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Pond Shore

22. März 2211


Clarence B. Sky

„‚Als Jäger hat man es nicht nur leicht‘“, echote Clarence amüsiert die Worte seines Mannes. „So So. Scheint ein hartes Leben zu sein, von dem du da redest.“

Obwohl er wusste, dass es als Anspielung auf die Situation von Odette und ihren Freunden gemünzt war, klang es fast, als würde Cassie seine eigenen Erfahrungswerte aus dem Nähkästchen plaudern. Allein die Vorstellung davon fand der Blonde auf eine Weise unterhaltsam, dass er ihre Sorgen fast schon für einen Moment vergaß.

Das härteste an Clarence‘ Leben war derweil Matthew, der mit einer Selbstverständlichkeit lediglich sich selbst eine Zigarette gönnte, dass es einem fast wehtat. Die eheliche Güterteilung hatte schon immer an der sehr strickt gezogenen Grenze zum Tabak geendet, auch wenn es nie offiziell ausgesprochen worden war. Sie verschwamm nur dann, wenn Cassie seinen Kram leer geraucht hatte und sich plötzlich am Beutel des Älteren verging.

Manchmal hatte der Schamane schon darüber nachgedacht, seinem Tabak zur Strafe einfach welche von jenen Kräutern unterzumischen, die der Dunkelhaarige nicht besonders gut vertrug - also so ziemlich alles, was nicht Tabak war. Bei dem einen redeten geröstete Hasen mit Cassie, das andere ließ ihn dunkle Gestalten durch die Wälder huschen sehen und von dem halluzinogenen Tee, an dem sein damaliger Nur-Weggefährte mal genippt hatte, wollte Claire gar nicht erst anfangen.

Vielleicht würde eine derartige Lektion Matthew davor bewahren sich künftig wieder ungefragt an seinem Tabak zu vergehen. Aber auf der anderen Seite wusste man ja nie, wann der Langfinger wieder zu klauen begann. Am Ende watete er, seines gesunden Menschenverstandes enthoben, mitten in der Nacht in den Teich und ertrank ihm dort. Das wiederum konnte der Jäger auch nicht verantworten.

Es blieb also wie es war: Matthew rauchte und Clarence darbte, so wie es schon immer gewesen war und immer sein würde.

„Wie du bei jungen Frauen einen Meinungswechsel bewirkst, dessen bin ich mir gewahr. Vielen Dank, darauf kann ich verzichten“, gab Clarence derweil zu bedenken, auch wenn er wusste wie genau sein Mann es gemeint hatte. Aber es hatte schon ausreichend Situationen auf ihrer Reise gegeben, bei denen Matthew durch sein schmeichelndes Auftreten dafür gesorgt hatte, dass erst Herzen höher schlugen und sich im Anschluss dadurch irgendwelche Vorteile für sie ergaben.

Kurz blickte er hinter ihnen zu den Hunden, die erst das missgestimmte Pferd spielerisch umsprangen, bevor alle drei wieder langsam zu ihnen aufholten. Zweifelsohne war ihre kleine Gruppe seltsam anzusehen, doch fragte man ihn, konnte er sich die Dinge kaum besser vorstellen als so, wie sie derzeit waren. Wenn er an seine Zeit nach Nathan zurück dachte, einsam und allein in den Wäldern des Madmen Forest, fühlte er sich im Vergleich dazu heute wie der reichste Mensch der Welt. Er hatte einen Ehemann, ein Haus, zwei treue Hunde und ein Pferd, das ihn zwar nicht leiden konnte aber ihn wenigstens am Leben ließ. Das war mehr, als er sich noch vor wenigen Jahren jemals erträumt hätte.

„Wie gesagt, ich befürchte, diese derart große Dummheit bekommt sie bald alleine hin. Aber was plant sie, das beschäftigt mich“, fasste er seine Gedanken auf den Punkt gebracht zusammen und blickte von den Hunden zurück zu seinen Mann, ihn still musternd. „Ich habe sogar schon darüber nachgedacht das Risiko einzugehen und ihr Zimmer zu durchsuchen auf der Suche nach irgendwas, das ihr seltsam vorfreudiges Verhalten erklärt. Vielleicht rechnet es sich, wenn wir auch eine Dummheit begehen. Am Ende überschätzen wir diese Bande maßlos und müssen uns einfach auf deren grenzdebiles Niveau herab lassen um zu verstehen, wie solche Leute denken. Aber ich bezweifle, dass Menschen wie Mo‘Ann und Nathan dazu in der Lage sind ein Kind zu zeugen, dass tatsächlich so dumm ist.“

Vielleicht sah er auch einfach den Wald vor lauter Bäumen nicht, weil er zu lange mit Nathan unterwegs gewesen war. Dieser Mann schmiedete keine Pläne, er ebnete Wege und ließ den Dingen seinen Lauf, sie formend und lenkend, bis ihm die Richtung genehm war. Nagi Tankas Kopf hatte nicht funktioniert wie der von anderen Menschen und auch wenn er einige Dinge bis heute nicht verstand, so hatte er eines von seinem einstigen Lehrmeister gelernt:

Eine Saat in den Köpfen anderer zu pflanzen und Geduld zu zeigen, zahlte sich auf lange Sicht oft besser aus, als mit dem Kopf durch die Wand zu wollen.

„Ich bezweifle nicht mal, dass du selbst in so einer überschaubaren Kleinstadt wie hier dazu in der Lage wärst deinen Zauber zu wirken. Ich hoffe, das weißt du“, hob der Blonde beschwichtigend die Schultern, denn unterm Strich sollte das nicht heißen, dass er Cassies Kompetenzen im Bereich Verschwinden und Verschwinden lassen damit untergraben wollte. Wenn er sich eine Person aussuchen könnte, mit dem er sich in dieser Lage hier befand, würde er niemals jemand anderen dafür aussuchen außer seinen Mann. „Aber wenn ich über unsere Möglichkeiten nachdenke… dann muss ich mittlerweile immer länger darüber nachdenken, ob all die Ideen unsere Ideen sind oder ob sie uns nur deshalb notgedrungen in den Kopf kommen, weil Mo‘Ann uns die Pistole auf die Brust drückt. Weißt du, was ich meine?“

Er wollte sich nicht von dieser Frau zu einem schlechten Menschen machen lassen, nur um das Ziel zu erreichen, was sie ihnen vorgab. Das hatte Nathan Abaelardus lange genug mit ihnen getan.


Matthew C. Sky

Manchmal stellte sich Clarence wirklich naiver an, als eine Gebetsschwester im Kloster. 

Und genau das attestierte Matthew ihm unumwunden auch. 

„Du gibst dich ja keuscher als eine Nonne im Kloster, meine Güte. Wenn du nicht willst das wir was unternehmen, ich nichts einfädeln soll um sie aus der Reserve zu locken und du auch sonst einfach nichts tun willst, dann hör auf damit dir das Hirn zu zermartern was sie vielleicht plant.“ 

Cassie nahm einen weiteren Zug von der Zigarette und schüttelte dabei verständnislos den Kopf. 

„Wir könnten sie in Zugzwang bringen, wir könnten eine Gefahr von außen fingieren auf die sie reagierten muss - und ihre Entscheidungen schlecht aussehen lassen sodass alle sehen ‚Oh Miss Odette hat nicht alle Latten am Zaun‘ , ich könnte ihre Handlanger aufmischen ohne das es auf uns zurückfällt und und und… aber wenn du sagst wir tun nichts, dann tun wir nichts. Ich halte es nicht für richtig, aber in dieser Sache bist du der Boss.“ 

Das hier war Clarence‘ Heimspiel, nicht seines und Matthew würde keine eigenmächtigen Entscheidungen treffen auch wenn es ihm in den Fingern juckte. 

„Man kann über Rouge eine Menge Schlechtes sagen, aber er meinte immer, dass man sich nur über die eigenen Pläne Gedanken machen sollte und nicht über die von anderen. Sind die eigenen gut genug, hat man am Ende kein Problem. Ich finde, da ist was dran. Und im Moment haben wir keinen Plan - was es Odette leicht macht, sollte sie einen haben. Also, großer schöner Mann, vielleicht sollten wir uns mal zusammensetzen und statt zu vögeln einen Plan machen.“ 

Nicht, dass Cassie was gegens Vögeln hatte, auf keinen Fall. Aber so wie er die Sache sah, vertrödelten sie gerade wertvolle Zeit. Sie horchten sich um, sie sahen sich um, er las hier ein Buch und übersetzte da ein anderes. 

Das war nicht Nichts aber es war definitiv zu wenig.   

Was Afarit betraf so hatte Matthew bisher nur wenig Neues in Erfahrung bringen können, weil die Bücher die den letzten großen Krieg der Alten behandelten nicht offen in der Bibliothek zugänglich waren. Die wirklich entscheidenden Pergamente hatte Mo‘Ann in einem extra Raum, hinter der Bibliothek verwahrt. Den Schlüssel dafür trug sie unter ihrer Robe versteckt und bisher hatte sie keinerlei Andeutung gemacht, Matthew auch in jenen Bereich einzuladen. 

„Ich glaube nicht, dass wir genug tun. Betrachtet man was auf dem Spiel steht, machen wir uns zu abhängig von Odette und dem was sie als Nächstes tut oder eben auch nicht tut. Tatsache ist, dass sie ihren Anspruch auf die Clanführung nicht einfach abgeben wird. Und Tatsache ist auch, dass du bisher wahrscheinlich innerhalb des Clans keine überwältigende Zustimmung bekommen würdest, wenn du deinen Hut in den Ring wirfst. So oder so müssen wir die Dinge in die Hand nehmen. 

Wenn wir also mal außer Acht lassen was Odette plant und uns darauf konzentrieren, was wir planen, dann fällt mir als erstes ein, dass wir die Akzeptanz deiner Person als Führer steigern müssen. Du kannst jetzt natürlich von Tür zu Tür gehen und allen erzählen was für ein Goldstück du bist und hoffen, dass das gut ankommt… Aber das lockt wahrscheinlich keinen echt hinterm Ofen vor.“

Er hätte nun erneut anmerken können, dass eine fingierte Gefahr für den Clan eine Chance für Clarence wäre, sich zu beweisen und Odette in schlechtes Licht zu rücken. Aber er hatte diesen Punkt ja schon gebracht und Clarence war offensichtlich kein Fan der Idee - also ließ er es bleiben. 

Notgedrungen - es fiel ihm wirklich nicht leicht - schwieg er nun also, rauchte seine Zigarette weiter und wartete was Clarence für Gedanken und Ideen diesbezüglich hatte. Sich zu scheuen den ersten Schritt zutun könnte sie Kopf und Kragen kosten, deshalb war ein solches Gespräch wie sie es jetzt führten auch längst überfällig. 


Clarence B. Sky

So wie es sein Mann sagte klang es fast, als wäre es etwas Schlechtes wie oft sie miteinander vögelten. Ganz offensichtlich vergaß Cassie dabei, wie unglaublich lange sie seit Denver getrenntgewesen waren und wenn man dahingehend aufsummierte, was sie alles nachzuholen hatten, waren sie sicherlich noch immer im Defizit. Si-cher-lich. Da war Clarence sich jedenfalls absolut sicher – und genau das drückte auch sein irritierter Blick zweifelsohne aus, den er dem Jüngeren von der Seite her zuwarf. 

Aber gerade ging es nicht darum auszudiskutieren, ob sie es zu viel oder zu wenig miteinander trieben, sondern sie sie sich rund um ihre Zweisamkeit herum besser aufstellen konnten. Im Leben gab es manchmal eben doch noch andere Prioritäten, wie Matthew ihm unmissverständlich klarzumachen versuchte. 

“Ich habe nicht gesagt, dass ich nichts tun will”, korrigierte er trocken die dreiste Unterstellung, aus der mehr die Enttäuschung seines Mannes sprach als alles andere. Auf der einen Seite verstand Clarence seinen Tatendrang und auf der anderen Seite konnte er nur wenig nachvollziehen welchen Weg er zu wählen gedachte, ohne dabei zu erkennen, nach welchen Maßstäben er damit handelte. 

Für einen langen Moment dachte er über Cassies Worte nach. Darüber, dass man keine Probleme haben würde, wenn nur die eigenen Pläne gut genug seien. So gut wie die, von Denver alleine mit Cameron gen Falconry aufzubrechen, um dann auf halbdem Weg von einem Mutie angefressen zu werdenOder wie die auf einem Boot zu leben, nur um sich dann monatelang die Seele aus dem Leib zu kotzen? 

Man kann über Rouge eine Menge Schlechtes sagen, aber’..., hallte es in den Ohren des Hünen nach und je länger er darüber nachdachte, war ihm beinahe zum Lachen zumute. Ihm fielen tatsächlich ein ganzer Haufen schlechter Dinge ein und dass Cassie jenen Mann nun als Beispiel eines Vorreiters nutze, vor allem in ihrer hiesigen Situation, hatte einen unterhaltsamen wie auch bitteren Beigeschmack. 

Denkst du, die beiden hatten die gleichen Diskussionen wie wir, als sie noch in unserem Alter waren? Rouge und Nagi?”, wollte er von seinem Mann wissen, bevor er nachdenklich wieder zu diesem hinübersah und ihn eindringlich musterte. “Wenn Nagi manchmal von Treffen mit ihm wiederkam, hat er von ihm gesprochen. Hat davon geredet, was für ein eloquenter und talentierter Mann sein Freund ist – aber wie kurzsichtig er handelt. Dass es ihm eines Tages zum Verhängnis werden wird, dass sein Freund die Unberechenbarkeit und Fehler seiner Feinde nicht als feste Konstante in seine Pläne mit einberechnet. 

Dich hat er auch nicht mit einberechnet. Deine Fähigkeiten oder Vorgehensweisen waren nicht Teil seiner Pläne. 

Letztlich waren beide das Ergebnis ihrer Lehrmeister. In Matthew und ihm floss zusammen, was diese Männer jahrelang an sie weitergegeben hatten. Sie waren geformt worden durch Strenge, Talent und die eisernen Pläne zweier Männer, die sie hatten formen wollen wie ein Bildhauer, der seine Ideen mit Hammer und Meißel in Stein schlug. 

Auch über Nagi ließ sich viel Schlechtes sagen. Was für ein Mensch er vor ihrer gemeinsamen Zeit gewesen war, konnte Claire heute kaum noch sicher sagen – nach allem, was er seit Coral Valley über ihn gelernt hatte, hatte er oft nicht mal das Gefühl den älteren Nathan Abaelardus überhaupt richtig zu kennen, obwohl er so viel Zeit mit ihm verbracht hatte wie sonst niemand aus dem Clan oder seiner überschaubaren wie abstrusen Familie. 

Ernüchtert über die Vorstellung welche Parallelen vielleicht zwischen ihnen beiden und den jüngeren Versionen ihrer beider Lehrmeister lagen, langte der Hüne schließlich nach Cassies Arm und entwand ihm die Zigarette, um die letzten Züge davon selbst zu beanspruchen, wenn sein eigener Gatte ihm schon keine ganze anbot. 

In den vergangenen Wochen hatte er sich präsent gezeigt im Clan, hatte ungeliebte Aufgaben wie Botengänge und Nachtwachen übernommen. Hatte sich greifbar gemacht, um etwaigen Gerüchten und Vorurteilen entgegenzukommen nach all den Monaten, in denen er einfach verschwunden gewesen und schließlich mit einem Ehemann an seiner Seite wieder zurückgekommen war anstelle des großen Nagi Tankas. Machte ihn das für die anderen vertrauenswürdiger nach seiner Zeit der Abwesenheit? Vermutlich nicht. Aber es machte ihn auch nicht noch mehr zum Außenseiter bei jenen, die damals nicht in den Komplott gegen den Anführer ihres Clans mit eingebunden gewesen waren. 

“’Die Dinge, die sich am natürlichsten fügen, glauben die Menschen lieber als jene, über die sie stolpern. Dir ist es egal was Odette vor hat? Gut. Ich find’s alleine raus. Gib mir zwei bis drei Tage. Wenn ich bis dahin nicht mehr weiß oder es keine brauchbaren Informationen sind, die uns in die Karten spielen, schmieden wir einen Plan, um sie und ihre Schoßhunde auflaufen zu lassen. Im Zweifel-”, Clarence zuckte gleichgültig mit den Schultern, während er an Matthews Zigarettenstummel zog, “-im Zweifel bekommt ab sofort jeder von denen für jeden blöden Spruch eine kassiert. So lange, bis die Stimmung von allein aufkocht und es eskaliert. Vermutlich ist das sogar das, was sich Mo’Ann von Anfang an erhofft hat. Die erlebt in ihrem tristen Leben sonst ja keine Abenteuer mehr.” 

Ein paar junge Männer, die sich gegenseitig die Seele aus dem Leib prügelten, waren vielleicht ganz nach ihrem Geschmack. Vielleicht sogar ein bisschen nach seinem eigenen, wenn er länger darüber nachdachte. 

Einen letzten Zug nehmend, schnippte er den Glimmstängel vor sich auf den Feldweg, bevor er im Vorübergehen die Glut mit dem Stiefel austrat. Der Weg zu Fuß zurück in die Stadt war so weit, dass Clarence sich fragte, wieso Cassie sich das ernsthaft antat, anstatt einfach mit seinem Pferd vorzureiten. Dennoch würde er den Teufel tun und seinen Mann auf den Gedanken bringen ihn ernsthaft allein zurückzulassen, ganz gleich wie viel der kleine Taugenichts am Ende zu spät zu seiner Arbeit in der Bibliothek kam. 

“Hast du Gelegenheit gehabt die Post von Mo’Ann durchzusehen? Du wolltest schauen, ob du herausfinden kannst, woher sie die Briefe mit den Fotos bekommt”, erinnerte er den Dunkelhaarigen an die andere große Unbekannte, die noch immer über ihnen und zwischen allem schwebte. Sie waren kaum weitergekommen, egal in welche Richtung man auch blickte. Der einzige Fortschritt war der Kauf ihres Hauses, wenn man wenigstens das als Errungenschaft verbuchen konnte. 


Matthew C. Sky

Für Matthew, der in mancherlei Situationen entschieden hitzköpfiger war als es ihm gut tat, hatte es sich durchaus so angehört als wolle sein Mann nichts unternehmen. 

Dieses Nichts war in Wirklichkeit jedoch durchaus ein Etwas, wenngleich es dem Dunkelhaarigen aber nicht energisch genug schien. 

Nach seinem Dafürhalten sollten sie anfangen, ihr Revier richtig abzustecken. Clarence musste Flagge zeigen, richtige Präsenz, Führungsqualitäten und Biss - statt hier und da ein paar ungeliebte Aufgaben zu erledigen.

Aber die unterschiedlichen Sichtweisen waren nichts Neues zwischen ihnen. Dort wo Matthew laut war, war Clarence leise. Dort wo Cassiel all-in ging, wartete der Blonde erstmal ab. Er bewertete still, wog ab, entschied häufig aus der Summe diverser Gedankengänge, statt aus dem Bauch heraus. Freilich war dies nicht immer so. Packte man Clarence an seinem Stolz und forderte diesen heraus, dann konnte der Blonde ebenso unüberlegt handeln… Aber zumeist wartete er ab. 

Und warten, dass hatte schon Matthews alter Freund Tom Petty gesungen, war ja bekanntlich der schwerste Teil. 

Die plötzliche Frage des Blonden in Bezug auf etwaige Parallelen zu ihren einstigen Mentoren ließ Cassie angespannt die Zähne aufeinander beißen. 

Er hatte schon manchmal darüber nachgedacht, wie viel von dem was er war eigentlich Rouge war. Wie viel von seiner Sicht auf die Welt, war seine eigene und was lediglich das Produkt von Rouges‘ harten Schule?

Eine richtige Antwort würde es auf diese Frage nie geben und doch erwiderte Cassie - recht spontan, wie so oft:

„Schon möglich, dass sie die hatten. Nach allem was ich über beide weiß, waren sie sich mehrheitlich über die Richtung ihres Tuns einig. Nur nicht über die Methoden… ähnlich wie bei uns.“ - diese Feststellung laut auszusprechen verursachte bei Matthew ein widerlich beklemmendes Gefühl in der Brust. 

Widerstandslos ließ er sich die Zigarette abnehmen und dachte noch länger über Rouge und den gütigen Mann nach. Beide Männer hatten ihm so wehgetan, dass es ihm - wenn er bewusst darüber nachdachte - körperlich schlecht wurde und er einen Hass verspürte, der ihm selbst Angst machte. Aber sie hatten nicht nur ihm wehgetan, sondern auch Clarence und den Menschen, die Clarence geliebt hatte. 

„Rouge hatte… zu niemandem einen solchen Draht wie zu Nagi. Er hatte eine Menge Bekannte, aber über keinen einzigen hat er mit so viel Wohlwollen geredet. Hat ihn einmal als den größten Visionär unserer Epoche bezeichnet. Als einen Mann mit Weitsicht und Ideen.“ - wenn Matthew so darüber nachdachte, dann konnte er gar nicht begreifen, wie ihnen die Zusammenhänge nicht schon eher aufgefallen waren. 

„Nathan hat dich auch nicht mit einberechnet. Er hat alles durchdacht, geplant und eingefädelt und wer weiß wie lange auf den Tag X hingearbeitet und dann? Dann tanzt Clarence Sky aus der Reihe und funktioniert nicht so, wie erwartet. Alle Pläne für die Katz wegen deiner Entscheidung, die er nicht hat kommen sehen.“ - Matthew musterte Clarence von der Seite. 

„Ich hab nicht gemeint, dass es mir egal ist, was Odette plant. Was ich meine ist, dass es nichts bringt über ihre Pläne zu mutmaßen. Entweder wir unternehmen etwas um herauszufinden was sie vorhat oder wir sorgen vor, in dem wir den ersten Schritt tun. Wenn wir nur abwarten werden wir davon nicht schlauer.“ - kaum ausgesprochen, legte sich ein vages Schmunzeln über seinen Mund und in seine Stimme. „Da würde mir Rouge übrigens deutlich widersprechen. Er hat oft darüber geredet wie wichtig es ist, manche Dinge einfach auszusitzen.“ beiläufig zuckte Cassie mit den Schultern. 

„An dem Tag…als Rouge mich einem Teil der Bruderschaft vorgestellt hat und wollte, dass ich ihnen beitrete hat er mir gesagt, dass er mich im Anschluss an die Zeremonie mit jemandem bekanntmachen wird. Ich glaube damit meinte er dich. Wir waren ja praktisch im selben Wald unterwegs und Nagi kann er nicht gemeint haben, den hätte ich wiedererkannt von damals…“

Es war verrückt wie sich alles hätte fügen sollen und wie es sich für diese Monster auch fast alles gefügt hätte. 

Fast wäre ihr Plan aufgegangen. Sie waren so nahe dran… und dann… entscheiden wir beide, unabhängig voneinander, dass wir nicht länger mitmachen können oder wollen. Wir sagen nein und aus ihrer Sicht geht damit alles den Bach runter.“ 

Doch nein sagen war dieses Mal keine Option, nicht wenn Mo‘Ann wirklich die Kinder seines Mannes versteckt hielt. 

Nachdenklich verfiel der Jüngere in Schweigen und beinahe schien es, als würde Clarence auf seine Frage keine Antwort erhalten, doch schließlich ergriff Cassiel doch wieder das Wort. 

„Ich habe ihre Post durchsucht, ja. Allerdings bestehen die meisten Briefe aus nichts anderem als euren Piktogrammen und soweit ich überblicken konnte, geht es dabei mehrheitlich um Lappalien. Allerdings… sind mir leere Umschläge aufgefallen. Sie haben weder einen Adressaten noch Absender und auch kein Sigel. Sie sind einfach vollkommen unbeschriftet. Ich kann nicht hundertprozentig sagen, dass sie darüber die Fotos bekommt - aber mein Bauchgefühl sagt, dass es so ist.“ 

Clarence war ein kluger Mann und sicher stellte er sich die selbe Frage wie auch Matthew sie sich - und eben auch Clarence stellte: „Wie finden unbeschriebene Briefe den richtigen Empfänger? Wie viele Möglichkeiten gibt es da, hm? Nicht viele, wenn du mich fragst. Und am wahrscheinlichsten  ist wohl: Jemand übergibt ihr die Umschläge persönlich.“


Clarence B. Sky

Seitdem die erkannt hatten, dass die Geschichten ihrer beider Leben zwei völlig unterschiedliche und doch ein und dieselben gewesen waren, hing oftmals ein dunkler Schleier über seinen Gedanken. Wie schwere graue Wolken, die drückendes Wetter über das Land brachten und es einem schwer machten tief durchzuatmen.

Die Enden ihrer Reisen mit den beiden großen Lehrmeistern Le Rouge und Nagi Tanka hatten sich zu einem Kreis geschlossen just in jenem Augenblick, als Matthew und er zueinander gefunden hatten. Es hatte immer auf jenen Moment hinaus laufen sollen, von Anfang an. Die Umstände waren letztlich anders gewesen als von ihren Meistern erhofft - aber das änderte nichts daran, dass das Ergebnis das Erwartete gewesen war.

Wenn der Jüngere ihm dann und wann von Rouge erzählte und davon, wie dieser Mann über Nathan geredet hatte, wurde es ihm anders in der Magengrube. Das war auch dieses Mal nicht anders.

„Immer wenn du mir solche Dinge erzählst, fühle ich mich, als würde ich auf der anderen Seite eines Spiegels stehen und verdreht in meine eigene Welt hinein sehen. Wie ein Déjà-vu, nur, dass ich ganz genau weiß woher mir all das so bekannt vorkommt“, murmelte er verdrießlich, wobei er sich fahrig mit den Fingern den Bart glatt strich. Schließlich, nach kurzem Schweigen, fügte er kurz aber entschlossen an: „Ich mag dieses Gefühl nicht.“

Ähnlich wie bei uns, benannte Matthew die fragliche Dynamik zwischen Nagi und Rouge und abermals kam dabei in Clarence die Frage auf, wie viel von ihnen beiden sie tatsächlich selbst waren.

Wer wären sie heute gewesen ohne diese Männer in ihrem Leben? Wären sie eine bessere Version ihrer selbst - oder war es wie Nagi immer behauptet hatte, dass er sein volles Potential erst voll auszuschöpfen begonnen hatte in jenem Moment, als seine Füße nicht mehr seine Heimat berührt hatten?

Du musst das große Ganze sehen, damit dein Geist erwachen kann. Ein geschlossenes Auge erblindet und verkümmert mit der Zeit.‘ - Das war eine der ersten und wichtigsten Lektionen gewesen, die der große Geist Nagi Tanka ihm eingebläut hatte. Ob er dieser Lektion gerecht geworden war, wusste er bis heute nicht. In den Genuss der großen Visionen jedenfalls, die Rouge seinem Freund und Vertrauten nachgesagt hatte, hatte Clarence zum Teil Einblick erhalten. Aber mit Sehen hatte Nathan nie Erblicken gemeint, sondern vor allem auch Begreifen.

Aber es gab Dinge, die wollte er nicht verstehen. Letztlich war es besser gewesen die Augen eben jenes vermeintlich größten Visionärs ihrer Epoche für immer zu schließen, anstatt die eigenen Augen selbst zu öffnen und in Abgründe zu blicken die noch grausamer waren als das, was man bereits zu sehen bekommen hatte.

Plötzlich fröstelnd, wenngleich kein einziger Windhauch über ihren Feldweg hinweg wehte, verschränkte er die Arme vor der Brust. Ein kläglicher Versuch sich und die eigenen Gedanken warm zu halten angesichts der Vergangenheit, die ihre kalten Finger nach ihnen beiden auszustecken versuchte.

„Da können wir froh sein, dass es zu diesem Treffen niemals kam“, nahm er die Vermutung seines Mannes auf, dass ihr Kennenlernen im Madmen Forest vermutlich anders geplant gewesen war als letztlich erfolgt „Sicher hätte ich Nathan gefragt, was ich mit so einem Schnösel wie dir an meiner Seite soll, der weder ein Feuer machen noch anständig ein Zelt aufschlagen kann. Dein Aftershave hätte ich bestimmt schon drei Meilen gegen den Wind gerochen und mich darüber beklagt, dass mit einem Taugenichts wie dir nichts anzufangen ist.“

Und Cassie? Der hätte Rouge gefragt, wieso er ihm so einen Klotz ans Bein binden will. Einen Wilden, der nichtmal ansatzweise den hohen Ansprüchen des Dunkelhaarigen gerecht wurde.

Aber nicht mehr und nicht weniger war ihr Eindruck genau der selbe voneinander gewesen, auch wenn ihr Treffen völlig anders verlaufen war als geplant. Blieb also die Frage, ob es an dem Ausgang ihrer Bindung zueinander irgendetwas geändert hätte.

„Ich stelle mir vor wie Nathan und Rouge uns bekannt machen - und wir so oder so mit zunehmender Zeit miteinander anbandeln. Glaube nicht, dass sie das hätten kommen sehen. Ich könnte mir nicht mal annähernd Nagis Blick vorstellen wenn er erfährt, dass wir zwei es miteinander treiben. Am Ende hätten die uns wieder voneinander getrennt wie man es mit zwei hormongesteuerten Teenagern macht, von denen man Angst hat, dass sie ihre Verpflichtungen nicht mehr auf die Kette bekommen.“

Nicht zu funktionieren wäre zweifelsohne die größte Beleidigung für ihre beiden Lehrer gewesen. Aber egal ob früher oder später, getan hatten sie es am Ende beide nicht mehr.

Im Versuch sich wieder etwas aufzuwärmen, sammelte Claire einen Ast vom Straßenrand auf und warf ihn mit einem kurzen Kommando hinaus in die angrenzende Wiese. Abel und Kain benötigten keinen weiteren Wink mehr um zu verstehen und kaum, dass das Holz seine Finger verlassen hatte, preschten die beiden los um das gute Stück zu suchen und zu ihnen zurück zu bringen - nicht ohne dabei eine kurze Rangelei auszulassen.

„Nicht beschriftete Umschläge also?“, sich und seine Gedanken sortierend, leckte der Blonde sich über die Lippen und ging in Gedanken die Optionen ab, die ihm offensichtlich erschienen. Er war wieder lange genug zurück und Teil des Clans um sich von den meisten aktuellen Abläufen ein Bild zu machen und nicht zuletzt ihr fragwürdiges Verhältnis zu Mo‘Ann war es, was die Gewohnheiten der alten Schabracke besonders interessant gemacht hatte.

„Damals wie heute ist sie ein Mal die Woche beim Vorstand der Stadt zum Abendessen. Hohe Tiere mit hohen Freunden, die auch ab und an dabei sind. Das übliche Klientel, das der werten Dame gerecht wird. Nathan war manchmal mit ihr dort wenn wir hier waren, aber nicht oft. Das sind eher ihre Leute.“

Hatten die beiden überhaupt gemeinsame Freunde hier in Falconry gehabt? Wenn ja, dann war es Clarence nie aufgefallen, wenngleich es durchaus Menschen außerhalb gab, welche Nagi Tanka auch mit seiner Frau gemeinsam besucht hatte.

„Es wäre sicher nicht schwierig ihr bei solchen Treffen etwas zukommen zu lassen. Aber das erscheint mir zu offensichtlich zu sein. Das Risiko wäre zu groß, dass wir der feinen Gesellschaft bei der Anreise auflauern könnten. So dumm ist sie nicht.“

Aber es gab auch niemanden von außerhalb, der im Clan einfach so ein und aus ging.

„Interessanterweise ist zeitgleich zu den Fotografien ein junger, talentierter und attraktiver Mann in ihr Leben getreten und arbeitet regelmäßig mit ihr zusammen. Vielleicht schleust er ihr ja bei der gemeinsamen Arbeit in der Bibliothek gewisse Umschläge ein“, ein musternder Blick von der Seite entlarvte ihm Matthew als potentieller Bote, immerhin hätte er genug Gelegenheit dazu und wie von Zauberhand war erst mit dem Eintreffen seines Mannes in Falconry Gardens auch die Erpressung durch Mo‘Ann zur Sprache gekommen.

Eventuell vielleicht also. Es könnte aber auch sein, dass ihr einer der Händler auf dem Markt was zusteckt, wenn sie beim Einkauf ihre privaten Vorräte auffüllt.

Du hast… von Umschläg-en gesprochen. Mehrere? Wie viele?“, hakte er schließlich nach, dieses Mal wieder ernster werdend. Bislang hatte Mo‘Ann ihnen nur zwei Mal handfeste Beweise zukommen lassen - ein Mal beim gemeinsamen Abendessen, ein weiteres Mal einige Zeit später, um sie bei Laune zu halten.

„Es muss irgendwo mehr von diesen Briefen geben, wenn sie sie nicht vernichtet hat“, gab er schließlich zu bedenken, immerhin war jenes Schriftstück, das ihnen beim Abendessen präsentiert worden war, viel zu vertraut und privat gewesen, um nicht in regelmäßigem Briefverkehr zu enden. „Mo‘Ann hängt zu sehr an ihrer Korrespondenz, um irgendwas den Flammen zum Opfer fallen zu lassen.“


Matthew C. Sky

Ob Nagi Tanka oder Rouge es nun gutgeheißen hätten oder nicht, spielte keine Rolle mehr. Die Männer hatten ihren Einfluss auf sie beide lange schon verloren und Matthew wollte sich lieber nicht im Detail vorstellen, was das schlussendliche Ziel beider gewesen war. 

Sie hatten ein Vermächtnis darstellen sollen. Clarence das von Nagi und er selbst das von Rouge. Nicht auszudenken, wenn ihnen das gelungen wäre…

Dass sie beide heute hier waren, zusammen und in dem Wissen vereint, dass sich ihre Wege schon so viel eher indirekt gekreuzt hatten, war der größte Zufall des Jahrhunderts. Ebenso wahrscheinlich wäre es gewesen, hätte Clarence ihn nicht an dem vermaledeiten Baum gefunden. Oder, falls er ihn fand, ihn nicht hätte retten können. 

Und nachdem ihm dieses Kunststück geglückt war, hätten sie sich auch einfach nicht leiden können. Alle Zeichen hatten gegen sie gestanden und trotzdem waren sie einander mittlerweile so nah wie zwei Menschen es nur sein konnten. Und bei aller Planung, Abwägung und Strippenzieherei: dass ihre Verbindung einmal so aussehen würde wie sie es jetzt tat, hatten nicht einmal die zwei ach so großen Männer erahnen können. 

„Hätte ich Nagi Tanka auch nur einmal zu Gesicht bekommen, hätte ich ihm die Augen ausgerissen. Ich weiß nicht ob jemals zur Debatte stand, dass ich ihn nochmal sehe. Wahrscheinlich nicht… denn ich hätte nie mit jemandem gearbeitet, der von ihm ausgebildet wurde.“

An dieser Stelle hinkte der Plan der beiden. Hätte immer alles nur über Clarence laufen sollen? Oder war Rouge davon ausgegangen, dass Matthew mit den Geschehnissen von damals fein war oder sie zumindest hinter sich gelassen hatte? Falls ja, so wäre das eine eklatante Fehleinschätzung gewesen. 

Wäre er auf Nagi Tanka aufmerksam geworden, hätte das jede Beziehung - auch die zu Clarence - kippen lassen und zerstört. Ein Risiko dessen sich Rouge und Nathan entweder nicht bewusst gewesen waren oder das sie für kalkulierbar gehalten hatten. 

Verdrossen fuhr sich Cassie durch sein Haar. Er war angespannt was dieses Thema betraf und wenn er hinüber zu Clarence sah, dann war es eindeutig, dass auch der Hüne von diesem Thema beschäftigt wurde. 

Was man ihnen beiden zugemutet hatte würde nie ganz aufhören, Narben blieben. Unsicherheiten, Ängste… sie verschwanden nicht so einfach auf Nimmerwiedersehen. 

„Ich glaube nicht, dass sie uns getrennt hätten. Ich glaube wenn sie es so hätten durchziehen können wie geplant, wären wir beide zwei völlig andere Personen gewesen. Und diese zwei Personen hätten sich nicht ineinander verliebt, weil wir innerlich tot gewesen wären. Ihr Vorhaben mit uns ist schon viel früher gescheitert.“

Die Hände hinter dem Kopf verschränkend atmete Cassiel kurz tief durch, ehe er die Arme wieder sinken ließ und weiter neben Clarence herlief. 

Obwohl er eine kleine Weile nun nichts mehr sagte und sich auch am Stöckchen-Spiel der Hunde nicht beteiligte hörte er dem Blonden aufmerksam zu.

Dass die Bilder erst aufgetaucht waren seitdem er hier war, war ihm auch schon aufgefallen - und er schmunzelte kurz ohne echte Freude, als Clarence ihn darauf aufmerksam machte. 

„So ein Mist, jetzt bist du uns auf die Schliche gekommen.“ konterte er und stieß Clarence sacht mit dem Ellenbogen gegen die Seite. 

„Hmmm und wenn es ihr jemand gibt, der gar keine Ahnung hat was er da zustellt? Ich meine die Umschläge sind versiegelt haben aber kein Wappen. Nur Wachs, weiter nichts. Mal angenommen unser Mann gibt den Umschlag in der Postmeisterei ab, dort wird der ankommende Schriftverkehr für den Clan gesammelt. Sie pflegt einen regen schriftlichen Austausch soweit ich das mitbekommen habe, sodass es dem Boten nicht auffallen würde, wenn da ein nicht beschrifteter Umschlag in seinem Beutel ist.“ 

Cassie dachte noch einen Moment länger darüber nach, dann fuhr er fort.

„Der Vorteil dabei wäre, dass es keinen direkten Kontakt zwischen ihr und demjenigen gibt, der die Umschläge in Umlauf bringt. Sie erhält sie einfach mit der üblichen Korrespondenz… Klingt das nach etwas, dass du dir bei ihr vorstellen kannst?“

Obwohl er einige Stunden am Tag mit dieser Frau verbrachte würde Matthew niemals soweit gehen und behaupten er würde sie kennen. Tatsächlich war Mo‘Ann schwer zu lesen und kaum einzuschätzen. 

Leute wie sie waren entweder extrem vorsichtig - immer sorgsam darauf bedacht nur nicht selbst in die Bredouille zu kommen - oder sie waren leichtsinnig. 

Cassie glaubte nicht, dass sie sich irgendwo in geselliger Runde den Umschlag zustecken ließ. Zu groß die Gefahr, dass sie gesehen wurde oder man den Umschlag durch Zufall in ihrer Tasche fand. Das würde sie in Erklärungsnot bringen und das wiederum würde ihr gar nicht gefallen.

„Einer von uns könnte sich bei der Postmeisterei umhören ob es in letzter Zeit Auffälligkeiten gab. Irgendwelche Umschläge die persönlich abgegeben wurden oder sowas in der Richtung.“ Möglich, dass das zu einer Person führte die sie bisher nicht auf dem Zettel hatten. 

Oder es führte nirgendwohin. 

„Ich habe sechs dieser leeren aber versiegelten Umschläge gefunden. Das würde bedeuten sie bekommt mehrere pro Woche, vorausgesetzt diese Umschläge haben überhaupt etwas mit den Mädchen zutun.“


Clarence B. Sky

Was sich ihre einstigen Lehrmeister darunter vorgestellt hatten wie ihre Zusammenarbeit hätte aussehen sollen, das würden sie vermutlich nie mehr erfahren. Keiner konnte ihnen sagen ob Matthew Nathan Abaelardus‘ Mitwirken einfach hätte hinnehmen sollen oder ob es grundsätzlich vor ihm geheim gehalten worden wäre - mit dem großen Nagi Tanka als Schatten im Hintergrund, während Clarence lediglich als sein Strohmann agierte.

Aus unterschiedlichen Gründen beschäftigte dieses Thema sie beide und tatsächlich waren es unterschiedliche Stricke des gemeinsamen Knotens, an dem ihre Geschichte ineinander floss, denen sie nicht bereit waren weiter in die Tiefe zu folgen. Es war offensichtlich, dass Matthew nicht dazu bereit war mehr über diesen Menschen und ein Was wäre wenn nachzudenken, wenn es den Kerl behandelte, den Cassie damals als den Gütigen Mann kennengelernt hatte.

Das waren Dinge, von denen es Clarence noch immer schwer fiel sich ein Bild davon zu formen. Einerseits, weil er damals geglaubt hatte seinen Meister zu kennen wie kein anderer es tat, aber Nagi in Wahrheit so viele Leben geführt zu haben schien, dass der Blonde sich fragte, wie es ihm nur möglich gewesen war all diese Dinge in so wenig Jahre zu pressen. Auf der anderen Seite konnte und wollte Claires Verstand nur begrenzt seinen eigenen Ehemann in jenen Erzählungen widerspiegeln, die Matthew ihm dann und wann bereits anvertraut hatte - und alleine die Gewissheit darüber, dass es nur der Bruchteil von alldem war was Cassie jemals erlebt hatte, ließ den Hünen trotz der milden Brise abermals unangenehm frösteln.

Der sachte Stoß des fremden Ellenbogens in seine Seite half ihm, untermalt von einem monotonen Brummen, mit den Gedanken im Hier und Jetzt zu bleiben anstatt der Vorstellung von Dingen nachzuhängen, über die er lieber nicht intensiver nachdenken wollte.

Abel und Kain hatten damit begonnen an den verschiedenen Enden des Stocks spielerisch um selbigen zu kämpfen, stets bemüht der erste zu sein, der das gute Stück zur menschlichen Wurfmaschine zurück brachte. Er zweifelte nicht daran, dass Cassie nicht der Bote jener Umschläge war und vielleicht machte ihn das zu einem naiven Idioten. Aber bevor er jemals seinen angetrauten Torfkopf unter Verdacht stellen würde ihm illoyal geworden zu sein, würde er sich lieber irgendwo an einem Baum aufknüpfen, sollte Matthew ihm jemals tatsächlich in den Rücken fallen.

Schweigend folgte er den Überlegungen seines Mannes und stellte sich die dubiosen Umschläge in der Postmeisterei vor, dem wilden Treiben und der fremden Hände ausgesetzt, durch die die Post an Mo‘Ann floss. Er verstand was Cassie meinte, dennoch sah er einen großen Haken an der Sache: „Ein Umschlag mit solch sensiblem Inhalt, unbeschriftet in einer großen Postmeisterei, in der die Mitarbeiter lesen können? Die Gefahr erscheint mir groß, dass so ein Umschlag aus dem Gebinde rutscht und in der Post aufgrund der fehlenden Beschriftung einfach geöffnet wird. Was nicht bedeutet, dass ich die Idee ausschließen will.“

Unmerklich schüttelte er den Kopf, denn letztlich mussten sie für alle Optionen offen bleiben. Sie konnten Mo‘Ann beide nur bis vor die Stirn sehen und niemand konnte ahnen, was dieses Weib als nächstes plante - den Versuch hatte Claire schon vor vielen Jahren aufgegeben.

„Wenn wir der Sache nachgehen, sollten wir es nicht zu offensichtlich machen. Am Ende wird Mo‘Ann noch darauf angesprochen. Wir könnten… Cameron nötigen. Oder Alec. Im Zweifel hat einer von den beiden einen anonymen Liebesbrief bekommen, irgendeine dumme aber glaubwürdige Ausrede würde sich sicher finden lassen, wenn Mo’Ann was zu Ohren kommt. Ich habe auch überlegt, ob die Briefe vielleicht in den Vorräten geschmuggelt werden, die wir regelmäßig von außerhalb bekommen. Dann würden sie auf direktem Weg im Haus landen und keinen Umweg quer durch viele Hände in der Stadt machen. Aber so viele?“

Nachdenklich verzog er das Gesicht, denn so viele mögliche Antworten auf seine noch offenen Fragen ergaben einfach keinen Sinn.

„Warum hebt sie die überhaupt auf? Ein Batzen nicht beschriftete Umschläge mit nichts als einem Siegel… jeder normale Mensch würde die ins Feuer werfen anstatt sie aufzuheben. Klingt fast schon, als hätte sie sie absichtlich deponiert, damit wir uns den Kopf darüber zerbrechen.“

Auch das traute er ihr zu. Auf diese Weise hielt sie beide Männer beschäftig und sich selbst vom Leib wenn sie damit begannen, irgendwo in der Stadt nach Antworten zu forschen anstatt ihr weiter auf der Pelle zu hängen.

Ähnlich wie die Glatzköpfige sie vielleicht von sich fort halten wollte, beförderte Clarence auch den Ast für die Hunde ein weiteres Mal in die Wiese, kaum, dass Kain ihn fast damit umgerannt hätte. Die Freude, die ihre Hunde trotz der dunklen Gedanken ihrer Herrchen hegten, färbte jedoch kaum auf die schweren Inhalte ihres Gespräches ab.

Für einen langen Moment schwieg Clarence, zum Teil noch immer an die Worte des Jüngeren denkend, als es um Rouge und Nagi gegangen war: ‚Ich glaube wenn sie es so hätten durchziehen können wie geplant, wären wir beide zwei völlig andere Personen gewesen. Und diese zwei Personen hätten sich nicht ineinander verliebt, weil wir innerlich tot gewesen wären‘.

Vielleicht. Vielleicht hätten sie das nicht. Vielleicht hatten sie ihre Reise mit ihren Lehrern aus ähnlichen Gründen beendet, waren jedoch an unterschiedlichen Stellen dieser Reise gewesen.

„Cassie?“, überlegend blickte er zu selbigem hinüber, ihn für einen Augenblick musternd.

Es gab so viele Vielleichts über die man sich den Kopf zerbrechen konnte. So viele Entscheidungen, die sie auf ihren Wegen nicht getroffen hatten und dadurch zu den Menschen geworden waren, die heute hier in Falconry Gardens auf ihrem gemeinsamen Grund und Boden standen. Aber genauso viele Entscheidungen hatten sich früher auch zu ihren Lehrern entgegen gerichtet anstatt von ihnen fort. Auch jene waren wichtig gewesen, damit ihre Reise sie hatte zusammenführen können.

„Wegen dem, was du über Rouges und Nagis Pläne gesagt hast… ich glaube nicht, dass ich damals weit entfernt war davon, was Nathan aus mir machen wollte. Vermutlich war ich es sogar auch schon. Aber ich will, dass du weißt… dass du das Beste bist, was mir da passieren konnte. Auch, wenn ich es dir oft nicht gezeigt und es dir nicht leicht gemacht hab.“

Nähe suchend griff er nach Cassies Hand, ihre Finger zielstrebig miteinander verschränkend. Es hatte Zeiten gegeben, in denen das undenkbar gewesen wäre - sowohl vor dem Devils Teeth wie auch noch danach. Aber das hatte Matthew nie davon abgehalten das Gute in ihm zu sehen anstatt das Schlechte, das Nagi hatte in seine Seele pflanzen wollen.


Matthew C. Sky

Das seichte Frösteln des Blonden entging Matthew zwar, nicht aber die Anspannung die von Clarence Besitz ergriffen hatte. Sein Schweigen war nachdenklich und bedrückt und der Dunkelhaarige konnte sich in etwa vorstellen, was Clarence durch den Kopf ging. 

Es war für sie beide schwer zu begreifen, dass die Männer die ihnen Unaussprechliches angetan hatten, die Männer waren bei denen sie beide in die Lehre gegangen waren. 

Alles, schier jeder Entwicklungsschritt schien geplant und im Vorfeld durchdacht worden zu sein, als seien ihre beiden Leben nichts anderes als Fäden, die sie ineinander woben. 

Nagi Tanka war der gütige Mann, eben jenes Scheusal das ihn unzählige Male vergewaltigt und an andere verkauft hatte. Er war der Mann, der Matthew erst den Glauben an Gott und später den Glauben an das Gute im Menschen ausgetrieben hatte. Er war der Mann, dessen Zahnpastalächeln Matthew bis heute in manchen Nächten verfolgte und der mit vernünftiger, ruhiger Stimme betonte: „Du bist ein gutes Schäfchen, Mattie. Mein liebstes Schäfchen sogar. Aber wenn du heulst und schreist, gefällt das meinen Kunden nicht. Und das ist schlecht. Ich habe keine Verwendung für ein Schäfchen, das nichts einbringt.“

Jener Mann, so kultiviert, so gebildet, so vernünftig… mit seiner goldgeränderten Brille und den feinen Fältchen um die Augen… er war für Matthew der Inbegriff des Bösen.

Er war dahergekommen als feiner Mann von Welt - aber hinter der Fassade war nur Schwärze gewesen. 

Und er war der Lehrmeister seines Mannes. 

Diese Erkenntnis verdaute man nicht so einfach, das galt zweifellos für sie beide. Denn eigentlich machte der Zusammenhang es unmöglich, Clarence anzusehen und nicht auch den gütigen Mann in ihm zu erkennen.

Aber als eben jener Schüler des großen Nagi Tankas seinen Spitznamen nannte und sich damit Matthews Aufmerksamkeit sicherte, da sah der Jüngere nicht den Lehrling dieses Mannes vor sich, kein Abziehbild des erlebten Schreckens, kein Erbe eines vergifteten Verstandes mit dunklen Allmachtsfantasien. 

Er sah Clarence Bartholomy Sky, seinen Ehemann. Den Mann, der mehr als einmal seine Wunden geflickt und sein Proviant mit ihm geteilt hatte. Den Mann, der besser darin war, Taten sprechen zu lassen als Worte zu finden. 

Er war ein Mann der, wenn er lachte, aussah und klang wie ein zu groß geratener Junge, der albern sein konnte und der ihn gleichsam vor allen Widrigkeiten zu beschützen versuchte. Er sah den Mann, der ihn mit einer Hingabe liebte wie sie ohnegleichen war. 

Da war nichts von dem gütigen Mann an ihm. 

Cassie lächelte vage, drückte die Hand die mit seiner verwoben war und musterte Clarence einen kurzen Augenblick lang. 

„Ich weiß was du meinst, aber ich muss dir widersprechen… zumindest was den ersten Teil angeht.

Du hast nichts von ihm übernommen, nichts Wesentliches. Er hat dir vielleicht beigebracht was es bedeutet ein Schamane zu sein, aber das was dich ausmacht… wer du bist das hat er nicht verseucht. Glaub mir. Ich hätt’s gespürt wär’s anders.“

Den gütigen Mann und seine Handschrift würde Matt immer und überall erkennen. 

Nagi Tanka war nur sein neues Kostüm aber er war noch immer derselbe wie früher. Derselbe widerliche, manipulative Scheißkerl, der sich auf Kosten von Schwächeren bereichert. Er hat dich in eine emotionale Notlage gebracht und es ausgenutzt, dasselbe mit Addy, mit Cam… wahrscheinlich mit jedem zweiten des Clans. 

Wie damals auch schon, hat er so getan als wäre er in irgendeiner Form erhaben oder erleuchtet oder was auch immer. Dabei bestand seine einzige Fähigkeit darin, Schwächere auszunutzen. Du bist nichts von alledem. 

Du darfst so nicht von dir denken, hörst du? 

Du sorgst dich um andere, du kümmerst dich um andere auch wenn es keinen Nutzen für dich hat. Du passt auf Schwächere auf, du teilst deine Vorräte - selbst wenn für dich nicht genug bleibt… Du bist ein guter Mensch und damit bist du… das ganze Gegenteil von ihm.“

Briefe, Verschwörungstheorien, Pläne und all der ganze Wirrwarr waren zwar nicht vergessen, doch im Augenblick nicht mehr das Wichtigste. 

Die Erkenntnisse die sie in den letzten Wochen gewonnen hatten wogen schwer - und auch wenn sie nicht täglich darüber sprachen, so beschäftigte es sie beide dennoch. Und es war wichtig, dass sie all dem Raum gaben und die Gedanken nicht für sich behielten, wie früher oft geschehen. 

„Hätte er dir erzählt, was er ein paar Jahre vorher getan hat… hättest du ihn an Ort und Stelle erschlagen. Das weiß ich. Und das ist alles was ich wissen muss. Und es ist auch alles woran du denken solltest, wenn du dir mal wieder ausmalst, dass du ihm ähnlich geworden bist. Er wollte, dass du wirst wie er. Aber er hat versagt.“


Clarence B. Sky

Sie mochten sich erst dreieinhalb Jahre kennen, doch schon jetzt fühlte es sich an, als wäre Cassie schon immer bei ihm gewesen - vermutlich vor allem auch deshalb, da die neuesten Erkenntnisse Parallelen zwischen ihrer beider Leben geschaffen hatten, welche auf diese Weise einzigartig waren.

Sie beide belasteten Dinge, die kaum jemand nachvollziehen konnte, der nicht selbst schon ein Mal am Tiefpunkt gewesen war. Sie waren von Menschen geformt worden, deren Vorstellung der Realität niemals gerecht wurde, wenn man sich aus bloßer Erzählung heraus versuchte ein Bild von ihnen zu formen. Aber Matthew kannte Nathan Abaelardus und Clarence - wenngleich ihr Aufeinandertreffen so kurz wie auch einprägsam gewesen war - hatte ein genaues Bild von Le Rouge im Kopf, wann immer sein Mann von ihm erzählte.

All die grausamen Lasten, die ihnen widerfahren waren, trugen sie nicht mehr alleine. Seit ihrem Gespräch Anfang des Jahres, in dem sie zum ersten Mal begriffen hatten wie oft sich ihre Wege bereits gekreuzt hatten ohne einander dabei zu treffen, fühlten sich die Dinge anders an. Noch vertrauter, noch inniger. Für Clarence jedenfalls.

Seine größte Angst, die letztlich für Cassie beinahe kaum der Rede wert gewesen war, war die Furcht davor gewesen was sein Mann künftig von ihm halten würde, erfuhr er, warum Clarence ihn damals im Wald mitgenommen hatte. Er hätte ihn am Baum gelehnt verrecken lassen können und Gott wusste, damals hätte er das auch genauso getan, hätte der verletzte Söldner nicht diesen vermaledeiten roten Ledermantel bei sich getragen.

An einem der tiefsten Punkte in seinem Leben war es lediglich die Abscheu vor diesem roten Leder gewesen, die ihn dazu verleitet hatte Matthew mitzunehmen. Ihn gesund zu pflegen und am Leben zu erhalten war keiner Nächstenliebe entsprungen, sondern dem Drang daraus zu erfahren, was mit dem Besitzer des Mantels geschehen war. Vielleicht hätte er ihm im Laufe der Zeit weitere Informationen über Le Rouge sogar durch Folter abgepresst, wenn er nicht zeitig von selbst erwähnt hätte, dass er den Kerl getötet hatte - bei seinem damaligen Zustand hätte der Blonde nicht dafür garantieren können, dass es anders gewesen wäre.

Aber mit den Tagen und Wochen waren all die Wut, die Verzweiflung und die Melancholie aus ihm gewichen wie dunkle Regenwolken, die der Wind am Himmel davon trug, bis langsam wieder erste Sonnenstrahlen auf den Grund des Waldes fielen. Matthew Cassiel Reed war wacher geworden und zu Kräften gekommen, hatte ihn dann und wann mit seinem losen Mundwerk angekeift und mit diesem seltsamen Blick betrachtet, so als lauere er nur darauf, ob der wilde Hüne ihn dafür nun endlich abstach oder nicht. Er hatte ihm eine Form von unterhaltsamer Gesellschaft geboten, die auf beiden Seiten wenig freiwillig gewesen war, doch gegen die sie sich genauso wenig gewehrt hatten; und letztlich war er auch der Weg hinaus aus Claires eigenen dunklen Dasein gewesen, aus dem der Jüngere ihn ähnlich gerettet hatte wie der Schamane ihn.

Die unbeschreibliche Angst davor, für die Offenbarung seiner damaligen Beweggründe plötzlich von seinem Mann mit anderen Augen gesehen zu werden, hatte sich in keiner Sekunde bewahrheitet und Matthew hatte ihm auch nach ihrem Gespräch nie einen Vorwurf deswegen gemacht. Für den Jüngeren war der Jäger trotz allem nicht weniger selbstlos, er war zu keinem anderen Menschen geworden und wenn es etwas Wesentliches gab, das sie in diesem Gespräch gelernt und sich versprochen hatten, dann, dass sie einander alles sagen konnten, was sie beschäftigte - ganz gleich ob es die Dinge dadurch besser machte oder nicht.

Und wenn Cassie mittlerweile eines besonders gut konnte, dann war es zwischen wenigen Worten seines Mannes treffend ganze Romane zu lesen, ohne dass der Blonde sie überhaupt aussprechen musste.

Für einen Moment blieb der Jäger deshalb still, bevor er schließlich ein kurzes, beinahe widerstrebendes Brummen von sich gab. Es war manchmal regelrecht furchteinflößend wie gut der Dunkelhaarige gelernt hatte ihn zu lesen und wie spielerisch leicht es Cassie mittlerweile fiel ihn von melancholischen Gedanken abzuhalten, noch bevor sie überhaupt in Fahrt gekommen waren. Sein Mann duldete keinen Trübsal und nicht einmal Raum für Gegenargumente ließ er ihm offen, sodass dem Bären von Mann letztlich kaum etwas anderes übrig blieb als ihre Finger nun doch voneinander zu lösen und seine stattdessen in den dunklen Strähnen des Jüngeren zu versenken.

Fordernd zog er ihn enger an sich, ihm auf die Schläfe einen festen Kuss aufdrückend dem sich Cassie genauso wenig entziehen konnte wie Claire es zuvor bei seinen unmissverständlichen Worten hatte tun konnten.

„Hätte ich gewusst wie gut du mir tust, Reed, und was mal aus uns wird… hätte ich dich definitiv schon früher nach Coral Valley und in die Kirche geschleppt“, murmelte er seinem Mann leise entgegen, noch immer an Cassies Schläfe gelehnt, während er ihm wirr durchs Haar kraulte. Vielleicht hatte er Recht wenn er meinte, dass Nathan Abaelardus nicht verseucht hatte wer er war, selbst wenn es dunkle Zeiten in seinem Leben gegeben hatte.

„Ich weiß, dass diese Zeiten mit Nagi vorbei sind. Aber im Moment?“, kurz presste er die Lippen aufeinander, während er Matthew aus der Nähe musterte. Sie waren beide nicht mehr die Männer von vor dreieinhalb Jahren, nicht mal mehr die von vor zwei. Neue Narben zierte ihre Gesichter, neue Erkenntnisse verdunkelten ihre Erinnerungen.

„Jetzt ist jetzt und ich weiß auch, dass ich mit dir mehr ich selbst bin als ich es die vielen Jahre zuvor war. Und den Menschen von heute mag ich von allen Versionen meiner selbst am liebsten. - Bislang“, fügte er nach kurzer Überlegung hinzu, immerhin gab es mit ihrem künftigen Haus einen bevorstehenden Aufwärtstrend, den man nicht ignorieren durfte. Zwar mochte er in den vergangenen Wochen immer wieder mal seinen Erinnerungen und Zweifeln nachgehangen haben, aber Cassie sollte deshalb nicht denken, dass er deswegen vergaß was er jetzt besaß. 


Matthew C. Sky

Alles andere als feinmotorisch vergrub Clarence seine Hand im Haar von Cassie und drückte ihn zu sich heran, was dem Jüngeren ein empörtes „Aua!“ abnötigte. 

Aber selbst wenn der grobschlächtige Übergriff ein kleines bisschen wehgetan hatte, so löste der Kuss und die ganze Geste an sich ein kribbelndes Glücksgefühl in ihm aus und nach dem Schmerzensschrei - der ein bisschen übertrieben war - folgte ein sonniges Schmunzeln wie es ihm nur Clarence entlocken konnte. 

„Das hat wehgetan, du Grobian. Aber ich weiß ja, du kannst nicht anders. Deine Mama hat eben keinen Konzertpianisten großgezogen. Sondern eher… naja… dich eben.“, er grinste ein für Matthew typisches Grinsen, welches einerseits so sonnig war, dass man ihm schlecht böse sein konnte und zum anderen so keck, dass man ihm vielleicht auch gern eine Abreibung verpasst hätte. 

Die Neckereien waren schon seit Jahren fester Bestandteil ihrer Bindung. Auf diese Art hatten sie schon miteinander geredet als von Liebesschwüren, gemeinsamen Träumen und Plänen noch nichts aufgekommen war. Es war ihre Basis, ihr Fundament. Stichelnd, provokant- aber immer auf wohlmeinende Art. 

„Hmmm…Süßer, ich tue jedem gut.“ wieder grinste er und biss, in einem Anflug von maximaler Albernheit, in Clarence‘ Nase. 

Dass dieser Matthew nicht mehr der Matthew von vor drei oder zwei Jahren war, dass würde jeder sehen der ihn noch von früher kannte. Und so galt das von Clarence gemachte Kompliment wohl auch andersherum. 

Ausgelassen und keck bis in die Haarspitzen war er früher nie gewesen. Noch nicht einmal als Kind, als die Welt noch halbwegs in Ordnung gewesen war. 

„Spaß bei Seite, Mister Grobian - Du bist auch mein Lieblingsmensch. Klar, ein paar Abstriche muss man immer machen… aber denke ich an früher zurück und wie du einmal kurz davor warst, mir mit dem Buschmesser einen zweiten Scheitel zu ziehen, muss ich sagen: dein Jetzt-Ich ist die allerbeste Version deinerselbst.“

Mit einem Lächeln auf den Lippen das zu besagen schien, dass der Träger wusste wie gut es ihm stand, lehnte er sich seinerseits energisch zu Clarence hinüber und gab ihm einen festen Kuss auf den Mund, während er Clarence an seinem Bart festhielt und ihn so der Möglichkeit beraubte, vorschnell auf Abstand zu gehen. 

„Du machst mich wahnsinnig glücklich, Clarence Sky. Wirst du daran denken, wenn du das nächste Mal anfängst dich  mit ihm zu vergleichen?“

Sein Mann sollte nicht mal für eine Sekunde glauben, da gäbe es außer den offensichtlichen Schnittstellen noch mehr von Nagi Tanka an oder in ihm. 

Er war sein Lehrer gewesen, er hatte ihm Dinge erklärt und ihm die Welt gezeigt und vielleicht knüpfte Clarence noch heute so manchen unlösbaren Knoten, den er von Nagi Tanka gezeigt bekommen hatte. Vielleicht gab es auch eine Eselsbrücke des Großen Geists zum Thema Orientierung am Nachthimmel, derer sich Clarence dann und wann bediente - aber das war nur oberflächliches Zeug. 

Solches Wissen war nützlich, aber es definierte keinen Menschen. Es machte aus einem Scheißkerl keinen guten Typen und es verdarb auf der anderen Seite auch keinen guten Menschen. Clarence war durch den Einfluss seines Lehrmeisters zu einem Schamanen geworden, aber nicht zu einem Sadisten. 

„Lass nicht zu, dass du ihn in dir siehst, okay? Ich seh ihn nämlich nicht in dir… Ich sehe gar nichts von ihm, wenn ich dich ansehe.“ eindringlich blickte er zu Clarence auf, ihn noch immer an seinem Bart nach unten ziehend. 

Kain und Abel hatten unterdessen das Interesse an dem Stock verloren und jagten ein paar Krähen. Und das namenlose Pferd war ebenfalls auf Abwegen. 

„Und ich habe dich in den letzten Jahren sehr, sehr, sehr gründlich begutachtet. Aus jedem Winkel, in jeder denkbaren Situation. Sogar als wir erfahren haben, dass ich mir einen kleinen Dämon eingefangen habe, hast du keine Tendenzen gezeigt mich und meinen Feuerfreund auszunutzen oder auszumerzen - was ich dir beides übel genommen hätte.“, die Stirn noch immer an der Stirn des Größeren gelehnt, schmunzelte Cassie wieder. Seine Worte mochten nicht ernst klingen und auch nicht der Tragweite des Geschehens gerecht werden, aber der Grundtenor war dennoch ernst. Matthew war aufgrund ihrer Nähe zueinander längst nicht mehr unvoreingenommen was den Blonden betraf, aber umso fundierter war auch sein Studium des Hünen gewesen. Unzählige Stunden hatte er ihn im Auge behalten, hatte ihn gemustert, wenn der Bär sich unbeobachtet gefühlt hatte. Hatte ihn erlebt, wenn es darum gegangen war Fremden zu helfen, die selten mehr als ein paar Kupferlinge berappen konnten. Er hatte ihn wütend erlebt, traurig, deprimiert, hungernd, betrunken oder zugedröhnt. Und nie war ihm der gütige Mann in einer seiner Regungen oder Handlungsweisen in den Sinn gekommen. 

Schließlich gab der junge Mann den fremden Bart wieder frei und setzte sich erneut in Bewegung, sich nochmals umdrehend um einen letzten Blick auf ihr Haus zu werfen, bevor die Baumallee welche den Weg säumte ihren künftigen Wohnsitz verbarg. 

„Immerhin - und das hast du mir voraus - hast du den Scheißkerl umgebracht. Ich hoffe es war ein langsames Sterben, qualvoll und… weiß nicht… so das es den Toten gerecht wird, die er auf dem Gewissen hat. Jamie, Chris, Brandon und all den anderen…“ angespannt kickte er einen Stein nach vorne, welcher klackernd über den Weg holperte. 

„Rouge jedenfalls hat gelitten. Nicht genug für das was er dir und deiner Familie angetan hat, aber das wird er noch. Ich werd ihn kriegen… verdammt, eigentlich hatte ich ihn schon. Er wird büßen…für dich, deine Ma‘ und deinen Paps… für alle, denen er Schmerzen zugefügt hat.“

Diesbezüglich hatte sich an seinem Vorhaben nichts geändert. Clarence zu Liebe hatte er sich einverstanden erklärt, Mo‘Ann nicht zu töten - und mittlerweile war diese Idee ohnehin in ganz weite Ferne gerückt.

Noch immer wollte er sich rächen, noch immer wollte er Antworten. Aber weit wichtiger als das waren Harper und Cordelia - darüber hatte er nie auch nur erwogen zu verhandeln. Und trotzdem hatte Matthew bei jedem Betreten der Bibliothek oder des Clanhauses das Bedürfnis, die Portraits und Artefakte des Nagi Tanka von den Wänden zu fetzen und zu zerschlagen. 

Und selbes galt für das Gesicht seiner mitwissenden Witwe, auch dieses hätte er gern in Trümmern vor sich auf dem Boden. 


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