Zuhause
22. März 2211
Es war noch nicht Mitternacht als die Hunde anschlugen und Matthew von dem Skizzenbuch aufsah, dass er auf seinen Oberschenkeln liegen hatte und in dem er mit Kohlestift zeichnete. Er saß an dem kleinen Tisch und hatte die Füße hochgelegt mit dem Stuhl kippelnd. Der Raum war warm, er hatte Feuer gemacht und der Schein brach sich gold-orange auf seiner nackten Haut. Bis auf schwarze Shorts trug er nämlich nichts. Vor sich auf dem Tisch stand ein Glas mit Wein, bereits halb geleert und hinter dem Ohr hatte er einen zweiten Kohlestift.
Während die Hunde Clarence stürmisch begrüßten blieb Matthew wo er war und besah sich das Schauspiel.
„Hey, großer Anführer.“ - er schenkte Clarence ein Lächeln, machte aber noch immer keine Anstalten aufzustehen.
Er hatte noch nicht mit seiner Rückkehr gerechnet, war aber froh, dass er wieder da war.
Obwohl es noch lange nicht mal Mitternacht war, fühlte es sich für den Blonden bereits an wie in den frühen Morgenstunden. Der Abend war so lang und zäh gewesen, dass am Osten über den Ausläufern des Grey Eagle schon genauso gut die ersten Sonnenstrahlen hätten erwachen können. Weder das gute Essen, noch sein kühles Bier waren ihm nach den Geschehnissen in der großen Halle bequem im Magen gelegen. Das einzig Gute an diesem Abend war seine Heimkehr - und der Jäger erwischte sich dabei, dass er den Weg nach Hause heute mit deutlich eiligeren Schritten unternahm als sonst.
Das quietschende Gartentor fühlte sich mittlerweile genauso vertraut an wie das Bellen der Hunde, die ihn aufgeregt begrüßten, da war noch nicht mal die Wohnungstür richtig hinter ihm ins Schloss gefallen. In Nächten wie diesen war er froh, dass ihre kleine Wohnung als alleinstehendes Häuschen im Garten ihrer Vermieter stand und sich niemand ernsthaft über die Lautstärke ihrer pelzigen Anhängsel beschweren konnte; nicht mehr lange, da würden Kain und Abel in ihrem neuen Zuhause sowieso tun und lassen können was sie wollten.
Der Geruch von Kaminfeuer, Kräutern und den Düften, mit denen Cassie sich zumeist zierte, lag ihm ihn der Nase, während Clarence seinen Mantel und die Stiefel ablegte. Ein Brummen war alles, was er seinem Mann vorerst zur Begrüßung entgegnete - doch mit der Schwere seiner Kleidung fiel auch zeitgleich ein wenig die Last von seinen Schultern, die seit dem Abendessen beim Clan auf ihm geruht hatte.
Wirklich entspannt fühlte er sich nur dort wo Matthew war. Am liebsten eingebettet in die Wärme von prasselndem Feuer, eingelullt von einem guten Whisky und umgeben von zwei starken Armen, deren Hände ihm durchs Haar kraulten. Hier vergaß er seine Sorgen, vergaß die Intrigen von Mo‘Ann und auch die Herausforderungen die oben beim Clan auf ihn warteten, sollten sich die Dinge weiter so entwickeln wie am heutigen Abend bereits geschehen.
„Hey“, erwiderte er die Begrüßung des Jüngeren schließlich müde, während er hinter Matthew an den Stuhl trat. Wie der verwegene Bursche, der er war, saß er dort. Halbnackt - so wie Claire ihn am liebsten hatte - und unverschämt gutaussehend war er. Ganz gleich ob mit oder ohne Kleidung, der Typ wusste um seine Außenwirkung genauso wie er auch wusste, was er in welchem Moment am besten zu sagen hatte.
„Ich hab versucht früher wieder hier zu sein. Hat nicht so gut geklappt“, fasste er das Offensichtliche schließlich zusammen. „Tut mir leid.“
Warm brummend legte Clarence seine Hände auf den Wangen seines Mannes ab und betrachtete ihn für einen Moment von oben herab, wohl darauf bedacht Matthews Stuhl nicht aus dem Gleichgewicht und den Jüngeren dadurch zu Fall zu bringen. Erst nachdem er ihn ausgiebig betrachtet hatte, beugte er sich schließlich für einen Kuss zu ihm hinab. Wenngleich das gemeinsame Abendessen jeglicher Intimität entbehrt hatte, ließ der Blonde es sich nicht nehmen wenigstens einen Teil davon während ihrer Begrüßung wieder aufzuholen und damit wenigstens ein Quäntchen der rigorosen Entscheidungen wieder gut zu machen, vor die er Cassie beim Abendessen gestellt hatte.
„Du betrinkst dich hier ohne mich, mh? War‘s so schlimm mit der alten Hexe oder ist das ein Siegestrunk, weil ich deine Arbeit bei ihr heute früher beendet habe als geplant?“
Beides würde er Cassie nicht verübeln. Selbst dann nicht, wenn er nur aus Langeweile trank. Blieb nur zu hoffen, dass der Hüne den Pegel seines Mannes an diesem Abend noch aufholen konnte - aber das kam darauf an, was Matthew schon alles intus hatte.
Der Klang von Clarence‘ Schritten, seinem Brummen und den Geräuschen wie er die Hunde begrüßte, waren Matthew so vertraut, dass er gar nicht hätte aufsehen müssen um ihn zu erkennen.
Und trotzdem hatte es etwas ganz besonderes ihn in diesem Moment zu mustern.
Zu sehen, wie Clarence nach Hause kam.
Es war noch nicht allzu lange her, da hatte er den Bären dünn und angeschlagen in Falconry wiedergesehen.
Das Haar viel kürzer als er es von ihm gewöhnt war, blass, eingefallene Züge und lädiert - so war der völlig perplexe Jäger ihm gegenübergetreten und es hatte ganz so gewirkt, als hätten die Wochen ohneeinander sie irgendwie voneinander entfremdet. Eine Distanz zwischen sie gebracht die sich kaum überwinden ließ.
Jetzt, ein paar Monate später, war von jener scheinbaren Entfremdung nicht mal mehr ein Schatten übrig geblieben. Kaum mehr als ein paar Stunden hatte es gedauert bis sie wieder ein Team geworden waren.
Matthew sah seinen Mann an, dessen Schulter nicht mehr bandagiert und dessen Wangen nicht mehr eingefallen waren, dessen Haar schon wieder etwas länger war und dessen Schritte fest und zielstrebig klangen - und dieser Anblick, die Perfektion des gesamten Augenblicks, erfüllte den Jüngeren mit einem Gefühl der Dankbarkeit.
Ihr Weg war in vielerlei Hinsicht schwer gewesen, sie hatten kaum ein Hindernis ausgelassen und hatten es sich gegenseitig auch nicht immer leicht gemacht. Besonders zu Anfang nicht. Aber selbst zu Beginn ihrer gemeinsamen Reise hatten sie aufeinander aufgepasst. Und daran hatte sich nie etwas geändert. Ohne Clarence wäre Matthew längst nicht mehr am Leben aber für Clarence galt das selbe. Sie hatten sich von Anfang an gegenseitig gerettet und egal wie viel Zeit vergehen und welche Widrigkeiten noch kommen mochten, sie würden beide immer bedingungslos füreinander einstehen. Daran würde keine Mo’Ann etwas zu ändern vermögen.
Dass ausgerechnet der schweigsame Hüne der Mensch sein würde, auf den Matthew abends wartete, war wahrlich nicht abzusehen gewesen und doch war es genau richtig so. Der Blonde war die eine Konstante in Cassiels Leben ohne die der Kleinere sich nicht zurechtfinden würde.
Den Kopf in den Nacken legend blickte Matt zu dem Jäger empor welche seine Hände an seinen Wangen abgelegt hatte.
„Schon gut, ich hab mich selbst beschäftigt.“ entgegnete er nachsichtig und nickte gen Weinglas. „Ich weiß nicht recht… ein bisschen von beidem wohlmöglich.“
Allzu viel hatte er noch nicht getrunken aber es war genug um eine angenehme Wohligkeit zu verspüren.
„Du siehst müde aus.“ stellte er fest, den Kopf noch immer nach hinten gelegt und zu dem Blonden aufsehend.
„War ein ereignisreicher Abend, hm? Wenn du mich nach meiner Meinung fragst, hast du viel Boden gutgemacht. Du kannst stolz auf dich sein. Ich bin es jedenfalls.“
Oh er zweifelte nicht daran, dass es für Clarence eine prekäre Situation war in der er nun sorgsam manövrieren musste um das gewünschte Ziel zu erreichen.
Er war viele Jahre fort gewesen. Zeit, in der sich im Clan die Machtverhältnisse verschoben hatten. Und diese nun erneut zu verschieben würde anstrengend sein. Aber er hatte heute Abend unglaublich klug reagiert und darauf konnte Clarence wirklich stolz sein.
„Aber jetzt…jetzt bist du hier bei mir. Und hier musst du nicht sein, wer du drüben im Clan bist. Mach’s dir bequem, ich hol dir auch ein Glas Wein und eh du dich versiehst ist die Welt wieder in Ordnung.“, er lächelte ein aufmunterndes Lächeln, wohlwissend das es mehr als Wein brauchen würde um die Welt wieder in völlige Ordnung zu bringen. Aber zumindest den Stress würde ein ordentliches Glas Wein ein bisschen dämpfen können.
Elegant schwang Cassie die Beine vom Tisch und brachte den Stuhl dazu wieder nach vorne zu kippen. Mit einem leisen Klacken kamen die beiden Beine wieder auf dem Dielenboden auf und Matthew erhob sich von seinem Platz. Das Skizzenbuch und den Kohlestift legte er auf der Tischplatte ab, wobei er das Büchlein offen liegen ließ.
Den Stift hinter seinem Ohr hatte er komplett vergessen.
In dem Skizzenbuch selbst waren alle möglichen Bilder. Vögel, Szenerien der zurückliegenden Wochen, Zeichnungen des übellaunigen Pferdes, namenlose Gesichter von Menschen aus dem Schweigenden Volk.
Die jüngste Doppelseite aber zeigte Bilder von Clarence. Mit lockerer Linienführung hatte er sowohl Strenge als auch Ernsthaftigkeit des Hünen eingefangen, wobei er den Augen und Lippen besondere Aufmerksamkeit gewidmet hatte.
Die Autorität die der Blonde bei Tisch ausgestrahlt hatte, strahlte auch die Kohlezeichnung aus - zumindest in gewissem Umfang.
„Wein oder lieber Whiskey? Wir haben beides da und ich bring dir, was auch immer du davon haben willst.“ nicht, dass er glaubte er müsste Clarence bedienen oder dergleichen - aber nach dem heutigen Abend hatte sich Clarence ein wenig Aufmunterung verdient.
Wann immer Clarence von einem anstrengenden Tag nach Hause kam und seinen Mann erblickte, wusste er, dass der Abend doch noch eine gute Wendung nehmen würde. Matthew war schon so oft seine Rettung in der Not gewesen, dass er aufgehört hatte darüber nachzudenken ob ein kommender Tag genauso schlecht weiter gehen würde wie ein vorheriger geendet hatte.
Hier, in der Gesellschaft seines Mannes und umgeben von all den Sachen die sie ausmachten und die Clarence genoss, fühlte er sich Zuhause. Angekommen.
Es war ein Gefühl, wie kein Lager und kein Gasthof dieser Welt es einem bieten konnte.
Obwohl er wusste, dass der Jüngere nicht dafür gemacht war um irgendwo Wurzeln zu schlagen wo die Welt nicht bunt und schnelllebig war, hatte Matthew eingewilligt mit ihm hier zu bleiben. Vorerst jedenfalls - immerhin war nichts im Leben in Stein gemeißelt. Niemand konnte ihnen sagen, ob Mo‘Anns verdrehte Pläne und Intrigen sie nicht doch noch quer durch die Welt schicken würden. Und selbst wenn: Hatten sie erstmal was sie wollten, nämlich das vermeintliche Druckmittel der alten Krähe, würde sie kaum noch etwas an diesem Ort festhalten können, wenn sie einen anderen sicheren Platz gefunden hatten.
Wie allzu oft in den vergangenen Tagen ließ der Jäger aber auch heute den Gedanken an seine beiden Mädchen nicht allzu sehr an sich heran. All die Fotos, all die Briefe, die angeblich beschreiben sollten, wie es um die beiden auf wundersame Weise auferstandenen Kinder bestellt war… Clarence würde all das erst glauben, wenn er es mit eigenen Augen gesehen und mit eigenen Armen umfangen hatte. Die Vernunft und alles, was das Leben ihn gelehrt hatte, ließen ihn daran zweifeln, dass es solche Wunder tatsächlich geben sollte. Doch auf der anderen Seite hatten die Alten früher auch nicht an Mutanten oder Dämonen geglaubt - und trotzdem stand er heute hier und kümmerte sich um das Schicksal derlei Kreaturen, von denen man früher keine Vorstellung besaß.
„Ich nehme Whisky. Ein anständiger Drink ist nach diesem Abend sicher mehr als angebracht“, nahm er dankbar das Angebot seines Mannes an, um seine Nerven etwas zu beruhigen. Nur weil er endlich wieder Zuhause war, vertrieb ihm das nicht augenblicklich auch die Anspannung aus den Knochen. Aber immerhin gab es hier genug Dinge um sich abzulenken und den Clan Clan sein zu lassen. Für diese Nacht würde das Chaos dort oben ruhen müssen, wenigstens bis zum nächsten Tag.
Die Finger auf dem Skizzenbuch seines Mannes abgelegt, betrachtete er sich die Zeichnungen welche Cassie angefertigt hatte und erkannte mit einem widerwilligen Brummen sich selbst in den teils bereits detaillierter, teils nur grob ausgefertigten Umrissen. Eine Seite weiter geblättert, konnte er sich wenigstens sicher sein, dass Matthew nicht sein halbes Heft damit vollgeschmiert hatte.
„Ich weiß gar nicht wie oft ich dir noch sagen soll, dass du mich nicht zeichnen sollst“, nuschelte der Christenjunge halbherzig mehr zu sich selbst, der sich nicht zum ersten Mal in den Notizen dieses Taugenichts‘ wiederfand. Seine Kultur hieß Abbilder - weder in Form von Fotos, noch von Zeichnungen - nicht gut; einer der Gründe, weshalb er die Fotos seiner Mädchen immer in seiner Bibel versteckt gehalten hatte. Seit Jahren schon war es ein Kampf David gegen Goliath seinem Mann diese Angewohnheit auszutreiben und wenn der Absturz des Zeppelins zum Glück viele der Zeichnungen vernichtet hatte, so hatte er seinem Mann aber auch noch viel mehr seiner Besitztümer geraubt, was Claire sicher nicht gewollt hatte.
Andererseits allerdings konnte man auch nicht behaupten, die Skizzen des Dunkelhaarigen würden kein Talent aufweisen und deshalb wiederum musste er ihm das Zeichnen doch wieder zugestehen. Talente waren da um gefördert zu werden, darauf hatte zumindest sein Großvater Ephraim immer bestanden,
„Ich bin vermutlich nicht weniger stolz auf dich. Nur, dass du es weißt“, entgegnete Clarence das Kompliment schließlich verspätet, nachdem er sich in einem der beiden Stühle am Tisch niedergelassen hatte. Dankend nahm er seinem Mann das dargebotene Glas ab, aus dem er einen kurzen Schluck nahm, bevor er es vorerst neben sich auf dem Tisch zur Ruhe brachte. „Deine Worte, nachdem die alte Hexe aus dem Raum gegangen ist, haben einen guten Eindruck hinterlassen. Einige haben das angemerkt, nachdem du weg bist.“
Anerkennend beobachtete er den Jüngeren wie auch dieser sich wieder setzte, bevor Claire den fremden Beinen auffordernd entgegen nickte und dabei auf seinen Schoß klopfte.
Kaum, dass Cassie die Füße auf seine Schenkel hoch gelegt hatte, strich er ihm mit warmen Händen massierend die Waden aus und revanchierte sich auf diese Weise nicht nur für den spendierten Drink, sondern vor allem auch für den langen Marsch zurück nach Hause am Nachmittag.
„Ich hatte mit mehr Gegenwind gerechnet. Aber dein Einlenken zusammen mit Mo’Anns Rauswurf haben Wunder bewirkt. Ryan hat ein bisschen gemeckert, aber die Frage danach, warum Odette dich oder ihre Mutter nicht selbst raus geworfen hat, wurde tatsächlich noch mal in den Raum geworfen und ausdiskutiert“, fasste er oberflächlich die Themen zusammen, welche den Clan nach dem Essen beschäftigt hatte. Mit wohldosiertem Druck ließ er seine Daumen dabei kreisend über einen der Füße seines Mannes gleiten, der nach all dieser Aufregung sicher nicht weniger Entspannung nötig hatte als er selbst. „Man merkt, dass sie in den letzten zwei Jahren, als ich nicht da war, einfach keinen Gegenwind bekommen hat. Sie sitzt nicht an der Spitze weil sie etwas kann, sondern weil es sich niemand getraut hat ihre Position anzufechten. Odette trifft keine guten Entscheidungen, sobald man sie vor eine Herausforderung stellt. Aber das hat ihr Vater ihr auch nie beigebracht. Das soll aber nicht ausschließen, dass sie nicht bissig wird, wenn man sie auf lange Sicht herausfordert. Wir werden sehen.“
Nathan war nie daran interessiert gewesen seine Tochter zu einem Vermächtnis zu machen. Überhaupt war sich Clarence relativ sicher, dass das Ganze anders ausgesehen hätte, hätte er einen Sohn gezeugt; jedenfalls hatten das die Erzählungen seines einstigen Lehrmeisters oft vermuten lassen.
„Immer noch mindestens einmal mehr.“ kam es von Matthew, während er gerade nach dem Whiskey griff um selbigen in ein Glas zu füllen. Obgleich genuschelt hatte er Clarence‘ Bemerkung „Ich weiß gar nicht wie oft ich dir noch sagen soll, dass du mich nicht zeichnen sollst?.“ genau verstanden.
Dieser Kerl hatte so einige Befindlichkeiten und die Sache mit den Abbildern war ein Thema das altbekannt war.
„Da ich kein braver Christenjunge bin, kann ich zeichnen wen ich will. Dein Gott hat da sicher Verständnis für dich.“
Mit dem Whiskeyglas in der einen und der Flasche in der anderen Hand, tappte er wieder zurück zum Tisch und reichte Clarence sein Glas, die Flasche stellte er ab. Der Wildling sah abgekämpft und ziemlich müde aus, was er ihm nach einem solchen Tag nicht verübeln konnte.
Man hätte meinen können, dass stundenlange Fußmärsche durch unwegsames Gelände mehr an die Substanz gingen, doch besah man sich Clarence gegenwärtig dann wurde eine andere Wahrheit offenbart. Politik, Ränkespiele, Ringen um gesellschaftliche Vorteile… All das war nichts für den Mann, der sein Befinden gern mithilfe von Brummlauten kundtat.
Clarence war ein Mann der Tat, ein Mann der Natur. Er konnte stundenlang in kaltem Wasser ausharren, unbeweglich wie ein Stein und nur den Bruchteil einer Sekunde später konnte er die glitzernde Wasseroberfläche durchbrechen, um einen Fisch mit bloßen Händen zu fangen. Er konnte Ewigkeiten damit verbringen akribisch Kräuter und Moose zu sammeln. Stets hochkonzentriert um ja nicht eine falsche Pflanze zu entnehmen.
Dafür war der Hüne wie geschaffen. Er fühlte sich wohl unter freiem Himmel und fernab des Trubels, wenngleich er die richtige Gesellschaft schätzte. Sich mit Mo‘Ann und ihrer gefährlich inkompetenten Tochter auseinandersetzen zu müssen gehörte nicht zu den Dingen die Clarence schätzte.
Aber - und das war unbestreitbar - er machte seine Sache gut und bewies ein Talent von dem er selbst wahrscheinlich nicht geahnt hatte es zu haben.
Cassie setzte sich wieder an den Tisch nachdem er die Flasche abgestellt hatte und griff seinerseits zu seinem Weinglas um Clarence in der Luft zuzuprosten.
„Hmmm… Ich glaube Mo‘Ann hat gewollt, dass du mich rauswirfst. Wir hatten diesbezüglich nichts ausgemacht, falls du dich das fragst… sie hat mich einfach darüber in Kenntnis gesetzt, dass ich heute zusammen mit ihr, bei euch essen werde. Ihr muss klar gewesen sein, dass Odette das zulassen würde aber du nicht.“
Der stillen Aufforderung nachkommend, streckte er die Beine aus und legte sie auf Clarence‘ Schoß wo der Blonde direkt Hand an seine Schenkel legte. So geschickt wie nur Clarence es konnte, massierte er seine Unterschenkel und Matthew seufzte wohlig.
„Ich glaube nicht, dass sie erwartet hat selbst rausgeschmissen zu werden… was das angeht hast du ihr einen heftigen Stich versetzt. Ihrem Gesicht nach zu urteilen hat sie das nicht kommen sehen. Aber so ist das wohl, wenn man es gewohnt ist unangefochten zu sein und immer zu bekommen was man will.“
Dann wurde man faul und nachlässig und verwundbar.
Nachdenklich blickte Cassie auf die unvollständigen Finger an seinen Schenkeln, die ihm auf so wohltuende Weise die Anstrengungen des Tages aus den Muskeln strichen.
„Bin froh, wenn ich dich letztlich doch nicht blamiert hab heute.“
Sein Einlenken war so kalkuliert gewesen wie sein Erscheinen bei Tisch. Matthew wusste, dass er am heutigen Abend nichts weiter gewesen war als eine Schachfigur die Mo‘Ann gesetzt und Clarence vom Brett gefegt hatte.
Diese Tatsache hätte ihn beleidigen oder bekümmern können, doch Tatsache war, nichts davon traf zu. Die Glatzköpfige hatte keine Ahnung mit wem sie sich angelegt hatte, sie wusste noch nicht, dass es der größte Fehler ihres Lebens gewesen war, Clarence mit seinen Kindern zu erpressen - ganz gleich ob es stimmte was sie erzählte oder nicht. Sie hatte den Blonden damit auf eine Weise angestachelt die dafür sorgte, dass er jedes ihrer Spiele mitspielen und gewinnen würde.
Und wenn Matthew bei dieser Geschichte eben hier und da Mittel zum Zweck war, dann störte ihn das nicht. Für Clarence würde er eben auch das sein, wenn es der Sache dienlich war - und am heutigen Abend hatten sie beide ihre Rollen nur allzu perfekt gespielt. Sie würden erst Odette ihren Posten nehmen, dann die Mädchen zu sich holen und sich schlussendlich um Mo‘Ann und die verbliebenen Mitglieder der Bruderschaft kümmern.
Es gab noch sehr viel zutun aber für heute hatten sie sich eine Pause verdient.
„Die Leute mögen dich. Selbst die, die sich bedeckt halten glaub ich. Du hast so eine autoritäre Art, wenn du beim Clan bist. Bestimmend aber nicht unfair. Ich glaube wirklich, dass das gut ankommt. Meinst du, dass Odette den heutigen Abend als das begriffen hat was er war? Der Anfang von ihrem Ende?“
Matthews dunkle Augen ruhten auf Clarence während er an seinem Weinglas nippte. Aufrichtige Neugierde lag in seinem Blick und gleichsam eine schwer zu greifende Gelassenheit.
„Da scheint die alte Hexe hoch gepokert zu haben. Genauso gut hätte ich dich am Tisch sitzen lassen können, als meinen Ehemann“, gab er zu bedenken, auch wenn es ziemlich offensichtlich war, dass Clarence eigentlich keine andere Wahl geblieben war. „Scheint, als sitzt ihr langsam die Zeit im Nacken. Das ist das erste Mal, dass sie einen Zug aktiv in diese Richtung gemacht hat.“
Mo‘Ann setzte ihnen zwar bislang nicht die Pistole auf die Brust, aber der Druck ihrerseits war trotzdem omnipräsent. Wie lange das so blieb, bevor sie die Zügel weiter anzog, war kaum vorherzusehen. Ihre heutige Taktik war nichts geringeres gewesen als ein Zeichen, dass es Zeit wurde die Dinge voran zu treiben - und vielleicht machte sich der Blonde diesbezüglich zu viele Gedanken, aber er fragte sich wirklich, warum das plötzlich so war.
Nachdenklich strich er die Schenkel seines Mannes hinab, bevor er sich dem ersten von Cassies tapferen Füßen widmete. Ohne deshalb ein schlechtes Wort zu verlieren, hatte der Jüngere ihn zu Fuß bis in die Stadt begleitet. Obwohl er auf seinem Pferd zweifelsohne schneller gewesen wäre und obwohl das in seiner feuchten Unterwäsche, für deren Zustand der Jäger verantwortlich war, sicher alles andere als bequem gewesen war.
Alleine bei dem Gedanken daran huschte ein kurzes, selbstgefälliges Grinsen über Clarence Lippen, dessen Kontext seinem Mann zum Glück verborgen blieb - oder das sich, wenn überhaupt, wohl am ehesten noch auf Odettes Empfinden des heutigen Abends beziehen lassen würde.
„Mich würde interessieren, ob ihr langsam das Licht aufgeht, dass meine Rückkehr schon der Anfang von ihrem Ende war. Mich zu sehen wird ihr vermutlich so lange ich lebe vor Augen halten, dass ihr Vater lieber mit mir Zeit verbracht hat als mit seinem eigenen Kind“, fasste er das Offensichtliche treffend zusammen und zuckte dabei unbekümmert mit den Schultern. Mit dem Daumen löste er dabei routiniert die Verspannungen des zurückliegenden Tages aus Cassies Knochen - eine Tätigkeit die er mittlerweile bereits gewohnt war und die sie schon bei manchen Gesprächen durch den Abend begleitet hatte.
„Ich weiß sowieso nicht, wieso er überhaupt mit Mo‘Ann eins in die Welt gesetzt hat oder wie das passieren konnte. Ich hab die beiden nie… irgendwie zusammen sein sehen. Im Umgang als Ehepaar. Weißt du, was ich meine?“
Selbst wenn man sich vor anderen Anwesenden zurück hielt, sendete man als verheiratetes Paar doch Signale in die Welt die einen begreifen ließen: Diese beiden hier gehören zusammen. Mo‘Ann und Nathan hatten ihre Ehe nie geheim gehalten wie er es selbst mit Cassie getan hatte in der Zeit bis zu ihrem Absturz mit dem Zeppelin. Es hätte keinen Grund gegeben eine zärtliche Beziehung bedeckt zu halten - und selbst wenn es um Diskretion gegangen wäre, meinte man Menschen ihre Sympathien zueinander dennoch im gemeinsamen miteinander an. Meistens jedenfalls.
„Bei den beiden hat es immer so gewirkt, als wäre ihre Verbindung rein intellektueller Natur und als hätte er zu Odette keine Verbindung außer seinen Nachnamen. Nathan sagte mal zu mir über seine Tochter… was er mit ihr anfangen solle, sie wäre nicht annähernd dazu in der Lage eines Tages sein Vermächtnis zu übernehmen. Auch wenn er es ihr vielleicht nie ins Gesicht gesagt hat, aber ich bin mir sicher, sie hat es gespürt.“
Für einen Moment musterte er Matthew, bevor er ihm über den Fußrücken streichelte um mit der anderen Hand nach seinem Glas zu greifen und einen Schluck Whisky zu nehmen. Der Alkohol tat gut und obwohl das Feuer warm im Ofen brannte, fühlte er sich gleich noch etwas wohliger in der Magengrube mit ein paar mehr Umdrehungen intus. Die Kombination daraus, nun auch endlich wieder mit seinem Mann zusammen zu sein, war an diesem Gefühl aber sicher nicht ganz unschuldig.
„Ich weiß nicht was sie sich erhofft hat während der Zeit in der ich weg war. Ob sie dachte, ihr Vater steht eines Tages wieder vor der Tür und wäre stolz auf das, was sie während seiner Abwesenheit geleistet hat. Aber effektiv ist das, was entschieden wurde während sie in diesem Stuhl saß, das geringe Mindestmaß. Da ist nichts geschehen womit sie sich brüsten könnte. Selbst Liv hat in den letzten zwei Jahren mehr in dieser Stadt erreicht und verändert als Odette. Nathans Tochter zu sein, reicht an Vorschusslorbeeren nicht aus - und ich denke, das hat sie spätestens in dem Moment begriffen, als ich ihre Mutter vor die Tür gesetzt hab.“
Kurz strich er sich mit dem Daumen über die vom Alkohol feuchten Lippen, bevor er das Glas wieder auf dem Tisch abstellte und die Hände zurück auf Cassies geschundenen Füßen ablegte, wo sie für einen Moment zur Ruhe kamen.
„Das einzig Gute an der Sache ist, dass Nathans verdorbene Sippe nun endlich Konkurrenz bekommt von einer ernstzunehmenden Familie“, aufmunternd klopfte er seinem Mann auf die Schenkel, so wie man es sonst mit einem guten Prachtpferd tat, das gelobt werden musste.
Aufmerksam betrachtete Matthew seinen Mann während dieser redete. Er erinnerte sich noch sehr gut an eine Zeit in ihrem gemeinsamen Leben, da hatte der Blonde gar nicht oder bestenfalls spärlich mit ihm gesprochen.
Worte zu verschwenden ware wie ein Sakrileg gewesen, als wäre es Frevel mehr zu sagen als unbedingt nötig.
Stundenlanges Schweigen war keine Seltenheit gewesen, denn Clarence hatte die Dinge mit sich allein ausgemacht.
Er hatte sich nicht mitteilen wollen. Und diese Weigerung war für Cassiel nicht gerade einfach zu ertragen gewesen.
Trotzdem hatten sie einen gemeinsamen Nenner gefunden, hatten Wege gefunden miteinander kompatibel zu werden und sich trotz all der Unterschiede aufeinander einzulassen.
Und heute saßen sie hier, in einem kleinen Häuschen. Warm und behaglich war es hier drin, ihre Bäuche waren gefüllt, sie hatten ihre Habseligkeiten seit dem Absturz vervielfacht und ihre Wunden waren verheilt - zumindest jene, die verheilen konnten.
Es ging ihnen besser als jemals seit sie sich getroffen hatten und Matthew genoss ihr Zusammensein in jener behaglichen Sesshaftigkeit bisher mehr, als er es erwartet hatte.
Clarence zuzuhören wie er fachsimpelte und seine Gedanken mit ihm teilte, war für den Jüngeren keine Selbstverständlichkeit und doch war es längst Alltag zwischen ihnen. Matthew genoss den Frieden zwischen ihnen, die Berührungen die sie täglich austauschten und die dennoch kein Quäntchen an Besonderheit eingebüßt hatten. Nichts an Clarence langweilte ihn, nichts empfand Matthew als selbstverständlich. Mit dem Blonden hier zu sitzen war ein Geschenk und er liebte jede Sekunde, auch wenn das Thema Odette, Mo‘Ann und der gütigen Mann nicht sein Liebstes war. Und sehr zu seinem Leidwesen erging sich Clarence recht ausgiebig in der Erörterung der Beziehung zwischen der Glatzköpfigen und dem ehemaligen Anführer der Kestrels.
Zunehmend angespannt sah der Dunkelhaarige zur Seite und fixierte sein Skizzenbuch auf dem Tisch. Dann nahm er einen weiteren Schluck Wein aus seinem Glas, während Clarence von der Beziehung Nathans zu seiner Frau sprach. Die Frage danach warum er mit ihr ein Kind gezeugt hatte kam auf und Cassie biss die Zähne aufeinander.
Der Geschmack des süßen, schweren Weines hatte sich zu Staub verwandelt während er Clarence Worte gedanklich rekapitulierte: „Ich weiß sowieso nicht, wieso er überhaupt mit Mo‘Ann eins in die Welt gesetzt hat oder wie das passieren konnte….“
Unwillkürlich stellte sich Matthew den Mann vor, welchen Clarence als Nagi Tanka kannte und der für Matt immer der gütige Mann sein würde. Er dachte an seine Stimme, an sein weißes Zahnpastalächeln und daran, dass er geglaubt hatte ein Mensch der so klug wirkte und so freundlich lächelte könne nicht böse sein. Er dachte an seine Brille, mit dem ganz dünnen goldenen Rand und durch die sein Blick noch eindringlicher gewirkt hatte.
Er musste sich nicht mal anstrengen um sich an seinen Geruch zu erinnern, an seine weichen Hände mit dem unfassbar festen Griff.
Clarence war bereits ganz woanders in seinen Ausführungen und gab Cassie auch einen wohlmeinenden Klaps auf die Wade, aber Matthews war gedanklich bei den vorangegangenen Überlegungen hängengeblieben.
Ganz ohne, dass Matt es verhindern konnte hörte er sich die Worte „Er hat sie gefickt, Clarence. Vielleicht nicht so gern und nicht so oft wie mich, aber gefickt hat er sie - so ist das passiert.“
Die nun folgende Stille war alles andere als friedlich oder anheimelnd und Matt bereute das Gesagte sofort. Seine unangebrachten Worte hatten von einer Sekunde auf die andere die Stimmung ins Gegenteil verkehrt und stünde es in seiner Macht, der Dunkelhaarige hätte die Worte umgehend zurückgenommen.
Manchmal konnte er vergessen das dieser Ort das Zuhause des gütigen Mannes war und das jeder hier ihn kannte. Aber die wenigsten kannten ihn so wie Matthew ihn kannte.
Clarence hatte diesen Mann einmal mit einem rostigen Nagel verglichen und das war auch kein schlechter Vergleich - er war sogar ziemlich gut. Aber er war trotzdem noch zu mild.
Das Unheil und die pure Bösartigkeit jenes Menschen war mit Worten nicht zu erklären.
„Tut mir leid, Baby… tut mir leid, ich hätte das nicht sagen dürfen…“, er nahm die Beine von Clarence‘ Schoß, stellte das Weinglas zügig auf dem Tisch ab und lehnte sich nach vorne zu dem Blonden. Die Hände auf dessen Knie abstützend legte er seine Stirn gegen die des Blonden und musterte ihn einen kurzen Moment lang aus nächster Nähe, ehe er die Augen schloss.
Nagi Tanka und seine Sippe war ein Thema das er mal besser und mal schlechter vertrug und sich Gedanken darüber zu machen wie innig oder auch abgeklärt er wohl die Ehe vollzogen hatte war immer schwer zu ertragen.
Aber dafür konnte Clarence nichts - und er sollte und konnte sich nicht allgegenwärtig im Gedächtnis halten, was sein Lehrmeister mit dem Jüngeren angestellt hatte. All das war vor seiner Zeit gewesen, vermutlich Jahre bevor aus dem gütigen Mann der große Geist geworden war - und doch waren beide Gestalten ein und das selbe Scheusal.
„Manchmal vergesse ich, dass er hier gelebt hat und das Odette seine Tochter ist. Und wenn es mir dann wieder bewusst wird, fühle ich mich…“ - er unterbrach sich kurz selbst, suchte nach den richtigen Worten und setzte schließlich fort: „…ein bisschen wie unter Wasser.“ - aber auch das war nicht Clarence‘ Schuld oder lag in seiner Verantwortung. „Wenn ich Mo‘Ann sehe, dann versuche ich mir nicht vorzustellen, was sie mit Nathan getrieben hat. Oder er mit ihr.“ denn wenn er darüber nachdenken würde, würde er durchdrehen. Dann könnte er nicht ihre Schreibhilfe sein oder sich sonst friedlich mit ihr in einem Raum aufhalten. Und ähnlich verhielt es sich mit Odette. Er wollte sie nicht als die Tochter des gütigen Mannes sehen, auch wenn er wusste, dass sie es war.
Matthew öffnete die Augen wieder und suchte Clarence‘ Blick.
„Wir werden diese Bastarde fertigmachen, das weiß ich sicher. Du bist für diesen ganzen Anführerkram wie geschaffen, auch wenn du das vielleicht noch nicht erkennst.“ - kurz küsste Matthew seinen Mann auf die Lippen, die nach Whisky und - besser noch - nach Clarence schmeckten.
„Und ich hätte nichts dagegen, wenn wir das ganze schnell über die Bühne bringen. Je schneller es getan ist umso schneller… sind wir sie los.“
Es hatte schon Zeiten während ihrer Reise gegeben, da war Matthew ihm beinahe dafür an den Hals gegangen, dass der Blonde schweigsam war. Er hatte versucht den Hünen zum Lachen zu bringen, ihn durch Sticheleien zu nerven oder gar einen Streit vom Zaun zu brechen, einfach um irgendeine Form von Konversation mit ihm halten zu können.
Als Clarence angefangen hatte mehr mit ihm zu reden, war das auch nicht immer richtig gewesen. Nur zu gut erinnerte er sich an die filigranen Jadefiguren, die Cassie im Haus der Hurenkönigin nach ihm geworfen hatte oder an Auseinandersetzungen im strömenden Regen. Manchmal war sowohl Reden als auch Schweigen nicht Silber oder Gold, sondern einfach nur pures Verderben.
Aber auch diese Zeiten hatten sich gewandelt und wo sie früher vielleicht im Streit oder aus einer überkochenden Emotion heraus kurzfristig die Distanz zueinander gesucht hatten, war an eine räumliche Trennung heute kaum mehr zu denken. Clarence Plappern mochte wenig überlegt gewesen sein und die Reaktion seines Mannes darauf ihrer heimeligen Stimmung kaum zuträglich, aber es untergrub weder die Intimität, noch das Vertrauen, welches sie seit Matthews Ankunft in Falconry Gardens miteinander teilten.
Noch während die schneidenden Worte über Cassies Lippen gingen, legte sich eine bedrückte Stimmung in der Magengrube des Blonden nieder, die auch das schnelle Einlenken seines Mannes nicht mildern konnte. Einem unsicheren Jungen gleich, der sich nicht sicher war ob auf das Donnerwetter des Vaters nicht doch noch eine saftige Schelle folgte, musterte er den Dunkelhaarigen für einen Moment unsicher aus nächster Nähe, während dieser sich an seine Stirn gelehnt hatte.
Von Vergessen und Wasser sprach er, von Anführerkram und davon, dass sie Nathans verdorbene Sippe hoffentlich bald los waren. All das schmälerte nicht die Nüchternheit, die sich trotz des Whiskys in ihm breit gemacht hatte - und auch nicht, dass er über Cassies Einlenken beinahe noch mehr entsetzt war als über seinen schneidenden Einwurf selbst.
„Du solltest doch eigentlich mittlerweile wissen… dass du immer alles zu mir sagen darfst. Alles“, entgegnete er nach kurzem Schweigen, während dem er seinen Mann gemustert und sich kurz über die Lippen geleckt hatte. Der weiche Kuss des Jüngeren stand in krassem Kontrast zu seiner Magengrube und vielleicht bekam er deshalb nicht den Tonfall aus seiner Stimme, dem man deutlich anhörte, dass er sich für sein vorangegangenes Plappern zweifelsohne schuldiger fühlte als Cassie es für sein Einlenken tun sollte. „Du kannst auch sagen, dass ich ein Klotz bin und die Klappe halten soll. Das wäre zwar reichlich ungewohnt, weil ich dir normalerweise sage, dass du mir nicht auf den Keks gehen sollst, aber…“ - Für einen Moment wieder schweigend presste er kurz die Lippen aufeinander. Ihre Bindung zueinander war keine Einbahnstraße und zu wissen, dass er seine Gedanken jederzeit mit Clarence teilen konnte, sollte nicht mit einem Glas Alkohol und einem netten Beisammensitzen plötzlich aufhören.
„Komm her“, kurz unsicher zupfte er am Bund von Matthews Unterhose, bevor er etwas mutiger danach griff und den Jüngeren mit dem Hintern vom Stuhl und auf seinen Schoß hinüber zog. Ihn bei sich behaltend, baumelten nun Cassies Beine gemeinsam zu seiner Linken hinab. Während er seine Arme um die Taille seines Mannes schob, griff er dessen vorangegangenen Worte wieder auf: „Manchmal vergesse ich, dass er vor all dem hier ein anderes Leben hatte. Ich weiß, dass er hinter seiner Fassade ein Scheusal war. Aber es zu wissen und alles davon zu begreifen, sind manchmal… zwei unterschiedliche Dinge. Vielleicht, weil ich nicht dazu gemacht bin mir solche Dinge ausmalen zu können.“
Clarence verstand nicht, wie man Hand an ein Kind legen konnte. Obwohl es in seiner Heimat als Erziehungsmethode Gang und Gebe war, hatte er seine Mädchen niemals eingeschüchtert oder geschlagen und dass es Menschen gab, die noch grausamere Dinge mit derlei unschuldigen Geschöpfen tun konnten, entzog sich seiner Vorstellungskraft. Womöglich war es dieses fehlende Talent, das ihn davor bewahrte in Matthew mehr zu sehen als den Mann den er heute kannte und liebte. Aber das machte es ihm auch manchmal schwer nicht ins Plappern zu geraten seitdem sie hier waren. Wann immer der Dunkelhaarige mit einem der unzähligen Fotografien des einstigen Anführers der Kestrel konfrontiert wurde, sah er einer älteren Version des Gütigen Mannes ins Gesicht, während Clarence hingegen nie einen anderen Nathan Abaelardus kennengelernt hatte als jenen, dem er über Jahre hinweg gefolgt war. Die Verbindung zu schaffen fiel seinem Mann leichter, was es ihm schwerer machte Geschichten über das sorglose Leben dieses Mannes zu hören.
„Ich wäre lieber der Typ, der aus dem Nichts mit einem Rettungsring um die Ecke kommt. Aber lass mich nicht der Typ sein, der dich unüberlegt ins Wasser stößt. Sag mir einfach, wenn ich mit irgendwas aufhören soll, okay?“, bat er Cassie leise und musterte ihn dabei eindringlich.
Matthew wusste kaum etwas so sicher, wie die Tatsache, dass er Clarence immer und zu jeder Zeit alles sagen konnte.
Damals, in der prunkvollen Villa von Jeyne, war er sich hingegen sicher gewesen, dass die Wahrheit für ihre Bindung zu viel sein würde. Clarence war ein Mann mit Werten und moralischen Vorstellungen, er war gläubiger Christ und er stammte aus einer Gesellschaft in der es das, was Matthew passiert war, nicht gab.
In den zerwühlten Seidenlaken hatte Matthew zum ersten Mal laut ausgesprochen was ihm als Kind widerfahren war, hatte zum ersten Mal die schonungslose Brutalität in Worte gekleidet und war sich sicher gewesen, dass danach alles zwischen Clarence und ihm vorbei sein würde.
Nicht, weil Clarence empathielos oder ein Klotz war, sondern weil er selbst, Matthew Reed, den Makel der Duzendware an sich hatte. Und wer bitte wollte so einen Menschen um sich haben?
Es hatte sich gezeigt, dass Clarence das wollte. Er wollte ihn trotzdem nicht hergeben, wollte ihn trotzdem noch heiraten - und hatte schließlich aus Matthew Reed einen Matthew Sky gemacht. Seit diesem Moment hatte der Blonde unendlich oft gezeigt, wie sehr er Cassiel liebte und wie wenig ihm das Vergangene in Bezug auf ihre Liebe bedeutete.
Gerade deshalb fiel es ihm vielleicht auch so schwer im Blick zu behalten, dass Matthew besonders in der Nähe des Clanhauses und in der Nähe Mo‘Anns ständig und überall mit dem Vermächtnis seines Peinigers konfrontiert wurde.
Jener Mann war traurigerweise nicht in den Flammen seiner Farm umgekommen - sondern hatte sich hier ein äußerst beschauliches Leben aufgebaut. Hatte Leute um sich geschart, hatte eine Familie gegründet, hatte sich an den Kopf eines Jägerclans manövriert und ein Leben geführt, für das er Anerkennung bekommen hatte. Nicht alle hatten diesen Mann verachtet - und eine zeitlang hatte er hier vermutlich wie die Made im Speck gelebt. All das, während Matthew bei Beliar in die Lehre gegangen war. Nathan hatte sein Dasein genossen während Matt Le Rouges drakonische Lehrmethoden über sich ergehen lassen musste.
All das war nicht fair. Und auch wenn der dunkelhaarige junge Mann genau wusste, dass Fairness keine Währung war auf die das Leben zurückgriff, so hielt er es manchmal einfach nicht mehr aus.
Dieses Manchmal hatte ihn die übereilten garstigen Worte sagen lassen für die er sich schon direkt wieder entschuldigt hatte und die er dennoch nicht wieder ungesagt machen konnte.
Aber ging es nach Clarence, dann musste er das auch gar nicht, denn ebenso wie damals in der Villa, vermittelte Clarence dem Jüngeren unmissverständlich die Botschaft, dass es nichts gab was Cassiel ihm nicht sagen konnte.
Matthew sah seinem Mann den Missmut an und das er sich über sich selbst ärgerte, weil sein unsensibles Gerede dazu geführt hatte, dass Matthew sich unwohl fühlte. Clarence wollte vermutlich gerade nicht weniger das Gesagte zurücknehmen als Matthew.
Und doch konnten sie es beide nicht und das war seltsam in Ordnung.
Ohne den kleinsten Widerstand ließ sich der Jüngere hinüber auf Clarence‘ Schoß lotsen und musste dabei sogar schon wieder schmunzeln. Der Wildling hatte etwas an sich, dass die Kanten und rauen Ecken der Welt für Matthew abschliff und die harte Realität weich zeichnete. Dass ihm dabei selbst nicht klar zu sein schien, dass er jenes Talent besaß machte es nur noch kostbarer.
„Du bist dieser Typ schon. Der mit dem Rettungsring, mein ich. Und ich meine nicht deine Coral-Valley-Schokortorten-Figur.“, eine Hand in Clarence‘ Nacken gelegt kraulte er durch den dichten Haaransatz und musterte den Blonden von der Seite her.
Er nahm es ihm nicht übel unüberlegt geplappert zu haben und doch wusste er, dass Clarence es sich selbst sehr wohl übel nahm.
„Niemand ist dafür gemacht sich solche Dinge auszumalen und… ich will auch nicht, dass du das tust. Nur manchmal… wenn ich seine Visage auf den Gemälden und Fotografien sehe, dann ist mir danach alles niederzureißen was er aufgebaut hat.
Ich weiß, dass ich das nicht kann und ich werd nichts dummes anstellen, versprochen. Nur wenn ich mir dann noch ausmale, dass er hier einen auf spirituell erleuchtet gemacht hat, mit Frau und Tochter hier residierte… dann macht mich das verrückt. Ich kann das einfach nicht… so sehr an mich ranlassen.“
Die Menschen die Nagi Tanka kannten und die zu ihm aufgesehen hatten, hatten vermutlich keine Ahnung von den Dingen die er früher getan hatte - und demnach waren diese Leute auch nicht verantwortlich. Trotzdem machte das die Sache für Matthew nicht unbedingt leichter.
„Manchmal bist du ein Klotz, aber meistens bist du keiner. Ohne dich wäre ich nicht hier, dass ist dir klar nehm ich an. Aber wegen dir bin ich auch gern in dieser Stadt… Du machst, dass die guten Momente mehr wiegen als die schlechten Erinnerungen.“
Und das das so war, war Clarence’ größter Zauber.
„Wenn du den Laden übernommen hast und wir die Mädchen zurückhaben… dann werden wir hier ein schönes Leben führen, Baby. Ich schätze… dass Haus was wir gerade umbauen, wird das Haus sein auf dessen Veranda wir in vierzig Jahren sitzen…“
Manchmal, wenn sie so beieinander waren wie jetzt, da kam es Clarence vor, als wären all die schlimmen Dinge dieser Welt nur irgendwo da draußen vorhanden. Ganz weit weg - aber eben nicht hier drin. Nicht in ihrer kleinen Wohnung, wo es meistens nur sie beide gab und all die Dinge, die sie miteinander teilten.
Matthew kannte ihn mittlerweile so gut wie sonst niemand auf der Welt. Um Längen besser noch als jemand vom Clan oder als gar ein Nagi Tanka es je hätte tun können. In Cassies Gegenwart war er der Mensch, der er hätte sein können, wenn viele schlimme Dinge niemals geschehen wären. Wenn ihm das Lachen nicht genommen worden wäre oder sein Zuhause, das er auf Ewig verloren geglaubt hatte.
Willow Creek würde niemals zurück kommen. Auch nicht seine Verwandten dort oder all die guten Traditionen, mit denen er aufgewachsen war und von denen er immer gedacht hatte, er würde sie eines Tages an seine Kinder weitergeben. Aber in seinem Mann hatte er viele verloren geglaubte Dinge wiedergefunden oder neu gegründet. Sie waren zu einem guten Team geworden, zu einem vertrauensvollen Paar und - auch wenn er das nie gedacht hätte - zu einem vorzeigbaren Ehepaar, das sich durchaus sehen lassen konnte.
Nach all den gemeinsamen Monaten spielte es keine Rolle mehr ob jemand von ihnen etwas dummes sagte oder anstellte. Schon lange münzten sie Verfehlungen nicht mehr auf ihre Beziehung oder empfanden es als einen persönlichen Angriff, wenn die Dinge nicht so liefen wie erhofft. Es war in Ordnung nicht perfekt zu sein und das war die wohl größte Lehre, die Clarence jeden Tag aufs Neue aus ihrer Ehe zog und von der sie beide auf eine Weise profitierten, wie sie es früher nie für möglich gehalten hätten.
Wachsam und mit warmem Ausdruck in den blaugrauen Iriden betrachtete er den jungen Mann auf seinem Schoß, über dessen Taille sein Daumen liebevoll hinweg streichelte und zu dem er sich schließlich hinauf reckte um ihm einen kurzen, innigen Kuss zu geben. Wann immer Matthew davon sprach hier alt zu werden - all den Stolpersteinen dieser Kleinstadt zum Trotz - entfachten seine Worte eine heimelige Wärme im Innersten des Blonden. Sich vorzustellen, dass ausgerechnet diese Veranda hier jene sein sollte, über die sie schon seit Monaten sprachen wenn sie sich vorstellten wie es wäre, wenn sie miteinander alt wurden… diese Vorstellung war ein schöner Gedanke und zauberte Clarence noch im Kuss ein warmes Lächeln auf die Lippen, welches selbst von den dunklen Gedanken an Nathan nicht getrübt werden konnte.
„In vierzig Jahren hab ich vermutlich deutlich mehr Rettungsringe als ich in Coral Valley hatte. Das ist dir klar, oder?“, verkündete er schließlich mit einem undefinierbaren Stolz in der Stimme - fast so als wäre die Schokotorten-Figur eine Trophäe die man sich nur dann erlauben konnte, wenn man lange genug verheiratet und damit sicher vergeben war. Doch noch immer fühlte es sich zeitgleich auch so an, als wäre es realistischer bis dahin in die Breite zu gehen, als bis dahin tatsächlich auch seine Mädchen wieder bei sich zu haben. All die vermeintlichen Fotos und Berichte ohne Absender waren nichts, was sich real anfühlte. Es mochte sie geben, manche Wunder, die plötzlich geschahen wenn man am wenigsten an sie glaubte - und doch hatten sie noch nie die Toten wieder zum Leben erweckt. Dass er der erste Mensch dieser Welt sein sollte, dem solch etwas widerfuhr, schien ihm so unwahrscheinlich zu sein wie der Sonnenaufgang im Westen.
Kurz betrachtete er das Bild seiner beiden Mädchen, das noch immer auf der Fensterbank lehnte. Neben Rosmarin und Thymian. Es war so unauffällig platziert wie es auch gleichzeitig deplatziert wirkte in einer Einzimmer-Wohnung, die keinen Platz für Kinder hergab. Ob und inwiefern die beiden Platz in ihrem Leben haben würden, hatten Cassie und er noch mit keinem einzigen Wort besprochen - und dem Blonden war auch nicht im Geringsten danach. Allein die Vorstellung davon, sich ein gemeinsames Leben auszumalen was am Ende doch nicht sein würde, reichte ihm aus, um ihm hundert weitere Male das Herz zu brechen.
„Aber bis ich so weit bin, werden wir all unsere guten und athletischen Jahre dafür nutzen, um die Erinnerung an Nathan und seine Familie aus den Köpfen der Leute hier zu radieren. Ihm wird hier kein Erbe zu Teil werden, das ihm nicht gebührt“, versprach er seinem Mann ernst und suchte dabei Cassies Blick, um ihm seine Ernsthaftigkeit begreiflich zu machen. „Wenn wir alt sind… werden die Leute hier höchstens noch davon reden, was für ein hübsches Kerlchen du damals warst und was für ein unverschämtes Glück ich Klotz hatte, dass ich dich abbekommen habe. - Und man wird sich fragen, wie so ein alter Tattergreis wie du noch immer so unheimlich gut riechen kann.“
Zufrieden nickte er ob der Vorstellung ihres Rufes, der ihnen bis auf ihre Veranda nacheilen würde. Der Gedanke daran, dass der Ausblick auf jenen kleinen See jener sein würde, der sie noch ihr halbes Leben lang begleiten würde, schenkte Clarence eine Form von Frieden, wie nur Cassie ihn ihm zu schenken vermochte.
„Der einzige Wermutstropfen ist wohl, dass ich in vierzig Jahren nicht mehr ausdauernd genug sein werde, um dich mitten auf der Wiese zu vernaschen. Aber für unsere morschen Gelenke wird es vielleicht sowieso besser sein, wenn wir unser weiches Ehebett bevorzugen“, malte er Matthew ihre wenigstens noch immer recht aktive Zukunft aus, in der er die Vorzüge von heute auch künftig nicht würde missen wollen. „Vor allem jetzt, wo wir uns endlich über das kleine Zimmer mit dem Balkon einig sind. Die Vorstellung, dass ich dich in diesem Raum noch in vierzig Jahren ausziehen werde, gefällt mir irgendwie.“
Nur allzu leicht hätte die Stimmung dieses späten Abends unwiderruflich kippen können. Denn zu ihrer heimeligen Zweisamkeit hatte sich ein Monster geschlichen. Eines, wie es Matthew damals so tief verletzt und seinen Glauben an alles Gute erschüttert hatte, dass es fast zwei Jahrzehnte und Clarence Sky gebraucht hatte, um den ewig traurigen Ausdruck aus dem Kandisbraun seiner Augen zu vertreiben.
Doch auch wenn Nathan noch immer Macht über sie beide hatte, so war er nicht mehr mächtig genug um ihre Bindung zu erschüttern. Unüberlegtes Geplapper und hässliche Erinnerungen, gepaart mit schneidenden Worten hin oder her.
Was früher zu einem Zerwürfnis geführt hatte welches zumindest ein paar Stunden anhielt, war der gütige Mann heute etwas über das sie reden konnten - ohne das Matthew sich einigelte und ohne, dass Clarence dieses Ungeheuer totschwieg.
Nathan war für einen Moment bei ihnen, doch es gebührten ihm nicht mehr als ein paar wenige Minuten.
Ernst und eindringlich ruhte der Blick der graublauen Augen auf Matthew. Ein Blick, so unnachgiebig wie Metall. Was Clarence ihm sagte, war mehr als nur Gerede. Es war ein Versprechen.
Er musste es nicht als ein solches benennen, allein der Ernst in seinen Worten und im stählernen Blau seiner Augen, verriet es Matthew. Der Mann, auf dessen Schoß er saß, hatte bereits für ihn getötet, als sie nicht mehr als nur Gefährten gewesen waren - und Matthew wusste, es gab nichts auf der Welt was der Hüne nicht für ihn tun würde. Er würde mit ihm gehen wohin auch immer Matthew wollte - selbst wenn das hieß, dass er niemals wieder irgendwo das Gefühl von Zuhause haben würde und es ihm das Herz brechen würde. Und für Matthew? Galt dasselbe.
Deshalb hatte der Jüngere zugestimmt nach Falconry zu kommen - und deshalb würden sie auch hier bleiben.
„Ich weiß.“, flüsterte er zurück und betrachtete Clarence mit der selben stillen Ernsthaftigkeit. Die Leute hier die zu Nagi Tanka aufgesehen hatten waren nicht ihre Feinde. Sie kannten den Mann nicht so wie Matthew ihn kannte und weil der große Geist schon immer ein großer Schwindler gewesen war, waren sie ihm schlichtweg aufgesessen. Aber sie würden ihn ins rechte Licht rücken, die Bilder eines Tages abnehmen und verbrennen, die Büsten zerschlagen und in den Schriften ergänzen wer er wirklich war. Clarence war bewusst wie wichtig das für Matthew war und sein Versprechen - wenn auch nicht als solches deklariert - war im Hier und Jetzt genau das, was Matthew hatte hören müssen.
Die jähe Überleitung in die Zukunft lenkte den Jüngeren von seinen düsteren Gedanken weiter ab und er lachte amüsiert über das Bild das der Blonde zeichnete.
„Ach ja, meinst du?“, fragte er keck zurück um gleich darauf ein etwas anderes Bild ihres Rufes zu zeichnen. „Vielleicht fragen sich die Leute auch, wie der weise Clarence Sky, der beste Anführer den die Kestrel‘ je hatten, an so einen eingebildeten Torfkopf wie mich geraten ist.“ Zufrieden ob der Gesellschaft in der er sich befand und ob seines bequemen Platzes, lehnte er sich Clarence entgegen und küsste ihn auf sein Ohr, ehe er unerwartet auflachte weil sein Mann es einfach nicht lassen konnte.
„In vierzig Jahren werden wir mehr Zeit dafür benötigen uns auszuziehen, als der eigentliche Akt dauert. Glaube da ist es nur vernünftig, wenn wir es im Bett machen und nicht auf der Wiese. Stell dir vor, es will uns jemand besuchen oder irgendwer kommt auf das Grundstück und sieht unsere nackten, runzeligen Ärsche und wir können uns nicht mal schnell genug die Hosen wieder hochziehen, um etwas Würde zu wahren.“, sie Vorstellung amüsierte ihn und er kicherte.
„Dann wird unser Ruf ein ganz anderer sein. Die Leute werden sich hüten unangekündigt vorbeizukommen aus Angst davor uns nackig zu erwischen.“ - in dieser fernen Zukunft würden sie auf ein erfülltest, abenteuerliches Leben zurückblicken und sie würden einander noch immer haben - selbst wenn alle Wünsche erfüllt und alle Träume geträumt waren.
Matthew seufzte nachdenklich dann steckte er sich in Richtung Tisch und angelte nach Clarence‘ Whiskeyglas um selbst einen kleinen Schluck davon zu nehmen. Der Alkohol war brennig und viel kräftiger als der süße Wein. Cassie verzog ein bisschen das Gesicht ob der Stärke des Getränks, nahm aber trotzdem einen weiteren Schluck. „Ich weiß echt nicht, was du an dem Gebräu findest.“, Cassie schüttelte den Kopf, dann hielt er das Glas an Clarence‘ Lippen und flößte ihm ein bisschen was von dem Alkohol ein.
„Trink Baby, dass Zeug ist nichts für mich. Ich halt mich lieber weiterhin an Wein.“


