Zuhause

22. März 2211


Matthew C. Sky

Es war noch nicht Mitternacht als die Hunde anschlugen und Matthew von dem Skizzenbuch aufsah, dass er auf seinen Oberschenkeln liegen hatte und in dem er mit Kohlestift zeichnete. Er saß an dem kleinen Tisch und hatte die Füße hochgelegt mit dem Stuhl kippelnd. Der Raum war warm, er hatte Feuer gemacht und der Schein brach sich gold-orange auf seiner nackten Haut. Bis auf schwarze Shorts trug er nämlich nichts. Vor sich auf dem Tisch stand ein Glas mit Wein, bereits halb geleert und hinter dem Ohr hatte er einen zweiten Kohlestift.

Während die Hunde Clarence stürmisch begrüßten blieb Matthew wo er war und besah sich das Schauspiel.

„Hey, großer Anführer.“ - er schenkte Clarence ein Lächeln, machte aber noch immer keine Anstalten aufzustehen.

Er hatte noch nicht mit seiner Rückkehr gerechnet, war aber froh, dass er wieder da war.


Clarence B. Sky

Obwohl es noch lange nicht mal Mitternacht war, fühlte es sich für den Blonden bereits an wie in den frühen Morgenstunden. Der Abend war so lang und zäh gewesen, dass am Osten über den Ausläufern des Grey Eagle schon genauso gut die ersten Sonnenstrahlen hätten erwachen können. Weder das gute Essen, noch sein kühles Bier waren ihm nach den Geschehnissen in der großen Halle bequem im Magen gelegen. Das einzig Gute an diesem Abend war seine Heimkehr - und der Jäger erwischte sich dabei, dass er den Weg nach Hause heute mit deutlich eiligeren Schritten unternahm als sonst.

Das quietschende Gartentor fühlte sich mittlerweile genauso vertraut an wie das Bellen der Hunde, die ihn aufgeregt begrüßten, da war noch nicht mal die Wohnungstür richtig hinter ihm ins Schloss gefallen. In Nächten wie diesen war er froh, dass ihre kleine Wohnung als alleinstehendes Häuschen im Garten ihrer Vermieter stand und sich niemand ernsthaft über die Lautstärke ihrer pelzigen Anhängsel beschweren konnte; nicht mehr lange, da würden Kain und Abel in ihrem neuen Zuhause sowieso tun und lassen können was sie wollten.

Der Geruch von Kaminfeuer, Kräutern und den Düften, mit denen Cassie sich zumeist zierte, lag ihm ihn der Nase, während Clarence seinen Mantel und die Stiefel ablegte. Ein Brummen war alles, was er seinem Mann vorerst zur Begrüßung entgegnete - doch mit der Schwere seiner Kleidung fiel auch zeitgleich ein wenig die Last von seinen Schultern, die seit dem Abendessen beim Clan auf ihm geruht hatte.

Wirklich entspannt fühlte er sich nur dort wo Matthew war. Am liebsten eingebettet in die Wärme von prasselndem Feuer, eingelullt von einem guten Whisky und umgeben von zwei starken Armen, deren Hände ihm durchs Haar kraulten. Hier vergaß er seine Sorgen, vergaß die Intrigen von Mo‘Ann und auch die Herausforderungen die oben beim Clan auf ihn warteten, sollten sich die Dinge weiter so entwickeln wie am heutigen Abend bereits geschehen.

„Hey“, erwiderte er die Begrüßung des Jüngeren schließlich müde, während er hinter Matthew an den Stuhl trat. Wie der verwegene Bursche, der er war, saß er dort. Halbnackt - so wie Claire ihn am liebsten hatte - und unverschämt gutaussehend war er. Ganz gleich ob mit oder ohne Kleidung, der Typ wusste um seine Außenwirkung genauso wie er auch wusste, was er in welchem Moment am besten zu sagen hatte.

„Ich hab versucht früher wieder hier zu sein. Hat nicht so gut geklappt“, fasste er das Offensichtliche schließlich zusammen. „Tut mir leid.“

Warm brummend legte Clarence seine Hände auf den Wangen seines Mannes ab und betrachtete ihn für einen Moment von oben herab, wohl darauf bedacht Matthews Stuhl nicht aus dem Gleichgewicht und den Jüngeren dadurch zu Fall zu bringen. Erst nachdem er ihn ausgiebig betrachtet hatte, beugte er sich schließlich für einen Kuss zu ihm hinab. Wenngleich das gemeinsame Abendessen jeglicher Intimität entbehrt hatte, ließ der Blonde es sich nicht nehmen wenigstens einen Teil davon während ihrer Begrüßung wieder aufzuholen und damit wenigstens ein Quäntchen der rigorosen Entscheidungen wieder gut zu machen, vor die er Cassie beim Abendessen gestellt hatte.

„Du betrinkst dich hier ohne mich, mh? War‘s so schlimm mit der alten Hexe oder ist das ein Siegestrunk, weil ich deine Arbeit bei ihr heute früher beendet habe als geplant?“

Beides würde er Cassie nicht verübeln. Selbst dann nicht, wenn er nur aus Langeweile trank. Blieb nur zu hoffen, dass der Hüne den Pegel seines Mannes an diesem Abend noch aufholen konnte - aber das kam darauf an, was Matthew schon alles intus hatte.


Matthew C. Sky

Der Klang von Clarence‘ Schritten, seinem Brummen und den Geräuschen wie er die Hunde begrüßte, waren Matthew so vertraut, dass er gar nicht hätte aufsehen müssen um ihn zu erkennen. 

Und trotzdem hatte es etwas ganz besonderes ihn in diesem Moment zu mustern. 

Zu sehen, wie Clarence nach Hause kam. 

Es war noch nicht allzu lange her, da hatte er den Bären dünn und angeschlagen in Falconry wiedergesehen. 

Das Haar viel kürzer als er es von ihm gewöhnt war, blass, eingefallene Züge und lädiert - so war der völlig perplexe Jäger ihm gegenübergetreten und es hatte ganz so gewirkt, als hätten die Wochen ohneeinander sie irgendwie voneinander entfremdet. Eine Distanz zwischen sie gebracht die sich kaum überwinden ließ. 

Jetzt, ein paar Monate später, war von jener scheinbaren Entfremdung nicht mal mehr ein Schatten übrig geblieben. Kaum mehr als ein paar Stunden hatte es gedauert bis sie wieder ein Team geworden waren. 

Matthew sah seinen Mann an, dessen Schulter nicht mehr bandagiert und dessen Wangen nicht mehr eingefallen waren, dessen Haar schon wieder etwas länger war und dessen Schritte fest und zielstrebig klangen - und dieser Anblick, die Perfektion des gesamten Augenblicks, erfüllte den Jüngeren mit einem Gefühl der Dankbarkeit. 

Ihr Weg war in vielerlei Hinsicht schwer gewesen, sie hatten kaum ein Hindernis ausgelassen und hatten es sich gegenseitig auch nicht immer leicht gemacht. Besonders zu Anfang nicht. Aber selbst zu Beginn ihrer gemeinsamen Reise hatten sie aufeinander aufgepasst. Und daran hatte sich nie etwas geändert. Ohne Clarence wäre Matthew längst nicht mehr am Leben aber für Clarence galt das selbe. Sie hatten sich von Anfang an gegenseitig gerettet und egal wie viel Zeit vergehen und welche Widrigkeiten noch kommen mochten, sie würden beide immer bedingungslos füreinander einstehen. Daran würde keine Mo’Ann etwas zu ändern vermögen.  

Dass ausgerechnet der schweigsame Hüne der Mensch sein würde, auf den Matthew abends wartete, war wahrlich nicht abzusehen gewesen und doch war es genau richtig so. Der Blonde war die eine Konstante in Cassiels Leben ohne die der Kleinere sich nicht zurechtfinden würde. 

Den Kopf in den Nacken legend blickte Matt zu dem Jäger empor welche seine Hände an seinen Wangen abgelegt hatte. 

„Schon gut, ich hab mich selbst beschäftigt.“ entgegnete er nachsichtig und nickte gen Weinglas. „Ich weiß nicht recht… ein bisschen von beidem wohlmöglich.“ 

Allzu viel hatte er noch nicht getrunken aber es war genug um eine angenehme Wohligkeit zu verspüren. 

„Du siehst müde aus.“ stellte er fest, den Kopf noch immer nach hinten gelegt und zu dem Blonden aufsehend. 

„War ein ereignisreicher Abend, hm? Wenn du mich nach meiner Meinung fragst, hast du viel Boden gutgemacht. Du kannst stolz auf dich sein. Ich bin es jedenfalls.“

Oh er zweifelte nicht daran, dass es für Clarence eine prekäre Situation war in der er nun sorgsam manövrieren musste um das gewünschte Ziel zu erreichen. 

Er war viele Jahre fort gewesen. Zeit, in der sich im Clan die Machtverhältnisse verschoben hatten. Und diese nun erneut zu verschieben würde anstrengend sein. Aber er hatte heute Abend unglaublich klug reagiert und darauf konnte Clarence wirklich stolz sein. 

„Aber jetzt…jetzt bist du hier bei mir. Und hier musst du nicht sein, wer du drüben im Clan bist. Mach’s dir bequem, ich hol dir auch ein Glas Wein und eh du dich versiehst ist die Welt wieder in Ordnung.“, er lächelte ein aufmunterndes Lächeln, wohlwissend das es mehr als Wein brauchen würde um die Welt wieder in völlige Ordnung zu bringen. Aber zumindest den Stress würde ein ordentliches Glas Wein ein bisschen dämpfen können.

Elegant schwang Cassie die Beine vom Tisch und brachte den Stuhl dazu wieder nach vorne zu kippen. Mit einem leisen Klacken kamen die beiden Beine wieder auf dem Dielenboden auf und Matthew erhob sich von seinem Platz. Das Skizzenbuch und den Kohlestift legte er auf der Tischplatte ab, wobei er das Büchlein offen liegen ließ.

Den Stift hinter seinem Ohr hatte er komplett vergessen.

In dem Skizzenbuch selbst  waren alle möglichen Bilder. Vögel, Szenerien der zurückliegenden Wochen, Zeichnungen des übellaunigen Pferdes, namenlose Gesichter von Menschen aus dem Schweigenden Volk. 

Die jüngste Doppelseite aber zeigte Bilder von Clarence. Mit lockerer Linienführung hatte er sowohl Strenge als auch Ernsthaftigkeit des Hünen eingefangen, wobei er den Augen und Lippen besondere Aufmerksamkeit gewidmet hatte. 

Die Autorität die der Blonde bei Tisch ausgestrahlt hatte, strahlte auch die Kohlezeichnung aus - zumindest in gewissem Umfang.

„Wein oder lieber Whiskey? Wir haben beides da und ich bring dir, was auch immer du davon haben willst.“ nicht, dass er glaubte er müsste Clarence bedienen oder dergleichen - aber nach dem heutigen Abend hatte sich Clarence ein wenig Aufmunterung verdient.