Krankenstation
2211
Nachdenklich legte Clarence den Kopf schief und betrachtete sich das Rotorblatt hinter der Lüftung. Unaufhörlich wieder drehte es sich im Kreis wann immer er die Augen öffnete. Manchmal glaubte er, es wäre stehen geblieben, bis seine Augen sich fokussierten und sein Blick nicht mehr ganz so verschwommen war. Aber es drehte sich noch. Es drehte sich immer. Es drehte sich wenn die Lichter hell waren und es drehte sich, wenn die Lichter gedimmt, die Zahlen am Kasten neben ihm dunkel und nicht mehr grell waren und wenn die Alarme leiser piepsten. Das einzige, was verlässlich war, war das Rotorblatt. Das hinter der Lüftung.
„Was wollten Sie sagen, Clarence?“
„Was?“ - Sagen? Er?
Abermals blinzelte er und richtete seinen Blick zurück auf die Frau am Ende seines Bettes. Auf ihrem Stuhl saß sie, die Beine übereinander geschlagen und ihr Klemmbrett auf dem Schoß. Manchmal erinnerte sie ihn an Mo’Ann. Damals, als er noch neu in Falconry Gardens gewesen war. Sie hatte ihn mit dem gleichen Blick betrachtet. Wie eine Studie, der man nachgehen musste. Wie ein Objekt, das man verstehen wollte.
Durstig griff er nach dem Wasser auf dem Schrank neben seinem Bett, doch schon alleine der Versuch wurde von der gepolsterten Fessel an seinem Handgelenk unterbunden. Ja, da war etwas gewesen. Links und rechts. Und auch an seinen Füßen. Und an seinem Bauch. Und seinen Schultern.
„Ihr habt mich festgemacht.“
„Ja, Clarence. Darüber haben wir geredet. Sie waren sehr ungehalten und das konnten wir nicht tolerieren. Bis wir die richtige Dosis für ihre Medikamente gefunden haben, wird das noch so bleiben. Zu ihrer eigenen Sicherheit - und zu unserer.“
„Achso.“
„Es ist recht erstaunlich wie viel Sie vertragen. Mit der aktuellen Dosis könnten wir vermutlich eine Euthanasie bei einem Pferd durchführen. Konsumieren Sie öfter Substanzen?“, wollte die Ärztin mit ihren streng hochgesteckten Haaren wissen und schrieb auf ihr Klemmbrett. Meistens hatte sie einen Kugelschreiber dabei. Weil sie es hasste Bleistifte anzuspitzen, sagte sie. Aber letztes Mal war ihr Kugelschreiber leer geworden. Ein Stift, der mit einer Kugel und Tinte schrieb. Sie hatte ihm erklärt wie so ein Stift funktionierte, aber er hatte es schon wieder vergessen.
Wie so vieles in den letzten Stunden.
Oder Tagen.
Oder Minuten.
„Was?“
„Ich denke, wir können noch etwas runter gehen. Um 0,2 vielleicht“, fern und dumpf klangen ihre Schritte, als sie sich erhob und an die Geräte neben ihn trat. Sie trug hohe Schuhe wie Clarence sie oft bei Jeyne und anderen Frauen in Metropolen gesehen hatte. Ihre Kleidung war weiß wie Schnee und wie so ziemlich alles, was hinter Desinfektion und Verbrennung lag.
‚Damit man erkennt, dass wir im uns im reinen Bereich aufhalten. Auch das Militär, das Sie hierher gebracht hat, darf diesen Bereich nicht in unreiner Kleidung oder ohne vorherige Desinfektion betreten. Reine Sicherheitsmaßnahme‘, hatte sie ihm damals erklärt.
Oder vorhin.
Oder eben.
„Ich bin desinfiziert worden“, hörte er sich selbst sagen und war erstaunt, dass die Ärztin im gleichen Rhythmus zu seiner Stimme die Knöpfe an seinem Gerät piepsen ließ. Aber vielleicht kam ihm das auch nur so vor. Vielleicht piepsten sie auch im Takt zu seinem Herzschlag. Vielleicht piepste alles hier. Sogar er selbst.
„Das ist korrekt, Clarence. Wir alle sind desinfiziert. Auch Sie. Wissen Sie noch, was bei Ihrer Desinfektion passiert ist?“ - Vorsichtig legten sich ihre Finger an sein Kinn, um seinen Kopf ein Stück zur Seite zu drehen. Er spürte wie ihr Blick über die Nähte in seinem Gesicht wanderte, noch bevor er es sehen konnte. Operiert hatte man ihn. Hatte Sie gesagt. Weil er sich gewehrt hatte und das Militär grundsätzlich hart durchgriff bei Menschen ‚wie ihnen‘.
Als er nachdenklich seine Brauen zusammenzog, spürte er das taube Gefühl in seiner Braue und seiner linken Gesichtshälfte.
Nackt war er gewesen, weil er sich hatte ausziehen müssen. Und der Typ mit dem Gewehr hatte etwas von einem Arzt gesagt. Von einer Untersuchung. Dass ein Arzt ihn untersuchen würde. Zwei Begriffe, die Clarence an sich schon nicht mochte. Und in Kombination und Zwang noch viel weniger.
In Panik war er ausgerutscht auf dem von Desinfektionsmittel nassen Boden und der Typ mit der Waffe war gekommen um ihn hoch zu zerren. Aber Clarence hatte ihn mit einem Tritt von den Beinen gefegt. Hatte seine Fessel gelöst und dem Kerl die Waffe abgenommen. Aber er war erst nicht aus dem Raum raus gekommen. Erst, als er die Hand der Wache gegen den schwarzen Kasten gepresst hatte. Wie bei ihrem Eintritt in die Schleuse. Er hatte Cassie gesucht. Aber der metallische Raum neben ihm war leer gewesen. Leer und nass. Das hatte er gesehen, durchs Glas hindurch.
Wo war Cassie?
Und woher hatte er die Hand gehabt um die Tür zu öffnen?
Verwirrt hob er die eigene Hand vom Bett und musterte sie. Es war seine eigene und er hielt keine fremden Finger in der Hand, so wie gestern.
Oder damals.
Oder bald.
„Ich habe Cassie nicht gefunden. Und dann sind Männer gekommen. Viele Männer. Und dann…“ - dann hatte ihn etwas spitzes erwischt, irgendwo in der Brust. Etwas, von dem ihm so schwankend schwindelig geworden war, dass er hätte schwören können wieder wieder auf ihrem Boot zu sein. Er war gestürzt und dann war es dunkel geworden. Ewig lange dunkel. Bis alles weiß gewesen war und so furchtbar nach billigem Fusel stank, dass es ihm direkt wieder schlecht wurde.
„Wo sind Sie gerade? Nehmen Sie mich mit, Clarence“, bat die Ärztin neben ihm, deren dunkle Locken offen über ihre Schultern fielen. Mit lockerem Griff hielt sie ihren Kugelschreiber, während sie auf dem beweglichen Ende herum drückte, wann immer ihr seine Antwort zu lange dauerte.
Klick, klick. Klick.
„Dann haben Sie mich operiert und überwacht. Weil mein Jochbein gebrochen und mein Hirn geprellt ist“, zählte er auf was er wusste. Nicht weil er es wusste oder erinnerte, sondern weil man ihm das so gesagt hatte.
„Wir haben gerade darüber gesprochen, warum sie mit Nathan Abaelardus auf dem Berg waren. Erinnern Sie sich?“
„Wir haben darüber gesprochen, was bei der Desinfektion passiert ist“, unsicher huschte sein Blick zwischen der Ärztin und den Geräten neben ihm umher, von denen noch immer kleine Schläuche in ein buntes Pflaster auf seinem Arm führten.
„Das war gestern, Clarence. Gestern haben wir darüber geredet. Aber heute reden wir darüber, ob Sie wissen, warum Sie hier sind und was Sie erwarten hier zu finden.“
Sein Mund war furchtbar trocken und selbst der Schluck Wasser aus seinem Glas machte es nicht besser. Immerhin wurde ihm dieses Mal nicht schwindelig, als er an der Bettkante saß.
„Wo ist Cassie? Ich will wissen wo Cassie ist“, seine eigene Stimme klang ihm noch immer fremd in den Ohren und obwohl er sich aufgeregt fühlte, konnte er keine Ungeduld in seiner Stimme hören. Nur das schneller werdende Piepsen der Geräte, die niemals schwiegen, ganz gleich wie sehr er versuchen wollte zu schlafen.
Angespannt hob sich der Blick der Ärztin auf den bunt blinkenden Kasten über ihm. Ihr Griff um den Kugelschreiber war fester geworden, fast als hielte sie eine Stichwaffe anstelle eines Schreibgerätes in der Hand. Claire beobachtete, wie einer der uniformierten Weißen im Hintergrund neben der Tür seine Hand aufs Holster legte, doch ein kurzes Handzeichen der Dunkelhaarigen reichte aus, um seine Intention im Keim zu ersticken.
„Ich habe Ihnen ja bereits gesagt, sobald Sie sich zu benehmen wissen, ist es nicht ausgeschlossen Sie beide wieder zusammenzuführen. Aber dafür muss ich Ihnen vertrauen können, Clarence. Kann ich das?“