<- ZURÜCK          WEITER ->


Gemeinschaftsraum der Kestrel

22. März 2211


Clarence B. Sky

Die mehr als deutlich verspätete Ankunft ihres kleinen Helfers hatte Mo‘Ann nicht gefallen - wie zu erwarten. Sie war niemand der herum schrie oder aus der Haut fuhr, aber Clarence konnte sich nur allzu gut vorstellen wie sich Odette früher als Kind gefühlt haben musste, wenn ihre Mutter diese pure, blanke Enttäuschung über ihr ausgegossen hatte. Zum Glück war Matthew aber nicht Annedores Kind - was wirklich ein Segen war, denn diese Frau als Schwiegermutter zu haben wäre Clarence ein Graus - und zum weiteren Glück gab es für Cassie auch keine körperliche Bestrafung ob seiner Verspätung, wenngleich Claire ihn des Abends Zuhause nur sehr gerne für seine Verfehlungen züchtigen würde. Aber auf angenehmere Weise, verstand sich.

Bis dahin würde es aber noch eine halbe Ewigkeit dauern, denn das alte Miststück hatte sich nicht davon abbringen lassen darauf zu beharren, dass Cassie seine heutige Arbeitszeit bei ihr Absaß. Ganz gleich ob es bis tief in die Nacht dauerte oder nicht.

Dementsprechend lustlos rührte der Blonde in seinem Essen herum. Es war klar gewesen, dass ihre Trödelei irgendwelche Konsequenzen nach sich ziehen würde und um ehrlich zu sein hatte er jeglichen Gedanken daran in weite Ferne geschoben. Leider aber war die weite Ferne jetzt und diese Suppe wollte er tatsächlich genauso wenig auslöffeln wie jene, die sprichwörtlich vor ihm stand.

„Stimmt was mit dem Essen nicht? Denn wenn die Antwort nicht ‚Ja‘ lautet, dann iss gefälligst. Das kann sich ja niemand ansehen. Selbst Hazels Kinder matschen nicht so im Essen herum“, wies Liv ihn aus dem Stuhl gegenüber an, wobei sie sich nicht recht anmerken ließ ob es eine freundschaftliche Rüge war oder eine ernsthafte Beschwerde. Ihre Gespräche miteinander zu Tisch waren eher beiläufig und bewiesen nicht annähernd die Qualität ihrer Konferenzen außerhalb der Stadt.

„Hazels Kinder sind schlimmer als dein Hund, wenn es ums Essen geht.“

„Eben“, nahm die Blonde ihm postwendend den Wind aus den Segeln, was ihn amüsiert Schnaufen und sich lustlos seine Bratkartoffeln in den Rachen schieben ließ.

Zumeist war es Still hier oben am Tischende, ganz im Gegensatz zu dem Rest der langen Tafel, die sich in den Gemeinschaftsraum ergoss. Links und rechts gesäumt von durchgehenden Bänken, konnte sich jeder an einem Platz oder in einer bestimmten Gruppe von Mitgliedern verteilen wie er wollte, um sein essen Mal mit jenem, mal im Gespräch mit einem anderen zu verbringen.

Ganz im Gegenteil zum Kopfende des Tisches, an dem Stühle mit hohen Lehnen auf feste Plätze verwiesen, die bestimmten Personen zugeteilt waren.

Neben Liv war noch immer Mo‘Anns Platz frei, die in den Katakomben ihrer Bibliothek seinen Mann zur Knechtschaft des Geschriebenen Wortes verdonnerte. Auf diese Weise entstand eine natürliche Barriere zwischen ihr und Odette, welche vor Kopf einen Ausblick hinab auf den Clan hatte. Clarence war sich sicher, dass jener Platz noch nicht einmal richtig kalt gewesen war, bevor sie sich gierig darauf niedergelassen hatte. Trotzdem hatte sie es sich interessanterweise niemals gewagt den Stuhl links von sich mit Rory oder Ryan neu zu besetzen, während Nagi und er weg gewesen waren. Ein Fehler, wie sich später für sie herausstellen sollte - denn auf diese Weise hatte sie dem Blonden genug Spielraum eingeräumt um seinen Platz wieder zu besetzen, ganz ohne irgendwelche Ränkespiele mit ihren kleinen Schoßhunden spielen zu müssen. Das bewahrte ihn allerdings nicht davor in direkter Nähe zu Ryan zu sitzen, der - einem braven Schoßhund treu - stets versuchte als einer der Ersten auf den Bänken Platz zu nehmen. Möglichst weit oben am Kopf und im direkten Dunstkreis zu seiner Ikone Odette.

Zweifelsohne wäre es ihm irgendwo in der Mitte des Tisches besser ergangen, unten bei Cameron oder Adrianna, die er selbst in diesem Moment bis hier oben hin lachen hörte. Wann immer sie gute Laune hatte, bekam man das genauso zu spüren wie ihre Laune an den schlechten Tagen. Von letzteren gab es hier oben in letzter Zeit ja genug, denn viel zu erzählen hatte er sich mit Odette oder ihren Anhängseln kaum. Aber das war damals auch nicht viel anders gewesen.


Matthew C. Sky

Für die Gründe seiner Verspätung zeigte Mo‘Ann kein Interesse und Matthew wiederum zeigte kein Interesse daran, sich zu erklären oder zu entschuldigen. 

Er war ein freier Mensch, wurde für seine Mitarbeit nicht mit Gulden entlohnt und bekleidete auch sonst kein offizielles Amt innerhalb des Clans. 

Seine Anwesenheit stieß so einigen Mitgliedern sauer auf, besonders die Freunde von Odette hielten mit Kritik nicht hinter dem Berg. Selbige äußerte zwar keiner offen und in Anwesenheit Mo‘Anns - aber an der zur Schau gestellten Missbilligung änderte das nichts. 

Die Witwe des gütigen Mannes jedenfalls schien über jeden Zweifel erhaben und sie hielt sich für viel zu wichtig um sich mit Matthews Verspätung auseinanderzusetzen. 

Sie war enttäuscht, oh ja. Daran gab es keinen Zweifel. Doch statt nach den Gründen seiner Abwesenheit zu fragen oder in eine Schimpftirade zu verfallen, kommentierte sie sein Erscheinen lediglich mit den Worten:

„Wenn ich mich nicht auf dich verlassen kann, dann habe ich keine Verwendung für dich.“ 

Daraufhin hätte der Dunkelhaarige sich wohl erklären oder entschuldigen sollen - aber das tat er nicht. 

Stattdessen hatte er sie - in einem überraschten und gleichsam interessierten Ton - gefragt, ob sie mit der Übersetzung der aktuellen Lektüre denn schon fertig geworden war. Diese Bemerkung hatte ihm einen scharfen Blick von Mo‘Ann eingebracht und sie hatte verächtlich geschnaubt, ihn aber nicht hinausgeworfen. 

Also hatte er an seinem mittlerweile angestammten Platz seine Arbeit der letzten Tage fortgesetzt. 

Das Buch welches er vom Französischen übersetzte trug den Titel „Le Mythe de Sisyphe“ - Der Mythos des Sisyphos

Und es war weder ein Roman noch ein Gesetzestext. Der Inhalt war… künstlerisch, wollte man es wohlwollend beschreiben. Und absurd, meinte man es nicht so gut. 

Es war kein Text der wichtig für das Hier und Jetzt war, aber er war ein Text dem die Alten große Bedeutung zugemessen hatten. Und gab es eine Gemeinsamkeit zwischen Matthew und Mo‘Ann, dann war es die Faszination für die Vergangenheit. Für die Errungenschaften der Generationen vor dem letzten großen Krieg. 

Die Glatzköpfige war besessen von den Schriften der Alten und sie war besessen von ihrer Kultur. Matthew, dessen Bildung mit der ihren konkurrieren konnte war der wohl einzige Mensch im Umkreis von hundert Meilen, der nicht nur lesen konnte sondern es auch noch genoss und der verstand was er las. Selbst dann, wenn es sich um komplexe Zusammenhänge handelte. 

Ihre Verärgerung über seine Verspätung war nichts das sie durch Worte kundtun musste und gleichsam war sie nichts, dass den Dunkelhaarigen besonders beeindruckte. 

Und das wiederum machte sie einerseits fuchsteufelswild und andererseits rang es ihr einen gewissen Respekt für ihn ab. Weitestgehend schweigend gingen beide ihrer Arbeit nach. Mo‘Ann ordnete akribisch die von Matthew übersetzten und niedergeschriebenen Schriftstücke, ging sie durch nach Formfehlern oder inhaltlichen Widersprüchen. Wann immer sie etwas fand, dass ihr nicht taugte, gab sie die Seiten an Matthew zurück und dieser schrieb sie erneut - in korrigierter Form. 

Am hiesigen Nachmittag gab es eigentlich nur wenige Gründe zur Beanstandung, doch Mo‘Ann reichte ihm trotzdem immer wieder Papier zurück mit der Aufforderung zur Korrektur. Sie warf ihm sogar einmal vor nicht bei der Sache zu sein. Wobei sie es eher als beiläufige Feststellung formulierte statt als Angriff. 

Und Matt, der es hasste wenn man ihn gängelte, sich aber gleichzeitig durch ihre schulmeisterische Art an Beliar erinnert fühlte, stellte mit der selben Beiläufigkeit fest, dass er auch gern in den Feierabend entschwinden würde, wenn er doch ohnehin nicht bei der Sache war. 

Jene Bemerkung war es, nach der Mo‘Ann ihm eröffnete, dass er heute - nicht wie sonst zuhause - essen würde sondern sie begleiten würde. 

In die große Halle. Zum Abendessen mit allen. 

Cassie zweifelte nicht daran, dass ihr das ernst war - immerhin machte die Frau des Hauses selten Scherze. Trotzdem schien sein Gesicht Bände zu sprechen, als er unwillkürlich die Brauen hochzog. 

„Ich möchte, dass du mich heute zum Abendessen begleitest.“ - keine Bitte, keine direkte Anweisung - nur eine Information die man zwangsläufig empfing und bei der es nicht darum ging eine Antwort parat zu haben. 

„Ich dachte nur aktive Clanmitglieder nehmen am Abendessen in der Halle teil.“ 

Matthew widersprach nicht, stimmte nicht zu. Seine Wortwohl war ein Spiegel der ihren. Informativ. Feststellend. 

Mochte sein, dass ihre Art zu reden, Anweisungen zu geben, zu tadeln oder zu loben andere irritierte, aber Matthew war zu lange mit Le Rouge unterwegs gewesen als das Mo‘Ann ihn aus dem Gleichgewicht bringen konnte. 

Beide waren einander nämlich überaus ähnlich. 

„Das stimmt auch. Für gewöhnlich jedenfalls.“, sie musterte ihn vom Scheitel bis zur Sohle, neben seinem Tisch stehend und dabei mit den Augen präziser urteilend als mancher es mit der Zunge vermochte. 

„Aber an dir ist nicht viel gewöhnlich. Abgesehen davon welche Rolle du für Clarence hast.“ Man hätte meinen können, sie würde diese Aussage noch ergänzen - etwa mit den Worten, dass er ihr eine Hilfe war. Aber die Unterredung war beendet und Cassie widmete sich weiter seiner Arbeit. 

Mit Smallltalk hielten sich beide nicht auf, doch gab es eine Stelle an der er nicht sicher war, kam sie zu ihm, beugte sich von hinten über ihn und überflog den Text leise murmelnd. Dann tauschten sie sich aus. Manchmal hitzig, manchmal sich schnell einig. Manchmal wies sie ihn, nochmal genauer hinzusehen und zu überlegen ob der Kontext stimmte - und wenn er seinen eigenen Fehler fand und korrigierte wirkte sie so zufrieden wie eine Lehrerin.  

Ihr Austausch war fruchtbarer, kreativer Natur - bezogen zumeist auf die Dokumente die sie studierten. Manchmal fragte auch sie nacht Matthews Meinung und es gab rare Momente, da überraschte seine Antwort sie derartig, dass sie anerkennt nickte und sogar lächelte. 

An jenem Tag jedoch rang er ihr kein Lächeln ab, an jenem Tag war sie enttäuscht und würde es auch bleiben. 

Wie eine Mutter, die besseres von ihrem Zögling erwartet hatte. 

Als der Abend den Tag schon seit einiger Zeit abgelöst hatte, verkündete sie schließlich, dass es Zeit für das Abendessen war. Abermals musterte sie Matt, der in seinem tintenblauen Pullover, der dunkelgrauen Hose und den dunklen, sauberen Schuhen adrett und gepflegt aussah. Sein Mantel hatte fast den gleichen Ton wie der Pullover und als er am Nachmittag eingetroffen war, hatte sie sehr wohl registriert wie perfekt der Mantel an ihm saß. 

Nun hing letzterer noch an der Garderobe vor der Bibliothek - und würde dort auch bleiben. 

Ohne Frage war Clarence‘ Mann ein Mann, der Selbstsicherheit und Verwegenheit ausstrahlte. Dunkle kurze Haare, dunkle wachsame Augen, ein drei Tage Bart, Tattoos für die man ihn leicht für einen Jäger hätte halten können. Und gebildet obendrein. Auch wenn Mo’Ann ihren Mann immer für den klügsten Mann der Welt halten würde - so musste sie Le Rouge Respekt zollen für eben jene Kreation, die nun neben ihr herlief. Nicht vor ihr, wie es unangenehm großspurig gewesen wäre, nicht hinter ihr wie es der Respekt und Ehrerbietung verlangt hätten. Sondern neben ihr - was eine große Portion an Selbstvertrauen und das richtige Maß an Höflichkeit-ist-was-für-Verlierer Attitüde offenbarte. 

Und damit hätte er ihr fast doch noch ein Lächeln abgeluchst. Aber nur fast. 

Die Tür zum Speisesaal wurde ihnen geöffnet und Matthew betrat an der Seite der Glatzköpfigen den großzügigen Raum, der erfüllt war mit dem Geruch von Essen und dem Gewirr duzender Stimmen. Ohne zu zögern oder auch nur einen Moment zaghaft in seinen Schritten zurückbleibend lief er neben Mo‘Ann her, die sich drehenden Köpfe einiger ignorierend und den Raum nach Clarence abscannend. 


Clarence B. Sky

Nicht in jedem Clan dieses Kontinents gingen die Dinge alle gleich zu. Jede Jägerschar mochte ihre eigenen Werte und Traditionen haben, erwachsen aus Erfahrungen, aus Abenteuern und aus den Lehren, die sie aus ihren eigenen Fehlern gezogen hatten. Manche blieben strickt unter sich und mieden es, zwischenmenschliche Bande zu anderen Leuten zu knüpfen, die mit Jägern nichts am Hut hatten. Clarence‘ Erfahrung nach zählten dazu aber vor allem grobschlächtige, rein von Männer geführte Clans - von jener Sorte, die nicht zurückscheuten sich von ihren vermeintlichen Auftraggebern Festpreise einzufordern, selbst wenn die Familien nicht dazu in der Lage waren den angesetzten Preis zu zahlen.

Es wunderte ihn nicht, dass seine Zunft nicht überall einen guten Ruf genoss. Selbst auf Reisen mit Matthew hatten sie feststellen müssen, dass sie in manchen Dörfern willkommener gewesen waren als in anderen, obwohl die kleinen Siedlungen eigentlich noch viel mehr auf Jäger angewiesen waren als die großen Städte.

Doch ob große Clans oder kleine Sippen, egal ob über die eigene Region hinaus bekannt oder nicht, eine Regel galt immer: Entweder man gehörte dazu oder man gehörte nicht dazu. Selbst Jaylynn war lange Zeit nur als Gast aus einem anderen Clan geduldet gewesen, nie aber zu internen Besprechungen geladen, bevor sie sich den Kestrel angeschlossen hatte. Für Daisy hingegen, Hazels Frau, galten andere Regeln. Sie war bei öffentlichen Festen wie dem traditionellen Neujahrsessen des Clans nicht nur geladen, sondern auch erwünscht - ebenso wie Matthew eine offizielle Einladung erhalten hatte.

Das tägliche Abendessen allerdings war eine völlig andere Geschichte. Das verrieten nicht nur die Köpfe, die sich verwirrt zur Tür zur Halle umdrehten, sondern auch die Stille, die sich plötzlich über einzelne Tischpartien gelegt hatte.

Niemals im Leben hätte Clarence auch nur einen Kupferling darauf gesetzt, dass sich Mo‘Ann das wagte. Oder dass Cassie sich das wagte - je nachdem wessen Schnapsidee es gewesen war, dass der Kerl ihr mitten beim Essen in die Halle folgte, als wäre es das normalste der Welt. Seinem eigenen Mann traute er die Idee sogar noch etwas mehr zu als der alten Schnepfe.

Er brauchte nicht die Tafel hinab blicken um auch so die Blicke auf sich zu spüren, die zwischen Mo‘Ann, ihrer Begleitung und Clarence umher wanderten - ganz so als könne er auch nur das kleinste bisschen etwas dafür, dass hier gerade traditionelle Regeln in ihren Grundfesten erschüttert wurden. Den Verlust der Erbsen, die ihm ob dieser Gesamtsituation einfach von der Gabel gerollt waren, bekam er erst mit, als die leeren Zinken auf seiner Zunge lagen; doch das versuchte er mit steinerner Mine genauso zu überspielen wie den Rest dieses Schauspiels, von dem sich ihm nicht erschloss, was die Alte damit bezwecken wollte.

„Was wird das?“, ertönte neben ihm die Stimme ihrer Tochter und tatsächlich musste Clarence ihr Respekt dafür zollen, mit welch höflicher Selbstkontrolle sie das Offensichtliche in Frage stellte. Beinahe schon, als wäre das sicher nur irgendein Missverständnis, welches Mo‘Ann jedoch zugleich aus dem Weg räumte: „Matthew ist heute mein Gast.“

Keine Frage danach, ob es Odette oder dem Rest der Tafel genehm war, sondern eine einfache Feststellung. Die Entscheidungen von Nathans Frau waren ein ungeschriebenes Gesetz, das dennoch in Stein gemeißelt war und so eisern und unnachgiebig sein einstiger Lehrer wie auch seine Witwe sein konnten, so wenig Schneit besaß das gemeinsame Kind um die Dreistigkeit zu wagen, sich gegen ihre Mutter aufzulehnen. Mo‘Ann wusste das und sie zeigte es ihrem Spross mit jeder ihrer Entscheidungen aufs Neue.

Eine kurze Schnute ziehend, blickte die Jüngere schließlich links neben sich zu Clarence hinüber, dem sie mit einem kurzen Nicken die Tafel hinab bedeutete Platz zu schaffen, wenn sie dem ungebetenen Gast schon nicht entgehen konnte: „Ein bisschen eng hier für zwei Skys.“

„So weit ich das beurteilen kann, sitze nach deiner Mutter ich am längsten hier“, entgegnete der Hüne ihr trocken, jedoch ohne seinen Blick von Matthew abzuwenden. Mit seinem schicken Pullover und seinen sauberen Schuhen wirkte er hier im Clan so fehl am Platz wie er selbst damals in der Villa von Jeyne. Ob es aber tatsächlich dieses fehlende Vermögen war sich in die Szenerie einzufügen oder einfach nur die Angst um Cassie, er könne gleich ein Messer im Kopf stecken haben, weshalb er den Kerl nicht aus den Augen lassen wollte, wusste Claire selbst nicht mal so richtig. „Vielleicht sollte also jemand aufstehen, der als letzter hier oben eingezogen ist. Das wäre anständig.“

Hätte er zur Gabel auch noch sein Messer in der Hand gehabt, vermutlich hätte er damit gerade die Stille in Scheiben schneiden können, so dick und schwer lag sie über der Stirnseite des Kopfes. Nicht mal von Ryan zwei Plätze weiter hörte er einen Kommentar und wenngleich er aus dem Rande seines Blickfeldes wahrnahm, wie Liv wachsam ihr Tischende im Auge behielt, war es schließlich die Blonde selbst, die mit dem Scharren ihres Stuhles die Stille durchbrach und damit auch der Anspannung kurz Wind aus den Segeln nahm.

„Schon gut. Wenn Mo‘Ann einen Gast dabei hat, wollen wir uns doch anständig benehmen, hoffe ich“, schließlich, nachdem sie auch Besteck und Teller erhoben hatte, deutete sie an Matthew gewandt auf den frei gewordenen Stuhl, während Annedore sich ungerührt auf ihrem eigenen niederließ. „Keine Sorge. Ich weiß wo mein Platz ist, auch wenn ich nicht hier oben sitze. - Du solltest die Pastete probieren. Sie ist Stogg heute ausgezeichnet gelungen.“

Für einen Moment tief durchatmend sah Clarence ihr angespannt nach, bevor er einen tiefen Schluck aus seinem Bierkrug nahm. Es dauerte nur wenige Augenblicke, bevor auch Ryan sich demonstrativ mit seinem Teller in der Hand vom Tisch erhob - doch nicht etwa um aus Freundlichkeit Platz zu machen, sondern um Odette mit einem enttäuschten Kopfschütteln abzustrafen, bevor er sich weiter unten auf den Bänken zwischen zwei anderen Jägern einnistete.

Besser Claire fing jetzt schon mal an zu trinken, dann ertrug er das spätere Donnerwetter vielleicht besser, das ganz sicher noch folgen würde.


Matthew C. Sky

Die Regeln und Gepflogenheiten des Clans waren für Matthew mittlerweile nicht mehr völlig unbekannt aber über weite Strecken noch nicht ganz nachvollziehbar. 

Es gab einen Haufen Verbote von denen manche strikt und andere bei Verstoß verzeihlich waren. 

Von Clarence wusste er, dass eine Übernachtung im  Clanhaus für Nicht-Mitglieder ein absolut rigoroser Regelverstoß war und auf der gleichen Stufe rangierte die Teilnahme am Abendessen in der großen Halle. Wenn nicht sogar noch darüber. Es war schlichtweg verboten.   

Warum? Weil es ein Platz nur für Jäger war. Es gab eine Rangordnung bei Tisch, es wurde sich ausgetauscht über Alltägliches aber eben auch über Internes. 

Nichts für fremde Ohren. 

Hier zu sein bedeutete also dazuzugehören. 

Aber er gehörte nicht dazu. Das dies offensichtlich war lag nicht an seinen sauberen Sachen, dem Schuhwerk das ohne Schlammreste war oder an seinen Händen, die keine Schwielen hatten und unteren Fingernägeln kein Dreck war.

Nagi Tanka hatte selbst auch nie ausgesehen wie ein typischer Jäger, er war noch nicht mal tätowiert gewesen. Es war nicht nur die Optik, die Matthew ganz offensichtlich von den anderen unterschied. Es lag an seiner Art. Daran wie er neben Mo‘Ann schritt, mit präzisen nicht zögerlichen Schritten. Wie er den Kopf erhoben hielt - wohl wissend, dass man ihn anstarrte und wie er den Blick nicht senkte als sich ob seiner Anwesenheit ein Machtkampf entsponn. 

Er hätte gar nicht hier sein sollen, der ganze Raum lehnte seine Anwesenheit ab - aber wenn er schon da war - dann hätte es ihm zumindest sichtlich unangenehm sein sollen. Und genau das bekam keiner zu sehen. 

Clarence’ Mann schien sich nicht unwohl zu fühlen. Es schien viel mehr so, als sei seine Anwesenheit hier für ihn vollkommen legitim zu. Etwas, dass ihm zu stand oder sein Anrecht war, weil er ja für Mo‘Ann arbeitete. Und das war ein weiteres Sakrileg. 

Ohne sich irgendeine Irritation anmerken zu lassen verfolgte er das Schauspiel. Odette, die versuchte gefasst zu erscheinen - ihren Unmut zwar kundtat aber ihre Mutter nicht aufforderte den ungebetenen Gast sofort wieder außer Raumes zu bringen. Liv, die schließlich einlenkte und damit den Worten seines Mannes Folge leistete, womit sie ihm einen Gefallen erster Güte tat. Die unangenehme Stille, welche den ganzen Raum erfüllte und die zum Zerschneiden dick war. Die Blicke der allermeisten ruhten auf ihm selbst, aber einige blickten sowohl Liv hinterher wie sie auch auf Clarence geheftet waren.

Matthew wusste nichts über die Traditionen der Kestrel und er wollte auch gar kein Mitglied sein. Trotzdem verstand er instinktiv, dass Mo’Ann ihnen hier und jetzt und gänzlich unabgesprochen eine Chance auf dem Silbertablett servierte. Ob das ihr Plan gewesen war? Vermutlich. Aber selbst wenn nicht, manche Gelegenheiten musste man nutzen wann immer sie sich einem boten. 

Sein Hier-Sein war nichts weniger als ein Affront gegen die lang bestehenden Regeln. Odette hatte diese Regeln weder aufgestellt noch geprägt - aber sie war mit ihnen aufgewachsen und sie hatte trotzdem nicht auf ihre Durchsetzung bestanden. Sie hatte den Kopf eingezogen wie eine kleine Babyschildkröte der man auf den Panzer klopfte. Mo‘Ann die den Clan nicht leitete hatte nichts zu verlieren - sie war zwar offiziell nur die Witwe Von aber inoffiziell gehörte ihr der Laden. Zumindest noch. 

Aber sie wollte ihn gar nicht haben. Zumindest nicht so, wie jetzt… Mit der Entscheidung, ihn mitzunehmen riskierte sie für sich selbst gar nichts, für Odette eine Menge und sie offerierte Clarence ein echtes Geschenk. 

Der Dunkelhaarige suchte den Blick seines Mannes - der jedoch auf dem Grund seines Bierkruges offensichtlich das Konterfei Jesu Christi gefunden hatte, so angestrengt wie er in den Becher starrte. Räuspernd setzte sich Cassie an den Tisch und auf den Platz von Liv, der er noch kurz hinterherschaute nur um in die Gesichter der anderen Clanmitglieder zu schauen, die ihn angafften. 

„Hi“, sagte er in die Runde und klopfte einmal auf die Tischkante - was Cameron, weiter hinten am Tisch, als Gruß mit einem ebensolchen Klopfen erwiderte. 

Auf seinen Wingman war eben Verlass.

Auch Clarence hatte nun endlich den Humpen abgestellt und sah ihn an - ernst und schweigend erwiderte Cassie den Blick bevor er in Richtung der Tür sah und von dieser zurück zu Clarence. 

Mo‘Ann hatte bereits begonnen Konversation zu treiben und Odette kaute hochbeinig auf ihrer Pastete herum. 

Neuerlich deutete Matthew mit dem Blick gen Tür. Ein subtiler Wink, dass Clarence das tun sollte was eigentlich Odettes Job gewesen wäre, wäre sie denn eine echte Anführerin. Ihn rausschmeißen. 

Und weil sie verheiratet waren, würde man es Clarence vermutlich noch höher anrechnen für die Traditionen einzustehen. Es war eine perfekte Situation. Perfekt in jeder Hinsicht. Mo‘Ann hatte ihnen eine Vorlage geboten die unscheinbar und unverfänglich anmutete, bei der sie selbst nichts riskierte aber bei der Odette bereits verloren hatte. 

Blieb nur noch die Frage ob Clarence gewann.


Clarence B. Sky

Matthews höflich gemeinter Gruß in die Runde fühlte sich nicht weniger deplatziert an als seine ganze Anwesenheit hier zu Tisch, ganz gleich ob Cameron ihm darauf Antwort gab oder nicht. Aber sein Mann hatte diese eigentümliche Art an sich, sich selbst in fremden Gefilden so zu benehmen, als gehöre ihm die ganze Welt - und zu Clarence‘ eigenem Bedauern störte ihn diese Attitüde genauso wie er Cassie dafür liebte. Überhaupt machte dieser Kerl ihm das Leben oftmals ganz schön schwer und auch heute war wieder einer dieser Momente.

Brummend wischte er sich mit seiner Servierte den Schaum des Bieres vom Schnauzbart, ehe er die Ellenbogen auf dem Tisch aufstützte und seinen Mann über seine verschränkten Finger hinweg musterte. Ihn hier sitzen zu haben war nicht nur ein Affront gegen Odettes ungenutzte Befehlsgewalt, sondern hauptsächlich gegen den Clan an sich und jeden einzelnen seiner Mitglieder. In Augenblicken wie diesen hier war sich der Blonde manchmal nicht sicher, ob Matthew das egal oder ob er sich dessen einfach nur nicht bewusst war. Zweifelsohne hätte der Söldner sich gegen die Einladung der alten Schabracke wehren können, aber auf der anderen Seite wusste Claire nicht, ob nicht gar eine Absprache zwischen Mo‘Ann und ihm bestand. Wer wusste schon, welche Ränkespiele die beiden da oben schmiedeten, stundenlang eingesperrt hinter den schweren Türen der Bibliothek? Hatten die beiden dort etwas beschlossen ohne ihn darin einzuweihen?

Die huschenden Blicke seines Mannes gen Tür legten diese Vermutung genauso nahe wie die Wahrscheinlichkeit, dass nichts von alledem hier jemals abgesprochen, sondern einer spontanen Eingebung der alten Krähe entsprungen war. Das machte die unangenehme Stille am Tisch jedoch kaum erträglicher, die nur dann und wann durch das Klappern von Besteck und Mo‘Anns ungetrübten Gesprächsdrang durchbrochen wurde, welcher in Odette unter diesen Bedingungen jedoch keinen Widerhall erfuhr.

„Weißt du, warum du hier außerhalb von Festivitäten nichts zu suchen hast?“, wollte er schließlich von Matthew wissen. Nicht etwa in einer Lautstärke, dass der halbe Saal ihn hörte um Stärke zu demonstrieren, die Odette nicht besaß - aber bei der aktuellen Stille zu Tisch ließ es sich auch nicht verhindern, dass seine Worte gehört blieben. „Wir haben all diese Regeln hier nicht aus Schikane. Auch nicht, weil wir hier unter uns sein wollen oder weil wir etwas besseres sind als der Rest der Stadt. Meistens besprechen wir nicht mal spannende Sachen an diesem Tisch. Der einzige Grund, warum Freunde und Angehörige eines Einzelnen hier nichts zu suchen haben, ist der Respekt vor all den anderen Mitgliedern dieses Clans. Menschen, die diese eine Familie hier an diesem Tisch haben und in ihrem Zuhause in Ruhe Essen und Trinken wollen statt mit Fremden und unerwarteten Gästen. Für uns alle gelten die selben Regeln. Das mag manche von uns mehr einschränken als andere und es auch nicht für unsere Angehörigen leichter machen“, gestand er die Problematik offen ein, die nicht selten wie das Schwert des Damocles über einem schwebte. Wenn die Pflicht rief und man sich für seine Familie oder den Clan entscheiden musste, war das immer auch eine Entscheidung gegen die andere Hälfte des eigenen Lebens. 

„Aber es macht uns auch alle gleich. Es gibt uns die Freiheit sich daran festhalten zu können, dass einzelne nicht übervorteilt werden und andere nicht benachteiligt. Eine Elaine, die ihren Schwur erst vor kurzem abgelegt hat, hat nicht weniger Rechte als ich - und ich habe nicht weniger Pflichten zu erfüllen als eine Elaine. Das sollten sich einige an diesem Tisch hier womöglich wieder ins Gedächtnis rufen. Dass sie deine Mutter ist, gibt Mo‘Ann nicht mehr Rechte als jedem anderen von uns“, fügte er mahnend an, während er über seine gefalteten Hände hinweg zu Odette sprach. Der Blick der Dunkelhaarigen allerdings wirkte irritiert, beinahe ungläubig, während er sich starr an der langen Tafel hinab richtete anstatt Clarence auf die direkte Ansprache hin anzusehen. Erst als er es ihr gleich tat und in die entgegengesetzte Richtung die Sitzreihen entlang sah, verstand der Hüne, was die Tochter des großen Nagi Tanka so sehr irritierte:

Ein stilles Schauspiel, das lautlos mehr Worte sprach als eine kräftige Zustimmung es je hätte tun können. Denn Liv hatte nicht nur ihren Platz frei gegeben für Clarence‘ Ehemann, sondern mit einem einfachen Gedeck eine Kettenreaktion ausgelöst, die völlig beliebig wirkte - jedoch dem Blonden so viel mehr verriet als es Odette, Mo‘Ann oder gar Matthew jemals würde sagen können.

Anstatt es gar selbst zu ihnen an die Stirnseite zu tragen, hatte Liv vom unteren Ende der Tafel, an der sie nun saß, eines der noch sauberen Gedecke entwendet, und begonnen es empor zu reichen. Hinauf über Elaine, welche - im Angesicht des Respekts, welche er selbst einem Neuling wie ihr mit seinen Worten zugesprochen hatte - den Teller weiter gab über Cameron, der zwei sich enthaltende Plätze überspringen musste, bevor er den Teller schließlich an Waylon los wurde. Es war ein Dominoeffekt, der sich jederzeit selbst unterbrechen würde, fand sich an den Sitzreihen entlang der Tafel kein Abnehmer in Reichweite und genau das hätte eigentlich der Fall sein müssen. Dieses Gedeck hätte niemals bis zu ihrer Stirnseite finden dürfen, bedachte man ihrer Regeln und Traditionen und der Pflichten, die für sie alle galten. Bedachte man der Tatsache, dass Matthew Sky ausgeladen und hinaus geworfen gehörte. Doch nicht jede dieser Hände war eine Einladung, wie man als Unwissender vielleicht vermuten würde. Vor allem waren sie eins:

Sie gehörten größtenteils zu jenen Jägern, mit denen Clarence gesprochen hatte, bevor er damals mit ihrem einstigen Anführer aufgebrochen war um ihn zu töten.

Schließlich war Sibyll es, die den Teller und das eingewickelte Besteck in ihren knotigen Fingern hielt. Sie war eine der ältesten Jäger in diesem Clan und hatte bereits Zeiten hier erlebt, da hatte man den Namen Abaelardus noch gar nicht gekannt. Diese Frau prägte genauso viel Erfahrung wie sie auch Meinung prägte - von der sie allerdings nur die wenigsten Gedanken laut aussprach und wenn, dann nur, wenn sie es für absolut unabdingbar hielt. Doch heute musste sie nicht sprechen um ihre Meinung kundzutun.

Stattdessen rutschte sie über den freien Platz hinweg, an welchem zuvor Ryan gesessen hatte, die Bank hinauf. Sicher hätte ein einfaches Aufstehen ausgereicht um den Teller direkt an Matthew hinüber zu geben. Doch das hier war keine Einladung, sondern eine Aufforderung:

Nämlich Clarence die Entscheidungsgewalt zu überreichen in Form von rundem Porzellan und während er das Gedeck entgegen nahm, überkam ihn unter den Ärmeln seines Pullovers eine undefinierbare Gänsehaut.

„Es ist mir egal ob du mein Ehemann bist. Oder Mo‘Anns Gast - und wenn du mit deiner Schreibhilfe etwas essen willst, lass dir von Stogg was in die Bibliothek hoch bringen“, fügte er an die alte Krähe gewandt hinzu, derer er aufgrund ihrer ausdruckslosen Mine am liebsten den Teller direkt ins Gesicht geschlagen hätte. „Dir sind unsere Regeln und Traditionen hier egal? Gut. Dann nimm deinen Teller und geh, wenn du keinen Respekt mehr vor den anderen hast.“

„Was bitte?“, verhalten lachte Mo‘Ann und griff aus einer Übersprungshandlung heraus nach ihrem Wein, von dem sie einen Schluck nippte, bevor sie zu begreifen schien, dass es Clarence kein Scherz war und er nicht etwa versehentlich zu ihr hinüber sah statt zu Matthew, sondern absichtlich. Nicht der dunkelhaarige Fremde war es, den der Hüne des Saals verwies, sondern die Witwe Von höchstpersönlich.

„Du hast mich schon verstanden.“

Er verabscheute sie für ihre Ränkespiele, für ihre geheimen Pläne, für Betrügereien und Erpressungen. Der heutige Abend war ein Punkt mehr auf der langen Liste der Gründe, wieso diese Frau ihren Tod finden würde sobald sie nichts mehr gegen Matthew und ihn in der Hand hatte und spätestens mit diesem Theater hier hatte sie sich endgültig den letzten Nagel in den Sarg geschlagen, das stand jetzt schon für ihn fest. Sie wollte, dass er den Clan als Strohmann für sie übernahm? - Die Antwort auf diese Frage war Ja und Claire konnte in der kurzen Panik in ihrem Blick sehen, dass sie ihren eigenen Intrigen einen Strich durch die Rechnung machen würde, wenn sie seiner Rüge nicht Folge leistete.

Eine Totenstille hatte sich über den Tisch gelegt, während der nicht mal mehr Besteck über den Teller kratzte. Unsicher räusperte Mo‘Ann sich, unklar wie sie diese unerwartete Wendung handhaben sollte.

„Das hast du nicht zu entscheiden“, intervenierte Odette von der Seite her dünn. Ein trauriger Versuch ein Gesicht zu wahren, das schon lange von ihr abgefallen war wie eine Maske.

„Den Punkt, an dem du hättest entscheiden können, hast du schon vorhin verstreichen lassen.“

„Setz dich, du gehst nirgendwo hin, du musst dir nicht von-…“, Überforderung ob der Tatsache, wie man es sich wagen konnte nach all den Jahren plötzlich Widerworte gegen ihre Mutter zu erheben, ging schließlich darin über, dass die junge Frau wie erstarrt der alten Krähe dabei zusah, wie sie mit einem letzten Schluck ihren Wein leerte, bevor sie sich vom Stuhl erhob. Nicht zeternd, keine Widerworte erhebend - sondern im kläglichen Versuch nicht nur eine Würde zu bewahren, die Clarence ihr gerade vor dem versammelten Clan genommen hatte, sondern auch eine Entscheidungsgewalt respektierend, die eigentlich unter ihrer eigenen Tochter stand.

Das erste leise Tuscheln begleitete ihren Trauermarsch, während Clarence ihr schweigend nachsah, bis die schwere Tür zur großen Halle hinter ihr ins Schloss gefallen war. Erst dann widmete er sich wieder dem runden Porzellan in seiner Hand.

„Dinge wie Ehe zählen hier an diesem Tisch für uns und für mich nicht. Was Mo‘Ann getan hat, zeugt nicht von Respekt uns anderen oder dir gegenüber. Es ist aber auch respektlos dich wegen ihren Verfehlungen wieder zu verweisen, obwohl du dich bereits gesetzt hast und auch Cameron nur wegen dir wieder hier unten mit uns gemeinsam essen kann“, erinnerte er an die Tatsache, wie viele Stunden und Tage Matthew investiert hatte um Barclay zu Motivieren und zu Rehabilitieren, nachdem der Kerl sich seit Denver völlig hatte gehen lassen. Noch vor wenigen Wochen hatte man ihn die Treppe herunter tragen müssen, wenn man ihm nicht sogar ganz das Essen hinauf ins Zimmer gebracht hatte.

„Unser Clan vergisst solche Mühen nicht“, betonte Clarence den einzigen guten Grund den es gab, um Matthew an diesem Abend nicht des Tisches zu verweisen. Vielsagend streckte er ihm schließlich den Teller mitsamt Besteck entgegen.

„Du isst und trinkst nun. Sobald dein Teller leer ist, wird deine Arbeit für Mo‘Ann für heute vorbei sein und dann gehst du.“


Matthew C. Sky

Mit vielem war zu rechnen gewesen und sicherlich hatte Mo‘Ann auch mit einer ganzen Reihe möglicher Reaktionen gerechnet. Sie hatte sie einkalkuliert und sich sicher gewähnt. Aber, dass ausgerechnet sie des Tisches verwiesen wurde gehörte sicherlich nicht zu kalkulierten Risiken. 

Es war ihr Gesichtsausdruck der vollkommen perplex war und der für einen kurzen Moment echte Emotionen preisgab. Die Witwe von war entrüstet, man sah ihr an wie wenig sie die Worte des Blonden erwartet hatte und Matthew empfand allein schon wegen diesem kurzen Augenblick ehrlicher Überraschung in ihrem Gesicht eine unheimliche Genugtuung. 

Die anderen Anwesenden, die zu Beginn des Essens wahrscheinlich noch gedacht hatten es würde ein Abend wie jeder Andere werden, waren allesamt verstummt. 

Selbst leises Murmeln war nicht mehr zu vernehmen. Alle Augen und alle Ohren waren auf Clarence und Mo‘Ann geheftet. 

Ersterer erklärte mit Ruhe und Klarheit worum es bei all den Regeln eigentlich ging. Die Art wie er sprach war ruhig, gefasst und gleichwohl so fest, dass deutlich war: es gab keinen Raum für Diskussionen. Diese Regeln, die Gesetze des Clans… dienten nicht der Schikane und ebensowenig standen sie auf dem Prüfstand. Es ging um Respekt und Respekt hatte sogar die Glatzköpfige aufzubringen - etwas, dass sie im Laufe der Jahre offensichtlich vollkommen verlernt hatte. Die Alte hatte geglaubt nichts zu riskieren und aus dem vermeintlichen Nichts war ein beachtlicher Kratzer im Lack ihrer Autorität geworden. Der kleinlaute Widerpart ihrer Tochter machte es sogar noch schlimmer. 

Odette hatte sich bereits lächerlich gemacht als sie die Respektlosigkeit ihrer Mutter hingenommen hatte - und nun demontierte sie sich selbst noch weiter vor aller Augen. Matthew, der nicht erwartet hatte, dass Clarence Mo’Ann rauswerfen würde, aber gleichzeitig darauf gehofft hatte selbst rausgeworfen zu werden, ließ Clarence während seiner Rede nicht aus den kandisfarbenen Augen. 

Er betrachtete ihn mit einer Mischung aus Ernsthaftigkeit, Bewunderung und Zurückhaltung. 

Mo’Anns Schreibhilfe nannte Clarence ihn geringschätzend - was er sich für Matthews Geschmack auch hätte sparen können. Aber wenn es der Sache diente… war er eben auch das. 

Angespannt biss er die Zähne aufeinander und ließ erst von Clarence’ Antlitz ab, als Mo’Ann sich tatsächlich erhob um den Raum zu verlassen. Sie blickte nicht zurück, warf nicht die Tür oder zeterte. Sie machte keinerlei Szene und doch keimte bei Matthew die Befürchtung auf, sie könnte sich für diesen Affront auf ungute Weise revanchieren. 

Andererseits brauchte sie Clarence und da sie ihn brauchte war es ihr unmöglich seine Autorität zu untergraben. So gesehen hatte sie sich selbst in eine unschöne Lage manövriert und Clarence war klug genug, genau das zu erkennen und auszunutzen. 

Nun da die Alte fort war, richtete sich die Aufmerksamkeit des Raumes erneut auf Clarence und einem gerechten Anführer gleich, traf er eine Entscheidung. Die Entscheidung war simpel und gleichwohl würde sich aus ihr keine Einladung auf Wiederholung ableiten lassen. 

Dass Matthew bei Tisch geduldet wurde war eine Ausnahme, darin war der Blonde sehr klar. Cassie, der sich ungern sagen ließ wann er zu essen und zu trinken hatte, sah auf das Geschirr welches Clarence zu ihm herüber schob und für einen gefährlichen Moment sah es so aus als würde ausgerechnet er sich nun weigern. 

Doch statt Widerworte zu geben und Clarence zu brüskieren räusperte er sich, leckte sich kurz über die Lippen und erwiderte: 

„Dass mein Hiersein als Respektlosigkeit aufgefasst werden könnte habe ich nicht bedacht. Es war nicht beabsichtigt auch nur einen von euch zu kränken.“

Seine Stimme war klar und weder sprach er besonders laut, noch zu leise. „Die Regeln und Traditionen sind mir nicht besonders gut bekannt und ich habe Mo‘Anns Einladung nicht hinterfragt. Habe ich euch auch nur in kleinster Form beleidigt, bitte ich um Verzeihung. Umso wertschätzender ist  das Angebot für heute hier bei euch essen zu dürfen und ich nehme es sehr gern an. Danke.“, beim letzten Wort legte er seine Hand auf seine Brust und nickte den interessierten Gesichtern mit einem vagen Lächeln zu, dass jeder Großspurigkeit entbehrte. 

Damit waren vielleicht nicht alle im Raum restlos zufrieden, aber ein paar der Gesichter schienen ein wenig wohlwollender dreinzublicken und niemand stellte Clarence‘ Entscheidung offen in Frage. Erst recht nicht Matthew, der aß und trank wie man es ihm aufgetragen hatte und der sich - wie es sicherlich angebracht war - nun mehr in Zurückhaltung übte. Und als er mit dem Abendessen fertig war, schob er seinen Stuhl zurück, bedankte sich abermals für den Abend Teil der Gesellschaft gewesen zu sein, wünschte allen einen angenehmen Abend und verließ den Saal. Clarence hatte die Situation in seinen Augen hervorragend gemeistert. Souverän, intelligent, weitsichtig, kontrolliert und doch mit einer Bestimmtheit welche nur wenige Menschen überhaupt aufbringen konnten. 

Er hatte es nicht nötig gehabt laut zu werden oder harsch - und doch hatte er die Regeln des Clans verteidigt und klargestellt, dass selbige für alle galten. 

Mo‘Ann hatte er damit hart getroffen. Odette sicherlich noch härter. Doch während Letztere noch tapfer bei Tisch sitzenblieb, war Erstere verschwunden. Die Bibliothek war zugeschlossen, Cassie holte seinen Mantel und verschwand ohne Umwege aus dem Gebäude und in den Abend.


<- ZURÜCK          WEITER ->