen waren jedenfalls seither verhärtet.
„Du hättest sie umbringen sollen. Mo‘Ann meine ich, nicht Ryan. Dem hätte ich gern selbst die Fresse poliert. War unfair von dir, es einfach ohne mich zu machen.“
Cassiel nahm noch einen Schluck Wasser zu sich, dann verstaute er die Trinkflasche wieder am Gürtel, sodass sie lässig an seiner Seite hing.
Der Zwist, der zwischen Mo‘Ann und seinem Mann herrschte, war absehbar eskaliert, anders als der zwischen Ryan und dem Blonden. Die Witwe des gar nicht mal so großen Geist hatte auch in den letzten Tagen nicht aufgehört sie immer weiter hinzuhalten. Sie hatte, so schien es, kein wirkliches Interesse daran Clarence mehr Informationen über seine Kinder zu geben. Ihre subtilen Drohgebärden und die immer lauter werdende Forderung danach, der Blonde solle endlich sichtbar nach der Macht innerhalb des Clans greifen, hatten schließlich eben jene Eskalation herbeigeführt, die auch die Prügelei mit Ryan begünstigt hatte.
Und bei beiden Ereignissen war Matthew nicht zugegen gewesen. Etwas, dass er schmerzlich bedauerte.
Doch seine Abwesenheit hatte triftige Gründe gehabt. Die süßen Früchte seiner Arbeit waren vielleicht eher herb als süß, bedachte man doch wohin sie unterwegs waren - nämlich zum Gefängnis von Harper und Cordelia, so es sie denn wirklich wieder gab. Dieses große Vielleicht schwebte über ihnen wie ein Falke über seiner Beute.
Lilli Chambers, war Kurierreiterin im Triangel zwischen Falconry Gardens, Citadel Pass und New Alexandria und brachte im Rhythmus von ungefähr drei Wochen Post aus den beiden Städten nach Falconry, beziehungsweise nahm sie von dort mit um sie zu verteilen. Und neben dieser entscheidenden Tätigkeit gab es noch einen weiteren entscheidenden Fakt: Matthew hatte ihr auf seine ihm ureigene Art den Kopf verdreht. Sie hatte den Jahreswechsel in Falconry verbracht und hatte den Dunkelhaarigen dort zum ersten Mal gesehen, als er sich hinter ihr in der Schlange eingereiht hatte um Honig zu kaufen. Sie waren ins Gespräch gekommen und das war auch schon der ganze Zauber ihres Kennenlernens. Ein wenig Geplänkel hier und da, ein zufälliges Treffen in der Postmeisterei und ein paar nette Gespräche später kannte er ihre Route, den Namen ihrer Mutter und ihres Bruders, wusste um die Liebe zu ihrem Pferd - es hieß Dandelion in Anlehnung an ihren eigenen Namen - und wusste ebenso, dass sie ihren Kollegen Stanley nicht ausstehen konnte. Weil der nämlich ihre Routen klaute, aber nur die kurzen und selbst für die musste er noch Abkürzungen kennen, die er aber seinen Kollegen nicht verriet.
Bei ihrem letzten Treffen, als Lilli wieder einmal über Stanley gewettert hatte, hatte Matthew gefragt welche Route der Typ ihr immer wieder wegschnappte - und ihre Antwort war erstaunlich gewesen
„New Alexandria- würde mich wundern, wenn du davon schon mal gehört hättest. Ist eigentlich gar keine richtige Stadt, aber wir müssen trotzdem regelmäßig dorthin, ist ne Order vom Boss.“ - soweit so gewöhnlich, doch irgendwas war Matthew komisch erschienen, weshalb er sich erkundigt hatte ob viel Briefverkehr dort zugestellt oder abgeholt wurde.
Die Antwort der Braunhaarigen war sogar noch verblüffender gewesen als die davor.
„Ja, viele wenn man bedenkt, dass da nur paar Dutzend Bauern leben. Wie gesagt, ist eigentlich gar keine richtige Stadt.“
Das fand Matthew noch bemerkenswerter und so hatte er besagten Kollegen, Stanley, vor zwei Tagen abgepasst. Der Kerl hatte nicht so gern mit Matthew geredet wie es Lilli tat, aber letztlich hatte er es doch getan - und er würde Lilli ziemlich sicher keine ihrer Routen mehr stehlen, auch nicht die kurzen.
Den Grey Eagle im Rücken wandten sie sich schließlich nach Westen und folgten der verkümmerten Straße der Alten die sich durch den Wald zog. Wobei Matthew bezweifelte, dass der Wald zu Zeiten der Altvorderen schon hier gewesen war.
Der feste Bodenbelag war an vielen Stellen rissig und bröckelig. Weitestgehend war er von Grünzeug überwuchert - doch hier und da konnte er noch das verwitterte und freudlose Grau erkennen welches typisch für die befestigten Wege ihrer Vorfahren war.
„Halt die Augen offen, Sonnenschein, der Typ hat gemeint die Ruine die wir suchen ist ziemlich eingewachsen und kann leicht übersehen werden. Wenn wir die verpassen, dann würden wir ziemlich blöd dastehen.“
Das war noch untertrieben - aber Matthew wollte nicht noch Wasser auf die trübsinnsgeplagten Mühlen gießen, die die Gedanken des Blonden darstellten.
„Such nach dem Zeichen für Möwe. Er meinte das Gebäude das wir suchen hat es auf dem Dach.“ er malte mit dem Zeigefinger einen doppelten Bogen in die Luft um das Symbol zu verdeutlichen nach dem Clarence Ausschau halten sollte.
Teils überdacht von dicht verwachsenen Bäumen, Gestrüpp und Sträuchern, mochte man gar nicht so recht glauben, dass sie schon den halben Tag lang auf den Pfaden der Alten wandelten. Selbst die Sonnenstrahlen des weiterhin herannahenden Frühlings fanden nur spärlich bis auf das triste Grau ihres verwilderten Wanderwegs hinab, der vor unzähligen Jahren noch für Fortbewegungsmittel gedient hatte, welche ihre Vorfahren als Automobile bezeichnet hatten.
Das schnellste, was ihre Zeit zu bieten hatte, waren Pferde oder Zeppeline - und von letzteren würden sie wohl beide vorerst einiges an Abstand halten, wobei Auch Pferde einer möglichst geheimen Mission sicher keinen Gefallen getan hätten. Mal ganz abgesehen davon, dass der Blonde seit Jahren nicht mehr geritten war und sich sowieso besser zu Fuß fortzubewegen verstand als mit künstlichen Hilfsmitteln.
Schon einige Stunden waren sie beide unterwegs und beinahe war es, als wäre zwischen ihrer gemeinsamen Reise damals und ihrer Wanderung heute kaum mehr als ein paar Tage vergangen. Matthew sah mit seinem neuen Bogen so schneidig aus wie immer und den Jäger wunderte es kaum, dass er sich damals früher oder später hatte in diesen Typen verlieben müssen. Das einzige, was sich zu ihrem Fußmarsch von vor zwei Jahren unterschied, war das fehlende Blechgeschirr und, dass der Blonde heute diskussionslos mit Stiefeln an den Füßen unterwegs war anstatt barfuß neben dem Jüngeren her zu laufen.
„Ich will schwer für diese Flachpfeife hoffen, dass es noch steht“, knüpfte er an die Zweifel seines Mannes an und verzog dabei das Gesicht, fast so als müsse er sich mit einem Ziehen in der Wange in Erinnerung rufen, dass sein Hämatom noch deutlich zu sehen war. Was vor zwei Tagen als fast verrutschtes Veilchen begonnen hatte, war mittlerweile dunkelblau geworden und ihm halb hinab in den Bart gewandert; ein Anblick, der seinem Mann durchaus bekannt war, immerhin waren stille Wasser tief und sein Hang zu gepflegten Prügeleien nicht weniger offensichtlich wie seine Vorliebe zum Sammeln von Kräutern.
Die Abreibung, die Ryan sich spät abends in der Stadt kassiert hatte, war mehr als verdient gewesen und durchaus überfällig. Um ehrlich zu sein hatte Claire fast schon darauf gewartet einen guten Moment abzupassen um ihn endlich in die Schranken zu weisen, immerhin gab es dafür mittlerweile mehr als genug Gründe. Dass er sich aber ausgerechnet jenen Abend hatte aussuchen müssen, an dem sich der Ältere abermals mit Mo‘Ann verkracht hatte, war seine eigene Schuld gewesen und dementsprechend sah Ryan auch aus. Den Trottel hatte es weit schlimmer erwischt als Clarence und auch wenn sein Mann bereits angedeutet hatte, dass die Schlägerei negativ auf ihn würde zurückfallen können, war ihm das noch immer lieber als den Kerl weiterhin tun zu lassen, was auch immer er wollte.
„Wenn nicht, hab ich endlich einen Grund ihn aus der Stadt zu entfernen. Erst ihn - und dann Mo‘Ann. Soll sie mir von unter der Erde dabei zusehen, wie ich ihre Tochter aus dem Clan schmeiße. Vielleicht hab ich auch genug Elan um das Loch tief genug für alle zu graben, dann landet Odette da gleich auch noch drin.“ - Tatsächlich war ihm mittlerweile so einiges egal, vor allem seitdem die Mutter dieser Zecke sich noch immer derart vehement dagegen verweigerte ihm zu offenbaren wo seine Kinder vermeintlich festgehalten, untersucht oder wasauchimmer wurden. Außer ihrem typischen Blabla hatte die Alte keine neue Schallplatte anzubieten die sie ihm vorspielen konnte und mittlerweile ertrug Clarence das altbekannte Geleier dieser Person auch nicht mehr.
Auffordernd nickte er die verwachsene Straße entlang, an der sie irgendwo die Ruine mit der Möwe finden sollten, die früher ein Gasthaus der Alten gewesen war, an der man für ein schnelles Mahl Einkehr hielt. Dergleichen hatten ihre schnelllebigen Vorfahren zuhauf besessen und nicht selten stellte sich Clarence die Frage, wie es den Menschen früher überhaupt möglich gewesen war die schönen Dinge des Lebens zu genießen, wenn man sich für nichts Zeit genommen hatte. Wenn eine Reise von einer Seite der ihnen bekannten Erde auf die andere beinahe schneller vonstatten ging als ihr Tagesmarsch gen New Alexandria, wann hielten sie dann inne um die Dinge um sich herum zu genießen? Um die Schönheit von Gottes Schöpfung zu bestaunen oder einfach nur um selbst dabei zur Ruhe zu finden?
„Ich hatte die letzten zwei Tagen mit so vielen irren Vögeln zu tun, da werd ich eine Möwe wohl auch noch erkennen, wenn ich sie sehe. Komm lieber und erzähl mir nochmal, was Stanley dir zu den Bauern erzählt hat. Vielleicht fällt dir noch was ein, was du mir noch nicht erzählt hast“, forderte er seinen schneidigen Waldläufer auf, wobei er eher bezweifelte, dass Cassie tatsächlich noch etwas Neues einfiel - denn dafür hatte der Blonde ihn die Geschichte schon zu oft wiederholen lassen. In den Fotografien mit seinen Mädchen hatten sie jedenfalls keine Details von Bauern oder Feldern erkennen können die darauf hätten hinweisen können, dass sich die Bilder mit den Erzählungen des Postkuriers deckten.
Mit Clarence war es in den letzten Tagen nach folgendem Muster verlaufen: jedes Gespräch, egal welchen Themas, mündete früher oder später in Todesdrohungen gen Mo‘Ann, Odette und Ryan. Der Blonde war, ob nun berechtigt oder nicht, nicht mehr im Stande dazu klar zu denken. Denn hätte er klar gedacht , dann hätte er sich nie von Ryan provozieren lassen, ganz egal was diese Hohlbirne auch sagte.
Seinem Ansehen als möglicher neuer Anführer, der mit Kompetenz Eidtreue und Traditionen durchsetzte, waren Eigenschaften wie Hitzköpfigkeit und eine kurze Zündschnur nicht dienlich.
Gar nicht dienlich.
Aber, so dachte Matthew auch jetzt wieder bei sich, so wie er es schon häufiger in den letzten zwei Tagen gedacht hatte, manchmal musste man Dinge einfach tun, selbst wenn man wusste es war falsch. Manchmal waren die falschen Dinge nämlich auch irgendwie die richtigen.
„Und wenn du sie „aus der Stadt entfernt“ hast, dann können wir uns auch aus der Stadt entfernen bevor wir gelyncht werden.“ - er erwartete nicht wirklich, dass sein Mann aktuell für Logik empfänglich war. In seinem Kopf beherrschten ihn vermutlich nur zwei Fragen. Die erste lautete: „Leben meine Kinder, die tot waren, auf wundersame Weise wieder?“ und die zweite: „Leiden sie, dort wo sie sind?“ - Matthew glaubte, dass dies die Dinge waren die den Blonden gerade wirklich beschäftigten und sollte die Antwort auf die erste Frage Ja sein, so musste die Antwort auf die zweite Frage umso dringlicher geklärt werden und duldete keinen Aufschub.
Deshalb waren sie auch unterwegs. Die Hinweise die Matthew in den letzten Wochen gesammelt hatte, waren noch kein Beweis für irgendwas - aber nach der jüngsten Eskalation waren sie zu dem Schluss gekommen, dass sie nachsehen mussten ob seine Ermittlungen sie überhaupt in die richtige Richtung lenkten. In eben jenem kleinen New Alexandria wo es so viel Schriftverkehr gab, wie man es einer so kleinen Gemeinde eigentlich nicht zutrauen würde.
Matthew musterte seinen Ehemann einen Moment lang mit einer Mischung aus Nachsicht und Besorgnis im Blick.
Rouge hatte ihn eine Menge vergiftete Scheiße gelehrt aber zwischen alledem gab es auch vieles, das Matthew als wahrhaftig erachtete.
„Vor langen Tagen, als die Welt noch rauer und böswilliger war, bevor die Welt sich weiterbewegt hat, da haben sich die Alten untereinander bekriegt wie Tiere. Geriet ein Kämpfer in Gefangenschaft bei der gegnerischen Einheit, dann haben sie ihn nicht einfach getötet. Sie haben ihn aufgestellt. Ihn an einen Pfahl oder Kreuz gebunden und ihn verstümmelt. Seine Eingeweide wie Girlanden aus seinem Bauch hängen lassen, sodass die Fliegen und Käfer ihre Eier in seinem Innersten abgelegt haben. Und so haben sie die anderen herausgelockt, jene Brüder des Todgeweihten die seine Qualen nicht mehr mitanzuhören ertragen haben. Der Todgeweihte war der Honigtopf und sie haben ihn aufgestellt als Lockmittel, die anderen hinter die feindliche Linie zu lotsen und sie dort abzuschlachten. Hüte dich, Junge, vor dem Honigtopf den man einmal für dich aufstellen wird.“
Und dieser Ratschlag war einer der Guten gewesen.
Der Honigtopf der sie beide nun herausgelockt hatte, trug die Aufschrift „Harper und Cordelia Sky“ und es war gut möglich, dass sie geradewegs in eine Falle tappten. Matthew rechnete sogar damit, aber sein Mann war gewillt das Risiko einzugehen - und weil Clarence wahrscheinlich auch allein gegangen wäre, hatte Matthew nicht dazu gedrängt länger zu warten, sondern war mit ihm gemeinsam losgezogen. Hauptsächlich, um auf ihn aufzupassen.
„Na schön, ich erzähl‘s dir gern nochmal. Hab ich ja auch erst ein halbes Duzend Mal getan.“, witzelte er ironisch und setzte sich wieder in Bewegung, wobei er sich so geschmeidig bewegte wie eine Raubkatze. Seine schwarze Kleidung unterstrich seine definierte, schlanke Statur und ließ ihn wie den Waldläufer wirken, der er war. Die dunklen Haare trug er gewohnt kurz, die Wangen waren gezeichnet von einem kurzen drei-Tage Bart, der sein verwegenes und unzweifelhaft schneidiges Äußeres unterstrich.
„Über New Alexandria gibt es keine großartig neueren Aufzeichnungen, es ist - wie man so schön sagt - ein Kaff. Aber als ich einen Blick in die Aufzeichnungen über die Aufteilung der Welt vor dem großen Knall geworfen habe, da ist mir aufgefallen, dass es mal eine Großstadt der Alten gab, die hieß Salina und die lag ziemlich genau da wo die Karten jetzt New Alexandria verzeichnen. Kann ja sein, dass es einfach bloß Zufall ist, immerhin liegen viele Dörfer heute in der Nähe von Siedlungen der Alten, aber nahe an einer richtigen Stadt? Ist eher unüblich, weißt ja… die Toten, Flüche, Dämonen, Strahlung und das ganze andere Zeug, das einem das Leben auf wundersame Weise verkürzen kann. Jedenfalls… jedenfalls erzählte mir Lilli, dass sie dort auf jeder Tour Briefe holt und hinbringt und das obwohl dort nur ein paar Bauern leben. Also frage ich sie „Von wie vielen Briefen reden wir?“ und sie sagt „Mindestens zehn, immer wenn sie die Tour hat - und öfter noch reitet sie Stanley“ - und das kommt mir doch ungewöhnlich viel vor, für ein paar Landwirte die ums Überleben kämpfen. Ich sage also: „Sind ja eifrige Schreiberlinge. Wie viele Bauern mit Sinn für Literatur und Poesie kennst du so, Lil‘?““ - daraufhin hatte sie gekichert und amüsiert den Kopf schief gelegt und ihn verzückt gemustert, etwas, das er Clarence jetzt nicht berichtete. Stattdessen erzählte er weiter:
„Sie sagte „gar keinen eigentlich“. Und ich denke mir: Bingo, Schätzchen. Davon abgesehen, denk mal an das ganze Papier! Lilli hat mir erzählt New Alexandria verschickt nicht nur Briefe nach Falconry, sondern auch in andere Städte und kleinere Gemeinden. Sagen wir also, sie hat einmal im Monat eine Tour mit zehn Briefen und zweimal im Monat hat Stanley eine Tour - mit jeweils auch zehn Briefen. Dann schreiben ein paar duzend Bauern in einem Monat mehr Briefe als Mo‘Ann und Jeyne Copper zusammen - und um das zu glauben reicht meine Fantasie einfach nicht aus.“ - er warf Clarence einen kurzen Seitenblick zu, dann widmete er seine Aufmerksamkeit wieder dem Dunst aus Grün und Gold welcher sie umgab. Das spärliche Sonnenlicht des Frühlings fiel in Streifen durch das grüne Laubdach der Bäume und Dickicht. Und keinesfalls wollte er das Haus mit der Möwe verpassen.
„Stanley meinte, in New Alexandria gibt es nicht viel. Ein paar verlassene Buden der Alten, Mais- und Getreidefelder, ein bisschen Viehzucht. Aber alles in allem leben da vielleicht dreißig bis vierzig Bauern. Und an denen kam ihm nie was verdächtig vor.“, nun zuckte er die Schultern als wolle er sagen wie-dem-auch-sei.
„Im schlechtesten Fall verrennen wir uns total, kommen dorthin und stellen fest es ist alles koscher und man unterhält einfach ein paar nette Brieffreundschaften. Aber wenn du mich fragst ist dort irgendwas im Gange. Zu viele Ungereimtheiten…zu viel Tamtam um dieses Kaff. Du hättest den Typen sehen sollen als ich ihn gefragt habe warum er diese Tour öfter reitet als die anderen… sein Grinsen war…wissend. Keine Ahnung wie ich es anders beschreiben soll. Ich denke, wir sind auf der richtigen Spur und wir sollten aufpassen, dass man uns nicht die Lichter ausknipst.“


