Pond Shore

22. März 2211


Clarence B. Sky

„‚Als Jäger hat man es nicht nur leicht‘“, echote Clarence amüsiert die Worte seines Mannes. „So So. Scheint ein hartes Leben zu sein, von dem du da redest.“

Obwohl er wusste, dass es als Anspielung auf die Situation von Odette und ihren Freunden gemünzt war, klang es fast, als würde Cassie seine eigenen Erfahrungswerte aus dem Nähkästchen plaudern. Allein die Vorstellung davon fand der Blonde auf eine Weise unterhaltsam, dass er ihre Sorgen fast schon für einen Moment vergaß.

Das härteste an Clarence‘ Leben war derweil Matthew, der mit einer Selbstverständlichkeit lediglich sich selbst eine Zigarette gönnte, dass es einem fast wehtat. Die eheliche Güterteilung hatte schon immer an der sehr strickt gezogenen Grenze zum Tabak geendet, auch wenn es nie offiziell ausgesprochen worden war. Sie verschwamm nur dann, wenn Cassie seinen Kram leer geraucht hatte und sich plötzlich am Beutel des Älteren verging.

Manchmal hatte der Schamane schon darüber nachgedacht, seinem Tabak zur Strafe einfach welche von jenen Kräutern unterzumischen, die der Dunkelhaarige nicht besonders gut vertrug - also so ziemlich alles, was nicht Tabak war. Bei dem einen redeten geröstete Hasen mit Cassie, das andere ließ ihn dunkle Gestalten durch die Wälder huschen sehen und von dem halluzinogenen Tee, an dem sein damaliger Nur-Weggefährte mal genippt hatte, wollte Claire gar nicht erst anfangen.

Vielleicht würde eine derartige Lektion Matthew davor bewahren sich künftig wieder ungefragt an seinem Tabak zu vergehen. Aber auf der anderen Seite wusste man ja nie, wann der Langfinger wieder zu klauen begann. Am Ende watete er, seines gesunden Menschenverstandes enthoben, mitten in der Nacht in den Teich und ertrank ihm dort. Das wiederum konnte der Jäger auch nicht verantworten.

Es blieb also wie es war: Matthew rauchte und Clarence darbte, so wie es schon immer gewesen war und immer sein würde.

„Wie du bei jungen Frauen einen Meinungswechsel bewirkst, dessen bin ich mir gewahr. Vielen Dank, darauf kann ich verzichten“, gab Clarence derweil zu bedenken, auch wenn er wusste wie genau sein Mann es gemeint hatte. Aber es hatte schon ausreichend Situationen auf ihrer Reise gegeben, bei denen Matthew durch sein schmeichelndes Auftreten dafür gesorgt hatte, dass erst Herzen höher schlugen und sich im Anschluss dadurch irgendwelche Vorteile für sie ergaben.

Kurz blickte er hinter ihnen zu den Hunden, die erst das missgestimmte Pferd spielerisch umsprangen, bevor alle drei wieder langsam zu ihnen aufholten. Zweifelsohne war ihre kleine Gruppe seltsam anzusehen, doch fragte man ihn, konnte er sich die Dinge kaum besser vorstellen als so, wie sie derzeit waren. Wenn er an seine Zeit nach Nathan zurück dachte, einsam und allein in den Wäldern des Madmen Forest, fühlte er sich im Vergleich dazu heute wie der reichste Mensch der Welt. Er hatte einen Ehemann, ein Haus, zwei treue Hunde und ein Pferd, das ihn zwar nicht leiden konnte aber ihn wenigstens am Leben ließ. Das war mehr, als er sich noch vor wenigen Jahren jemals erträumt hätte.

„Wie gesagt, ich befürchte, diese derart große Dummheit bekommt sie bald alleine hin. Aber was plant sie, das beschäftigt mich“, fasste er seine Gedanken auf den Punkt gebracht zusammen und blickte von den Hunden zurück zu seinen Mann, ihn still musternd. „Ich habe sogar schon darüber nachgedacht das Risiko einzugehen und ihr Zimmer zu durchsuchen auf der Suche nach irgendwas, das ihr seltsam vorfreudiges Verhalten erklärt. Vielleicht rechnet es sich, wenn wir auch eine Dummheit begehen. Am Ende überschätzen wir diese Bande maßlos und müssen uns einfach auf deren grenzdebiles Niveau herab lassen um zu verstehen, wie solche Leute denken. Aber ich bezweifle, dass Menschen wie Mo‘Ann und Nathan dazu in der Lage sind ein Kind zu zeugen, dass tatsächlich so dumm ist.“

Vielleicht sah er auch einfach den Wald vor lauter Bäumen nicht, weil er zu lange mit Nathan unterwegs gewesen war. Dieser Mann schmiedete keine Pläne, er ebnete Wege und ließ den Dingen seinen Lauf, sie formend und lenkend, bis ihm die Richtung genehm war. Nagi Tankas Kopf hatte nicht funktioniert wie der von anderen Menschen und auch wenn er einige Dinge bis heute nicht verstand, so hatte er eines von seinem einstigen Lehrmeister gelernt:

Eine Saat in den Köpfen anderer zu pflanzen und Geduld zu zeigen, zahlte sich auf lange Sicht oft besser aus, als mit dem Kopf durch die Wand zu wollen.

„Ich bezweifle nicht mal, dass du selbst in so einer überschaubaren Kleinstadt wie hier dazu in der Lage wärst deinen Zauber zu wirken. Ich hoffe, das weißt du“, hob der Blonde beschwichtigend die Schultern, denn unterm Strich sollte das nicht heißen, dass er Cassies Kompetenzen im Bereich Verschwinden und Verschwinden lassen damit untergraben wollte. Wenn er sich eine Person aussuchen könnte, mit dem er sich in dieser Lage hier befand, würde er niemals jemand anderen dafür aussuchen außer seinen Mann. „Aber wenn ich über unsere Möglichkeiten nachdenke… dann muss ich mittlerweile immer länger darüber nachdenken, ob all die Ideen unsere Ideen sind oder ob sie uns nur deshalb notgedrungen in den Kopf kommen, weil Mo‘Ann uns die Pistole auf die Brust drückt. Weißt du, was ich meine?“

Er wollte sich nicht von dieser Frau zu einem schlechten Menschen machen lassen, nur um das Ziel zu erreichen, was sie ihnen vorgab. Das hatte Nathan Abaelardus lange genug mit ihnen getan.


Matthew C. Sky

Manchmal stellte sich Clarence wirklich naiver an, als eine Gebetsschwester im Kloster. 

Und genau das attestierte Matthew ihm unumwunden auch. 

„Du gibst dich ja keuscher als eine Nonne im Kloster, meine Güte. Wenn du nicht willst das wir was unternehmen, ich nichts einfädeln soll um sie aus der Reserve zu locken und du auch sonst einfach nichts tun willst, dann hör auf damit dir das Hirn zu zermartern was sie vielleicht plant.“ 

Cassie nahm einen weiteren Zug von der Zigarette und schüttelte dabei verständnislos den Kopf. 

„Wir könnten sie in Zugzwang bringen, wir könnten eine Gefahr von außen fingieren auf die sie reagierten muss - und ihre Entscheidungen schlecht aussehen lassen sodass alle sehen ‚Oh Miss Odette hat nicht alle Latten am Zaun‘ , ich könnte ihre Handlanger aufmischen ohne das es auf uns zurückfällt und und und… aber wenn du sagst wir tun nichts, dann tun wir nichts. Ich halte es nicht für richtig, aber in dieser Sache bist du der Boss.“ 

Das hier war Clarence‘ Heimspiel, nicht seines und Matthew würde keine eigenmächtigen Entscheidungen treffen auch wenn es ihm in den Fingern juckte. 

„Man kann über Rouge eine Menge Schlechtes sagen, aber er meinte immer, dass man sich nur über die eigenen Pläne Gedanken machen sollte und nicht über die von anderen. Sind die eigenen gut genug, hat man am Ende kein Problem. Ich finde, da ist was dran. Und im Moment haben wir keinen Plan - was es Odette leicht macht, sollte sie einen haben. Also, großer schöner Mann, vielleicht sollten wir uns mal zusammensetzen und statt zu vögeln einen Plan machen.“ 

Nicht, dass Cassie was gegens Vögeln hatte, auf keinen Fall. Aber so wie er die Sache sah, vertrödelten sie gerade wertvolle Zeit. Sie horchten sich um, sie sahen sich um, er las hier ein Buch und übersetzte da ein anderes. 

Das war nicht Nichts aber es war definitiv zu wenig.   

Was Afarit betraf so hatte Matthew bisher nur wenig Neues in Erfahrung bringen können, weil die Bücher die den letzten großen Krieg der Alten behandelten nicht offen in der Bibliothek zugänglich waren. Die wirklich entscheidenden Pergamente hatte Mo‘Ann in einem extra Raum, hinter der Bibliothek verwahrt. Den Schlüssel dafür trug sie unter ihrer Robe versteckt und bisher hatte sie keinerlei Andeutung gemacht, Matthew auch in jenen Bereich einzuladen. 

„Ich glaube nicht, dass wir genug tun. Betrachtet man was auf dem Spiel steht, machen wir uns zu abhängig von Odette und dem was sie als Nächstes tut oder eben auch nicht tut. Tatsache ist, dass sie ihren Anspruch auf die Clanführung nicht einfach abgeben wird. Und Tatsache ist auch, dass du bisher wahrscheinlich innerhalb des Clans keine überwältigende Zustimmung bekommen würdest, wenn du deinen Hut in den Ring wirfst. So oder so müssen wir die Dinge in die Hand nehmen. 

Wenn wir also mal außer Acht lassen was Odette plant und uns darauf konzentrieren, was wir planen, dann fällt mir als erstes ein, dass wir die Akzeptanz deiner Person als Führer steigern müssen. Du kannst jetzt natürlich von Tür zu Tür gehen und allen erzählen was für ein Goldstück du bist und hoffen, dass das gut ankommt… Aber das lockt wahrscheinlich keinen echt hinterm Ofen vor.“

Er hätte nun erneut anmerken können, dass eine fingierte Gefahr für den Clan eine Chance für Clarence wäre, sich zu beweisen und Odette in schlechtes Licht zu rücken. Aber er hatte diesen Punkt ja schon gebracht und Clarence war offensichtlich kein Fan der Idee - also ließ er es bleiben. 

Notgedrungen - es fiel ihm wirklich nicht leicht - schwieg er nun also, rauchte seine Zigarette weiter und wartete was Clarence für Gedanken und Ideen diesbezüglich hatte. Sich zu scheuen den ersten Schritt zutun könnte sie Kopf und Kragen kosten, deshalb war ein solches Gespräch wie sie es jetzt führten auch längst überfällig. 


Clarence B. Sky

So wie es sein Mann sagte klang es fast, als wäre es etwas Schlechtes wie oft sie miteinander vögelten. Ganz offensichtlich vergaß Cassie dabei, wie unglaublich lange sie seit Denver getrenntgewesen waren und wenn man dahingehend aufsummierte, was sie alles nachzuholen hatten, waren sie sicherlich noch immer im Defizit. Si-cher-lich. Da war Clarence sich jedenfalls absolut sicher – und genau das drückte auch sein irritierter Blick zweifelsohne aus, den er dem Jüngeren von der Seite her zuwarf. 

Aber gerade ging es nicht darum auszudiskutieren, ob sie es zu viel oder zu wenig miteinander trieben, sondern sie sie sich rund um ihre Zweisamkeit herum besser aufstellen konnten. Im Leben gab es manchmal eben doch noch andere Prioritäten, wie Matthew ihm unmissverständlich klarzumachen versuchte. 

“Ich habe nicht gesagt, dass ich nichts tun will”, korrigierte er trocken die dreiste Unterstellung, aus der mehr die Enttäuschung seines Mannes sprach als alles andere. Auf der einen Seite verstand Clarence seinen Tatendrang und auf der anderen Seite konnte er nur wenig nachvollziehen welchen Weg er zu wählen gedachte, ohne dabei zu erkennen, nach welchen Maßstäben er damit handelte. 

Für einen langen Moment dachte er über Cassies Worte nach. Darüber, dass man keine Probleme haben würde, wenn nur die eigenen Pläne gut genug seien. So gut wie die, von Denver alleine mit Cameron gen Falconry aufzubrechen, um dann auf halbdem Weg von einem Mutie angefressen zu werdenOder wie die auf einem Boot zu leben, nur um sich dann monatelang die Seele aus dem Leib zu kotzen? 

Man kann über Rouge eine Menge Schlechtes sagen, aber’..., hallte es in den Ohren des Hünen nach und je länger er darüber nachdachte, war ihm beinahe zum Lachen zumute. Ihm fielen tatsächlich ein ganzer Haufen schlechter Dinge ein und dass Cassie jenen Mann nun als Beispiel eines Vorreiters nutze, vor allem in ihrer hiesigen Situation, hatte einen unterhaltsamen wie auch bitteren Beigeschmack. 

Denkst du, die beiden hatten die gleichen Diskussionen wie wir, als sie noch in unserem Alter waren? Rouge und Nagi?”, wollte er von seinem Mann wissen, bevor er nachdenklich wieder zu diesem hinübersah und ihn eindringlich musterte. “Wenn Nagi manchmal von Treffen mit ihm wiederkam, hat er von ihm gesprochen. Hat davon geredet, was für ein eloquenter und talentierter Mann sein Freund ist – aber wie kurzsichtig er handelt. Dass es ihm eines Tages zum Verhängnis werden wird, dass sein Freund die Unberechenbarkeit und Fehler seiner Feinde nicht als feste Konstante in seine Pläne mit einberechnet. 

Dich hat er auch nicht mit einberechnet. Deine Fähigkeiten oder Vorgehensweisen waren nicht Teil seiner Pläne. 

Letztlich waren beide das Ergebnis ihrer Lehrmeister. In Matthew und ihm floss zusammen, was diese Männer jahrelang an sie weitergegeben hatten. Sie waren geformt worden durch Strenge, Talent und die eisernen Pläne zweier Männer, die sie hatten formen wollen wie ein Bildhauer, der seine Ideen mit Hammer und Meißel in Stein schlug. 

Auch über Nagi ließ sich viel Schlechtes sagen. Was für ein Mensch er vor ihrer gemeinsamen Zeit gewesen war, konnte Claire heute kaum noch sicher sagen – nach allem, was er seit Coral Valley über ihn gelernt hatte, hatte er oft nicht mal das Gefühl den älteren Nathan Abaelardus überhaupt richtig zu kennen, obwohl er so viel Zeit mit ihm verbracht hatte wie sonst niemand aus dem Clan oder seiner überschaubaren wie abstrusen Familie. 

Ernüchtert über die Vorstellung welche Parallelen vielleicht zwischen ihnen beiden und den jüngeren Versionen ihrer beider Lehrmeister lagen, langte der Hüne schließlich nach Cassies Arm und entwand ihm die Zigarette, um die letzten Züge davon selbst zu beanspruchen, wenn sein eigener Gatte ihm schon keine ganze anbot. 

In den vergangenen Wochen hatte er sich präsent gezeigt im Clan, hatte ungeliebte Aufgaben wie Botengänge und Nachtwachen übernommen. Hatte sich greifbar gemacht, um etwaigen Gerüchten und Vorurteilen entgegenzukommen nach all den Monaten, in denen er einfach verschwunden gewesen und schließlich mit einem Ehemann an seiner Seite wieder zurückgekommen war anstelle des großen Nagi Tankas. Machte ihn das für die anderen vertrauenswürdiger nach seiner Zeit der Abwesenheit? Vermutlich nicht. Aber es machte ihn auch nicht noch mehr zum Außenseiter bei jenen, die damals nicht in den Komplott gegen den Anführer ihres Clans mit eingebunden gewesen waren. 

“’Die Dinge, die sich am natürlichsten fügen, glauben die Menschen lieber als jene, über die sie stolpern. Dir ist es egal was Odette vor hat? Gut. Ich find’s alleine raus. Gib mir zwei bis drei Tage. Wenn ich bis dahin nicht mehr weiß oder es keine brauchbaren Informationen sind, die uns in die Karten spielen, schmieden wir einen Plan, um sie und ihre Schoßhunde auflaufen zu lassen. Im Zweifel-”, Clarence zuckte gleichgültig mit den Schultern, während er an Matthews Zigarettenstummel zog, “-im Zweifel bekommt ab sofort jeder von denen für jeden blöden Spruch eine kassiert. So lange, bis die Stimmung von allein aufkocht und es eskaliert. Vermutlich ist das sogar das, was sich Mo’Ann von Anfang an erhofft hat. Die erlebt in ihrem tristen Leben sonst ja keine Abenteuer mehr.” 

Ein paar junge Männer, die sich gegenseitig die Seele aus dem Leib prügelten, waren vielleicht ganz nach ihrem Geschmack. Vielleicht sogar ein bisschen nach seinem eigenen, wenn er länger darüber nachdachte. 

Einen letzten Zug nehmend, schnippte er den Glimmstängel vor sich auf den Feldweg, bevor er im Vorübergehen die Glut mit dem Stiefel austrat. Der Weg zu Fuß zurück in die Stadt war so weit, dass Clarence sich fragte, wieso Cassie sich das ernsthaft antat, anstatt einfach mit seinem Pferd vorzureiten. Dennoch würde er den Teufel tun und seinen Mann auf den Gedanken bringen ihn ernsthaft allein zurückzulassen, ganz gleich wie viel der kleine Taugenichts am Ende zu spät zu seiner Arbeit in der Bibliothek kam. 

“Hast du Gelegenheit gehabt die Post von Mo’Ann durchzusehen? Du wolltest schauen, ob du herausfinden kannst, woher sie die Briefe mit den Fotos bekommt”, erinnerte er den Dunkelhaarigen an die andere große Unbekannte, die noch immer über ihnen und zwischen allem schwebte. Sie waren kaum weitergekommen, egal in welche Richtung man auch blickte. Der einzige Fortschritt war der Kauf ihres Hauses, wenn man wenigstens das als Errungenschaft verbuchen konnte. 


Matthew C. Sky

Für Matthew, der in mancherlei Situationen entschieden hitzköpfiger war als es ihm gut tat, hatte es sich durchaus so angehört als wolle sein Mann nichts unternehmen. 

Dieses Nichts war in Wirklichkeit jedoch durchaus ein Etwas, wenngleich es dem Dunkelhaarigen aber nicht energisch genug schien. 

Nach seinem Dafürhalten sollten sie anfangen, ihr Revier richtig abzustecken. Clarence musste Flagge zeigen, richtige Präsenz, Führungsqualitäten und Biss - statt hier und da ein paar ungeliebte Aufgaben zu erledigen.

Aber die unterschiedlichen Sichtweisen waren nichts Neues zwischen ihnen. Dort wo Matthew laut war, war Clarence leise. Dort wo Cassiel all-in ging, wartete der Blonde erstmal ab. Er bewertete still, wog ab, entschied häufig aus der Summe diverser Gedankengänge, statt aus dem Bauch heraus. Freilich war dies nicht immer so. Packte man Clarence an seinem Stolz und forderte diesen heraus, dann konnte der Blonde ebenso unüberlegt handeln… Aber zumeist wartete er ab. 

Und warten, dass hatte schon Matthews alter Freund Tom Petty gesungen, war ja bekanntlich der schwerste Teil. 

Die plötzliche Frage des Blonden in Bezug auf etwaige Parallelen zu ihren einstigen Mentoren ließ Cassie angespannt die Zähne aufeinander beißen. 

Er hatte schon manchmal darüber nachgedacht, wie viel von dem was er war eigentlich Rouge war. Wie viel von seiner Sicht auf die Welt, war seine eigene und was lediglich das Produkt von Rouges‘ harten Schule?

Eine richtige Antwort würde es auf diese Frage nie geben und doch erwiderte Cassie - recht spontan, wie so oft:

„Schon möglich, dass sie die hatten. Nach allem was ich über beide weiß, waren sie sich mehrheitlich über die Richtung ihres Tuns einig. Nur nicht über die Methoden… ähnlich wie bei uns.“ - diese Feststellung laut auszusprechen verursachte bei Matthew ein widerlich beklemmendes Gefühl in der Brust. 

Widerstandslos ließ er sich die Zigarette abnehmen und dachte noch länger über Rouge und den gütigen Mann nach. Beide Männer hatten ihm so wehgetan, dass es ihm - wenn er bewusst darüber nachdachte - körperlich schlecht wurde und er einen Hass verspürte, der ihm selbst Angst machte. Aber sie hatten nicht nur ihm wehgetan, sondern auch Clarence und den Menschen, die Clarence geliebt hatte. 

„Rouge hatte… zu niemandem einen solchen Draht wie zu Nagi. Er hatte eine Menge Bekannte, aber über keinen einzigen hat er mit so viel Wohlwollen geredet. Hat ihn einmal als den größten Visionär unserer Epoche bezeichnet. Als einen Mann mit Weitsicht und Ideen.“ - wenn Matthew so darüber nachdachte, dann konnte er gar nicht begreifen, wie ihnen die Zusammenhänge nicht schon eher aufgefallen waren. 

„Nathan hat dich auch nicht mit einberechnet. Er hat alles durchdacht, geplant und eingefädelt und wer weiß wie lange auf den Tag X hingearbeitet und dann? Dann tanzt Clarence Sky aus der Reihe und funktioniert nicht so, wie erwartet. Alle Pläne für die Katz wegen deiner Entscheidung, die er nicht hat kommen sehen.“ - Matthew musterte Clarence von der Seite. 

„Ich hab nicht gemeint, dass es mir egal ist, was Odette plant. Was ich meine ist, dass es nichts bringt über ihre Pläne zu mutmaßen. Entweder wir unternehmen etwas um herauszufinden was sie vorhat oder wir sorgen vor, in dem wir den ersten Schritt tun. Wenn wir nur abwarten werden wir davon nicht schlauer.“ - kaum ausgesprochen, legte sich ein vages Schmunzeln über seinen Mund und in seine Stimme. „Da würde mir Rouge übrigens deutlich widersprechen. Er hat oft darüber geredet wie wichtig es ist, manche Dinge einfach auszusitzen.“ beiläufig zuckte Cassie mit den Schultern. 

„An dem Tag…als Rouge mich einem Teil der Bruderschaft vorgestellt hat und wollte, dass ich ihnen beitrete hat er mir gesagt, dass er mich im Anschluss an die Zeremonie mit jemandem bekanntmachen wird. Ich glaube damit meinte er dich. Wir waren ja praktisch im selben Wald unterwegs und Nagi kann er nicht gemeint haben, den hätte ich wiedererkannt von damals…“

Es war verrückt wie sich alles hätte fügen sollen und wie es sich für diese Monster auch fast alles gefügt hätte. 

Fast wäre ihr Plan aufgegangen. Sie waren so nahe dran… und dann… entscheiden wir beide, unabhängig voneinander, dass wir nicht länger mitmachen können oder wollen. Wir sagen nein und aus ihrer Sicht geht damit alles den Bach runter.“ 

Doch nein sagen war dieses Mal keine Option, nicht wenn Mo‘Ann wirklich die Kinder seines Mannes versteckt hielt. 

Nachdenklich verfiel der Jüngere in Schweigen und beinahe schien es, als würde Clarence auf seine Frage keine Antwort erhalten, doch schließlich ergriff Cassiel doch wieder das Wort. 

„Ich habe ihre Post durchsucht, ja. Allerdings bestehen die meisten Briefe aus nichts anderem als euren Piktogrammen und soweit ich überblicken konnte, geht es dabei mehrheitlich um Lappalien. Allerdings… sind mir leere Umschläge aufgefallen. Sie haben weder einen Adressaten noch Absender und auch kein Sigel. Sie sind einfach vollkommen unbeschriftet. Ich kann nicht hundertprozentig sagen, dass sie darüber die Fotos bekommt - aber mein Bauchgefühl sagt, dass es so ist.“ 

Clarence war ein kluger Mann und sicher stellte er sich die selbe Frage wie auch Matthew sie sich - und eben auch Clarence stellte: „Wie finden unbeschriebene Briefe den richtigen Empfänger? Wie viele Möglichkeiten gibt es da, hm? Nicht viele, wenn du mich fragst. Und am wahrscheinlichsten  ist wohl: Jemand übergibt ihr die Umschläge persönlich.“